23
Feb
2018

Tag 91 Upper Traverse Hut bis Blue Lake Hut (15 Kilometer)

Was für ein Tag! Einer der besten Tage auf dem Te Araroa bislang! Ich bin um 4:45 Uhr aufgestanden und von der Upper Traverse Hut mit meiner Stirnlampe in völliger Finsternis durch das alpin-felsige Terrain des Mount Traverse 450 Meter auf dessen Sattel hinaufgestiegen, um oben den Sonnenaufgang zu genießen. Und das hat geklappt. Was für eine wahnsinnige Szenerie hier oben mit den unzähligen schroffen Berggipfeln, den Tiefblicken ins Tal hinab und der Sonne, deren erste Strahlen die Bergspitzen streiften. Anschließend bin ich im steilen Hang über 1.000 Meter in das Sabine Valley hinabgestiegen und von dort durch märchenhaften Wald am Strom des Sabine River stromaufwärts wieder auf 1.200 Meter zum Blue Lake, einem von mächtigen Berggipfeln eingerahmten See, der das klarste Wasser der Welt aufweist, aufgestiegen…

Am gestrigen Abend habe ich mich spontan dazu entschieden, am heutigen Morgen gegen 5 Uhr mit der Stirnlampe durch die Dunkelheit auf den Traverse Saddle aufzusteigen. Es hatte gutes Wetter am Abend und ich hoffte darauf, dass dieses anhalten würde, damit ich am nächsten Morgen in der alpinen Bergwildnis auf dem Sattel unterhalb der Spitze des Mount Traverse den Sonnenaufgang erleben könnte. Nach etwas Überlegen schloss sich Eric meinen Plänen an und später auch Catherine, eine Neuseeländerin, die einige Teile der Südinsel hikt. So hieß es für uns am Vorabend zunächst einigermaßen früh schlafen zu gehen. So gegen zehn Uhr lag ich im Schlafsack.

Boah, was habe ich schlecht geschlafen. Zwar hat keiner geschnarcht, aber dennoch hatte ich eine unruhige Nacht. Ich bin so oft mitten in der Nacht aufgewacht und dachte, dass es schon Zeit wäre aufzustehen, dass ich mir den Versuch des Schlafens eigentlich auch gleich hätte sparen können. Egal, irgendwann war es dann tatsächlich 4:45 Uhr. Auf meinen Wecker konnte ich verzichten. Ich lag eh wach und bin direkt mit Eric und Catherine zusammen aufgestanden.

Ich packte schnell meine Sachen zusammen und dann machten wir uns um 5:15 Uhr auf den Weg. Draußen war es abgesehen von den über uns leuchtenden Sternen und den Lichtern unserer Stirnlampen stockfinster. Wir hatten etwa anderthalb Stunden bis zum Sonnenaufgang und bis dahin knappe zwei Kilometer Wegstrecke in der Finsternis durch unwegsames, felsiges Terrain mit einem ordentlichen Anstieg von 450 Höhenmetern zurückzulegen. Ich ging voraus und suchte mit meiner Stirnlampe nach und nach eine Markierungsstange nach der anderen im felsigen Gelände. Wir stiegen in der Dunkelheit steil hinauf, über Blockfelder und an riesigen Felsen vorbei, immer Richtung Sattel hoch.

Um 6:30 Uhr erreichten wir die Sattelhöhe. Es morgengraute bereits und nach und nach bekamen wir eine immer bessere Sicht auf die majestätischen Gipfel um uns herum, insbesondere auf den Mount Traverse, in dessen Hängen geschützt noch kleinere Schneefelder lagen. Nicht eine Wolke befand sich am Himmel und es war bitterkalt.

Ich trug so ziemlich alle wärmenden Klamotten, die ich hatte: mein Merinoshirt, meinen Hoodie, meine Polartecjacke, ein Merinotuch als Schal und erstmals auch meine Merinohandschuhe. Das war bitter nötig, denn wir blieben hier oben fast zwei Stunden, genossen den Sonnenaufgang und die Aussicht auf die fantastische Bergwelt. Für perfekte Fotos fehlten zwar die nötigen Wolken am Himmel, aber es war dennoch atemberaubend schön zum Morgengrauen und Sonnenaufgang hier oben zu sein und vorher durch die Finsternis aufgestiegen zu sein.

Meine Füße drohten hier oben allerdings gefühlt abzufrieren. Ich hatte mich relativ frühzeitig nach Erreichen des Sattels aufgrund meiner ohnehin durchgeweichten Socken und Schuhe dazu entschieden, für eines meiner Fotos in einen kleinen See zu steigen, um die Reflektion der Berge auf der Wasseroberfläche einzufangen. In dem Eiswasser hatte ich dann vollends nasse Schuhe und Füße erhalten. Ich wechselte zwar aus den nassen Schuhen und Socken in trockene Socken und, so lange ich mich hier oben aufhielt, in meine Outdoorsandalen, dennoch blieben meine Füße bis eine gute Stunde nach dem späteren Wiederloslaufen schweinekalt.

Während Catherine sich nach knapp anderthalb Stunden an den Abstieg machte, frühstückten Eric und ich hier oben noch, während die Sonne langsam über die Berggipfel stieg und den Sattel nach und nach in wärmendes Licht tauchte. Ich genoss zum Frühstück zwei Wraps mit Salami und Käse, dann machten wir uns an den horrenden Abstieg von der Sattelhöhe auf 1.787 Metern hinab auf 687 Meter mit einem durchschnittlichen Gefälle von 50 Prozent.

