24
Jun
2019

Tag 4 Cape Wrath Trail – Durchbeißen! Von Kinloch Hourn bis Ratagan (22 Kilometer)

Ganze anderthalb Stunden ist Rachel vor mir gestartet, dennoch habe ich sie eingeholt. Super! Es läuft wieder! Könnte man denken zumindest. In Wirklichkeit bin ich vom Start weggehumpelt, hab nach 200 Metern meine Schuhe ausziehen müssen und musste gleich drei Ibuprofen über den Morgen und Vormittag verteilt schlucken. Rachel hab ich auch nur „eingeholt“, weil sie sich ziemlich verstiegen hat nach einigen Kilometern… aber der Trail war verdammt schön! Und dank hoher Schmerzmitteldosis sogar zum Genießen nachdem ich die Schwierigkeiten am Start überwunden hatte…

Um es gleich vorwegzunehmen: ja mein Fuß schmerzt noch immer und er ist auch noch immer geschwollen. Irgendwie hab ich mir heut morgen es ist jetzt gerade sieben als ich aufstehe – mehr erhofft. Ich überlege, ob ich gegebenenfalls in Shiel Bridge einen Restday einlege. Von dort komme ich allernotfalls vom Trail runter und mit dem Bus nach Fort William sollte es nicht besser werden.

Ich werd später sehen wie es auf dem Trail ist. Erst mal frühstücken, bin ja schließlich in nem Bed & Breakfast hier 🙂 Amanda macht mir ein Traditional Breakfast mit Würstchen, Speck, Eiern und Baked Beans. Dazu gibt es Kaffee und einige Scheiben Toast mit Marmelade. Boah, ich bin pappsatt danach. Guter Start in den Tag!

Es regnet draußen während Rachel bereits auf den Trail startet. Ich gehe es dahingegen ziemlich gemütlich an und bearbeite lieber ein paar von meinen Fotos. Spätestens um neun will ich allerdings aufbrechen. Es sind zwar nur 20 Kilometer, aber abermals harte 20 Kilometer. Es kommt ein weiter Anstieg und große Teile des heutigen Trails gibt es erneut keinen Track. Zudem soll es wieder sehr sumpfig werden. Dabei sind meine Schuhe dank Dry Room gerade wieder trocken…

Ich starte statt um neun um halb zehn – in voller Regenmontur. Und direkt humpelnd. Jeder Schritt schmerzt. So werde ich definitiv nicht weiterkönnen. Die Ibuprofen, die ich heute morgen nach dem Frühstück eingenommen hab, wirkt nicht. Ich bin, wenn überhaupt, 200 Meter weit gekommen und schon muss ich halten. Ich nehme eine weitere Ibuprofen, löse meinen linken Schuh und versuche die Stelle, die schmerzt, mit einem Blasenpflaster abzupolstern. Zwar hab ich da keine Blase, aber vielleicht hilft es dennoch.

Es hilft natürlich nicht. Wie mir scheint riecht es echt immer strenger nach Abbruch. Wer mich kennt weiß wie blöd ich den Gedanken daran bereits finde und das einiges passieren muss, dass ich überhaupt daran denke. Die 20 Kilometer heute muss ich dennoch irgendwie schaffen.

Es regnet weiter. Ich umlaufe das Ende des Fjords und stoppe erneut. Der Fuß brennt und ist wie eingeschnürt in dem Bergstiefel. Ich löse das Schnürband und nehme eine dritte Ibuprofen. Zwar hab ich jetzt keinen richtigen Halt mehr in dem Stiefel, aber es fühlt sich angenehmer an. Nicht mehr ganz so, als ob mir bei jedem Schritt jemand ne heiße Nadel in den Hacken jagt.

Über das das Kinloch Hourn Estate, ein schmuckes Häuschen mit schönem Garten am Rande des Fjords, geht es in den Wald und steil bergan. Nach einer Dreiviertelstunde humpel ich immer noch. Ich habe gerade mal einen Kilometer zurückgelegt. Und das auf einem guten Track. Die kilometerlangen weglosen Abschnitte kommen ja erst noch. Ich frage mich langsam, ob ich es heute überhaupt bis Shiel Bridge schaffe.

Ab einer Höhe von 280 Metern – ich passiere einen kleinen Sattel – verläuft der Weg dann aussichtsreich in leichtem Auf und Ab durch das schottische Hochland bei Coire Reidh. Und endlich beginnt auch der geballte Ibumix zu wirken. Ich gehe von der Schmerzvermeidungshaltung beim Hiken zumindest allmählich in einen normalen Gang über. Ich spüre zwar noch immer bei jedem linken Schritt ein Stechen, doch ist es nun mehr unangenehm als wirklich schmerzvoll. Und ich kann den Ibus sei dank die wilde Berglandschaft auch genießen. Trotz Regens schaut sie verdamt schön aus!

Als ich zum Fluss Allt a‘ Choire Dubh komme, glaube ich in der Ferne Timon zu sehen. Als ich näherkomme erkenne ich jedoch, dass es Rachel ist. Ich bin echt überrascht! Immerhin war ich bis vor dem Medikamentenboost doch total schleppend unterwegs. Ich denke mir, dass sie sich verstiegen haben muss nachdem sie gestern auf dem Trail ihre Karte verloren hat und nun notdürftig mit den alten Karten aus einem Buch unterwegs ist, die es im B&B gab.

Und tatsächlich. Die Arme hat sich verstiegen und ist über einen zusätzlichen Berg gekraxelt. Aber sie sieht es locker: die Aussicht war es wohl wert 🙂 Gute Einstellung!

