23
Jun
2019

Tag 3 Cape Wrath Trail – Ich hoffe da kündigt sich kein Trailabbruch an… Von der Sourlies Bothy bis Kinloch Hourn (25 Kilometer)

Die Artikelüberschrift verrät es ja schon. Ich hatte am dritten Tag auf dem Cape Wrath Trail stark zu kämpfen. Und das eben nicht nur mit meinem Kopf wegen eines schwierigen Trails, sondern einfach wegen körperlicher Schmerzen. Es hat sich gestern schon abgezeichnet und heute hat es sich bestätigt. Irgendwas läuft gerad nicht ganz normal. Hier die ganze Story…

Ich hab mir für heute erneut 25 Kilometer vorgenommen. Damit also dieselbe Strecke, die ich gestern gelaufen bin. Da das Terrain heute nicht unbedingt einfacher werden soll, nahm ich mir am gestrigen Abend vor heute etwas früher aufzustehen und auch zu starten. Das Aufstehen hat schon mal geklappt. Viertel nach sieben ist es gerade 🙂

Rachel ist bereits wach und auch Michael kramt schon in seinen Sachen herum. Timon schläft noch seelenruhig in seinem Zelt. Er meinte gestern allerdings auch, dass er immer recht spät startet und dafür umso länger hikt.

Während ich draußen einen Kaffee trinke, schenkt Michael Rachel und mir doch glatt eine Packung Snickers. Kurze Zeit später, Rachel ist bereits aufgebrochen, stopft er mir auch noch einen Haufen schottischen Gebäcks zu. Cool, das wird mich über den Tag bringen. Denke ich zumindest…

Mein Frühstück nach dem Kaffee besteht erneut aus Knuspermüsli mit Proteinpulver. Das nehm ich diesmal drinnen zu mir. Draußen schwirren mir einfach zu viele Midges herum, die sich in ihrer Blutgier auf mich stürzen wollen. Drinnen flitzt dafür eine gutgenährte Maus zwischen meinen Beinen hin und her. Ich lasse ein paar Brocken Knuspermüsli fallen. Sie hat sicher Verwendung dafür 😉

Ich halte mich ansonsten nicht weiter lange auf und schlüpfe direkt nach dem Frühstück in die nassen Socken und Schuhe. Schon ein ekliges Gefühl. Das hab ich ja so gar nicht vermisst von den letzten Trails… Moment, nasse Socken? Jaaaaa… die wasserdichten Socken halten nicht gerade was sie versprechen. Ein wenig Feuchtigkeit kommt zumindest durch dieses Paar dann doch durch. Und das reicht für ein unangenehmes Gefühl an den Füßen.

Ein letzter Blick auf die Karte vor dem Start. Der Track soll ähnlich hart werden wie gestern. Ich sehe zu, dass ich loskomme und breche noch vor halb neun auf. Zunächst soll es am Fjord entlanggehen und durch Marschland zur Mündung des Flusses Carnach. Diesem werde ich dann zunächst gute 10 Kilometer durch wegloses Terrain stromaufwärts folgen.

Da ich an der Seite der Bucht nicht weiterkomme ohne tief im Meer zu waten, kämpfe ich mich durch dichten Farn über eine Anhöhe zum Marschland dahinter. Da ist es wieder: dieses schmatzende Geräusch. Es ist schwieriges Gehen hier im schottischen Moor. Bei jedem Schritt sackt man ein. Manchmal bis zum Knie oder darüber hinaus.

Gleich drei Rehe liegen vor mir auf dem Grasland der Marsch. Unglaublich. Sie stehen zwar auf als ich näherkomme, aber ich kann mich dennoch bis auf fünf Meter nähern. Tolles Erlebnis!

Auf den grasigen Soden der Marsch quere ich das Gebiet. Tote Krebse und jede Menge Algen liegen auf den Erhebungen, die wie kleine Inseln aus dem teils noch geflutetem Schwemmland ragen und auf denen neben grünen Gräsern auch Wollgräser sowie gelbe und lilane Blumen, ab und an auch Rittersporn, im Wind wogen.Die Marsch geht in Moor über. Zeitweise kommt es einem Labyrinth gleich, sich seinen Weg hier durch zu suchen.

Die Carnach Bridge, über die der Fluss eigentlich zu queren ist, ist zerstört. Aber der Fluss führt nicht viel Wasser. Ich komme problemlos hinüber.

