30
Jun
2019
10

Tag 9 Cape Wrath Trail – Was für ein harter Tag! Von Abhainn Srath na Sealga bis zu den Ruinen von Glen Douchary (30 Kilometer)

Nach heute weiß ich, es ist nicht nur das Gelände, was den Cape Wrath Trail zu einem so harten Trail macht. Auch das Wetter trägt seinen Teil dazu bei. Bis auf wenige Pausen, die sich mit meist fünf bis zehn Minuten jedoch äußerst kurz hielten, peitschte mir den ganzen Tag Regen und Sturm ins Gesicht. Und das auf teilweise harten Teilstücken. Ich bin zwar zeitweise auf einigen guten Tracks und Schotterwegen unterwegs gewesen, besonders im Hochland – dort wo es halt so richtig gemütlich war – bahnte ich mir mein Vorankommen jedoch oft auch weglos im Gelände. Nach den 30 Kilometern heute und den gut 1400 Metern im Auf- und Abstieg liege ich ziemlich platt in meinem mittlerweile echt heftig regen- und windumtosten Zelt. Hier mein Bericht vom Tag…

Was für eine tolle Nacht im Zelt. Ich bin zwar einige Male aufgewacht, hab aber dennoch richtig gut geschlafen. Aufgewacht bin ich die einigen Male letztlich auch nur, weil meine Isomatte irgendwie knartscht. Das tut sie schon seit irgendwann in Neuseeland. Ich glaube das ging los als ich mein Zelt und auch den Zeltinnenboden nach der Nacht im Zyklon auf dem Timber Trail mit so nem Silikon-/Waterproofspray behandeln musste. Danach ist es mir zumindest zum ersten Mal aufgefallen. Denke ich jedenfalls.

Zum Frühstück verzichte ich heute auf die ach so geliebte Vanilleproteinpulver-Knuspermüslimischung und mache mir stattdessen eine Portion Instantnudeln mit Hühnchengeschmack. Ach ja, klar, einen Kaffee natürlich noch. Bin ja ein Kaffeejunkie und solang ihn mir keiner ans Zelt bringt – was hier draußen, wenn man alleine unterwegs ist, irgendwie wohl ziemlich unwahrscheinlich ist – muss ich ihn mir leider wohl selbst machen. Vielleicht fühlt sich ja aber einer von euch demnächst auserkoren?! Ich revanchiere mich auch mit Haribos am Abend und reiche euch Tagesrationen an Schokoriegeln, wenn benötigt.

Gestern Abend hab ich übrigens einfach noch in meinem Zelt gelegen und tatsächlich dem Rauschen des Windes und des Flusses gelauscht. Ist schon voll schön anzuhören, wenn man so gemütlich im Zelt liegt. Ich wollte eigentlich währenddessen noch meine Fotos von den vergangenen beiden Tagen aussortieren, aber: mein Speicherkartenleser ist offenbar kaputt gegangen. Naja gut, das Ding hab ich ja jetzt auch zwei Jahre intensiv genutzt. Ich bekomme ohne nur gerade gar keine Bilder auf mein Tablet und daher werden die kommenden Blogartikel vom Cape Wrath Trail vermutlich auch etwas auf sich warten lassen. Sorry about that. Schreiben tue ich natürlich trotzdem unentwegt. Ich lad die Artikel halt erst hoch, wenn ich sie mit Fotos versehen hab…

Ach ja, die Midges! Waren ungefähr ab halb neun da und draußen war es dann nicht mehr zum Aushalten. Alleine an meinem Innenzelt tummelten sich hunderte und versuchten reinzugelangen. Einige Dutzend der kleinen Plagegeister sind auch reingekommen als ich spät abends noch mal zum Zähneputzen vors Zelt bin. Ich hab erst versucht mit dem Moskitonetz überm Kopf zu schlafen. Das war aber nicht meins. Letztlich hab ich mir etwas von der Moskitochemiekeule ins Gesicht gerieben und siehe da: es hielt bis zum Morgen.

Mein Aufbruch ist heute morgen um neun. Ich war zwar schon um sieben wach, aber ich hab mir etwas Zeit gelassen mit dem Abbau des Zelts. Die eigentliche Etappe für heute bis Inverlael ist an sich auch nur 18 Kilometer lang. Zudem regnet es schon den lieben langen Morgen und es hat einige echt kräftige Windböen draußen. Trotz meiner halbwegs geschützten Lage hier inmitten der Bäume reißen die Böen schon kräftig an meinem kleinen Einmannzelt. Bei solchen Bedingungen ists natürlich viel gemütlicher im Zelt zu bleiben. Ich mag es ja eh, wenn der Regen aufs Außenzelt prasselt.

Als ich dann aber doch loslaufe peitscht mir der Regen und der Wind natürlich direkt ins Gesicht. Er kommt zumindest von schräg vorne als ich über einen Schottertrack den ersten Anstieg des Tages um rund 400 Höhenmeter bewältige und mich damit nur noch knapp unterhalb der niedrighängenden Wolken befinde.