Gemeinsam umlaufen wir die südwestliche Flanke des 946 Meter hohen Sgurr na Sgine. Zunächst noch auf einem Pfad, dann weglos und ansteigend durchs Gelände. Wir hiken nordwärts am Fluss Allt Coire Mhàlagain entlang in Richtung des Sattels Bealach Coire Mhàlagain. Immer wieder folgen wir Wildpfaden, die sich meist jedoch nach wenigen Metern wieder verlieren.

Zum Ende wird der Anstieg immer steiler und nun auch deutlich matschiger. Rachel und ich halten oft inne um zu verschnaufen.

Bis auf knapp 740 Meter geht es hinauf zu einem kleinen Bergsee. Regen peitscht uns ins Gesicht. Hier oben pfeift ein starker Wind, der die Wolken, die von der anderen Seite der Bergkette an den Hang drängen, auseinanderreißt und als neblige Fetzen über den Sattel weht.

Der wohl sehr imposante Forcan Grat des Berges Sgurr na Forcan liegt direkt oberhalb von uns. Leider bekommen wir ihn nicht zu sehen. Er ist dicht in dunkelgraue Wolken gehüllt.Nach dem Aufstieg könnten wir eigentlich beide eine Pause vertragen, doch das Wetter ist zu schlecht hier oben, also beginnen wir direkt mit dem Abstieg über den steinigen Baggers‘ Path, der um die Ostflanke des Sgurr na Forcan zum kleinen Gipfel des Meallan Odhar führt.

Der Regen hat nachgelassen und hier, knapp unterhalb des Meallan Odhar, sind wir einigermaßen windgeschützt, so dass wir endlich eine Pause einlegen können. Die Aussicht ist echt spektakulär von hier und wir teilen Sandwiches, ein paar Chips und eine Tüte Gummibären.

Länger wie 20 Minuten bleiben wir jedoch nicht. Der Wind hat gedreht. Es wird kalt und wir wollen versuchen möglichst frühzeitig nach Shiel Bridge zu kommen. Neben einem Hostel soll es dort auch einen Pub geben und Fish & Chips und ein paar schottische Biere motivieren im nasskalten Wetter der schottischen Highlands doch ungemein 😉

Während ich im Anstieg schmerzfrei laufen konnte, gelingt mir das im Abstieg nicht mehr. Ich vermute, dass es auch was mit dem Untergrund zu tun hat. Der Anstieg erfolgte im weglosen, weichen Terrain. Der Abstieg über den Baggers‘ Path erfolgt hingegen über Steine. Der harte Untergrund scheint mir zumindest nicht gut zu tun. Dennoch habe ich zumindest die Gewissheit zurückgewonnen, es heute nach Shiel Bridge zu schaffen. Wir waren im Aufstieg gut unterwegs.

Nach einer Viertelstunde verlassen wir den nach rechts ins Tal führenden Baggers‘ Path und queren in ein nach links abfallenden, sumpfigen Hang hinein. Wir steigen einige hundert Meter ins abgeschiedene Coire Caol hinab, an dessen Ende wir nach einigen Kilometern den Allt Undalain erreichen. Einen Fluss, der direkt nach Shiel Bridge führt.

Als wir dort eine kurze Pause einlegen und die letzten Gummibären vertilgen schließt doch tatsächlich Timon auf uns auf. Wir hatten keine Ahnung, ob er sich vor oder hinter uns befindet. Cool, dass wir uns nun alle wiedersehen! Natürlich schmieden wir direkt Essens- und Trinkpläne für den Abend im Pub und wollen im Hostel in Shiel Bridge runterkommen.

Nach der Flussquerung ist es nicht mehr weit. Einige Kilometer noch, die wir quatschend einen guten Track auf der anderen Flussseite entlanglaufen. Der Untergrund ist steinig und erneut melden sich die Schmerzen bei mir zurück. Ich vermute am Abend werd ich wieder nur humpeln können.

Unsere erste Anlaufstation in Shiel Bridge: die Gas Station. Wir kaufen ein paar Snacks und Süßigkeiten. Ich bin echt überrascht von den günstigen Preisen und stocken direkt mal meinen Haribovorrat mit Weingummis auf. Davon kann man – oder ich, wie auch immer… – nie genug haben 😉

Zu unserm Leidwesen ist das Hostel nicht in Shiel Bridge sondern im knapp zweieinhalb Kilometer entfernten Ratagan. Da unsere Versuche ein günstiges Zimmer in Shiel Bridge zu bekommen kläglich versagen – viel Auswahl ist hier nicht – schnappen wir uns noch jeder ein Bier und laufen auf einsamer Landstraße nach Ratagan. Mir gibt das Laufen auf dem harten Asphalt irgendwie den Rest, Rachel und Timon aber auch. Noch mal zurück in den Pub laufen und dann wieder zum Hostel werden wir nicht.

Leider scheitern auch unsere Versuche, eine Mitfahrgelegenheit, ein Taxi, Fahrräder oder ein Boot zu bekommen. So nehmen wir mit unserem Bier und dem Supermontagssonderangebot eines Drei-Gänge-Selbstversorgermenüs im Hostel vorlieb. Das übrigens überraschend gut ist, wenn man aus der Wildnis kommt. Ich hatte Frühlingsrollen und Garlic Bread aus dem Ofen, einen British Cottage Pie aus der Mikrowelle und ein Schokoladeneis aus dem Tiefkühlfach!

Ich werde morgen nun einen Tag aussetzen und diesen nutzen mich zu schonen und meine Blogartikel hochzuladen. Hier hat es immerhin WLAN. Mal sehen, ob ich die Verfolgung von Rachel und Timon dann aufnehmen kann! Es wär verdammt schade, wenn ich abbrechen muss, zumal ich die beiden gerne wiedersehen und mit ihnen hiken würde…

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