Den Biegungen des River Carnach folge ich nun auf der nördlichen Seite des Flusses stromaufwärts ins Tal hinein. Zunächst geht das noch einfach auf einem 4WD-Track. Doch bald schon geht dieser in einem sumpfigen Pfad über bis auch dieser letztlich kaum noch zu erkennen ist. Letzten Endes suche ich mir meinen Weg durch das moorige Tal nun selbst.

Ich bin vielleicht zwei Stunden unterwegs, aber ich bin müde. Mein linker Fuß schmerzt. Der Hacken brennt. Als ob eine Blase im Anmarsch ist… das hatte ich ja gestern schon vermutet, aber es war nichts zu sehen.

Ich mache eine Pause und befreie mich von dem linken Schuh. Boah, tut das gut! Noch etwas trinken und direkt die beiden Snickers rein, die ich heut morgen bekommen habe. Nervennahrung. Ich denke ich werde mit Musik weiterlaufen. Ansonsten komm ich hier nicht zurande. Der Trail ist, obwohl er recht flach verläuft bislang und nur wenig ansteigt, dennoch schwer zu gehen. Durch diese Sumpflandschaft zu hiken mit dem so leicht nachgebenden, feuchten Grund, in den man unentwegt einsackt, ist alles andere als einfach. Naja, nicht zumindest soll es ja auch „Great Britain’s toughest Trail“ sein.

Langsam wird der Anstieg steiler und damit wieder eine Spur beschwerlicher. Zunächst geht es noch einige Kilometer am Fluss in dem weiten Tal entlang bergan. Das Tal wird jedoch zunehmends enger. Ich quere unzählige Bachläufe und kleine Flüsse. Manches mal steige ich an den Talseiten auf und ab um Stellen zu passieren, wo der Fluss donnernd eine enge Schlucht passiert. Teilweise muss ich jedoch auch in den Schluchten laufen, wo ich über Boulder und umgestürzte Bäume klettere.

Ich komme unendlich langsam voran, folge dem Fluss aber immer weiter ins Tal hinein. Und da ist es passiert. Ich habe mich verstiegen und muss umdrehen. Vielleicht eine halbe Stunde verliere ich dadurch.

Ich zweifel ehrlich gesagt daran, wo es langgeht, und gehe zurück zu dem letzten Punkt als ich meiner Meinung nach noch auf dem Trail war. Laut Karte soll es hier hinaufgehen. Etwas skeptisch blicke ich auf die steile Felswand neben mir. Irgendwo muss ein Durchgang hinauf sein. Der Trail schlägt auf der Karte einen Haken und führt steil an der Wand hinauf bis zu einem kleinen Pfad, den er nach rund 200 Höhenmeter erreicht. Ich packe die Karte wieder ein und suche mir meinen Weg zwischen den Felsen hinauf. Die grobe Richtung zeigt mir zumindest mein Kompass.

Als ich den Pfad endlich erreiche, folge ich ihm weiter. Er zweigt in einen kurzes Seitental ab, an dessen Ende es straight auf den Sattel Man Uundalain auf 536 Metern geht. Vermeintliche Kleinigkeit. Die Berge drumherum wie der Sgúrr a‘ Choir-beithe ragen dahingegen immerhin auf über 900 Meter auf. Klingt zwar auch nicht viel, aber in dem Terrain hier ist es schon ein hartes Stück Arbeit 😉

In Serpentinen kämpfe ich mich den sumpfigen Hang hinauf. Die Aussicht zurück wird derweil immer spektakulärer. Aber ich komme elendig langsam voran. Nicht mal 2 Kilometer die Stunde schaffe ich hier gerade.

Dann erreiche ich endlich den Sattel. Mein linker Fuß schmerzt – mal wieder… Ich muss eine Pause machen und unbedingt aus den Schuhen raus. Also halte ich am nächsten größeren Stein, setze mich darauf und ziehe mir Schuhe und Strümpfe von den Füßen. Beides ist natürlich quitschnass.

Der Abstieg auf der anderen Seite ist noch mal recht lang, aber es ist ein guter Trail und nach den bewölkten Stunden zuvor kommt nun sogar die Sonne heraus. Stellenweise zeigt sich sogar ein blauer Himmel. Ein richtiger Motivationsschub!

