30
Apr
2022

Im Winter durch die Hardangervidda – Eine Backcountry-Skiexpedition mit Pulkas Teil 2

Der zweite Teil meines Berichts über die Winterquerung der Hardangervidda. Nach der kältesten Nacht des gesamten Trips kämpften wir uns weiter nordwärts und ließen den schrofferen Westteil des Hochplateaus hinter uns. Der Osten der Hardangervidda zeigte sich mit Ausnahme der letzten anderthalb Tage der Tour deutlich flacher und weitläufiger. Am sechsten Tag der Tour gelang uns schließlich die Überquerung der Hardangervidda. Bis dahin hatten wir unsere Schlitten knapp 125 Kilometer über das schier endlose Weiß gezogen. Die Schlussetappe nach Finse nahm bedingt durch das Wetter, ihre Gesamtlänge auf einem deutlich gebirgigeren und mehr und mehr vereisten Terrain dann unzweifelhaft den Titel der Königsetappe unserer Querung ein. Ganz zu schweigen davon, dass unsere geschundenen Füße mit der weiteren Überschreitung der immerhin größten Hochebene Europas nicht gerade weniger schmerzen sollten. Den kompletten Bericht der zweiten Hälfte unserer Querung auf Backcountry-Ski lest ihr nun hier…

Gleich vorneweg, finden all diejenigen, die hier mittendrin in den Tourbericht der Querung der Hardangervidda eingestiegen sind, hier direkt einen Link zum ersten Teil meines Berichts.


Tag 4: Von Ambjorgsvatnet bis Eiriksbuegga (23 km)

Jedes Abenteuer beginnt mit der Entscheidung aufzustehen, einen ersten Schritt zu wagen und das Leben in vollen Zügen zu genießen! Also habe weder Furcht noch Zweifel, die eigenen vier Wände hinter dir zu lassen. Das Leben findet da draußen statt.

Ja…“, dachte ich, „aber warum denn nur unbedingt heute?!“. Mein Kopf war ummantelt von der Kapuze des Schlafsacks. Aber auch es wenn nur kleine Teile meines Gesichts waren, die aus der wärmenden Hülle um Körper und Kopf herausragten, so spürte ich auf eben diesen wenigen unbedeckten Stellen ganz genau wie kalt es an diesem Morgen außerhalb des Schlafsacks war. Der leichte Talkessel, in dem wir am Vorabend mit Einbruch der Dunkelheit unseren Lagerplatz aufgeschlagen hatten, war das reinste Tiefkühlfach. In meinem Blogartikel über die Vorbereitung und Planung der Tour hatte ich bereits davon gesprochen, dass die Bedingungen in der Hardangervidda im Winter in der Nacht denen in einem 4-Sterne-Tiefkühlfach gleichkommen würden. Nun war es also soweit. Minus 25 Grad hatte es in der Nacht gehabt und am heutigen Morgen war es nicht wirklich wärmer…

Ich beobachtete wie mein Atem kondensierte, auf die vordere Wulst meines Schlafsacks traf und sofort zu einem papierdünnen Eispanzer darauf gefror. Als ich mich zur Seite drehte, rieselte es hunderte von Eiskristallen auf mich herunter, die Chris und ich mit unserem Atem in der Nacht an den Zeltwänden und der -decke errichtet hatten.

Es war eine gute Entscheidung gewesen, am Vorabend statt einer gleich zwei Lagen Merinowolle anzubehalten und auch die dicke Merino Gesichtsmaske überzuziehen. Ich hatte zwar etwas gefröstelt in der Nacht und war hierdurch sowie durch die hinabrieselnden Eiskristalle immer mal wieder für kurze Zeit aufgewacht, aber alles in allem war mein Schlaf trotz der extremen Temperaturen ein guter und erholsamer gewesen. Mein Grüezi Bag, der bis zu einer Komfort-Limit-Temperatur von minus 15 Grad ausgelegt ist, bewies abermals, dass er auch bei extrem kalten Bedingungen die Wärme zuverlässig speichern konnte. Hätte ich nicht gegen Mitternacht meine neben einigen steinharten Haribos vergessene, zwischenzeitlich zu einem Eisblock gefrorene Trinkflasche mit in den Schlafsack genommen, hätte ich vermutlich nicht mal gefröstelt in der Nacht. Denn meist geschah das eben dann, wenn ich mit meinem Körper gegen die gefrorene Trinkflasche kam und damit eben genau den gegenteiligen Effekt einer gemütlichen Wärmflasche auslöste.

Bis hierhin war ich tatsächlich sehr stark am Überlegen, was ich dem lieben Markus, Gründer von Grüezi Bag, im Anschluss an die Tour überhaupt als Verbesserungsvorschlag für den Biopod Down Hybrid Ice Extreme 190 W als das Top-Produkt seiner Reihe unterbreiten sollte. Denn bis dato war ich mehr als zufrieden mit dem Schlafsack. Viele von den Problemen, die ich von meinen bisherigen Schlafsäcken kannte, waren im Grüezi Bag gelöst: Anti-Rutsch-Noppen auf der Schlafsackrückseite, damit ich nicht wie üblich in der Nacht von der Isomatte glitt, eine weite Passform, die es mir erlaubte, mich im Schlafsack zu drehen ohne dass sich dieser just mit- und vor allem verdrehte, ein Reißverschluss, den ich dank Rückhalteband und Anti-Snag-Zipper bislang nicht einmal zum Einklemmen mit dem Stoff gebracht hatte… Zur Wärme hatte ich ja bereits berichtet und in dieser Nacht hatte ich selbst die Daunensocken irgendwann ablegen müssen, da es mir im Fußbereich deutlich zu warm war. Der Grüezi Bag alleine speicherte so viel Wärme, dass meine typische Problemzone beim Zelten in kalten Regionen einfach gar keine mehr zu sein schien – und das über die angegebene Komfort-Limit-Temperatur des Schlafsacks hinaus. Das für derartige Nächte ergänzend mitgeführte Thermo-Schlafsack-Inlett, mit welchem ich die Wärmeleistung meines Schlafsacks noch erweitern konnte, sollte ich am Ende der Tour im Zelt tatsächlich nicht einmal gebraucht haben.

Mittlerweile musste es so gegen 8 Uhr sein. Die Sonne war längst im Aufgehen begriffen, doch die Wände unseres Zeltes lagen noch in dunklem Rot, der Farbe des Zeltaußenstoffes, dar. Wir befanden uns mit unserem Lagerplatz offenbar noch immer im Schatten…  oder es waren dunkle Wolken aufgezogen. Aber an Letzteres mochte ich bei der Kälte nicht glauben. Bei geschlossener Wolkendecke hätte es schließlich deutlich wärmer sein müssen.

Mein Blick ging zu Chris herüber. Wie ich lag er wie eine eingepuppte Raupe in seinem puderzuckerartig mit Schneekristallen berieselten Schlafsack. Und wie ich versuchte auch er offenbar möglichst wenig seines Gesichtes in die eiskalte Luft außerhalb des Schlafsacks herauszustrecken. Und zu guter Letzt hatte er wie ich auch er in der Nacht erneut die merkwürdigen Laute der Rentierkröte vernommen. Doch wie bereits zwei Nächte zuvor konnte sich keiner von uns beiden einen Reim darauf machen, so dass zumindest in unserer Vorstellung die Rentierkröte als Fabelwesen der Hardangervidda mit einem Krötenkopf, aus dem ein mächtiges Rentiergeweih wuchs, fortbestand…

Da ich vorhin vom 4-Sterne-Tiefkühlfach geschrieben hatte, will ich hier ergänzen, dass es für diese Auszeichnung übrigens einer konstanten Temperatur von minus 18 Grad bedarf. Die Dauer der Lagerung des Gefrierguts, bevor es verdirbt, beträgt dann ungefähr 2 bis 6 Monate (Quelle: gefriertruhen.org). Bis dahin wäre hier Sommer. Der Boden der Hardangervidda wäre mit einer Vielzahl an Blumen, Gräsern und Moosen bedeckt. Die Seen würden als klare, stille, reine Gewässer daliegen und die Flüsse und Bäche je nach Neigung des Hangs vor sich hin plätschern oder eben die Berge hinabströmen. Nur Restschneefelder und der nördlich von uns gelegene Plateaugletscher auf dem Hardangerjøkulen würden noch von dem vorherigen Winter mit seiner Eiseskälte zeugen. Schade, dass die Angaben eben nur für die Lagerung von Lebensmitteln galten. Es half nichts. Wir mussten wohl raus aus den Schlafsäcken und aufbrechen.

