5
Jul
2019
10

Tag 14 Cape Wrath Trail – Finish im Nebel! Von der Strathchailleach Bothy bis Cape Wrath (10 Kilometer)

Es gab Zeiten auf diesem Trail, da habe ich nicht gedacht, dass ich den Leuchtturm von Cape Wrath zu sehen bekomme. Ich habe nach der Wildnis von Knoydart in den ersten Tagen des Trails schwer mit mir gerungen und war echt nahe dran den Trail abzubrechen. Doch nun hab ich heute Cape Wrath, das Kap des Zorns, im strömenden Regen, pfeifendem Wind und bei Nebel erreicht! Yeeeeeeesssssss! Ich könnte glücklicher nicht sein. Es war verdammt hart zwischenzeitlich, aber es war auch sehr lohnenswert, selbst dann noch als das Wetter in der zweiten Hälfte des Trails umschlug und Niesel- bis Starkregen, Wind- bis Sturmböen und reißende Flüsse mir das Vorankommen im schottischen Hochland erschwerten. Nun aber erst mal zu meinem letzten Tag, der bei der Kilometerangabe in meiner Artikelüberschrift zugegeben vermeintlich ein kurzer war, doch einige Überraschungen und ein gutes Dutzend weglose Extrakilometer nach dem Trailende für mich bereithielt!

Als ich heute morgen in der Strathchailleach Bothy aufwache, herrscht schon ein reges Treiben. Luise und John mit ihrem Hund Billy und Paul und Joe sind bereits eifrig dabei ihre Sachen zu packen und Richtung Kinlochbervie zurück zu wandern. Zum Cape will sich in dem schlechten Wetter außer mir niemand aufmachen. Kein Wunder. Es regnet noch immer, auch wenn es sich im Vergleich zu gestern deutlich gebessert hat. Der Starkregen hat aufgehört. Derzeit nieselt es aus einer dichten Wolkendecke, die jedoch beinahe bis zum Boden reicht.

Ich gehe zunächst nach draußen, um einen Blick auf den Fluss Amhainn Strath Chailleach zu werfen, der hinter der Hütte entlangströmt und den ich auf meinen letzten Kilometern hier auf dem Trail Richtung Norden gleich zu furten habe. Ich atme etwas erleichtert auf. Er strömt zwar immer noch schnell dahin, aber im Vergleich zu gestern ist der Wasserstand um wenigstens 30 cm gefallen. Damit dürfte ich kein Problem haben, ihn ein kleines Stück weiter flussabwärts an einer breiteren Stelle zu furten.

Ich bin schnell startbereit. Kurz Sachen gepackt und einen doppelten Kaffee gegen die Müdigkeit getrunken und los geht’s. Irgendwie hatte ich einen nicht so guten Schlaf hier in der Hütte. Aber das Koffein wird mich schon wachrütteln.

Acht weglose Kilometer, weistestgehend durch torfige Moorgebiete und über einige Kuppen hinweg erwarten mich. Dabei quere ich auch die Cape Wrath Firing Range, einen von den britischen Truppen sowie zuweilen für NATO-Großmanöver genutzten Truppenübungsplatz. Laut dem Ministry of Defense findet heute keine Übung statt. Das Gebiet wird also passierbar sein und ich an dessen Ende die zum Leuchtturm von Cape Wrath führende Schotterstraße erreichen, auf der ich noch mal entspannt zwei Kilometer zurücklegen werde. Aber zunächst wie gesagt an das letzte weglose Stück des Trails für das ich mal zweieinhalb Stunden einplane.

Erstaunlicherweise lässt es sich hier durchs Moor ganz gut laufen. Der mit Gräsern und einigen Heidebüschen überwucherte Boden ist zwar aufgeschwemmt und aufgeweicht, aber anfangs zumindest so fest, dass ich ganz gut vorankomme. Da kann ich das Schmatzen meiner Schuhe auf dem feuchten Grund ja noch mal richtig genießen 🙂

Über das Wetter, das zwar schlecht aber im Vergleich zu gestern um einiges besser ist, mache ich mir abgesehen von der Flussfurtung am Morgen gar keine Gedanken. Ich hatte erwartet, dass es heute so wird und ich vermag es ohnehin nicht zu ändern.