Ich bin wesentlich schneller unterwegs als zuvor. Doch mein linker Fuß schmerzt weiterhin unentwegt und irgendwie humpel ich langsam mehr über den Trail als dass ich wirklich gehe. Ich lockere den Schuh, doch auch das bringt nichts. Das Gehen wird trotz der schönen Landschaft teilweise zur echten Qual und ich entscheide mich innerlich bereits den Tag für heute bei der Barrisdale Bothy zu beenden.

Da kommt die Barrisdale Bay in Sicht. Ich biege rechts um einen Hang und sehe sie in einigen Kilometern Entfernung. Durchhalten. Vielleicht noch vier Kilometer bis zur Hütte, die auf der Ostseite der Bucht liegen soll.

Ich beiße die Zähne zusammen und bin unendlich froh als ich nach der Hälfte der Strecke eine noch leichter begehbare 4WD-Straße erreiche. Zwar besteht sie nur aus angeschütteten, recht lose verdichteten Steinen, aber schneller als auf dem Track bin ich allemal. Blöd nur, dass der Schmerz in meinem Fuß nicht nachlässt und irgendwie auch alles andere überwiegt. Die Schönheit der Landschaft vermag ich hier zumindest im Gehen wieder nicht vollständig zu genießen.

Endlich komme ich an der Bothy an – vor der ein Baustellenzaun steht. Tja, hier werde ich wohl nicht unterkommen. Also werd ich doch noch etwas weiter und irgendwo eine Campsite suchen.

Mittlerweile ist es 15 Uhr. Für die 15 Kilometer seit der Sourlies Bothy hab ich damit doch glatt über sechs Stunden gebraucht. Bis Kinlochhourn, meinem eigentlichen Tagesziel für heute, sollen es weitere 11 Kilometer sein. Ich glaube kaum, dass ich die schaffe. Der Weg geht zwar am Fjord entlang, doch soll er ein ziemliches Achterbahnprofil aufweisen, weshalb man durchaus 4 bis 5 Stunden für die 11 Kilometer einplanen soll.

Trotz Baustellenzaun: ich mache zumindest eine Pause vor der Bothy und stopfe mir ein paar Nüsse und etwas Chorizosalami rein. Es dauert nicht lange und mich attackieren die Midges. Aber als ich die Chemiekeule – ein Insektenspray mit 40% Deet – auspacke, werde ich in Frieden gelassen 😉

Ich taste meinen linken Fuß ab. Mein linker Hacken ist megadruckempfindlich und im Vergleich zum rechten offenbar stark durchblutet. Ich kann meinen Fuß nicht mal, während ich hier auf einem Felsbrocken nahe der Hütte sitze, auf dem Hacken ablegen ohne dass es schmerzt. Ich werd mir doch wohl keine Entzündung eingefangen haben? Eine äußere Verletzung hab ich zumindest nicht (entdecken können).

Vorsichtshalber schluck ich dennoch ein paar Entzündungshemmer in Form einer starken Ibuprofen. Die werden sicher auch die Schmerzen für ne Weile vertreiben, wenn ich noch weiterlaufe.

Während der Pause schaue ich noch mal auf die Karte und merke, dass ich um etwa nen Kilometer an der Bothy vorbeigelaufen bin. Offenbar pausiere ich hier vor irgendeinem anderen Gebäude. Oha, typisch ich… Ich überlege, ob ich zurücklaufe, entscheide mich dann aber dagegen. Die Ibu ist eh schon geschluckt und mit weniger Schmerzen schaffe ich ja dann vielleicht doch noch ein paar weitere Kilometer.

Ich stelle mir ein Hörbuch an und mache mich auf den weiteren Weg, der für einen Kilometer weiter nordwärts auf einer Schotterstraße an der Küste entlangführt. Ich höre „Der Geheimagent“ von Joseph Conrad. Zwei spannende Krimistunden in London. Kann ich empfehlen. Kurzweilige Unterhaltung. Downloaden könnt ihr das im WDR-Hörspielspeicher. Einfach mal googeln 😉

Am Ende der Bucht schlage ich mich auf einen Pfad, der ostwärts am Fjord entlang Richtung Kinloch Hourn führt. Es geht direkt steil hinauf. Anstrengend zwar, aber mit einer tollen Aussicht auf den Fjord und einige darin liegende Inseln.