Chris stand vor mir auf und pellte sich hinaus in die frostige Kälte, zunächst noch im Zelt seine wunden Hacken versorgend, kurz darauf dann in tiefgefrorenen Stiefeln außerhalb des Zeltes, wo er Schnee in unseren Topf schaufelte sowie den Benzinkocher anwarf. Als ich ebenfalls aus dem Zelt trat, lief und tanzte er in hektischen Bewegungen, dazu in die Hände klatschend und/oder die Arme kreisend, um das Zelt herum. Ich wunderte mich kaum ob des Schauspiels, denn ich tat es ihm ziemlich schnell gleich. Der Eiseskälte wegen versuchten wir durch Bewegung unsere Körper irgendwie auf eine halbwegs angenehme Betriebstemperatur zu bringen.  Doch für lange Zeit gelangte weder in unsere Hände noch Füße ein wirkliches Gefühl.

Während der Schnee im Kocher nur quälend langsam schmolz, geschweige denn zum Kochen gebracht wurde, liefen wir unter einem strahlend blauem Himmel, aber noch im Schatten liegend, eine geschlagene Stunde unentwegt um das Zelt herum. Zwischendurch nur kurze Pausen, entweder um ein Ausrüstungsteil zusammenzupacken und in der Pulka zu verstauen oder aber um Schnee in den Topf nachzulegen. Im Anschluss ging es sofort weiter in der Bewegung, so schnell entfloh die Wärme aus dem Körper. Nach der Stunde hatten wir in einem Durchmesser von geschätzt 40 Metern um das Zelt als Mittelpunkt tausende von Spuren im Schnee hinterlassen. Sollte es nicht in Kürze schneien und unsere Spuren dadurch überdeckt werden, würden die Backcountry-Skiläufer, die nach uns hier entlangkämen, sicher völlig verdutzt und ratlos dreinschauen ob der wilden Horde, die hier getobt und ihre Spuren hinterlassen hatte…

Eigentlich hatte ich erwartet, dass wir durch das stete Laufen im Kreis so wie in den Donald-Duck-Comics aus meiner Kindheit nach und nach eine kleine, kreisförmige Schlucht in den Boden laufen würden, aber dafür war der Schnee- und Eispanzer unterhalb der zwar verharschten, aber noch nicht vollends verdichteten Schneeschicht hier im Talkessel offenbar zu hart.

Nach einem schnellen Frühstück – ebenfalls in Bewegung – brachen wir zu unserer gewöhnlichen Zeit um kurz nach 10 Uhr auf. Diesmal kein großes Abklatschen zu Beginn des Tages. Wir versuchten einfach die stete Bewegung, die wir nach dem Aufstehen so sorgsam gepflegt hatten, aufrecht zu erhalten und in die Sonne zu gelangen. Die nach einem ersten kurzen Aufstieg für uns übrigens schon greifbar nahe schien.

Abgesehen von diesem erstem kurzen Anstieg zu Beginn des Tages, sollte uns im Anschluss die bislang flachste Etappe der gesamten Querung erwarten. In Richtung Nordosten ging es nach und nach in den östlicheren Teil der Hardangervidda und damit in eine deutlich weitläufigere und flachere Region als im gebirgigen Westen. Das zeigte sich auch zunehmend. Die Anstiege verliefen immer flacher, die Berge wurden weniger und waren auch geringer ausgeprägt.

Nachdem wir nach wenigen Kilometern die geringe Höhe zwischen den Bergen Flautenuten und Storahorgi passiert und mit dem Bismarvatnet ein ersten größeren See überschritten hatten, folgte zwar noch eine dieser typischen Hardangerviddapassagen, in denen es unentwegt Auf und Ab ging, aber dahinter tat sich eine Weite auf, die wir so bisher noch nicht auf unserer Tour erlebt hatten. Im Verlaufe dieses Tages stellte sich mehr und mehr das Gefühl ein,  dass wir tatsächlich auf einem ebenen Plateau laufen, dessen Ende zuweilen irgendwo dort hinten am Horizont liegen müsste.

Noch ehe wir eine erste kurze Pause einlegten, hörten wir von hinter uns einen weiteren Backcountry-Skiläufer mit seiner Pulka herannahen. Und das in einem irren Tempo! Kein Wunder, hatte er doch vor seinem Schlitten und sich selbst auf den Ski auch gleich noch einige Huskys gespannt, die ihn ohne weitere Umschweife und vor allem Mühen über die Landschaft zogen. Er stoppte, stellte sich als Norweger vor und wir plauderten eine Weile.

Interessant war vor allem, dass er mit seinen Hunden ebenfalls die Nacht draußen verbracht hatte. Sein Zelt hatte er am Vorabend etwa einen Kilometer von uns aufgeschlagen, im Gegensatz zu uns jedoch nicht in einem Talkessel… Naja, Learning by doing. So schnell würde uns das vermutlich auch nicht mehr passieren… Verrückt war aber, dass er berichtete, er habe den ganzen Morgen über für eine knappe Stunde ein Grollen und Trampeln vernommen, welches selbst seine Hunde unruhig werden ließ. Sinn hatte das für ihn erst ergeben, als er später an unserem Lagerplatz vorbeigekommen war und unsere Spuren entdeckt hatte. Der Schall und die Erschütterung unseres unentwegten Aufwärmprogramms hatten sich in der Früh über den Eispanzer und die Luft offenbar weit in die Ferne übertragen.

Als seine Hunde unruhig wurden, brach der Norweger schnell wieder auf. Wir verloren die Sicht auf ihn und sein Gespann alsbald an einer kleinen Kuppe in der Ferne. Nachdem wir diese erreicht hatten, ging es leicht bergab in Richtung des Nordmannslågen – mit über 11 Quadratkilometern Fläche einem der größten Seen der gesamten Hardangervidda. Eine vollkommen ebene Weite, die wir schnurgerade an ihrem östlichen Ende querten. In der Ferne war am sanft ansteigenden Ufer auf der anderen Seite bereits die DNT-Hütte von Sandhaug sichtbar. Doch sie kam und kam nicht näher…

Ich bekam das Gefühl, eine Ewigkeit zu laufen. Der vollkommen topfebene See nahm und nahm kein Ende. Dass wir schnurgerade auf die Hütte zuliefen, trug zu diesem Eindruck womöglich ergänzend dazu bei. Abermals hatte ich vollkommen das Gefühl für die Entfernung in dieser farblosen, reinweißen Weite verloren.

Irgendwann gegen 16 Uhr erreichten wir dann doch noch die Hütte. Bis hierhin standen 18 Kilometer auf dem Tacho. Während Chris sich kaum etwas anmerken ließ, fühle ich mich durch das letzte mühselige Stück erschlagen. Bis hierhin hatten wir nur eine Pause eingelegt. Die kam mit abermals nur 10 Minuten allerdings wenig erholsam daher. Für mehr hatte es in der Kälte wieder nicht gereicht: die Daunenjacke angelegt, ein Snickers gegessen, einmal ausgiebig den Durst mit dem um eine isotonische Getränketablette angereichertem Wasser gelöscht, eine dicke Lage von Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50 aufgetragen und last, and also least,  die Daunenjacke wieder abgelegt und weitergelaufen. So sah eine typische Pause während einer Winterquerung der Hardangervidda eben aus.

Einige wenige Mal hab ich übrigens auch versucht während der Pausen meine mitgenommene Drohne für kurze Videoaufnahmen steigen zu lassen. Einmal verweigerte sie ganz offensiv den Dienst, indem sie mir in der App für die Steuerung der Drohne signalisierte, dass die Temperaturen für einen Start einfach vielö zu kalt sind. Zwei weitere Male bezahlte ich die Videos im Anschluss mit völlig tauben Händen. Einen knappen Film von der Querung wird es aber trotzdem noch geben. Ihr dürft also gespannt sein 😉

Vor der Hütte spannten wir sowohl die Schlitten als auch die Ski ab. Was hatte ich mich darauf gefreut – etwas zu früh. Mit schmerzverzerrtem Gesicht humpelte ich in Richtung Hütte. Die offenen Wunden an den Hacken waren auf den Ski merkwürdigerweise gut zu ertragen, aber ohne Ski war das alles andere als feierlich. Die ungewohnte Bewegung ließ den Schmerz stärker zutage treten als umgekehrt. Entschädigt wurde ich dafür aber durch einen Kaffee und Limonade. Und Chris freute sich derweil über einen seiner Wraps am Stiel ohne Stiel und ebenfalls eine Limonade!

