20
Apr
2018
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Neuseeland nach dem Trail: Ben Lomond, Hobbingen und der Sprung vom Skytower in Auckland

Eine Woche ist nun vergangen seit ich den Te Araroa in Bluff beendet habe. Und ehrlich gesagt, die Zeit nach dem Trail stellt sich für mich schon irgendwie als neuerliche Herausforderung heraus. War ja aber auch zu erwarten. Wie soll man auch ohne Weiteres nach viereinhalb Monaten tagtäglichen Hikens zurück in ein Leben gelangen, dass nicht daraus besteht, jeden Tag laufen zu gehen? An sich wollte ich nach einigen Restdays ein paar Tageshikes in die Berge unternehmen, aber nach dem ersten Hikingtag, an dem ich den Ben Lomond bestiegen habe, musste ich feststellen, dass meine Knie zumindest vorübergehend hinüber sind. Ich hoffe mit einer längeren Pause ist’s getan. Also kam für mich nur Ausruhen in Frage… Was das Zeug hält… Wie unspannend, dürft ihr jetzt in den Raum werfen 😉 Aber ich habe die Zeit immerhin noch genutzt um Queenstown kulinarisch ausgiebig zu genießen. Von Auckland aus habe ich dann das Hobbingen-Filmset besucht. Und für meinen Abflugtag habe ich mir spontan einen dann doch wieder aufregenden Abschluss meiner Neuseelandreise vorgenommen: den Sprung vom höchsten Gebäude der südlichen Hemisphäre, dem Skytower in Auckland…

Tja, irgendwie kam das Ende vom Trail dann doch ganz überraschend. Klar, ich hatte ungefähr eine Woche vor dem Trailende bereits gewusst, an welchem Tag ich voraussichtlich in Bluff ankommen und den Te Araroa beenden würde, aber so richtig wahrhaben wollte mein Kopf das dann doch nicht. Oder vielmehr, so richtig auf die Zeit danach wollte sich mein Kopf irgendwie nicht einstellen. Für mich gab es viereinhalb Monate lag nur den Trail und bis zum letzten Augenblick, als ich da vor diesem Schild am Stirling Point in Bluff saß, mir ungläubig an den Kopf fasste und mir ein paar Tränen aus dem Gesicht wischte, hatte sich daran auch nichts geändert. Ich war kopfmäßig allenfalls auf ein paar Restdays programmiert. Alles andere erschien für mich trotz der bitteren Wahrheit – der Trail würde zu Ende gehen – irgendwie unvorstellbar.

Erst in Queenstown, welches ich drei Tage nach Trailende aufgesucht habe, begann ich allmählich mehr und mehr zu realisieren, dass mein Abenteuer Te Araroa, diese wahnsinnige Reise, nun tatsächlich vorüber ist. Ich würde nun bald nach Deutschland zurückreisen.

Nach wie vor freue ich mich auch unheimlich auf mein Zuhause und ganz besonders auf meine Familie und Freunde. Ich gehe aber auch davon aus, dass ich zurück in Deutschland erst richtig damit zu kämpfen haben werde, dass der Trail vorüber ist. Die wirkliche Herausforderung des „Nach-dem-Trail-Klarkommens“ dürfte wohl erst in Deutschland beginnen, zumal ich mich ja nicht gleich wieder in die Arbeit oder etwas ähnliches stürze. Ich bin gespannt wie das funktionieren wird.

Die vergangenen Tage war es schon sehr befremdlich für mich, nicht jeden Abend ganz simpel die Trailnotes für den nächsten Tag zu lesen und mich mit dem Kartenmaterial für den nächsten Abschnitt auseinanderzusetzen. Das war ja meine tägliche Routine auf dem Trail. Und irgendwie vermiss ich selbst diese Kleinigkeiten doch sehr. So sehr, dass ich mich irgendwann doch tatsächlich dabei ertappt habe, dass ich im WorldWideWeb nach dem nächsten Long Distance Trail gesucht habe… naja, schau’n wir mal 🙂

Soweit zu meinem persönlichen Empfinden 🙂 Um euch daneben auch mal ein Update für alles sonstige zu geben, was an meinen in Neuseeland verbliebenen Tagen nach dem Trail passiert ist, hier noch ein paar Zeilen:

