4
Jul
2019
5

Tag 13 Cape Wrath Trail – Auf den letzten Metern ausgebremst! Von Kinlochbervie zur Strathchailleach Bothy (16 Kilometer)

Wie es sich gestern schon angekündigt hat, bin ich heut nicht zum Cape Wrath gelangt. Der Sturm und der heftige Regen machten mir einen ziemlichen Strich durch die Rechnung. Ich bin zwar einige Stunden im Regen gelaufen, habe dann aber irgendwann völlig durchnässt und frierend geplant Zuflucht in der Strathchailleach Bothy, etwa 10 Kilometer südlich des Cape Wrath, gesucht. Gerade rechtzeitig, denn am Nachmittag öffnete der Himmel seine Schleusen erst recht…

Acht Uhr und ich sitze gemütlich im Warmen mit Aussicht auf den vernebelten Loch Inchard – der Fjord bei Kinlochbervie – an einem reich gedeckten Frühstückstisch. Ich bin der einzige Gast im Bed and Breakfast, aber meine Gastgeberin Margret fährt auf als würde sie eine ganze Familie versorgen. Sehe ich so ausgehungert aus? Ich werde mich zuhause mal wiegen müssen…

Neben einem Full Scottish Breakfast mit zwei Eiern, mehreren Scheiben Speck, Tomaten, Black Pudding, zwei Würstchen, ner Portion gebratener Pilze und Baked Beans erhalte ich noch zwei Scheiben Toast, fünf Pfannkuchen, drei Croissants, Käse, frische Erdbeeren, Melone, Ananas, Apfel, Joghurt und verschiedene Sorten Müsli… ehrlich gesagt, keine Ahnung wer das alles essen soll?! 🙂 Ich gebe natürlich aber mein Bestes und löse das im Angesicht dieser Mengen meiner Gastgeberin gegebene Versprechen „I’ll celebrate my breakfast“ ein.

Über eine Stunde sitze ich am Frühstückstisch, checke das Wetter und suche mir die Nummer von dem Minibusbetreiber nach Cape Wrath raus. Ich werde ihn später anrufen. In der Hoffnung, dass Minibus und Fähre morgen fahren. Falls nicht muss ich wieder umplanen und meinen gestern Nacht noch zum Schnäppchenpreis gebuchten Rückflug nach Deutschland – Ryanair hatte zufällig gerade nen Sonderkontingent an Tickets – wieder stornieren.

Das Wetter für heute wird ziemlich eintönig. Von heut morgen bis am späten Abend zu jeder Stunde sage und schreibe ein Wert von Minimum 98 % und Maximum 100 % Niederschlagswahrscheinlichkeit. Nur die Menge soll variieren über den Tag verteilt. Hiernach sollte ich irgendwann um 11 Uhr rum aufbrechen und tunlichst zusehen, dass ich vor 15 Uhr am Nachmittag in der Hütte bin. Denn dann soll es richtig „Land unter“ geben. Sturmböen hat es eh den ganzen Tag.

So hätte es übrigens aussehen können, wenn es trocken wäre…

Um zehn breche ich auf zu dem kleinen Sparmarkt am Hafen von Kinlochbervie. Direkt peitscht mir Regen ins Gesicht. Aber es hindert mich zumindest nicht daran meine Snickers- und Gummibärenvorräte für die Nacht aufzufüllen. Eigentlich wollte ich noch eine kleine Whiskyflasche für das Trailende morgen kaufen, aber die Literflaschen, die hier im Regal stehen, sind mir doch bei Weitem zu viel. So entscheide ich mich für eine Flasche Newcastle Brown Ale. Nach dem irischen Kilkenny bzw. Smithwicks mein zweitliebstes Bier.

