25
Feb
2018

Tag 93 Waiau Hut bis Anne Hut (27 Kilometer)

Merkwürdiger Tag. Ich hab die heute gelaufenen 27 Kilometer in einem Wahnsinnstempo ohne Pause zurückgelegt und erreichte die Anne Hut am St. James Walkway bereits früh am Tag um kurz nach 13 Uhr. An sich hatte ich noch mehr als genug Zeit und ebenso auch Motivation, um die weiteren 17 Kilometer bis zur nächsten Hütte zu laufen oder irgendwo unterwegs mein Zelt aufzuschlagen. Dennoch habe ich mich dazu entschieden, in der Anne Hut zu bleiben…

Da ich am Vorabend frühzeitig schlafen gegangen bin, hatte ich heute mal einen vergleichsweise frühen Start. Um 6:30 Uhr bin ich aus dem Schlafsack raus. Es morgengraute gerade und beim Frühstück, erstmals wieder mit einem Erdnussbutterwrap, hatte ich durch die großen Fenster in der kleinen Hütte eine fantastische Aussicht zurück auf die Spenser Mountains in Richtung des gestern überquerten Waiau Passes.

Gestartet bin ich dann um 7:20 Uhr. Es war ziemlich windig heute und sollte den Tag über auch so bleiben. Ab und an wehten bei meinem Hike durch das weite Tal des Waiau River kräftige Windböen.

Mein rechtes Knie fühlte sich gut an heute. Ich hatte keine Schmerzen darin und auch sonst hatte ich ein gutes Gefühl, was den Tag anging, zumal der Hike heute schön, aber auch einfach zu werden versprach. Es sollte heute mal nicht über alpine Pässe mit zwar atemberaubend schönen Ausblicken, aber eben auch steilen und kräftezehrenden An- un Abstiegen gehen. Der Trail sollte heute in knapp acht Stunden auf 27 Kilometern bis zur Anne Hut führen und dabei weitestgehend flach im Tal des Waiau River, später im Tal des Henry River verlaufen.

Und der Track war tatsächlich total einfach zu laufen. Meinen Trekkingstöcken gönnte ich heute nach den Strapazen der vergangenen Tage weitestgehend eine Pause. Ich hielt sie meist lose in der Hand und trug sie neben mir her statt sie zu benutzen. Während meines Hikes hörte ich zudem entspannt die beiden Teile eines sehr gutes Hörspiels des MDR: „20.000 Meilen unter dem Meer“ nach dem Roman von Jules Verné.

Der Track verlief Kilometer um Kilometer durch das weite Tal rechtsseits vom Waiau River und querte hierbei unzählige kleinere und größere Zuflüsse des Hauptstroms. Das würde in meiner Strichliste von Tagen mit trockenen Füßen auf dem Te Araroa und Tagen mit nassen Füßen offensichtlich am Ende des Tages mal wieder einen Strich auf der Weet-Feet-Day-Seite geben. Alleine in der ersten Stunde heute querte ich ganze acht Flüsse, die ich durchwaten musste.

Ich kam nur selten durch kleine Abschnitte von Wald. Die meiste Zeit ging der breite Track kilometerweit durch Ebenen voller rotbraun und gelbgolden leuchtender Gräser, deren Halme sich im Wind zur Seite bogen. Was für eine Weite sich mir hier auftat. Nicht zu vergleichen mit den atemberaubenden Ausblicken hoch oben von den schroffen Gipfeln und Pässen der südlichen Alpen hier, aber ich emfpand diese Szenerie, die einer afrikanischen Steppe gleichkam, dennoch unglaublich schön. Es machte Spaß hier zu laufen. Ich fühlte mich richtig gut.

Nach ganzen achtzehn Kilometern – ich hatte bislang noch keine Pause eingelegt – gelangte ich an den Ada River, einen etwas größeren Zufluss des Waiau River, den es zu furten galt. Sein Wasser strömte schnell und stellenweise in einigen Stromschnellen dahin. Etwas flussaufwärts vom Track fand ich dann eine gute Stelle zum furten.

Wenig später bog der Track dann vom Waiau River fort und folgte, nun leicht ansteigend, dem St. James Walkway in das Tal des Henry River, diesem Strom aufwärts folgend. Aus dem Tal blies ein noch kräftigerer Wind als zuvor und am Ende des Tals taten sich dunkle Regenwolken auf. Ich fragte mich, ob sich da etwa ein Sturm zusammenbraute. Aber bislang ist es tatsächlich nur beim starken Wind geblieben.

Den Henry River querte ich über eine rostige Hängebrücke. Das war schon abenteuerlich. Einfache Hängebrücken dieser Art hatte ich bislang zwar schon zuhauf überquert, aber diese hier wurde bereits aufgrund der starken Windböen hin- und hergeschaukelt, ohne dass es dafür noch eines Hikers bedürfte, der mit schwerem Rucksack versuchte die schwankende Brücke zu queren.

Wenig später erreichte ich dann nach knapp sechs Stunden ununterbrochenen Hikens um 13:15 Uhr bereits die Anne Hut. Eine wahnsinnig schön gelegene, mit zwanzig Betten ebenfalls größere Hütte, die aus großen Fenstern eine fantastische Aussicht über das weite Feld gelbgoldener Gräser im Tal hinunter zu den Bergen bietet. Der Wind pfiff zwar wie verrückt an der exponiert stehenden Hütte, aber drinnen war es urgemütlich.

Da es noch so früh am Tage war, wollte ich in der Anne Hut an sich nur eine Mittagspause einlegen und dann bis zur nächsten Hütte, der 17 Kilometer entfernten Boyle Flat Hut, weiterhiken. Während ich zwei Wraps mit Thunfisch aß studierte ich jedoch nochmal die bis nach Boyle Village verbleibende Strecke und entschied mich dann um.

Nach Boyle hatte ich von Wellington aus meine nächste Resupplybox geschickt und ich plante dort auch in jedem Fall im dortigen Outdoor Education Centre zu übernachten, um vor der sechs- bis achttägigen Etappe nach Arthurs Pass all meine elektronischen Geräte, insbesondere meine beiden Powerbanks, wieder mit Strom zu versorgen. Wie ich es auch drehte oder wendete, es ergab für mich wenig Sinn, heute noch unbedingt weiterzulaufen, wenn ich in Boyle übernachten wollte. Von der Anne Hut bis Boyle wären es laut Trailbeschreibung noch knapp zehn Stunden und nicht ganz 29 Kilometer. Das würde ich morgen definitiv schaffen. Alles, was ich heute noch lief, müsste ich zwar morgen nicht mehr laufen, dafür würde mir heute ein halber Restday in einer echt schönen Hütte durch die Lappen gehen. Zudem bräuchte ich, wenn ich blieb, den gedanklich für Boyle eingeplanten Restday nicht einzulegen und könnte von Boyle direkt am nächsten Tag weiter auf die Sektion zum Arthurs Pass starten.

Tja, so war mein Tag also ziemlich früh beendet. Ich nutzte die Zeit zunächst für meinen Blog. Soweit sind alle Artikel nun vorbereitet und müssen nur noch von mir, wenn ich das nächste Mal WLAN oder ein Mobilfunknetz habe, hochgeladen werden. Später, wenn die anderen eintreffen, werden wir vielleicht ein paar Runden Karten spielen – oder Jenga, denn tatsächlich hat jemand hier in der Hütte ein Jengaspiel zurückgelassen 😉

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