Es ist schon erstaunlich, welche Kraft man schöpft und wie gut es sich auf den Körper auswirkt, wenn man ihm eine längere Pause gönnt und komplett herunterfährt. Nach knappen anderthalb Stunden Entspannung brachen wir zumindest wie neugeboren wieder auf! Der erste kleine Anstieg war schnell geschafft. Dahinter das Plateau von Eiriksbuegga und abermals eine beinahe endlose Weite. Nur ganz hinten am Horizont einige Berge, darunter einer den wir zunächst für eine tiefstehende Wolke hielten. Bei näherer Betrachtung stellte sich jedoch heraus, dass es sich um das ebenmäßig weiße schnee- und gletscherbedeckte Bergplateau des Hardangerjøkulen handelte. Unsere Sicht musste an diesem Abend gut und gerne zwischen 35 und 40 Kilometern betragen.

Wie am Vortag nach der Pause liefen wir auch heute wie im Rausch. Weitere anderthalb Stunden, in denen wir noch über fünf Kilometer machten vergingen wie im Flug. Lief Chris vor mir, erschien er in der Weite der Landschaft zuweilen unendlich klein.

Gegen 19 Uhr hielten wir auf vollkommen ebenem Grund mit der weitesten Aussicht aller bisherigen Lagerplätze. Zum Glück war es windstill. Hier hätte es keinerlei Schutz gegeben, so dass wir bei Wind eine gut einen Meter hohe Schneemauer hätten errichten müssen. So hingegen waren sowohl das Zelt als auch der gesamte Rest des Lagers schnell errichtet.

Die Aussicht auf der Ebene, auf der wir uns hier befanden, ging in nahezu alle vier Himmelsrichtungen ins schier Unendliche. Und während die Sonne langsam hinter dem Horizont versank, schossen wir, wartend darauf das der Schnee im Topf über dem Benzinkocher zu schmelzen und das gewonnene Wasser dann zu kochen begann, noch einige Fotos. Auch wenn ich das Farbenspiel zum Sonnenuntergang jetzt schon einige Abende hatte genießen dürfen, so war es doch noch immer faszinierend, wie die kalten Farben wichen und für einige Zeit die Landschaft in pastellfarbene, warme Töne getaucht wurde.

Tag 4 – Just another day in paradise“. So stand es jedenfalls auf meiner heutigen Essensration. Ob das jetzt jeder so sehen würde, sei bei der Kälte mal dahingestellt, aber ich freute mich enorm über die Ritter Sport Knusperkeks, die darin enthalten war und die ich nach dem Abendessen anstatt meiner Haribo-Fruchtgummis vor mich hin futtern durfte. Währenddessen würde ich auf dem Smartphone einen noch vor der Abreise heruntergeladenen Film schauen: ein Thriller/Drama mit dem Titel „The Guilty“ und Jake Gyllenhall in der Hauptrolle. Ein durchaus spannender und atmosphärischer Film, der sich um einen Polizisten dreht, der in den Innendienst der Einsatzleitstelle von Los Angeles strafversetzt wird. Während seiner Nachtschicht erhält er einen Notruf von einer vermeintlich entführten Frau und versucht aus der Zentrale heraus alle Hebel in Bewegung zu setzen, um diese zu retten. Aber ich will nicht zu viel verraten. Erst im Nachhinein habe ich übrigens erfahren, dass es sich eigentlich um das Remake eines dänischen Films mit demselben Titel handelt. Vielleicht schaue ich mir den auch noch an!


Tag 5: Von Eiriksbuegga bis Kjeldebu (26 km)

Als ich am Morgen aufwachte, fühle ich mich zunächst ziemlich gerädert. Die Nacht war wenig erholsam gewesen und ich hatte nicht gut geschlafen. An der Kälte lag es nicht unbedingt: es hatte um die minus 20 Grad gehabt. Das war zwar abermals kalt, aber im Vergleich zur vorherigen Nacht durchaus besser auszuhalten. In meinen beiden Lagen Merinowolle fühlte ich mich im Grüezi Bag schon angenehm warm. Wachte ich wegen der Kälte auf, dann lag es eher daran, dass es mir am Gesicht fror oder ich welche von den Eiskristallen, die an Zeltwand und -decke durch unseren kondensierenden Atem entstanden, abbekam. Ich glaube die Nacht über hatte das Problem eher darin bestanden, dass meine Hacken nicht so wirklich Ruhe geben wollten und ein leichter, aber steter pochender Schmerz von diesen ausging. Das Problem, das ich hatte, hatte Chris schon länger und ich fragte mich, ob er damit einen einigermaßen guten Schlaf bekam. Irgendwie wohl aber auch nicht. Die Hacken sah er weniger als Problem an. Bei ihm war es ein unentwegt leichtes Frösteln während der Nacht, was dafür sorgte, dass der Schlaf wenig erholsam ausfiel.

Nachdem wir aus dem Schlafsack gekrochen und mit wieder frisch versorgten Wunden in die steifgefrorenen Schuhe gestiegen waren, krochen wir zunächst aus dem Zelt. Es war 9 Uhr. So richtig früh kamen wir irgendwie an keinem Tag der Tour aus den Federn. Vor 10 Uhr würden wir auch heute wieder nicht loskommen. Machte ja aber nichts, wir hatten schließlich Urlaub, waren gut unterwegs und dürften auch heute wieder um die 20 Kilometer gen Norden gelangen. Das Wetter würde uns dabei allem Anschein nach erneut keinen Strich durch die Rechnung machen. Der Himmel war wieder strahlend blau. Einzig im Osten von uns waren einige größere Wolken auszumachen. Und daneben blies auch nur ein leichter Wind aus Richtung Westen.

Nach der weiteren Zeltnacht waren wir am überlegen, ob wir die nächste Nacht wieder in einer Hütte verbringen und uns etwas Komfort gönnen sollten. In rund 18 Kilometer würden wir die norwegische Nationalroute 7 passieren, die einzige Straße, die quer durch die Hardangervidda führt. Dort würde sich hinter dem Tal von Bjoreidalen im Anstieg Richtung Norden die bewirtschaftete Dyranut-Hütte befinden. Eine Aussicht, die uns nun am Morgen schon sehr verlockend erschien, zumal wir das Frühstück wieder nur frierend zu uns nehmen konnten. Mit dem Abbau des Lagers, dem Packen der Pulka und dem Vorbereiten des Frühstücks gelang es unseren Körpern abermals nicht annähernd so aufzuheizen, dass wir uns warm fühlten. Der leichte Wind an diesem Morgen tat sein übriges dazu. Von wirklichem Frühstücksgenuss konnte da also keine Rede sein. Den süßen Milch-Zimt-Grießbrei, den ich zuhause bereits mit Sesamkörnern und getrockneten Apfelstücken ergänzt und nun mit heißem Wasser aufgegossen hatte, schlang ich nur so herunter, um mich danach im Laufen rund um unseren Lagerplatz wieder etwas mehr bewegen und aufwärmen zu können.

Planmäßig sollte Route uns an diesem Tag beinahe schnurgerade in Richtung Norden führen. Für die nächsten bestimmt ein Dutzend Kilometer gab es keinerlei Hügel oder Berge, die wir zu umlaufen hatten, und der Weg war daher klar: immer geradeaus. Zwar liefen wir nach der Querung des zugefrorenen Langavatnet zunächst leicht ansteigend gen Norden über eine kleine Anhöhe ehe es im Anschluss daran leicht absteigend weiter ging, das war aber auch schon alles der gefühlten Abwechslung.

Mich zermürbte die Eintönigkeit irgendwie ein Stück weit. Mir ging die fehlende Abwechslung ab. Das stete Geradeauslaufen ließ mich ermatten. Das hatte ich ja schon am Vortag bei der Querung des Nordmannslågen festgestellt. Zudem sorgte der leichte, aber frostige Wind dafür, dass wir zwar nicht während des Laufens, aber während unserer kurzen Halte, um vielleicht auch nur auf den anderen zu warten, noch schneller froren als in den Vortagen. Unsere erste Pause nach rund acht Kilometern fiel damit auch wieder denkbar kurz aus. Möglicherweise spielten auch die Müdigkeit und der wenig erholsame Schlaf eine Rolle nachdem Chris und ich nun schon einige Tage ohne jedwede Unterbrechung die beiden Pulkas über die Hochebene gezogen hatten. Die körpereigenen Energiereserven quollen vermutlich nicht gerade über und ich fing für meinen Teil an, auf zumindest Teilstücken der Strecke die Zähne schon mal sorgsam zusammenbeißen.