Der steilste Part ist gleich zu Beginn und so komme ich in meiner vollen Regenkluft auch direkt schön ins Schwitzen. Während die Windböen die ganze Zeit über anhalten, hört es ab und an für wenige Augenblicke auf zu regnen und ich kann so wenigstens die Regenkapuze mal vom Kopf streifen, was gleich viel angenehmer ist, wenn einem warm ist. Schade, dass es direkt nach wenigen Minuten gleich wieder zu regnen beginnt…

Trotz der Höhe, in der ich hike, ist die Aussicht meist ziemlich bescheiden. Nur ab und an erhalte ich etwas Sicht in die Landschaft und kann ein paar Fotos schießen. Derweil höre ich die letzten beiden Teile des gestern begonnenen Hörspiels „Das Fundament der Ewigkeit“ von Ken Follet. Wegen des starken Winds drehe ich die Lautstärke ziemlich auf.

Das Hörspiel ist eine Eigenproduktion des WDR und wie viele dieser Produktionen sehr gut gemacht. Die spannende Buchvorlage und die vielen bekannten Sprecher machen es zu einem Highlight der zuletzt von mir gehörten Hörspiele. Klare Empfehlung von mir!

Doch zurück in die schottische Landschaft und die bislang mangelnde Sicht. Sie wird etwas besser. Aber erst nach meinem Abstieg übers Gleann Chaorachain, in dem ich eine schöne alte Steinbrücke über den Dundonell River quere.

Direkt auf der anderen Talseite folgt der zweite größere Anstieg des Tages um die nächsten 400 Höhenmeter. Diesmal weniger auf einem guten Track und mehr auf einem schmalen, ziemlich rauhen Pfad, der sich zunächst auf ziemlich matschigem Grund durch einen Farnwald im Hang schlängelt. Der Pfad wird zwar offensichtlicher als er ein kurzes bewaldetes Stück passiert, der Matsch aber bleibt. Schlimmer wird es jedoch hinter dem kurzen Waldstück. Der nun auf sechs bis sieben Kilometern durchs offene Gelände führende Pfad ist immer noch gut erkennbar, aber hier im Hochmoor im Regen zwischen vielen kleinen und größeren Seen ist nun natürlich richtig Land unter. Es dauert nicht lange und meine Schuhe sind durch… Der Wind, der mir den Regen in immer kräftiger werdenden Böen von der Seite oder von vorne ins Gesicht peitscht, macht es natürlich noch mal ungemütlicher.

Nach gut zwei Stunden hier oben kann ich für einen kurzen Augenblick als die Wolken auseinanderreißen unten im Tal die wenigen Gebäude von Inverlael sehen. Endlich. Ich bin ziemlich durch. Ich hoffe darauf, dass es unten zumindest ein Bushaltestellenhäuschen oder sowas ähnliches gibt, wo ich wenigstens für einen Moment aus dem Wind und Regen raus kann.

Der Abstieg zieht sich. Es geht immerhin wieder bis Meeresniveau runter, da Inverlael am Ende eines Fjords, des Loch Broom, liegt. Ich muss einen großen Bogen hier oben im Hochland schlagen, um nach Inverlael hinunterzugelangen. Glücklicherweise geht der Track irgendwann in einen 4WD-Track über, auf dem ich schneller vorwärts gelange.

Eine letzte Weide mit grasenden Schafen noch queren, zwei Asphaltkilometer und dann bin ich kurz vor den vielleicht einem halben Dutzend Häuschen von Inverlael. Und wie gerufen steht da doch tatsächlich so ein Bushaltestellenwartehäuschen. Busse fahren hier wahrscheinlich nicht ab. Dafür erscheint mir Inverlael mit seinen paar Häusern viel zu klein und ein Fahrplan hängt auch nicht aus, aber darauf kommt es mir ja gerade auch nicht an. Ich bin nur froh aus dem Wind und dem Regen raus zu sein.

Ich packe meinen Rucksack in eine Ecke des Wartehäuschens, setze mich darauf und befreie mich von den Schuhen, die ich direkt mal umdrehe und das moorige Brackwasser, das ich oben aus dem Hochland mitgebracht habe, aus ihnen rausschütte.

Ungemütlicher könnte das Wetter echt nicht sein. Da ich etwas Empfang habe, versuche ich die Wettervorhersage abzurufen. Die nächsten fünf Tage sehen kein Stück besser, eher noch schlimmer aus: Dauerregen, teils Starkregen! Ich versuch es positiv zu nehmen. Ich werde also wenigstens nicht in der Sonne verbrennen wie vor einigen Tagen noch 😉

Ich mache mir eine Portion Instantnudeln. Da ich nun etwas zur Ruhe komme, beginne ich trotz meines Polartechoodies, den ich mir noch übergeworfen habe, zu frieren. Ich brauche unbedingt etwas Warmes. Während Wasser und Nudeln vor sich hinköcheln, überlege ich, was ich mit dem Tag noch mache. Ich könnte weiterlaufen oder mich bei diesem bescheidenen Wetter hier irgendwo einquartieren – vorausgesetzt es gibt hier Unterkunftsmöglichkeiten.