Die Querung des Flusses verläuft dann tatsächlich ohne größere Schwierigkeiten und so starte ich direkt weiter auf die erste Anhöhe durch. Gerade mal 50 Meter geht es hinauf, aber schon bin ich in einer dichten Nebelsuppe. Okay, offenbar ist die Wolkendecke wirklich extrem niedrig heute.

Nach einer guten Stunde und einigen Kilometern erreiche ich in einem Talboden die Zaunabsperrung zur Cape Wrath Firing Range und schwinge mich halbwegs gekonnt darüber. Nun noch mal 150 Meter hinauf, erneut in die dichte Suppe der Wolken. Unentwegt bläst ein starker Wind, aber die dichte Wolkendecke vermag er nicht auseinander zu reißen.

Hier oben mache ich die nächsten Kilometer. Ich habe mich einzig nur noch nach Norden zu richten, doch komme ich in dem Nebel immer wieder von meiner Richtung ab und verliere die Orientierung. Irgendwann laufe ich nur noch mit dem GPS auf meinem Handy. Trotzdem schlage ich ungewollt einen ziemlichen Zickzackkurs ein. Kein Wunder, hier schaut auch alles gleich aus und ich bekomme einfach keine Punkte in der Landschaft fixiert, an denen ich mich ausrichten kann.

Nach anderthalb Stunden ziemlichen Herumgeirres gelange ich aus der Höhe abermals rund 200 Höhenmeter in ein Tal hinunter, wo ich einen letzten Fluss furte. Dann bin ich nach drei Stunden endlich auf der Schotterstraße, die nun direkt zum Leuchtturm und zum Ziel meiner Reise führt.

Ich erwarte jeden Augenblick den Minibus zu sehen, der einige Touristen von dem über 20 Kilometer entfernten Fähranleger am Fjord Kyle of Durness auf der holprigen Straße zum Cape hinauftransportiert, doch Fehlanzeige. Das einzige, was mir hier begegnet, sind – ganz typisch für Schottland – ein paar Schafe auf der Straße, die ich unbeabsichtigt einige hundert Meter auf der Straße vor mir hertreibe ehe sie endlich seitlich in die Gräser und die sumpfige Landschaft verschwinden.

Der Wind weht immer stärker und der Nebel nimmt wie der Regen nun mehr und mehr zu. Irgendwann glaube ich, dass ich bei der schlechten Sicht vermutlich straight am Leuchtturm vorbeilaufe und wie ein hikender Lemming über die dahinterliegenden Klippen ins Meer stürze. Doch dann kann ich die Silhouetten der Gebäude um den Leuchtturm herum zumindest erkennen und als ich auf einige weitere Meter ran bin endlich auch den Leuchtturm.

Was für eine Suppe! Was für ein Wetter! Ich bin schon wieder völlig durch, aber Yeeeeeeees! Ich hab es geschafft. Und das nachdem ich um Haaresbreite fast abgebrochen hätte. 367 Kilometer sind es auf meinem Weg von Fort William nach Cape Wrath gewesen!

Es regnet und stürmt so stark, dass ich die Kamera für ein paar kurze Bilder aus dem Rucksack hervorhole und anschließend direkt wieder wegpacke. Meine Kamera ist mir doch zu teuer als dass ich sie hier vom waagerecht kommenden Regen fluten lassen möchte.

Ich bin völlig durch und suche erst mal Zuflucht bei den Gebäuden vor dem Leuchtturm. Irgendwo sollte hier ein einfaches Café in einer Art Lagerhalle sein. Aber die Tür ist verschlossen. Oha, denke ich… Ich überlege schon, was ich jetzt mache. Doch da kommt der Leuchtturmwärter heraus und schließt mit die Tür zu dem kleinen Café mit dem Flair einer kleinen Bundeswehrkantine auf.

