21
Feb
2018

Tag 89 St. Arnaud bis Lakehead Hut (11 Kilometer)

„Blauer Himmel!“ So hieß es zumindest am Morgen. Zyklon Gita ist in seiner Zugbahn unerwartet südlich an uns vorbeigerauscht und hat dort ein ziemliches Chaos angerichtet. In den Gebieten, die ich in etwa einer Woche erreiche, ist Land unter und dort sind teilweise auch die Pässe wie z.B. der Arthurs Pass gesperrt, aber auf dem Traverse Saddle und dem Waiau Pass, die ich in den kommenden Tage erklimme, dürfte alles begehbar sein. Wir haben also unerwartet Glück gehabt und ich bin daher heute endlich wieder auf den Trail aufgebrochen, wenn auch nur für elf Kilometer…

Da wir gestern Abend einiges an Bier hatten, bin ich heute erst spät und gemütlich in den Tag gestartet. Nach den letzten Wettervorhersagen vom Vorabend hatte ich erwartet wegen schwerem Regens erst am späten Mittag loszukommen und daher ohnehin nur vor, mit den anderen bis zur gerade mal drei Stunden entfernten Lakehead Hut am Südende des Lake Rotoiti zu gelangen. Das würde für die kommenden Tage auch von den Etappen zwischen den Hütten ganz gut passen, denn sowohl für die Überschreitung der St. Arnaud Range über den Traverse Saddle als auch der Spenser Mountains über den Waiau Pass waren jeweils volle Tage einzuplanen. Meiner Planung nach könnte ich morgen in knapp acht Stunden zur Upper Traverse Hut gelangen, übermorgen den Sattel überschreiten und an der Blue Lake Hut unterkommen und dann am Tag darauf den Waiau Pass angehen.

Geweckt wurde ich heute morgen mal ungewohnt unfreundlich. Um kurz vor 8 Uhr kam nämlich der Hostelbesitzer in mein 6-Bett-Zimmer, in dem noch alle schliefen, gestürmt. Ohne „Good Morning everyone!“ hieß es einfach rüde „Man, it is eight in the morning and there is a blue sky out there. I remind you that you have to leave at ten.“ Okay, das passte irgendwie zum Auftreten der vergangenen Tage. So richtig freundlich kam der Hostelbesitzer da auch nicht daher. Egal, ich war nun wach und stand auf.

Während unten in der Hostelküche mein Toast im Toaster bräunte und ich derweil Eier und Speck in der Pfanne anbriet, hatte es draußen auch tatsächlich einen weitestgehend blauen Himmel. Das war unerwartet. Die Wettervorhersage hatte von weiterem ununterbrochenen Regen gekündet. Aber irgendwie ist Zyklon Gita, in dessen Zugbahn wir genau liegen sollten, ja auch ein Stück an uns vorbeigerauscht.

Ich hatte mich schon etwas geärgert. In diesen Konditionen hätte ich an sich direkt zur Upper Traverse Hut unterhalb des Traverse Saddle hiken wollen, aber dafür hätte ich früher auf den Trail gemusst. Da es nach dem Frühstück dann allerdings doch wieder begann zu regnen und es den Tag über auch immer nur für ein paar wenige Minuten mit dem Regen aufhörte, war das wieder hinfällig. Die Entscheidung, es heute gemütlich angehen zu lassen, war die richtige.

Um Punkt 10 Uhr verließ ich das Hostel und traf mich mit den anderen nochmal im Café am Grocery Store zur kurzen Lagebesprechung. Während Danelle, Tina und Foxy zur zweiten Hütte hiken wollten, entschlossen Dylan, Wietse, Eric, Karima und ich uns dazu, in dem Regenwetter nur zur ersten Hütte zu gehen und den Trail über die zweite Hütte zur Upper Traverse Hut dann in dem angekündigten schönen Wetter morgen zu genießen. Auf Anna, die gestern ja schon bereits weitergehikt war und vermutlich heute zur Upper Traverse Hut gelangen würde, würde ich dann später versuchen aufzuschließen.