Der Trail ist überraschend trocken. Etwas Gelegenheit für meine Schuhe es ihm gleich zu tun. Das Schwierige: es geht wirklich wie in einer Achterbahn neben dem Fjord auf und ab. Mal nur 30 Meter, dann wieder 50 oder 100 Meter. Ich sammle jedenfalls ordentlich Höhenmeter hier ohne wirklich hoch hinauszukommen.

Ich hab den Eindruck ich bin ganz gut unterwegs. Und wenn ich die Zähne noch etwas mehr zusammenbeiße, komme ich vielleicht doch bis Kinlochhourn. Der Weg ist auch echt schön und ich kann ihn wieder etwas genießen. Die Schmerztablette wirkt und die Aussicht im ständigen Auf und Ab direkt am Fjord lenkt zusätzlich ab!

Einige Bachläufe, die ich passiere, nutze ich, um meinen Fuß zu kühlen. Nach ein paar Minuten mache ich mich jeweils wieder auf den Weg und Kinloch Hourn kommt tatsächlich um einiges näher!

Auf den letzten Kilometern geht es eng zwischen Fjord und Klippen entlang. Große Rhododendronbüsche stehen hier in voller Blüte. Humpelnd erreiche ich dann Kinloch Hourn, welches gerade mal aus einer Handvoll Häusern besteht, darunter ein Café mit angeschlossener Campsite. Die Campsite ist mein Ziel. Ich will einfach nur noch raus aus den Schuhen – zumindest aus dem linken…

Als ich die ersten beiden Häuser passiere – es ist mittlerweile 19 Uhr – kann ich es kaum glauben. Auf einem Schild am Straßenrand steht: „Kinlochhourn – Bed & Breakfast / Tea Room Open“. Ich gehe auf den Hof und werde direkt von Amanda, die sich hier um alles kümmert, abgefangen. Ich bekomme einen Kaffee, eine Cola und Sandwiches angeboten sowie, wenn ich möchte, auch noch ein Zimmer für 60 Pfund. Rachel ist auch schon da.

Ich schlage zu: bei Kaffee, Cola und Sandwiches und auch bei dem Zimmer. Vielleicht wird das meinem verdammten Fuß gut tun. Ich bekomme ihn kaum aus dem Schuh gezogen, so angeschwollen ist der Hacken. Keine Ahnung was da los ist. Er ist druckempfindlich an der hinteren Sohle und am Hacken – total super wenn man hikt -, ziemlich warm und wenn ich mir die rote Farbe so betrachte – mit Fotos verschone ich euch – genauso durchblutet. Bin ich also offenbar doch (wieder) an einem Punkt, wo ich erst mal Ibuprofen schlucken darf zur Entzündungshemmung und gegen die Schmerzen. Ich hoffe das hilft.

Ich war heute definitiv zu häufig an dem Punkt, an dem der Schmerz den Hike überlagerte und ich die Landschaft nicht mehr genießen konnte. Wenn das so bleibt macht das Weiterlaufen jedenfalls keinen Sinn. Ich werde morgen nach Shiel Bridge laufen und dann weitersehen. Beweisen, dass ich es trotzdem schaffe, will ich es mir nicht. Das hab ich schon häufig genug gemacht.

Ich muss echt sehen, was die nächsten Tage ergeben hinsichtlich dieser Verletzung oder was auch immer. Gerade pocht mein Fuß jedenfalls munter vor sich hin.Die Zeit am Abend nutze ich nun noch um mich mit den Resupplyoptionen auseinanderzusetzen sofern ich weiterlaufen kann. Morgen kann ich in Shiel Bridge etwas einkaufen und dann offenbar wieder nach drei Tagen in Kinlochewe. Viel einkaufen brauche ich eigentlich nicht. Ich hab noch von der jetzigen Sektion jede Menge Essen über und werde nur einige Snacks für zwischendurch auffüllen.

Ansonsten wasche ich übrigens gerade noch meine Wäsche gewaschen und werde gleich eine eine eeeeeeecht laaaaaaange Dusche genießen. Geil! Selbst nach bislang „nur“ drei Tagen Hiken erscheint mir der Gedanke an eine heiße Dusche großartig! Vielleicht liegt das an dem ganzen Sumpf, in den ich mich und meine Klamotten hier so häufigg eintauche…

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