Der Wärter macht mir einen heißen Tee und einen Teller mit Baked Beans und Buttertoast. Ganz für umsonst. Wir kommen ins Gespräch und er fragt mich zunächst, wohin ich heute noch möchte. Ich hatte es schon befürchtet. Der Bus fährt nicht! Auch die Fähre nicht. Das Wetter ist zu schlimm. Shit, das wären nochmal 30 bis 40 Kilometer zum Laufen bis in die Otschaft Durness. Ich müsste zunächst bis zum Kyle of Durness gelangen, den Fjord dann umlaufen und weiter nach Durness hoch. Ich sehe kaum eine Chance wie ich das heute noch schaffen soll. Da bietet mir der Leuchtturmwärter doch tatsächlich an, dass seine Tochter Anhi mich bis einige Kilometer vor den Fähranleger fahren kann, von wo aus ich den Fjord in knapp zweieinhalb Stunden umlaufen und von der Straße auf der anderen Seite dann nach Durness trampen kann. Er hätte zwar gern 15 Pfund für die Fahrt, aber damit kann ich gut leben.

Von Timon höre ich übrigens auch noch. Er ist gestern Nachmittag hier angekommen und zu einer knapp zehn Kilometer entfernten Hütte weitergelaufen. Sehr cool! Vielleicht treffe ich ihn später in Durness.

Wie versprochen bringt Anhi mich über die holprige Straße bis einige Kilometer vor den Fähranleger an den Fjord heran. Auf der Karte lasse ich mir von ihr noch kurz erklären wie ich den Fjord am besten umlaufe. Der Weg unten am Wasser entlang ist aufgrund einiger Klippen und steilen Geländes nicht nehmbar. So muss ich noch mal ins Hochland hinein.

Ich drücke Anhi eine 20-Pfund-Note in die Hand, bedanke mich und mache mich direkt auf den Weg. Das Wetter hier ist besser als am Cape. Es regnet zwar auch und der Wind bläst die dicken Tropfen waagerecht über das Hochland, doch teils kommt sogar die Sonne durch die Wolken hindurch und ein schöner Regenbogen zeigt sich.

Ich hike über den Berg und hoch über dem Kyle of Durness in Richtung Süden. Ich steige erst hinunter als ich den ersten von zwei Flüssen erreiche, die an dessen Südende in den Fjord münden. Erinnerungen an Neuseeland werden wach als ich die Flussmündung vor mir sehe. Meine Schuhe versinken im Schlick. Den Fluss selbst durchwate ich knietief.

Auf dem hügeligen Landstrich zwischen beiden Flüssen gelange ich zu einem kleinen Gehöft, wo ich vom Wind geschützt im Gras eine kurze Pause einlege. Auf einmal bemerke ich, dass mir mein Handy aus der Tasche gerutscht sein muss. Ach du sche***, entfährt es mir. Ich lasse meinen Rucksack und meine Trekkingstöcke zurück und laufe in etwa den Weg entlang, den ich hergenommen habe. Doch ich finde das Handy nicht.

Ich glaube bereits, dass ich es im schlimmsten Fall bei der Querung des Flusses verloren habe, da liegt es doch tatsächlich im Sand auf dem Boden vor mir. Nur gut fünf Meter vom Ufer des Flusses entfernt. Erleichtert atme ich auf. Es funktioniert auch noch. Der Regen hatte zuletzt nachgelassen. Hab ich ein Glück… Das wäre es ja gewesen, auf den letzten Kilometern noch das Smartphone zu verlieren. Und das, wo ich kurz vor der Abreise nach Schottland ein neues bekommen habe…

Nachdem ich mein Handy dieses mal gut verstaut, meinen Rucksack wieder geschultert und mir die Trekkingstöcke geschnappt habe, mache ich mich an das letzte Stück zur Straße. Über den zweiten Fluss gelange ich über eine kleine Brücke und so bin ich schon bald an der Straße, die nach Durness hochfährt, angekommen.