Irgendwann machte unsere Route, die durch breite, gefrorene Spuren mehrerer Schneemobile und durch erneut in regelmäßigen Abständen gesteckte Birkenzweige, die sogenannten Kviste, markiert und daher kaum zu verfehlen war, doch tatsächlich einen leichten Knick gen Nordwesten. Endlich! Eine andere Perspektive! Wir waren im Bjoreidalen angelangt. Von hier aus würde es nur noch bergauf gehen in Richtung Dyranut und zur Nationalroute 7.

Knapp fünf Tage waren wir bis hierhin bereits unterwegs gewesen und so langsam konnte ich mich auch kaum mehr riechen. Ich fühlte mich an die Band „Die Doofen“, bestehend aus den beiden Komikern Wigald Boning und Olli Dietrich und ihren Song „Mief!“ erinnert. Wer kennt sie noch? Oder vielmehr den Song? Der war damals auf dem Album „Lieder, die die Welt nicht braucht“. Nein, keine Sorge, ich hab dieses Album nie besessen, aber dem Lied konnte auch ich irgendwann in den 90er Jahren nicht aus dem Weg gehen. Und irgendwie fühlte ich mich nun daran erinnert. Lieder, die die Welt nicht braucht… also mich brachte das gerade zumindest zum Schmunzeln und auch zum Singen. Mit besserer Laune in auswegloser Situation – eine Dusche war immerhin nicht in Sicht – lief es sich doch gleich besser!

Als wir in Dyranut ankamen, merkte ich langsam den Sonnenbrand der vergangenen Tage auf den Lippen. Es ist doch echt verrückt, was wir hier für ein Wetter haben! Wenig Wind, die letzten Tage ein strahlend blauer, nahezu wolkenloser Himmel, kein Schneefall, Sonne satt. Das dürfte vermutlich das beste Wetterfenster der gesamten Backcountry-Skisaison auf der Hardangervidda sein. Für die Landschaftsfotografie nicht immer optimal – dafür hätte es mehr Wolken bedurft – aber zum Laufen war das für uns natürlich top! Und zum Sonnenbrand einfangen ebenso. Man gut, dass wir die Tour von Süden nach Norden liefen und so die Sonne meist im Rücken hatten. Wären wir bei diesen Verhältnissen in die andere Richtung gelaufen, hätte es uns die Gesichter wahrscheinlich vollends weggebrannt oder wir hätten unentwegt mit Sturmhaube bzw. Gesichtsmaske laufen dürfen.

Nach dem Ablegen der Ski und der Pulka stolperte ich in Dyranut wieder nur in die Hütte. Backcountry-Skilaufen ging, aber der Umstieg aufs normale Gehen fiel mir angesichts des pochenden Schmerzes im Hacken zumindest so schwer, dass das Gehen alles andere als normal war. Ich fühlte mich an die ersten Tage des Te Araroa in Neuseeland erinnert. Der mehrmonatige Trail längs durch Neuseeland begann mit dem sogenannten Ninety Mile Beach, einem Strand an der Westküste im äußersten Norden der Nordinsel Neuseelands. Der ist zwar keine 90 Meilen, aber 89 Kilometer lang. Ich benötigte zu Beginn des Trails damals dreieinhalb Tage, um den von mir so getauften Never-Ending-Ninety-Mile-Beach abzulaufen. Am Ende jeden Tages fühlte ich mich wie ein 95-Jähriger und konnte mich nur humpelnd und mit Schmerzen fortbewegen. Damals lag das weniger an wunden Hacken und mehr an der einseitigen Belastung des Laufens, aber gefühlt taten sich da gerade echte Gemeinsamkeiten auf.

Neben den Hacken begannen mir zwei Zehen Sorgen zu bereiten. Einer am linken Fuß, einer am rechten. Beide komplett blau angelaufen und ziemlich geschwollen. Am rechten hatte ich das Gefühl, dass sich der Zehennagel löste. Heute, knappe drei Wochen nach dem Trail und zurück in meiner beschaulichen Heimat Ohlstadt in Oberbayern weiß ich, dass es sich nur um einen ordentlichen Bluterguss gehandelt hatte. Die Zehen sind aktuell zwar recht schwarz, aber das wird auch wieder weggehen.

Trotz deutlich wärmerer Temperaturen als draußen fror ich in der Hütte von Dyranut und so recht wollte die Kälte aus meinem Körper auch gar nicht weichen. Und so war ich auch gar nicht unglücklich darüber, dass wir während der Pause in der Hütte beschlossen, am heutigen Tag noch weiterzugehen. Am Morgen hatten Chris und ich ja noch überlegt, in Dyranut zu bleiben, doch erstens waren wir mit knapp 15 Uhr recht früh hier eingetroffen und zudem sprach unser ausgezeichneter Mobilfunkempfang an der Nationalroute 7 davon, dass wir besser noch ein paar Kilometer machen sollten. Zumindest kündete die Wettervorhersage von einem erneuten Wintersturm, dessen erste Ausläufer uns am morgigen Tag erreichen würden. Und im Gegensatz zu dem letzten Sturm, der zwar Böen der Windstärke 12 mit sich brachte, sollte der kommende Sturm auch einiges an Schnee mit sich führen.

Nachdem wir die beiden Schlitten humpelnd über die Asphaltstraße getragen hatten, fühlten wir uns für kurze Zeit nach Oslo zurückversetzt. Dort hatten wir die schwer beladenen Pulkas noch vor wenigen Tagen quer durch die Stadt hieven müssen, um zum Busbahnhof zu gelangen. Quer durch die Hardangervidda ging es nun ja glücklicherweise auf Ski und mit den Schlitten im Schlepptau. Die einzige Straße durch die Hardangervidda sollte davon auch die einzige Unterbrechung darstellen.

Das neuerkorene Tagesziel lag rund 8 Kilometer entfernt: die unbewirtschaftete Hütte von Kjeldebu, ebenfalls eine Hütte des DNT. Und wieder einmal setzte dieser unerklärliche Kräfteschub ein, den wir schon in den vergangenen Tagen am späten Nachmittag hin zum Abend zu verzeichnen hatten. Es lief sich einfach irre gut in diesen frühen Abendstunden! Wir wurden regelrecht euphorisch und hätten gefühlt, würde nicht irgendwann der Sonnenuntergang hereinbrechen und das weite Land in Dunkelheit tauchen, Stunden weiterlaufen können.

Wir wussten, dass wir mit dem Erreichen der Nationalroute die weiten flachen Passagen der Hardangervidda nun allmählich hinter uns lassen würden. Vor uns lag nun wieder deutlich bergigeres Terrain und von Dyranut aus mussten wir zunächst eine breite Erhebung namens Dryranutane östlich umlaufen. Gar nicht so einfach auf dem immer noch verharschten und hier stellenweise völlig vereisten Grund. Die Ebene westlich von uns lag noch tiefer und so mussten wir mit den Schlitten auf den ersten zwei Kilometern den abfallenden Hang traversieren. So lange dieser genügend flach abfiel, war dies unproblematisch. Schwierig wurde es jedoch, wenn die Hangneigung zunahm. Während eine geringe Schneeauflage die Pulka in ihrer Spur gehalten hätte, rutschte sie auf dem vereisten Untergrund immer rechtsseitig von uns den Hang hinab, bis sie schlussendlich im rechten Winkel zu unser Zielrichtung an dem Zugseil hing und uns mit ihrem vollen Gewicht in eben eine Richtung zog, in die wir nicht wollten. Mit jedem Schritt auf den Ski mussten wir uns gegen die ziehenden Kräfte der Pulka anstemmen und zwangen ihr nur durch die größere Kraft unserer Schritte unseren Willen auf. Ein Kräftemessen, das sich mit jedem Schritt am Hang wiederholte und das Vorankommen beschwerlich machte… zogen wir die Pulka doch nicht mehr hinter uns her, sondern eben seitlich von uns.

Als wir den Hang schlussendlich gequert hatten, ging es deutlich leichter voran und wir nahmen Tempo auf. Für einige Kilometer liefen wir relativ eben zwischen größer werdenden Hügeln hindurch. Derweil bescherte uns die Sonne mit ihrem Untergang den schönsten Abend der gesamten Tour. Während sie im Westen bereits kurz vor dem Untergehen begriffen war, spannte ihr Licht einen blassgelben Bogen über den Horizont, der sich im Himmelblau darüber verlor. Eine irre schöne Szenerie. Das hügeligere Gelände, in dem wir uns nun befanden, bot zudem im Vergleich zu der topfebenen Weite zu Beginn des Tages deutlich mehr Abwechslung und sorgte zumindest nach meinem Verständnis einfach für eine wesentlich schönere Landschaft. Es war einfach stark hier zu laufen und machte solche eine Freude, dass wir sie abermals nur so herausschrien. Erneut ein wahnsinnig schöner Abend, wenn nicht gar der schönste der gesamten Tour.