Nachdem ich zwei Nächte in Bluff und eine weitere in Invercargill geblieben bin und mich tatsächlich vor allem ausgeruht, noch etwas gefeiert und jede Menge gegessen habe, zog es mich am dritten Tag nach Trailende Richtung Queenstown am Lake Wakatipu. Die mitten in den neuseeländischen Alpen gelegene Kleinstadt, das sogenannte Adventure Capital von Neuseeland, hatte ich vor einigen Wochen auf dem Trail ja nur kurz passiert. Es war seinerzeit bereits abends gewesen als ich mit Anna in Queenstown eingelaufen bin. Wir hatten uns nur an der Uferpromenade ein Eis gegönnt und die Stadt dann auch bereits wieder verlassen. Mir selbst hatte der erste Eindruck von Queenstown allerdings recht gut gefallen. Daher erwählte ich die kleine, touristisch geprägte Stadt neben Auckland auch zu einen der beiden Spots, an denen ich meine in Neuseeland verbleibenden Tage nach dem Trail verbringen wollte. Ich wollte noch ein paar Tageswanderungen angehen, mich – ganz wichtig 😉 – weiter durchfuttern und, um mal was ganz anderes zum Trail zu machen, einen Bungeejump einlegen. Wäre der erste in meinem Leben geworden, aber es kam dann doch etwas anders.

Untergekommen bin ich in Queenstown übrigens in einem Pod-Hostel. Pods sind diese japanischen Kabinen, in denen sich ein breite King-Size-Matratze befindet. Ablagemöglichkeiten, Licht, Belüftung, Strom usw. verschaffen etwas Bequemlichkeit. Die Front der Kabine konnte ich über ein Rollo schließen und genoss so deutlich mehr Privatsphäre als in einem vergleichbarem 8-Bett-Hostelzimmer. Ich hab mich hier definitiv wohl gefühlt und würde solchen Kabinen bei ähnlichem Preis jederzeit den Vorzug zu einem normalen Bett im Hostel geben. Kann ich also empfehlen, wenn wennman wenn man auf preisgünstige Unterkünfte auf engem Raum steht 😉

Was das Futtern angeht hab ich Queenstown ziemlich genossen. Täglich ein gutes Frühstück, mittags meist irgendwo Kuchen oder Eis und abends bin ich dann günstig, aber gut, bei Dominos oder beim teureren Fergburger gelandet.

Fergburger! Davon hat der ein oder andere von euch vielleicht schon gehört. Eine Gormetburgerbude, die weltweite Bekanntheit durch ihre Burger erlangt hat. Es gibt einen ziemlichen Hype darum mit Berichterstattungen von CNN usw. Viele behaupten, dass Fergburger nicht nur die besten Burger Neuseelands macht, sondern des ganzen Planeten. Entsprechend gibt es vor dem Fergburger-Restaurant in Queenstowns Shotover Street auch zu beinahe jeder Tageszeit eine elendig lange Schlange, die aus dem Geschäft bis weit auf die Straße herausreicht.

Ich selbst musste etwa eine halbe Stunde warten, bis ich meine Burgerbestellung aufgeben konnte. Eine weitere halbe Stunde hab ich dann noch gewartet bis mein „Fergburger Deluxe“ durchgebraten war. Ein ziemliches Erlebnis, allein des Hypes wegen, der um diese Burger gemacht wird. Die Schlange vor dem Laden ist schon irre. Und das sich solche Typen wie ich dann auch noch in Massen freiwillig hinten anstellen und die Schlange weiter verlängern ist bei diesen Wartezeiten irgendwie schon verrückt…

Ach ja, geschmacklich interessiert jetzt bestimmt, ob es der beste Burger war, den ich je gegessen habe. Tja, also… Trommelwirbel! Meine Antwort ist schlicht: „Nö“. Aber er war dennoch verdammt gut. Der Burger in Bluff im Eagles Hotel am Abend des Trailendes war noch besser. Dafür waren die Pommes bei Fergburger besser als im Eagles Hotel 😉

Ich muss mich übrigens echt wieder daran gewöhnen, dass ich nicht mehr alles essen kann oder sollte. Mein Magen nebst meinem Hunger und Appetit ist unverändert aufs Hiken eingestellt. Ich hoffe das gibt sich bald. Ich pumpe gerade weiterhin ziemlich viel Pizza, Schokolade, Kuchen, Burger, Weingummis und Chips in mich hinein. All das gute Zeug halt – das ich ehrlich gesagt aber auch langsam, gaaaaaanz laaaaaaamnnngggsaaaaaammm etwas satt bin. Ich freue mich sehr auf richtiges, länger als zwei Minuten gekochtes und vor allem gesundes Essen 🙂 Meine Umstellung, was das angeht, sollte nun wohl auch recht zeitnah erfolgen, sonst geht meine in den letzten Monaten aufgebaute Fitness wohl wieder ziemlich schnell flöten…

Am zweiten Tag in Queenstown bin ich übrigens morgens auf den Ben Lomond aufgebrochen. Einen schrofferen Gipfel, der hinter Queenstown steil um knapp 1.400 Höhenmeter auf über 1.700 Meter ansteigt. Im Aufstieg ging es zunächst durch Wald, dann verlief der Track im subalpinen und später im alpinen Terrain. An sich sollte es eine Tagestour werden, aber offensichtlich bin ich nach dem Te Araroa ziemlich in Form. Für mich war es ein Halbtagestrip und das obwohl ich statt von der 400 Meter höher gelegenen Seilbahnstation, von welcher der Day Hike eigentlich startet, direkt von unten in Queenstown von meinem Hostel startete.