Da ich zwar hoffe, aber nicht darauf setzen kann, dass mich jemand mitnimmt, beginne ich zu laufen. Es scheint total vertrackt. Mir kommen an die zwei Dutzend Autos aus Durness entgegen ehe erst nach einer halben Stunde das erste Auto auftaucht, das in Richtung Durness fährt. Leider stoppt es nicht. Aber ich habe Glück. So lange wie zuvor muss ich nun nicht auf weitere Autos in Richtung Durness warten und bereits im vierten Wagen von einem holländischen Paar, das einen zweiwöchigen Urlaub in Schottland verbringt, finde ich einen Platz.

In Durness miete ich mich im Hostel ein und tatsächlich taucht kurze Zeit später auch noch Timon auf, mit dem ich nun die Flasche Newcastle Brown Ale leere und gleich weiter in den örtlichen Pub gehen und den geschafften Trail feiern werde! Übrigens bei bestem Wetter. Hier scheint mittlerweile doch echt die Sonne und einige Schönwetterwolken ziehen vom Wind getrieben durch den blauen Himmel über Schottlands Nordwesten.

Das schöne Wetter hält allerdings nur bis zum Abend. Dann ist das typisch schottische Wetter wieder da 😉

Soweit meine Berichterstattung vom Cape Wrath Trail! Ich bin wahnsinnig froh es geschafft zu haben! Die Landschaften, die ich zu sehen bekommen habe, sind so abgelegen, dass sie von nur wenigen Schottlandreisenden jemals erblickt werden. Und dies zu sehen war all die Mühen wert!

Wie ich schon bei meinem einleitenden Artikel zum Cape Wrath Trail geschrieben habe, lassen mich doch gerade auch solche Unternehmungen mit all ihren Strapazen, Entbehrungen und hin und wieder auch Schmerzen – wehe jetzt denkt einer ich steh auf Schmerzen 😉 – spüren wie sehr man lebt. Und wie sehr man leben kann. Aus eigener Kraft zu Orten und Plätzen zu gelangen und Landschaften zu sehen bekommen, die eben nicht auf einfachen Wegen oder mit einfachen Mitteln erreichbar sind, sondern nur auf solchen, die schwierig sind und die es erfordern, dass man mehr dafür einsetzt als ein paar Liter Benzin, eine Busfahrkarte oder ähnliches, ist ein atemberaubendes Gefühl. Etwas zu erlangen, das mit Geld nicht zu erlangen ist, ist in unserer schnelllebigen und doch sehr von monetären Werten bestimmten Welt etwas sehr besonderes und ich bin sehr dankbar, dass ich derartiges auf meinen Reisen erleben kann!

10

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2 Responses

  1. Herzlichen Glueckwunsch zum Zieleinlauf!
    Aus eigener Erfahrung wissen wir, welchen Unterschied auf dem CWT das Wetter macht. Mit dem vielen Wasser wird alles gleich viel schwerer. Wir sind bis jetzt nur bis Strathcarron gekommen und freuen uns schon auf den letzten Abschnitt zum Cape …
    Herzliche Gruesse von Steffi vom LECW-Blog (Land’s End to Cape Wrath)

    1. Hey Steffi, schön von dir zu lesen 🙂 Und vielen vielen Dank! Es war ein echt toller Trail! Wow, Land’s End to Cape Wrath klingt ja auch wahnsinnig spannend. Ich werd auf jeden Fall nachher reinschauen in euren Blog! Ich hoffe ihr habt auf eurem letzten Abschnitt gutes Wetter! Landschaftlich ist es natürlich auch im Regenwetter aber schön, aber ich drücke die Daumen, dass ihr etwas mehr von der ganzen spektakulären Landschaft und den tollen Gipfeln sehen könnt, wenn ihr euch auf euren letzten Abschnitt aufmacht! Alles Liebe und ganz viele Grüße, Nils

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