Je weiter wir nördlich gelangten, desto vereister wurde der Untergrund. Die Hütte von Kjeldebu lag einige hundert Höhenmeter tiefer als wir uns nun befanden und wir wussten, dass irgendwann die Abfahrt anstand. Doch keine Chance. Als das Gefälle zunahm, riss uns die Pulka unentwegt mit. Sie kam selbst auf niedrigem Hang sofort in Bewegung, schoss an uns vorbei oder in die ohnehin verwundeten Hacken hinein und ließ sich kaum bändigen. Wir konnten die Ski nur abschnallen und den Abstieg zu Fuß wagen.

Während ich die beiden Latten auf meiner Pulka festschnallte, nahm Chris sie in die Hand. Kurz nach dem steilsten Gefälle jedoch passierte es: Chris verlor einen Ski, der auf dem vereisten Grund trotz des Steigfelles darunter in die Weite der Landschaft schoss. Chris schnallte in einem Wahnsinnstempo die Pulka ab und lief dem Ski in einem wenn auch aussichtlosen Unterfangen hinterher. Der beschrieb an einer Kuppe zunächst einen Bogen nach links und sauste dann, in steiler werdendem Gelände wieder Geschwindigkeit aufnehmend, in das westlich von uns gelegene Tal hinab. Derweil setzte sich der zweite Ski, den Chris neben der Pulka hatte fallen lassen, ebenfalls in Bewegung.

Da ich zuvor einige Fotos gemacht hatte, war ich ein Stück hinter Chris gelaufen und hatte das Geschehen bis hierhin von der kleinen Kuppe, die ich gerade überquerte, beobachtet. Beste Sicht auf die Tragödie! Und ehrlich gesagt, wie ich den ersten Ski nur in die Landschaft schießen sah und sich dahinter ein Tal auftat, das ich nicht wirklich einsehen konnte, hatte ich den Ski gedanklich schon abgeschrieben. Während Chris dem ersten weiter hinterher hechtete, völlig chancenlos ihn einzuholen, schnappte ich mir seine Pulka. Der zweite Ski beschrieb derweil denselben Bogen wie der erste und suchte ihm auf recht ähnlicher Spur zu folgen. Naja, wenn Chris den ersten finden sollte, würde der zweite immerhin auch nicht ganz so weit sein…

Und das Glück im Unglück war ihm hold. Durch den Bogen, den beide Ski beschrieben hatten, waren sie in einen Talkessel hinab gesaust, an dessen Boden sich ein zugefrorener See befand. Beide Ski waren damit nach einigen weiteren hundert Metern Fahrt zum Stehen gekommen. Hätten sie auf der kleinen Kuppe hier oben nicht eine Wendung um 90 Grad gen Westen beschrieben, dann wären sie vermutlich in das deutlich tiefer gelegene Tal nördlich von uns geschossen. Ein Tal, das von einem breiten zugefroren Fluss namens Kjeldo durchzogen wurde und gut und gerne einige Kilometer breit war. Ob wir den oder die Ski, die auf der glatten Eisfläche hier nicht die geringsten Spuren hinterließen, dann je wiedergefunden hätten, sei mal dahingestellt. Was für ein Schwein! Und eine Warnung, die Ski das nächste Mal womöglich doch gut auf die Pulka zu binden!

Am Flusslauf des Kjeldo schlugen wir schließlich eine westliche Richtung ein. Von hier aus sollte es nicht mehr weit sein bis Kjeldebu. Die Sonne war schon im Untergehen begriffen. So viel Zeit hatte es uns gekostet, auf den anfänglichen ersten Kilometern nach Dyranut den Hang zu traversieren. Die Aktion mit den weggleitenden Ski und mein Hang, die irren Lichtstimmungen am Abend auf Fotos festhalten zu wollen, hatten natürlich ihr übriges dazugetan.

Die letzten verbleibenden Kilometer nach Kjeldebu sollten uns nicht leicht gemacht werden. Einige hundert Meter vor unserem Ziel – die Hütte noch nicht in Sicht – befand sich eine Anhöhe, die wir an ihrer südlichen Seite entlangzulaufen hatten. Noch eine Traverse auf vereistem Grund. Wir kamen kaum vorwärts. Konnten wir uns bei der Traverse um den Dryranutane noch mit roher Kraft gegen das uns hinabziehende Gewicht der Pulka stemmen, so schien das hier beinahe ausweglos. Die Steigfelle unserer Ski wie auch dessen Stahlkanten griffen kaum. Schritt für Schritt kämpften wir um jeden Meter hier am Hang. Die Hütte, die in Wirklichkeit aus vier Hütten bestand, kam bereits in Sichtweite, vielleicht noch 200 oder 250 Meter entfernt. Und wir kämpften uns hier in einem Schneckentempo am Hang ab. Irgendwann gaben wir auf, bauten das Zelt auf und strichen die Hütte aus unseren Gedanken… Neeeeiiin, natürlich nicht 😉 Aber wir spannten Ski und Palka ab, nahmen jeweils das Zugseil der Pulka in die Hand und liefen die restlichen Meter zur Hütte hin.

Wir waren gerade noch vor Einbruch der Dunkelheit angekommen. Und die Hütte war zu unserer Überraschung auch gut gefüllt. Erklären ließ sich das allerdings schnell mit dem anstehenden Wochenende – heute war immerhin Freitag – und der Nähe zur südlich gelegenen Straße. Offenbar gibt es einige Norweger, die hier in der nördlichen Hardangervidda Wochenendtouren mit zwei Hüttenübernachtungen unternehmen. Von Dyranut nach Finse über Kjeldebu und Krækkja, einer westlich von hier gelegenen Unterkunft des DNT, ist da eine typische Zweieinhalbtagestour.

Neben einigen Norwegern trafen wir in der Hütte auch auf eine größere Gruppe aus einem guten Dutzend Leute aus Dänemark, die zum Teil bereits seit 30 Jahren für ein verlängertes Wochenende zum Backcountry-Skilaufen ins südliche Norwegen kamen. Solch vereiste Verhältnisse hatten sie nach ihren Angaben allerdings noch nicht erlebt. Für die rund 15 Kilometer von Krækkja, ihrem Startpunkt am heutigen Morgen, hatten sie auf einer als moderat eingestuften Strecke beinahe acht Stunden benötigt. Einigen Norwegern ging es ähnlich. Wir erfuhren, dass auch der Weg von Finse aus völlig vereist sein sollte. Als wir erzählen, dass wir in Hauekliseter gestartet und mit dem Expeditionszelt unterwegs sind, ernten wir einige überraschte Blicke. Hier droben bewegen sich dann offenbar doch eher die Wochenend-Backcountry-Skiläufer, die beinahe ausnahmslos übrigens ohne Pulka und nur mit dem Rucksack unterwegs sind und das rund um Finse dichte Hüttennetz sowie die Verpflegungsmöglichkeiten in den Hütten nutzen. Selbst die unbewirtschafteten Hütten des DNT sind im Regelfall mit großen Lebensmittellagern ausgestattet. Das Lager von Kjeldebu hatte mindestens den zehn- bis zwanzigfachen Umfang des Lagers in Hellevasbu im Süden der Hardangervidda.

Von den vier Hütten in Kjeldebu waren übrigens zwei zum Übernachten gedacht und diese beiden jeweils in mehrere Schlafräume sowie einen Aufenthaltsraum aufgeteilt. Trotz unserer späten Ankunft hatten wir das Glück, noch einen Schlafraum für uns alleine zu ergattern. Einer zumindest ruhigen Nacht sollte damit nichts im Wege stehen.