Vor dem nächsten Einstieg in Neuseelands Bergwildnis und einer langen Etappe von eintönigem, meist dehydriertem Essen gönnte ich mir im Café noch eine heiße Schokolade und einen Carrot Cake. Essenstechnisch hab ich die Zeit in St. Arnaud damit definitiv ziemlich ausgenutzt. Ich habe keine Gelegenheit zum Genuss und zur Kalorienzufuhr verstreichen lassen 😉

Um 11 Uhr brach ich dann auf. Es regnete weiterhin als ich dem Track vom am Nordufer des Lake Rotoiti gelegenen St. Arnaud auf der östlichen Uferseite des Sees in Richtung Süden hinunter folgte.

Gerade mal drei Stunden einfachen Hikens auf einem weitestgehend flachen Track standen nun für mich an. Das würde auch im Regen entspannt werden und beinahe einem weiteren Restday entsprechen. Mein Rucksack wog zwar abermals schwer, da ich mit dem Essen, was ich von den Richmond Ranges noch über hatte, und meiner Resupply Box für acht Tage beinahe das mit mir trug, was ich von Havelock aus in die Richmond Ranges getragen hatte: Essen für knapp zwölf Tage. Ich schätzte meine Vorräte jetzt auf nur wenig geringer ein. Ich hatte etwas aussortiert, aber Essen für zehn Tage dürfte ich mit mir tragen. An sich unnötig. Die Etappe bis Boyle sollte sechs bis acht Tage betragen, aber ich denke ich kann die ein oder andere Extraportion Essen weiterhin vertragen und nehme das zusätzliche Gewicht daher in Kauf.

Ich war wahnsinnig froh wieder loszulaufen. Nach dem Tag gestern, an dem ich teilweise echt versucht habe, die Zeit etwas totzuschlagen, hatte ich wenig Lust, noch viel weiter rumzusitzen und so genoss ich trotz schweren Rucksacks die Schritte auf dem Track und die Natur um mich herum.

Der Track selbst erinnerte mich in weiten Teilen an einige der heimischen Waldwege in Deutschland. Das war hier nun kein subtropischer Wald mehr, sondern ein Laubwald mit mäßig verwurzeltem Track, dessen Böden über und über belaubt waren. Das kam mir auf jeden Fall ziemlich bekannt vor, vor allem in diesem Wetter. Große Regenpfützen hatten sich auf dem Track gebildet und ich sah mich hier an die Regenspaziergänge mit Finja im Wald erinnert. Das einzige, was nicht passte – neben dem Umstand, dass Finja nicht um mich herumtollte und ich einen schweren Rucksack mit Trekkkingausrüstung statt einen Beutel mit Hundeleckerlies trug – waren die teilweise über den Track führenden Sturzbäche, die in das klare Wasser des Lake Rotoiti strömten und zu furten waren.

Über weite Strecken war der Track später überschwemmt. Der andauernde Regen hatten nicht nur tiefe Pfützen und kleine Seen oder Wasserlöcher zwischen den Wurzeln der Bäume gebildet. In den flachen An- und Abstiegen des Tracks spülten mir später kleine Sturzbäche entgegen. Damit hielt der Te Araroa auch heute das Versprechen nasser Füße 😉

Nach ziemlich genau drei Stunden erreichte ich am Ende des von den Bergen eingerahmten Sees dann auch die Lakehead Hut: eine der größeren DOC-Hütten mit insgesamt 24 Matratzen.

Offensichtlich handelt es sich hier bei dem Trek über den Waiau Pass, der auch als eines der Highlights vom Te Araroa beschrieben wird, um eine auch jenseits von Te Araroa-Hikern beliebte Tour. Die Hütte füllte sich entsprechend auch noch im Verlaufe des Nachmittags und Abends mit weiteren Hikern. Ich schätze wir sind mittlerweile an die 16 Leute hier und das dürfte sicher auch in den kommenden Tagen in den Hütten so sein. Meine Erfahrungen von Norwegen, richtig isoliert zu sein, und eine oder auch ganze zwei Wochen lang keine Menschenseele zu treffen, werden sich hier in Neuseeland offenbar auch auf der Südinsel nicht wiederholen. Das hatte ich so tatsächlich gar nicht erwartet. Davon ab ist es aber auch eine schöne Erfahrung abends in Gesellschaft zu sein. Ich habe viele meiner Mithiker schon echt gern gewonnen hier.

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