An sich wollte ich morgen in Oykel Bridge, das noch knappe 34 Kilometer entfernt ist, in den Pub einkehren und dort im Bunkhouse schlafen. Ein Anruf im Pub hatte mir aber verraten, dass das Bunkhouse ausgebucht ist. So suche ich angesichts der traumhaften Wettervorhersage nach Unterkünften in Inverlael. Doch es gibt nur ein Bed & Breakfast. Natürlich ausgebucht. So entscheide ich mich letztlich etwas notgedrungen dazu in dem Wetter weiterzulaufen und irgendwo einen halbwegs trockenen Spot zum Campen zu finden. Einziges Problem: es geht wieder ins Hochmoor, rund 600 Meter hinauf. Ich suche die Karte ab und finde in knapp 12 Ķilometern Entfernung das Glen Douchary. Einige Ruinen sollen hier stehen. Die werden mein Ziel sein. Ist zwar viel weiter als gedacht und sicher machen die nächsten Stunden in diesem Wetter nicht so viel Spaß wie der Tag gestern, aber es scheint mir die einzige vernünftige Möglichkeit zu sein.

Über den Inverlael Forest, einen aufgeforsteten Tannenwald, steige ich zunächst im Zickzack eines Forstwirtschaftsweges die ersten Kilometer und ersten paar hundert Höhenmeter auf. Als der Weg aus dem Wald herausbricht hab ich ab und an tatsächlich etwas Aussicht. Die Wolken scheinen höher gestiegen, wenngleich sie auch immer noch dunkelgrau sind und es beinahe unentwegt aus ihnen regnet.

Ich folge dem Weg weiter, der immer noch ansteigt, nun jedoch nicht mehr im Wald, sondern im offenen Hochland. Immer wieder muss ich in den steileren Paasagen kurz innehalten. Der Tag war schon recht anstrengend und dieser letzte Anstieg kostet noch mal ordentlich Kraft.

Nicht so viel Kraft jedoch wie die letzten knapp fünf Kilometer. Wieder mal geht es weglos durchs Hochland. Bei jedem Schritt schmatzt es, wenn ich meine Schuhe mühevoll aus dem feuchten und moorigen Grund ziehe. Und selbst wenn ich zufällig auf festem Grund wie einem Stein stehe höre ich das schmatzende Geräusch, weil in meinen Schuhen erneut das torfige Brackwasser steht.

Der Weg zieht und zieht sich. Kein Wunder. Ich steige ständig auf und ab zwischen all den Verwerfungen im Boden oder laufe im Zickzack bei meiner Wegsuche im Hochmoor rund um den in Wolken gehüllten Gipfel des Meall Dubh, den ich hier einmal von Süden nach Nordwesten umlaufe. Und auch der Wind macht mir das Vorankommen schwer. Die Böen sind mittlerweile so kräftig, dass sie mich ab und an aus dem Gleichgewicht bringen und ich mich gegen sie stemmen muss, um nicht ein Stück weit zur Seite davongedrängt zu werden.

Endlich habe ich die höchste Stelle erreicht und es geht wieder bergab in Richtung Glen Douchary. Alsbald kann ich die alten Ruinen der eingestürzten Steinhäuser, die hier mal gestanden haben, erkennen. Es sind vier an der Zahl und ich hoffe in einer von ihnen finde ich einen trockenen Grund, um mein Zelt aufzubauen. Sorgen macht mir allerdings der richtig düstere Himmel.

In der zweiten Ruine unten im Tal werde ich fündig. Der Boden ist zwar nass, aber trockener als die Umgebung. Schnell baue ich im Regen mein Zelt auf. Ich bin völlig fertig und will nur noch hinein. Ich entledige mich meiner nassen Klamotten und schlüpfe in den Schlafsack. Ich denke ich werde heute keinen Schritt mehr tun. Erst mal belohne ich mich mit ein paar Schokoladenkeksen und einer Packung Haribo-Erdbeeren. Nein, nicht die aus Schaumzucker. Und ja, Süßigkeiten vor dem eigentlichen Essen. Ich darf das liebe Kinder, denn ich esse meine Doppelportion Pasta trotzdem gleich 😉

Übrigens gibt es Mac ’n Cheese Pasta. Da bekomm ich auch direkt Erinnerungen an Neuseeland. Die hatte echt häufig auf der Südinsel…

Tjaaaaa, ansonsten hier noch ein Update. Mittlerweile ist es elf Uhr abends und es stürmt und regnet seit knapp zwei Stunden deutlich heftiger als noch zuvor. Mein Zelt wird von den Böen regelrecht eingedrückt. Heut morgen hab ich ja geschrieben, dass ich es mag, wenn der Regen aufs Außenzelt prasselt. Vergesst das bitte. Ich revidier das… Der Boden um das Zelt (und unter meinem Zelt) ist mittlerweile auch so aufgeschwemmt, dass das Wasser durch den Zeltboden nach und nach durchdrückt. Meine Isomatte ist jedenfalls schon gut nass von unten, mein Schlafsack an den Seiten. Ich bin gespannt wie die Nacht wird. Hoffe nicht, dass es unentwegt so weitergeht wie in den letzten Stunden. Naja, ich beginn dann mal mit dem Hörbuch von Jules Verne…

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