29
Jun
2019
16

Tag 8 Cape Wrath Trail – Der schönste Tag bislang! Von Kinlochewe nach Abhainn Srath na Sealga (24 Kilometer)

Was für ein Tag! Der schönste auf dem Cape Wrath Trail bislang! Die Landschaft war atemberaubend schön, es war nicht mehr ganz so heiß, ich hatte ein tolles Bad in einem natürlichen, spektakulär in den Bergen gelegenen Felsenpool und habe die Freiheit hier auf dem einsamen Trail genossen. Hinzu kommt, dass meine Schmerzen im Fuß ne komplette Pause eingelegt haben und ich zum Abschluss des Tages einen wahnsinnig schönen Wildcampingspot in einem Hain von Bäumen nahe dem Fluss Abhainn Srath na Sealga gefunden habe! Hier mein Bericht von Tag 8…

Frühstück! Ich hab mir gestern noch eins an der Bar bestellt und es wird um Punkt acht Uhr in der Früh in mein Bunkhouse geliefert. Baked Beans, Eier, Speck, Tomaten, Champignons. Ein guter Start! Draußen ist es auch deutlich angenehmer uuuuuuund… deutlich schottischer. Es hat einige graue Wolken am Himmel und die Temperaturen bewegen sich nicht mehr um die 30 Grad-Marke. Es hat noch an die 20 Grad. Perfektes Wetter zum Hiken!

Ich lade noch schnell ein neunstündiges Hörbuch herunter, den Abenteuerroman „Fünf Wochen im Ballon“ von Jules Verne. Dann packe ich meine Sachen. Bevor ich aufbreche muss ich jedoch noch die Einkäufe für die nächsten sechs Tage erledigen. Im Store beim Post Office und der Tankstelle werde ich fündig. Es gibt alles was das oder zumindest mein Hikerherz begehrt – und das zu vernünftigen Preisen: Haribos (immens wichtig!), Müsli- und Schokoriegel, Instantnudeln, Fertigpastagerichte, eine Banane und ein Apfel für heut Mittag, Kaffee und Tassensuppen.

Voll bepackt mache ich mich um halb zehn auf den Weg. Schnell passiere ich das alte Gebäude der Kinlochewe School und gelange auf den Schotterweg, der idyllisch am schönen Abhainn Bruchaig River in die Höhen von Kinlochewe zu einer Ansammlung kleinerer Farmhäusern führt.

Rittersporn wächst in Unmengen neben dem hohen Flussufer und nach einer Woche erblicke ich auch endlich die erste schottische Distel. Kein Prachtexemplar, aber hier scheinen doch mehrere zu wachsen und so ist die erste Distel vermutlich nur der Auftakt zu vielen weiteren. Wenn ich eine besonders schöne finde, muss ich ein tolles Foto für eine Freundin machen. Sie liebt Schottland wie keine zweite und dazu gehört natürlich ganz besonders die schottische Distel.

Langsam steigt der schottrige Fahrweg steiler an. Es geht ins Tal Gleann na Muice. Die Landschaft wird immer schöner. Die Schotterstraße endet und ich laufe nun auf einem guten Track während ich der ersten Episode des Hörspiels „Das Fundament der Ewigkeit“ von Ken Follet lausche. Das hatte ich ohnehin noch auf meinem Smartphone.

Knapp 10 Kilometer bin ich nun schon gelaufen. Ich passiere einige kleinere Seen und vor mir erheben sich die markanten Gipfel um den 1.018 Meter hohen Mullach Coire Mhic Fhearchair mit dem größeren See Lochan Fada davor. Majestätisch. Das ist hier schottisches Hochland at its best. Wunderschön anzuschauen, traumhaft darin hiken zu können.

Ein frischer Wind zieht auf. Eine halbe Stunde später gelange ich zum sandigen Westufer des Lochan Fada, von wo aus ich einem schmaleren Pfad, der jedoch bald endet, einige hundert Höhenmeter hinauf zu einem weiteren kleinen See, dem Loch Meallan an Fhudair, folge.

Ich halte noch mal inne, setze mich auf einen Stein und esse die Banane und den Apfel, die ich mir heut früh in Kinlochewe mitgenommen habe. Die Aussicht ist traumhaft schön heute! So habe ich es mir auf dem Trail vorgestellt. Und trotz grauer Wolken regnet es bislang nicht. Ja nicht mal mein Fuß schmerzt heute.

Als ich weiterlaufe, flattert laut gackernd ein Moorhuhn vor mir davon. Noch so ein dickes Exemplar. Die scheinen gut genährt zu sein hier.