Der Abstieg, in dem ich zunächst vorauseilte und alleine, später nach kurzer Pause dann wieder mit Eric lief, war ungemein hart. Es ging durch das alpine Terrain und durch Wald einfach absolut steil ins Sabine River Valley hinab ehe es später auf flacherem Pfad zur West Sabine Hut ging. Mein rechtes Knie begann nach der Hälfte des Abstiegs ungemein zu schmerzen. Das war schon mal sehr ungewohnt für mich. Für gewöhnlich hatte ich Schmerzen im Knie eher selten. Ich versuchte den Schmerz zu vermeiden, indem ich die belastenderen Schritte und Sprünge im Abstieg weitestgehend mit meinem linken Bein und Knie abfing.

Um 11 Uhr gelangten wir nach acht Kilometern Hikens an die West Sabine Hut. Eric und ich legten eine Pause von einer knappen Stunde ein und aßen ein frühes Lunch. Ich vertilgte hier ein Paket Instant-Nudeln, die ich mit einer Tomatencremésuppe vermischte und schob noch einen Schokoriegel hinterher.

Nach der Pause ging es durch schönen Wald am Sabine River stromaufwärts und damit zunächst wieder gemächlich ansteigend durch das Sabine Valley, das zur einen Seite von der Franklin Range und zur anderen von der Mahanga Range eingerahmt wurde. Nach und nach kamen in der Ferne die schroffen Gipfel der Spenser Mountains in Sicht.

So wir nicht Blockfelder im Hang an der Seite des Flusses zu queren hatten, verlief der Track weitestgehend durch wunderbar moosigen Wald. Wahnsinnig schön. Zahlreiche klare Bergbäche plätscherten über den Weg oder strömten über diesen hinweg. Dieses einfach märchenhaft anmutende des Waldes mit den vielen Moosen kann man auf Fotos gar nicht richtig einfangen. Es war einfach fantastisch anzusehen.

Besonders angetan hatte es uns eine Stelle mit riesigen quer liegenden Felsbrocken zwischen traumhaft bemoosten Bäumen, unter denen sich eine größere Höhle mit Stehhöhe befand. Nur zehn Meter entfernt fand sich auch der dahinströmende Sabine River mit seinem kristallklaren Wasser. Was für ein schöner Ort. Wir legten eine längere Pause ein und ich überlegte glatt in der Höhle mein Lager für die Nacht aufzuschlagen. Da dies einen wahnsinnig harten Tag mit einigen hundert zusätzlichen Metern im Aufstieg am nächsten Tag bedeutet hätte, verwarf ich diese Überlegungen jedoch wieder.

Später gelangten wir mehr und mehr wieder in das alpine felsige Terrain mit atemberaubenden Ausblicken auf die umliegende Bergwelt mit ihren beeindruckenden schroffen Felsgipfeln. Von den Hängen, die weiter unterhalb von dichter Vegetation bedeckt waren, rauschten riesige Wasserfälle hinab ins Tal und in den Sabine River. Der Weg wurde hier nach und nach steiler. Diese Landschaft erinnerte mich hier schon wahnsinnig an die europäischen Alpen. Aber nicht umsonst wurde der Gebirgszug, der sich auf Neuseelands Südinsel komplett von Süden nach Norden erstreckt, bei seiner Benennung seinerzeit ja auch aufgrund seiner Ähnlichkeit zu den europäischen Alpen die südlichen Alpen genannt.

Gegen 15:30 Uhr erreichten wir nach einem harten, aber fantastischen Tag und wiederum über 500 Metern Aufstieg und 7 Kilometern seit der West Sabine Hut die auf 1.200 Höhenmetern gelegene Blue Lake Hut. Mein Knie schmerzte höllisch und ich bewegte mich seit langer Zeit tatsächlich mal wieder nur humpelnd fort nach Beendigung meines Wandertages.

Mit Eric ging bzw. humpelte ich noch hinunter zum nur knapp 100 Meter von der Hütte entfernten Blue Lake. Dieser weist auf der ganzen Welt das klarste Wasser auf und das konnte man auch direkt sehen. Der See liegt eingerahmt von den majestätischen Gipfeln zwischen den Bergen und sein klares Wasser erlaubt den Blick hinunter bis auf dessen zugegeben nicht sehr tiefen Grund hinab.

Im See selbst ist das Baden verboten, aber wir sprangen dann an einem Fluss, der vom See gespeist wurde, einfach zwischen den Felsen in einen etwas tieferen Pool hinein. Es war eiskalt, tat aber wahnsinnig gut und für kurze Zeit hörte tatsächlich sogar mein Knie auf zu schmerzen.

Zurück in der Hütte habe ich zunächst etwas gegessen. Ich hatte nach diesem Tag einen wahnsinnigen Appetit und genehmigte mir einen weiteren Wraps mit Käse und Salami ehe ich mir eine gute Stunde später dann am Abend in meinem Kochtopf meine restliche Salami kleingeschnitten anbriet und eine Großpackung Käsemacharoni zum Abendessen unterrührte. Zum Nachtisch gab es dann eine Kreation aus eiskaltem Wasser, zwei Instant-Caramell-Latte, einer ordentlichen Portion Milchpulver und einer halben Packung Joghurtpulver mit Pfirsichgeschmack. Geil, das schmeckte wie Eiskaffee!

Tja, zum morgigen Tag: mit dem Waiau Pass steht einer der härtesten Pässe des Te Araroa und dessen zweithöchster Punkt an. Ich bin sicher es wird ein fantastischer Tag. Ich hoffe nur, dass meine Beine und vor allem mein rechtes Knie morgen mitspielen. Drückt die Daumen 😉

So und vom bislang schönsten Tag auf dem Te Araroa gibt es hier nun noch weitere Fotos:

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