Anschließend kehre ich noch für einen Cappuccino in das neben dem Sparmarkt liegende Café von Tina ein – der Tochter meiner B&B-Gastgeberin. Hier harre ich in der Hoffnung aus, dass der Starkregen bis 11 Uhr tatsächlich etwas nachlässt. Gute 15 Kilometer habe ich noch vor mir. Über die Sandwood Bay, die einen beinahe karibischen Sandstrand aufweisen soll, bis zur Strathchailleach Bothy. Ich wollte eigentlich total gerne in den Dünen der Sandwood Bay mein Zelt aufschlagen, aber bei diesem Wetter?! Starkregen, Sturmböen! Äh, Nein… Definitives Nein! Ob ich nach Neuseeland verweichlicht bin? 🙂

Bevor ich aufbreche, rufe ich noch James an, den Busoperator nach Cape Wrath. Er verrät mir, dass Fähre und Bus nach Durness morgen wahrscheinlich wieder gehen.

Die ersten sechs Kilometer laufe ich auf Asphalt durch die hügelige Landschaft hier an der Küste im Nordwesten. Es ist Hiken in Schräglage. Der Wind zwingt mich dazu. Die Böen treiben mich immer wieder zur Seite weg.

Für weitere sechs Kilometer folge ich, bereits völlig durchnässt, einem guten, wenn auch stellenweise bereits geflutetem Wanderweg, der an der Sandwood Bay enden soll. Es geht durch ein sanftgewelltes Gelände, an einigen kleinen Lochs mit schönen Sandstränden vorbei.

Hinter einer Anhöhe erreiche ich sie dann: die Sandwood Bay. Ein toller Strand, selbst in diesem Wetter. Haushohe Dünen mit hohen feinen Dünengräsern vor einem langen breiten Strand. An einigen ins Meer ragenden Klippen branden die hohen Wellen tosend. Der Wind trägt ihre Gischt von Weitem heran.

Just regnet es für einen Augenblick etwas weniger, was mir die Gelegenheit gibt, meine Kamera hervorzuholen und ohne groß drüber nachzudenken ein paar schnelle Fotos zu schießen. Dann verlasse ich die Sandwood Bay wieder und kehre ansteigend ins Inland. Drei Kilometer, größtenteils weglos, sind es nun noch bis zur Bothy. Klar, es wird wieder sumpfig. Ich finde einen Pfad, der mittlerweile zu einem kleinen Bach angeschwollen ist. Auch wenn ich hier fortlaufend im Wasser wate, erscheint er mir trotz alledem am geeignetsten, schnell zur Hütte zu gelangen. Und das ist mein Ziel. Zumal es nun auch wieder heftiger und heftiger zu regnen beginnt.

Meine Regenklamotten halten dem schottischen Starkregen und dem Wind nicht stand. Ich spüre wie mir das Regenwasser überall reindrückt und mir irgendwann am Rücken hinunterläuft. Höchste Zeit für die Hütte, die ich ziemlich durchnässt und frierend um kurz vor drei erreiche. Das Wasser hat überall reingedrückt. Meine Schuhe und Socken waren ja eh völlig durch, aber nun auch alle anderen Klamotten und selbst der Rucksack ist trotz Raincover nicht verschont geblieben. Gut, dass ich alle Sachen noch mal zusätzlich in Dry Bags verstaut habe.

Ich lege mein ganzes nasses Zeugs ab und werfe mich in ein modisches Highlight aus lila Socken neuseeländischer Herkunft, olivgrüner am Stiefel abgeschnittener Gummistiefel, die ich in der Hütte finde, einer langen schwarzgrauen Thermounterhose, einer kurzen schwarzen Hose darüber, meinem Polartechoodie mit grün-schwarzer Polartecjacke darüber und einer weiß-beigen Mütze. Sieht sicher völlig bescheuert aus, aber die Sachen sind trocken und mir ist warm.

In der Hütte sind noch die Engländer Luise und John mit ihrem Hund Billy – ein Greyhoundmix, der mich direkt ins Herz schließt und um meine Aufmerksamkeit buhlt. Bekommt er auch. Noch vor den Instantnudeln, die ich mir zum Mittagessen bereite.