Der Trip war richtig schön. Ein toller Ausflug auf einem guten Track, der hinter der Baumgrenze viele fantastische Aussichten hinunter nach Queenstown, den Lake Wakatipu und die Remarkables-Mountain-Range auf der gegenüberliegenden Seeseite bot. Und bei meinem Trip rauf spielte auch das Wetter ganz gut mit. Kurz vorm Gipfel trieb mir der kalte Wind zwar einige Schneeflocken ins Gesicht, aber Sicht und Lichstimmung waren wieder mal fantastisch. Der in den letzten Tagen so häufig zu sehende Regenbogen war auch wieder mit dabei 😉

Nach kurzer Pause, windgeschützt hinter einem Felsen knapp unterhalb des Gipfels, bin ich recht schnell wieder abgestiegen. Und da merkte ich sie wieder: meine Knie… unten in Queenstown angekommen war ich echt wieder humpelnd unterwegs. Oooookkkkaaaaayyyyyy, dachte ich. Würden meine Knie sprechen können, würden sie vermutlich sagen, ich spinne und ich sollte erstmal alle Aktivitäten auf Eis legen. Und das tat ich auch. Bis Bluff wäre ich echt gekrochen, aber nun sah auch ich keine Notwendigkeit mehr für weiteren Verschleiß.

Keine weiteren Bergbesteigungen also und auch der angedachte, die Knie belastende Bungeesprung wurde von meiner Liste gestrichen. Ich lief statddessen die kommenden Tage gemütlich durch Queenstown und dessen schönen botanischen Garten, der in herbstlichen Farben leuchtete, ehe ich am vierten Tag nach Auckland flog, wo ich noch zwei weitere Nächte verbrachte.

Für Auckland hatte ich zunächst nur für den einzigen vollen Tag, den och hatte, einen Besuch vom Hobbingen-Filmset eingeplant. Das Set liegt etwa drei Fahrstunden von Auckland entfernt und ich war echt glücklich kurzfristig noch einen Veranstalter gefunden zu haben, der die Tour garantiert durchführte.

Es war eine lustige Fahrt. Dave, unser Fahrer, wusste uns mit einer schieren Vielzahl an Infos zu Neuseeland echt gut zu unterhalten, weshalb die Zeit bis zum Filmset doch wie im Fluge verging. Ich war in einer kleinen Gruppe von 16 Touristen unterwegs, darunter auch Roleen aus Südafrika, mit der ich mich recht gut verstand. Sie war wie ich ebenfalls total begeistert vom Set und ein ziemlicher Fan.

Das Hobbingen-Filmset selbst liegt auf einer betriebenen Schaf- und Rinderfarm in wunderschöner hügeliger Landschaft inmitten von saftig grünen Wiesen. Man erhält dort eine Führung von ungefähr zwei Stunden und besichtigt dabei das ganze Gelände mit seinen 44 (!) Hobbithöhlen, dem Partybaum von Bilbos Geburtstagsparty, das Green Dragon-Inn usw.

Die Höhlen selbst sind nur von außen hergestaltet. Die Innenszenen wurde alle im Studio gedreht. Es befinden sich also tatsächlich hinter den Türen keine wirklichen Hobbitbehausungen. Dennoch war der Besuch vom Filmset total lohnenswert. Alles war so detailliert, bis hin zur Hobbitwäsche auf der Leine. Ich fühlte mich ohne Frage echt nach Hobbingen hineinversetzt.

Ein unglaublicher Fakt: man baute das Filmset für die Hobbit-Filme aus permanenten Materialien in insgesamt zwei Jahren auf. Für die Herr-der-Ringe-Trilogie hatte man noch mit temporären Materialien gearbeitet und seinerzeit das Farmgelände entsprechend der Weisung des Farmbesitzers nach Abschluss der Dreharbeiten wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Die Hobbit-Filme gaben nun die Gelegenheit das ganze permanent neu aufzubauen. Und den zwei Jahren Bauzeit standen dann ganze zwölf Drehtage gegenüber… welch ein unglaublicher Aufwand.