Ziemlich geplättet saßen wir nun am Abend in dem durch einen bollernden Ofen, über dem Schnee in einem riesigem Topf im ganz großen Stil geschmolzen wurde, aufgeheizten Aufenthaltsraum. Wir schmiedeten Pläne für den nächsten Tag. Noch immer hatten wir Mobilfunkempfang und damit besten Zugriff auf die norwegische Wettervorhersage. Die kündete natürlich unverändert von dem Sturm, der gegen Mittag des kommenden Tages erwartet würde. Neben starkem Wind sollte er auch Unmengen an Neuschnee, vor allem in der Nacht von Samstag auf Sonntag mit sich bringen. Wir überlegten. Bereits in Dyranut hatten wir darüber gesprochen, gegebenenfalls bis nach Finse durchzupushen und diese Pläne wurden in Anbetracht des Sturmes immer konkreter, zumal es auf den 28 Kilometern nach Finse keine weitere Hütte gab. Zumindest nicht auf dem Weg, den wir am Rande des Hardangerjøkulen beschreiten wollten. Die typische Route über Krækkja wollten wir nicht einschlagen, sondern die direktere durch die Berge nehmen. Wir waren uns allerdings auch bewusst, dass das nach den 26 Kilometern, die wir heute abgerissen hatten, noch mal einer Steigerung bedurfte. Dabei ging es nicht um die zwei Kilometer mehr Strecke. Nein. Es war daneben vielmehr auch das Höhenprofil, das die kommende Etappe zur Königsetappe unserer Tour werden lassen würde.

Hatten wir die übrigen Tage im Schnitt unsere 300 Höhenmeter am Tag im Auf- wie auch im Abstieg bewältigt, würden es nach Finse über 700 Höhenmeter im Aufstieg und knapp über 500 Höhenmeter im Abstieg werden. Mehr als das Doppelte der vergangenen Tage. Und das in voraussichtlich vereisten Konditionen und mit einer nahenden Sturmfront, die von Norden auf uns zukam. Von den nicht zwangsläufig besser werdenden Schmerzen bei uns beiden ganz zu schweigen.

Na gut, das Ziel war gesetzt. Wir würden morgen versuchen, so weit wie möglich, bestenfalls bis Finse, zu kommen. Sollten wir den Ort erreichen und die Querung damit erfolgreich abschließen, würden wir das am Abend eben umso größer feiern können! Und wenn nicht, würden wir uns auf eine äußerst ungemütliche Nacht vorbereiten und Schneemauern rund ums Zelt ziehen dürfen.

Meine Sehnsucht nach einer warmen Dusche nahm zu. Und die Motivation, die ich aus dem Gedanken zog, morgen in Finse anzukommen und eben diese Dusche genießen zu können, stieg immens je mehr ich darüber nachdachte. Chris wollte in Anbetracht des Sturms ohnehin versuchen, dass wir nach Finse durchpushen. Zumindest hatte er sich das schon seit unserer Pause in Dyranut ausgemalt. Entsprechend waren wir uns auch schnell einig, am morgigen Tag durchziehen und noch mal alles zu geben.

Verbleibt nur die Frage, was an diesem Abend auf meinem Essensbeutel stand! Trommelwirbel… „Tag 5 – Beware! Haribo inside!“ Jawoll, auf die Tüte hatte ich mich schon gefreut als ich sie noch zuhause in Ohlstadt gekauft hatte: Haribo Balla Stix Kirsche! Das sind diese langen Schnüre und zwar die dicken! Bis auf zwei Stück mappelte ich noch alle an diesem Abend weg während ich bereits im Schlafsack-Inlett lag, welches ich zuerst in Hellevasbu und nun auch hier in Kjeldebu als Hüttenschlafsack verwendete. Unser Abendessen hatten wir vorweg bereits in unserem Zimmer zu uns gekommen. Der Aufenthaltsraum war irgendwann am Abend völlig vollgestopft mit Leuten. Und von denen husteten und röchelten zumindest zwei so stark, dass wir uns ernsthaft fragten, wie sie es in diesem Zustand hierher geschafft hatten und wie schnell ein Coronavirus sich wohl in einem schlecht gelüftetem Hüttenraum ausbreiten könnte…


Tag 6: Von Kjeldebu bis Finse (28 km)

Die Geräuschkulisse am Morgen verriet uns bereits beim Aufwachen, dass schon Hochbetrieb in der Hütte sein musste. Chris und ich blieben daher noch eine Weile liegen und suchten den geballten Menschenmassen im Aufenthaltsraum aus dem Weg zu gehen. Unsere eiserne Regel, dass wir nicht vor 10 Uhr auf den Ski stehen würden, wollten wir trotz des angekündigten Sturms auch heute nicht brechen.

Irgendwann bewegte ich mich dann aber doch aus dem Schlafsack-Inlett. Natürlich war es wenig überraschend kalt außerhalb des Inletts und der wärmenden Decke darüber. An der Innenseite der breiten Fensterfront unseres Schlafgemachs hatte sich ein regelrechter Eispanzer entwickelt. Ich versuchte eine offene Lücke darin zu finden und hinauszuspähen. Im Gegensatz zu den vergangenen Tagen, die mit einem vollends strahlend blauen Himmel daherkamen, zogen tatsächlich Wolken auf. Die Sicht schien aber immer noch gut.

Draußen war es noch kälter und ein leichter Wind blies, während ich in meiner Long Johns Merinounterwäsche und meinen Expeditionslanglaufstiefeln Richtung Toilettenhäuschen stapfte. Als ich zurückkam stand doch tatsächlich einer aus der Gruppe der Dänen vor der Hütte auf meinen Ski und wollte gerade mit diesen in Richtung Dyranut loslaufen. Offenbar hatte er dasselbe Modell gehabt wie ich, aber bei diesen hier handelte es sich zweifelsfrei um meine Ski. Ich hatte sie sowohl an den kurzen orangen Steigfellen darunter erkannt als auch an den Skistöcken, die er in der Hand hielt. Ich hatte diese am Vorabend mit der Handschlaufe über meine Ski gestülpt und an einem von ihnen war die Befestigung des Schneetellers an einer Seite gebrochen. Dementsprechend bestand auch ziemlich schnell Einverständnis zwischen uns , dass diese Ski wohl doch eher an meine Füße gehörten.

Nachdem er sie abgeschnallt hatte, schaute ich erst mal, ob denn die Ski von Chris noch da waren. Waren sie zum Glück! Das wärs ja auch noch gewesen, nachdem er diesen gestern voller Aufopferung den Hang hinunter hinterhergehechtet war, um diese nicht zu verlieren.

Ein kurzes Frühstück später im nun deutlich leereren Aufenthaltsraum hatten wir auch unsere Startzeit erreicht: kurz nach 10 Uhr. Wir wuchteten unsere Ausrüstung aus der Hütte und verluden diese in den Pulkas. Nun noch uns wie den Ochs vorm Karren angespannt und schon liefen wir in nordöstlicher Richtung los!

Es war ein Wahnsinnsgefühl an diesem Morgen! Wir hatten richtig Bock zu laufen und waren hochmotiviert, die Winterquerung heute abzuschließen. Der sechste Tag nach unserem Aufbruch in Haukeliseter und wir standen an diesem Morgen keine 30 Kilometer vor Finse, dem Zielort unserer Tour. Das Ende würde damit heute zum Greifen nah . Ein geiles Gefühl! Vom Start weg fühlte sich das Laufen gut an und wir begannen im Glauben daran, dass uns heute nichts aufhalten würde können, direkt zu singen und Scherze zu machen.

Was hatten wir uns im Vorfeld der Tour doch auch in Gedanken mit dieser auseinandergesetzt: von der notwendigen Expeditionsausrüstung über die genaue Route, von den zu erwartenden arktischen Bedingungen bis hin zur Art der körperlichen wie auch der mentalen Vorbereitung. Wir hatten innerhalb kurzer Zeit viel Mühe darin investiert, etwas angehen zu können, von dem wir noch vor wenigen Wochen kaum Ahnung hatten und nun standen wir kurz vor dem Ziel. Und das fühlte sich gut an.

Doch ja, noch waren wir nicht da und in Anbetracht des nahenden Sturms, der vereisten Verhältnisse und der anspruchsvollen Route drängten sich zumindest ein paar Fragezeichen auf, ob wir Finse heute noch erreichen würden oder möglicherweise erst am morgigen Tag.

Trotz aller Motivation wussten wir, dass die Etappe heute hart werden würde. Sie begann direkt mit einem Anstieg. Knappe 150 Höhenmeter waren es zunächst ehe es die Hälfte davon wieder bergab gehen sollte. Aber damit würden wir schon mal aus dem Tal herauskommen, in dem Kjeldebu lag. Auf dem Weg passierten wir eine Hütte, die in großen Teilen von einer riesigen Schneeverwehung begraben lag. Nur der Schornstein und Teile des Daches ragten aus der weißen Masse heraus.

Über vereiste Platten kämpften wir uns hinauf, Höhenmeter um Höhenmeter. Und was wir im Höhenprofil am Vorabend nicht sehen konnten: eine kleine Kuppe folgte auf die nächste. Ein Hügel nach dem anderen. Ging es 20 oder 30 Meter bergan, fuhren wir im nächsten Moment einen Teil davon wieder herunter. Es war mühselig. Wir kämpften. Doch wir fühlten uns nach wie vor auch stark und wollten bis nach Finse gelangen.