Den Nachmittag über quatsche ich mit Luise und John. Ein tolles, sehr reiselustiges Paar, die schon viel von der Welt gesehen haben. Während wir versuchen den offenen Kamin mit leider nicht ganz trockenem Torf in Gang zu bringen verquatschen wir Stunde um Stunde. Irgendwann brennt auch der noch etwas feuchte Torf endlich.

Etwas Interessantes zur Geschichte der Bothy. Die Strathchailleach Bothy war die letzte einsam gelegene Hütte auf dem schottischem Mainland ohne Straßenzugang, ohne Postversorgung sowie ohne Wasser-, Elektrizitäts- und Gasversorgung, die dauerhaft bewohnt war. Der Schotte James MacRory-Smith, auch „Sandy“ genannt, lebte hier bis zum Jahre 1996 für ganze 32 Jahre ehe er im Alter von 70 Jahren in einen Wohnwagen nach Kinlochbervie zog und drei Jahre darauf am 20. April 1999 in Inverness an den Folgen einer schweren Krankheit verstarb. Seine Einkäufe und Besorgungen machte er im London-Stores-Geschäft vor Kinlochbervie und lief hierfür einmal die Woche 21 Meilen durch die schottische Wildnis. Meist nutzte er die Gelegenheit auch, um den örtlichen Pub aufzusuchen. Schon irre. Nur einige Meilen weiter gab es jeglichen Komfort: Häuser mit Kalt- und Warmwasserversorgung, Sanitäranlagen, Zentralheizung, Elektrizität. Doch Sandy entschied sich sein Dasein in einem diesem abgelegenen Winkel Schottlands zu verbringen, sein Wasser aus dem Fluss zu schöpfen, Torf für die Feuerstelle zu stechen usw.

Ich überlege sehr, was einen Menschen dazu bewegt für so lange Zeit so abgeschottet vom Rest der Welt zu leben. Ich weiß, „Sandy“ war gewiss nicht alleine mit dieser Art zu leben. Selbst die Mönche im Mittelalter suchten sich oftmals die abgelegensten und ja, manchmal schon fast lebenswidrigsten Plätze und Bedingungen aus wie die mittelalterlichen Bienenkorbhütten auf den irischen Skellig Islands bspw. zeigen – einer der beeindruckendsten Orte, an dem ich je war – und auch heute gibt es Menschen, die fernab von der Zivilisation so ein Leben führen. Doch frage ich mich nun, wo ich erneut an einem solchen Ort bin, umso mehr, was einen Menschen, in diesem Fall den Schotten Sandy, dessen Wandmalereien hier noch überall verblasst zu sehen sind, wohl dazu bewogen haben mag.

Heute wird übrigens geglaubt, dass Sandy zu demjenigen Geist geworden ist, den man häufig in der Sandwood Bay gesehen hat…

So zurück zum Trail, der dann morgen hoffentlich weitergeht… hoffentlich? Ja, denn als ich mich in einer kurzen Regenpause gegen sieben am Abend hinauswage, um Wasser für mein Abendessen zu schöpfen, glaube ich kaum, wie sehr der Fluss hinter der Hütte angeschwollen ist. Aus dem Amhainn Strath Chailleach ist ein absolut reißerischer Strom geworden. Unmöglich ihn zu queren. Dabei muss ich genau hier morgen hinüber. Ich hoffe das Beste und gucke mir einen großen Stein im Flussbett aus, der gerade noch gute 10 Zentimeter überspielt ist. An dem werde ich morgen einschätzen können, ob und inwieweit der Flusspegel gefallen ist.

Update: gerade sind noch die Schotten Paul und Joe aus der Nähe von Edinburgh in die Bothy gekommen. Sie wissen mehr zum Hintergrund des Daseins von Sandy und es ist leider eine sehr traurige Geschichte. Sandy hat in einem schlimmen Brand seine Frau verloren und sich daraufhin von der Welt zurückgezogen… Die Hütte war schon damals eine frei zugängliche Bothy und Sandy hat diese letztlich „besetzt“.

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