Das Ziel, zu dem ich mich hier durchkämpfen will, ist die Passhöhe Bealach nan Croise. Doch eine tiefe, felsige Schlucht versperrt mir den direkten Weg. Ich muss an dieser noch mal gut 100 Höhenmeter aufsteigen, um einen Weg auf die andere Seite zu finden. Dort verengt sie sich und ich kann einige Meter in die Schlucht hinabsteigen. Rauschend fließen die Wasser eines Baches über das glattgeschliffene Gestein in den Beginn der Schlucht. Und genau da, an der Kante der Schlucht, findet sich doch tatsächlich ein natürlicher Pool inmitten der glatten Felsen! Geil, ein Wahnsinnsbadespot!

Ich entledige mich meiner Klamotten, stelle mich an die Kante und rufe im Stil eines Mel Gibson in Braveheart mit ausgebreiteten Armen das Wort „Freeeeiiiiiheeeeiiiit“ in die schottische Landschaft hinaus. Ja ich weiß, bei der Szene nimmt er nicht gleich ein erfrischendes Bad 😉

Danach steige ich direkt in den Pool. Das Wasser ist gar nicht so kalt wie gedacht. Es ist angenehm und ich genieße es komplett unterzutauchen und solch einen Blick in die Landschaft zu haben! Würde der Bach mehr Wasser führen, hätte ich keine Chance hier zu baden.

Als der Wind das Grollen eines Donners aus der Ferne herüberträgt, entscheide ich mich dazu, mich wieder auf den Weg zu machen. Kurz in Sonne und Wind noch trocknen lassen, Klamotten und Rucksack überwerfen – wollte ja nicht nackt weiterwandern – und schon steige ich auf der anderen Seite der Schlucht wieder hinauf.

Zum Pass muss ich nun tatsächlich hinuntersteigen, doch nach einer halben Stunde habe ich den Bealach nan Croise erreicht. Ich finde einen schmalen, aber gut erkennbaren Track, der mich auf der anderen Seite des Passes hinabführt, während aus der Ferne dunkle Wolken heranziehen.

Der Abstieg ist gemächlich. Es geht nur einige hundert Höhenmeter hinab und das verteilt auf viele Kilometer. Ich quere in ein weiteres Tal, östlich der Flanke des Berges Sgurr Ban, und erwarte jeden Moment, dass die dunklen Wolken mit dem Regen und dem Gewitter eintreffen, doch ich bleibe verschont. Die Sonne scheint meist weiterhin, doch ist es heute deutlich angenehmer zum Aushalten.

Am Loch an Nid komme ich an den steinernen Ruinen eines alten Hauses vorbei. Aus den verbliebenen Natursteinmauern des Hauses ragt Rittersporn hervor. Wer hier wohl gewohnt haben mag vor einhundert, vielleicht zweihundert Jahren? Ich mache eine Pause. Was für ein schöner Platz! Die Etappe heute ist ein echtes Highlight. Ich bin froh, den Trail nicht abgebrochen zu haben, denn ich habe auch in Kinlochewe wieder überlegt dies zu tun, zumal es dort eine tägliche Busverbindung nach Inverness gab.

In der Ferne ragt inmitten der Kegel um den Sgurr Fiona, der es immerhin auf 1.060 Meter bringt, ein spitzer markanter Gipfel auf. Eine wahnsinnig schöne Bergwelt und -wildnis ist das hier.

Ich hike weiter hinab, über blühende Wiesen, moorige Abschnitte und zwischen großen Felsbouldern, die von den Klippen des Berges westlich von mir abgebrochen und zu Tale gerollt sind. Immer dem Lauf des Flusses entlang, der von den Wassern des Loch an Nid gespeist zu Tale fließt.

Um 17 Uhr komm ich an einem idyllischen kleinen Hain mit knorrigen Bäumen neben dem Fluss Abhainn Srath na Sealga an. 24 Kilometer habe ich bis hierhin geschafft. An sich wollte ich noch einige Kilometer weiter bis zu einer dieser Berghütten der Scotish Mountain Bothy Association laufen aber dieser Platz ist zu schön als das ich ihn ungenutzt am Trailrand liegen lassen kann.

Ich setze mich auf einen umgestürzten Baumstamm und lasse die Landschaft auf mich wirken. Dann baue ich mein Zelt in dem Gras unter einem der knorrigen Bäume auf.

Eine halbe Stunde später steht mein Lager und auch das Wasser für den nächsten Tag ist gefiltert. Zum Abendessen gibt es Pasta an einer Champignons-Käse-Sauce. Kann man gut essen. Hätte zwar mehr sein können, aber wie ich mich kenne, snacke ich eh gleich noch ne Tüte Haribos weg 😉

Es ist urgemütlich das erste Mal hier auf dem Trail im Zelt zu liegen. Gerade schaue ich aus dem Zelt heraus zwischen den Bäumen hindurch auf die mich umgebenden Berge. Der Fluss plätschert im Hintergrund. Ich werde sicher ruhig schlafen heute.

Ach ja, die Haribos sind angebrochen. Hat nicht lange gedauert. Vielleicht schau ich noch nen Film heut Abend oder ich genieße einfach das Geräusch des Windes im Blätterwerk der Bäume und das gemütliche Rauschen des Flusses…

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