In der gestrigen Nacht musste es geschneit haben. Der vereiste Boden wechselte sich zu Beginn des Tages immer wieder mit lockeren Schneeverwehungen ab und uns war nach Tagen des Eises auf einer längeren Abfahrt tatsächlich doch noch eine geschlossene, pulvrige Schneedecke vergönnt. Irre. Das war ein vollkommen anderes Laufen mit der Pulka auf den Backcountry-Ski. Sie fuhr wie auf Schienen in einer Spur hinter uns her, was uns die Abfahrt deutlich erleichterte. Wenig später war das Powdergefühl allerdings auch schon wieder vorbei und die üblichen Eisplatten dominierten den Untergrund.

Während sich der schneebedeckte Gletscher des Hardangerjøkulen, der übrigens als Drehort für den Eisplaneten Hoth in Star Wars Episode 5 „Das Imperium schlägt zurück“ diente, westlich von uns erhob, stiegen wir entlang dem Ufer des Langavatnet weiter in nördlicher Richtung auf. Moment… Langavatnet. Waren wir nicht schon gestern an dem vorbeigekommen? Liefen wir etwa im Kreis? Nein, glücklicherweise nicht, aber offenbar hat es so viele Seen in Norwegen, das die zuweilen auch einfach mal denselben Namen tragen.

Von Norden trieb es dichte Wolken zu uns heran und bald war der Himmel über uns von einer meist konturlosen, tief stehenden Wolkendecke, die uns binnen Kurzem die Weitsicht der vergangen Tage nahm, bedeckt. Und zum ersten Mal seit Tagen verblasste das Licht der Sonne, welches wir bis dahin stets an unserer Seite oder in unserem Rücken wähnten, vollends und die eisige Landschaft wurde in Schatten getaucht. Das Wärme spendende Licht war vergangen und ein kalter Wind blies uns entgegen. Noch war er leicht. Er sollte im Verlaufe des Tages weiter zunehmen und ab dem frühen Nachmittag, wenn wir über den Brattefonnvatnet laufen würden und damit den höchsten Punkt der gesamten Tour überschreiten sollten, bis zu 20 Meter in der Sekunde betragen. Knapp 70 bis 75 km/h , Windstärke 8 bis 9. Wir würden sehen, ob und wie wir damit noch vorankämen.

Als sich der Weg nach dem Langavatnet gen Osten drehte und auf den Finnbergsvatnet zusteuerte, wurde die Sicht zwar wieder besser, doch der Weg beschwerlicher. Hatten wir zum Start der Etappe noch gesungen, so fluchten wir nun über den weiten Hang, den wir für rund drei Kilometer zu traversieren hatten. Unsere Pulkas blieben kaum in der Spur hinter uns und rutschten unentwegt in Richtung des nördlich abfallenden Hanges hinab, wo sie an uns zogen und zerrten. Dem Kampf, den wir am Vorabend auf wenigen hundert Metern nach Kjeldebu ausgefochten hatten, durften wir uns nun auf sage und schreibe drei Kilometern stellen. Bis jetzt waren wir trotz des hügeligen Profils und des Wetters wahnsinnig gut vorangekommen und hatten, hochmotiviert wie wir waren, ein schnelles Tempo vorgelegt, aber hier kämpften wir uns nun völlig ab und versuchten eine Technik für eine Situation zu finden, für die es vermutlich ohne Harscheisen keine vernünftig anwendbare Technik gab.

Als die weite Ebene des Finnsbergsvatnet zwischen steil aufragenden Bergen endlich in Sicht kam, sahen wir unzählige dunkle Punkte, die sich in der Ferne auf dem Eis bewegten. Chris war völlig überzeugt davon, eine Herde von Rentieren zu sehen. Ich selbst war skeptischer, erschienen mir die dunklen Punkte in der Ferne doch mehr wie dunkle Striche. Und zwar wie aufrecht stehende dunkle Striche. Als doch noch eines der „Rentiere“ mit einem Kite über die anderen hinwegflog, war uns ziemlich klar, dass da entweder der König aller Rentiere schwebte oder sämtliche dunklen Punkte doch Menschen sein musste. Meine Augen-Operation – ich hatte mir vor kurzem künstliche Kontaktlinsen zur Korrektur meiner Fehlsichtigkeit implantieren lassen – hatte sich für die Weitsicht offenbar schon mal gelohnt 😉 Chris war leidlich enttäuscht, hatte er doch vergangenen Sommer bereits die Hardangervidda durchquert ohne auch nur ein Rentier zu sehen. Er hatte einige Hoffnungen auf unsere Winterquerung gelegt. Dennoch bekamen wir hier etwas zu sehen, mit dem wir kaum gerechnet hatten: weitere Menschenmassen…

Als wir den Finnbergsvatnet erreichten und uns endlich wieder auf ebenem Terrain befanden, schlugen wir in Sonnenschein wieder eine nordwestliche Richtung ein. Darüber, dass wir statt die letzten drei Kilometer am Hang zu traversieren, vielleicht von Anfang an besser durch das Tal gelaufen wären, sprachen wir kaum. Schweigen ist eben manchmal doch Gold.

Am anderen Ufer des Finnbergsvatnet gabelte sich die Route dann. Sämtliche dunklen Punkte, die sich zwischenzeitlich eindeutig als Backcountry-Skiläufer herausgestellt hatten und von denen uns auf den kommenden Kilometern auch noch einige weitere entgegenkommen sollten, liefen gen Südosten in Richtung der bewirtschafteten Hütte von Krækkja während wir die andere Richtung nach Finse einschlugen.

Etwa 12 Kilometer hatten wir bis hierhin geschafft. 16 weitere lagen noch vor uns und vom Finnbergsvatnet aus ging es nun wieder stetig bergan. Und das einfach zu steil für die eisigen Verhältnisse und unsere kurzen Steigfelle. Auf dieser Seite der Berge hatte es kaum Schneeverwehungen und wir verloren ab einer bestimmten Hangneigung jeglichen Halt im Aufstieg, so dass wir zunächst versuchten den Hang diagonal hinaufzuschreiten. Dennoch hatten wir die Stahlkanten unserer Ski immer wieder hart in den vereisten Grund zu schlagen, um nicht rückwärts mit der Pulka den Hang herunterzurutschen.  

Eine Kuppe folgte auf die andere. Waren wir bis zum Mittag noch über jeden neuen Hügel, der sich auftat, scherzhaft hergezogen, brachten wir hierzu nun keine Motivation mehr auf. Das Wetter verschlechterte sich darüber hinaus wieder und ein deutlich stärkerer Wind erschwerte uns das Vorankommen im Aufstieg zunehmend. Am schlimmsten wog jedoch, dass wir ein ums andere Mal auf den letzten Metern vor der Spitze einer vereisten Kuppe, die wir uns bis dahin bereits kräftezehrend hinaufgeschleppt hatten, mit den Ski und dem zusätzlichen Gewicht der Pulka keinen Zentimeter mehr gewinnen konnten. So sehr wir die Stahlkanten unserer Ski auch in die Eisplatten trieben und versuchten uns diagonal den verbleibenden Hang hinaufzuarbeiten, so sehr wir uns auch gegen das Wegrutschen anstemmten und zusätzlich mit den Skistöcken Halt zu finden suchten, es war aussichtslos. Wir konnten ein ums andere Mal auf den letzten Metern die Ski nur abschnallen und den geringen verbleibenden Rest bis zur Spitze der Kuppe zu Fuß bewältigen. Was für eine Schinderei…

Die Sonne und das helle Tageslicht wichen zunehmend Schneefall und stärkeren Windböen, die der nahende Sturm mit sich brachte. Dann endlich eine vorerst letzte Kuppe und dahinter mit dem Midnutevatnet, einem weiteren gefrorenen See, eine längere Pause von weiteren Anstiegen. Vier Kilometer auf dem See. Doch als wir die Kuppe überschritten und die wenigen Meter zum Ufer des Midnutevatnet hinuntergelangten, fegte uns der Wind nur so ins Gesicht. Während der gesamten Querung über den See blies er uns stark entgegen und wirbelte Schnee- und Eiskristalle in wahnwitziger Geschwindigkeit über den Boden.