Hier noch ein Haufen an Fotos aus Hobbingen, natürlich auch von Frodos und Bilbos Heim Beutelsend:

Solltet ihr mal in Neuseeland sein, unbedingt aufsuchen. Selbst wenn ihr kein Fan der Herr-der-Ringe- oder der Hobbit-Filme seid. Es lohnt sich allein der tollen Landschaft wegen.

Tja, das war mein erster Tag in Auckland. Mein zweiter Tag war dann nochmal aufregend. Ich hatte die ganze Zeit überlegt wie ich diese Reise nach Neuseeland noch abschließen kann. Irgendwas ganz anderes als Hiken sollte es sein. Der Bungeesprung in Queenstown von einer 43 Meter hohen Brücke wäre so etwas gewesen, aber die Belastung wollte ich für meine Knie nicht eingehen. In Auckland bin ich dann aber noch spontan fündig geworden: und statt 43 Meter ging es deutlich höher hinaus. Ich habe mir den Sprung vom höchsten Gebäude der südlichen Hemisphäre, dem Sky Tower in Auckland, als Abschluss ausgesucht.

Der Skytower selbst ist 328 Meter hoch. Und ich bin heute früh aus 192 Metern in die Häuserschluchten von Auckland hinabgesprungen. Irre und sooooo geil 🙂 Und ohne Belastung für die Knie, da im Gegensatz zum Bungeesprung das Seil nicht an den Füßen befestigt wird, sondern am gesamten Körper mittels eines Klettergeschirrs. Kurz vorm „Aufprall“ stoppte mich das Seil, an dem ich hinuntersprang, auf den letzten zehn Metern relativ abrupt ab. Es gab also auch nicht dieses Zurückfedern wie beim Bungee. Beworben wird der Sprung vom Skytower daher auch als Basejump am Seil 🙂 wie auch immer es heißt: sche***, ich hatte echt etwas Muffensausen im Vorfeld. Und fu**, war das geil.

Dieses flaue Gefühl in der Magengegend hatze sich bei mir übrigens bereits eingestellt als ich ne knappe Dreiviertelstunde vor meinem Sprung von unten den Skytower heraufblickte. Schien echt ziemlich hoch… Wie würde das wohl oben sein, fragte ich mich. Blöde Frage allerdings. Ich wusste natürlich genau wie das oben sein würde. Das Herz würde mir beim Blick von oben hinab sicher noch etwas mehr in die Hose rutschen – zumal ich nicht gänzlich frei von Höhenangst bin. Das glaubt wahrscheinlich keiner bei all meinen Kletterausflügen, Bergbesteigungen und Hochtouren, aber es ist so. Daneben steh ich aber auch auf den Nervenkitzel und glaube daran, dass man sich seinen Ängsten durchaus stellen sollte oder darf… Und das bedeutete für mich nun spontan den Sprung vom höchsten Turm der südlichen Hemisphäre 🙂

Noch etwas Gutes gibt es zu berichten: ich wurde vor dem Sprung gewogen und ich wiege tatsächlich wieder über 70 Kilogramm und bin damit nahe meines Ausgangsgewichts von vor dem Trail. Seit diesem massiven Gewichtsverlust auf den ersten Wochen des Trails konnte ich mich ja nicht mehr wiegen. Damals hatte ich ja nur noch knapp über 60 Kilo gewogen. Offensichtlich hat meine radikale Ernährungsumstellung auf dem Trail dann doch geklappt und ich hab den Gewichtsverlust nicht nur aufhalten sondern sogar wieder an Gewicht zulegen können.

Am Nachmittag vor meinem Abflug am Abend hab ich übrigens noch Elizabeth und Mckenzie getroffen. Wie cool die beiden nochmal wiederzusehen. Das letzte Mal hatten wir uns ja in den Tararua Ranges am Ende der Nordinsel gesehen. Und das war vor etwa drei Monaten. Ich bin mir sicher, wir werden uns auch nochmal wiedersehen.

Soweit von meinen Tagen nach dem Trail. Nun bin ich am Flughafen in Auckland. Und gleich geht es über Shanghai in Richtung Frankfurt.

Zurück in Deutschland werde ich dann wohl auch erstmal ein paar Arzttermine machen müssen. Für Südamerika stehen doch einige Impfungen an. Und ich muss meinen Ellbogen nochmal checken lassen. Seit etwa drei Wochen habe ich an der Stelle, an der ich ihn mir angeschlagen habe, wieder einen steten Schmerz. Nicht, dass ich mir möglicherweise doch meinen Knochen etwas zersplittert habe als ich nach dem Goat Pass gestürzt bin und mein linker Arm eine Weile out-of-order war. Oh, und ich muss dringend was mit diesen Haaren machen. Also ab zum Friseur 😉

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