Wir sprachen kaum ein Wort. Die Gesichter dicht in die Sturmhauben eingepackt und gen Boden gerichtet, eine zusätzliche Jacke als Windbreaker angezogen. Schritt für Schritt voran, ankämpfend gegen Wind und die Kälte. Bis jetzt hatten wir noch keine Pause und so wie es ausschaute würden wir auch keine mehr einlegen. Viel zu schnell kühlten wir aus, wenn wir für einen Moment stoppten. Ich versuchte noch zwei, drei Fotos zu machen. Schon ging mir jegliches Gefühl aus den Händen abhanden. Die Landschaft: dennoch wunderschön, vor allem wenn die Sonne zuweilen als helle Scheibe hinter dem Dunst der Wolken auftauchte und für eine beinahe mystisch anmutende Szenerie sorgte.

Nach dem Midnutevatnet glaubten wir, es geschafft zu haben. Nun würde es nur noch bergab gehen. Doch es war ein Irrglaube. Eine weitere Kuppe wartete auf uns. Abermals ging es steil hinauf, gerade mal 60 bis 70 Höhenmeter. Doch die wurden erneut zum Kampf und wir konnten die Ski nur ein weiteres Mal abschnallen. Dann war er erreicht: der höchste Punkt der Tour! 4580 Fuß / 1.396 Meter. Doch selbst von hier ging es nicht fortlaufend bergab. Ein weiterer See folgte: der Brattefonnvatnet. Ein zusätzlicher Kilometer in völlig flacher Ebene, in der sich dem Wind abermals nichts entgegenstellte außer wir mit unseren Pulkas.

Weiter und immer weiter kämpften wir uns vorwärts, zunächst zum anderen Seeufer, dann eine weitere Kuppe hinauf. Wir konnten es kaum glauben… Wann würde endlich der Abstieg kommen? Wir hofften, dass wir in diesem leichter vorankommen, vielleicht sogar Teile der restlichen Strecke hinabfahren könnten. Noch 7 Kilometer bis Finse… Doch dann hatten wir sie schließlich überschritten. Kurz durchatmen und in nördlicher Richtung einen weiten, flach abfallenden Hang hinab. Die Freude war riesig! Jetzt waren wir gewiss: wir würden es bis nach Finse schaffen!

Der Wind blies weiterhin stark, wenn auch nicht so stark wie hoch droben auf den gefrorenen Seen. Und durch das Gefälle kamen wir nun deutlich leichter voran. Weitere anderthalb Stunden vergingen, in den wir ohne Pause, ohne Unterlass liefen. Einmal zog in einem irren Tempo, vom Wind gezogen, bergauf ein Kiter auf dem Snowboard an uns vorbei, vermutlich auf dem Weg nach Krækkja. In dem Tempo würde er wohl deutlich eher in Krækkja sein wie wir in Finse…

Dann endlich kam das Bergdorf in Sicht. Von einer weiteren Kuppe – war ja klar, dass es die auch im Abstieg geben würde – waren die ersten Häuser und Hütten von Finse, welches ausschließlich über die Bergenbahn an den Rest von Norwegen angebunden ist, zu sehen. In weiterer Ferne am anderen Ufer des Finsevatnet die Bahnstation und die große Finsehytta des DNT. Wir waren beinahe am Ziel! Nur noch über den See und einige wenige Meter hinauf zur Hütte!

Völlig ausgepowert, aber voller Adrenalin und Freude kamen wir an der riesigen DNT-Hütte an! Wir hatten es geschafft! Acht Stunden für die 28 Kilometer, dafür aber ohne jegliche Pause. Draußen vor der Hütte ein riesiger Skiständer, voll belegt mit Backcountry-Ski. Dennoch rührte sich in dem tief verschneiten Ort bis auf einige Kiter auf dem zugefrorenen See angesichts des Sturms nichts. Es war alles andere als gemütlich draußen im Wind zu stehen, doch wir wollten noch nicht hinein. Als eine junge Frau herauskommt wird sie direkt von uns dazu verhaftet, ein Foto von uns zu schießen. Wir schreien die Freude heraus! Wir sind da!


Der Wert unserer Träume


Aber welchen Wert hätte das Leben ohne seine Träume?“ Ich vermute mal, dass eine eindeutige Antwort auf diese Frage, mit der Fritdjof Nansen sein Buch „In Nacht und Eis“ und damit die Aufzeichnungen seiner höchst abenteuerlichen Expedition an den Nordpol abgeschlossen hat, ohne sprachliche oder literarische Höchstbegabung kaum in wenigen einfachen Worten zu geben sein wird. Mir jedenfalls erscheint die Antwort viel zu vielschichtig, zu komplex, ein Stück vielleicht auch zu allumfassend, in jedem Fall dann aber auch wieder zu individuell und zugleich zu generell. Daher will ich mich auch gar nicht daran versuchen und überlasse es anderen, auszudrücken, welchen Wert unsere Träume für das Leben haben:

Konfuzius, der berühmte chinesische Philosoph, sagte einmal  „Wer unsere Träume stiehlt, gibt uns den Tod.“ Seine Weisheiten waren es, die die chinesische Philosophie für Jahrtausende geprägt haben. Und selbst nach all dieser Zeit haben sie kaum etwas von ihrer Bedeutung verloren, auch wenn Konfizius es seinerzeit zugegeben recht drastisch ausgedrückt hat, welchen Wert unsere Träume für das Leben haben.

Paulo Coelho hingegen, ein brasilianischer Schriftsteller und Autor aus der Gegenwart, wusste den Wert der Träume im Zusammenhang zum Leben so auszudrücken: „Die Möglichkeit, dass Träume wahr werden können, macht das Leben erst interessant.“ Dahingegen führte Marie Freifrau Ebner-Eschenbach, eine österreichische Schriftstellerin, die vor allem im 19. Jahrhundert wirkte, folgendes aus: „Nenne dich nicht arm, wenn deine Träume nicht in Erfüllung gegangen sind; wirklich arm ist nur, der nie geträumt hat.“

Und um es noch mit den Worten eines großen Träumers aus der Traumfabrik auszurücken, sei hier auch noch Walt Disney, der berühmte US-amerikanische Trickfilmzeichner und Filmproduzent, zitiert: „Alle Träume können wahr werden, wenn wir den Mut haben, ihnen zu folgen.

Alle Träume können wahr werden, wenn wir den Mut haben, ihnen zu folgen.

Walt Disney, US-amerikanischer Filmproduzent (1901 – 1966)

Es sind alles unterschiedliche Zitate und unterschiedliche Perspektiven in Bezug auf unsere Träume und den Wert unserer Träume für das Leben. Doch allesamt stellen sie Träume und auch die Verwirklichung dieser in den Zusammenhang mit unserem Leben und eben auch mit dem Mut, dieses Leben reich, intensiv und erfüllt zu erleben. Und dies tun wir, indem wir unsere Träume verwirklichen.

Während der Tour, aber auch am Nachhinein in der Erinnerung verbleibt für Chris und mich ganz viel davon: vom „Leben“. Wir nehmen auch von dieser Tour unzählige Erinnerungen mit nach Hause, unzählige Momente des Glücks und der Freude. Wir werden uns an Augenblicke erinnern, in denen wir Grenzen überschritten haben und ja, auch an solche, in denen wir fluchten, Schmerzen hatten oder eben in Kälte froren. Doch all das war es wert, unserem Traum nachzugehen und ihn zu leben. Und das trotz der Widrigkeiten, Komplikationen oder auch Schwierigkeiten, die damit zusammenhingen und die einen Traum natürlich gerade auch erst ausmachen. Denn ohne Widrigkeiten und ohne jeglichen Einsatz, der zu leisten ist und der Träume im ersten Augenblick so unerreichbar erscheinen lässt, wären es wohl keine Träume… Mit der Umsetzung dieser dürfen wir das Leben auf jeden Fall feiern! Und zwar so intensiv wie möglich und mit so viel Mut wie nötig, um dies zu tun.

Ich bin mir sicher, dass ich nie vergessen werden, wie wir der kalten kargen Schönheit der grenzenlosen Wüste aus Schnee und Eis im mystischen Lichte des Sonnenuntergangs nicht müde wurden. Welches Gefühl sich da entwickelte und wie viel Kraft es freisetzte, obwohl wir Stunde um Stunde gelaufen waren.

Nun hier zurück in meinem Zuhause in Ohlstadt und die letzten Zeilen von der Winterquerung der Hardangervidda schreibend , frage ich mich, was wohl das nächste Abenteuer wird. Und um ehrlich zu sein, ich weiß es noch nicht. Ich weiß nur, dass ich mir damit ganz sicher einen Traum, so klein oder groß er auch sein mag, verwirklichen werde…

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