3
Jul
2019
7

Tag 12 Cape Wrath Trail – Kurz vorm Schluss ein Gewaltmarsch! Von der Glencoul Bothy bis Kinlochbervie (43 Kilometer)

Kinlochbervie! Die letzte Siedlung vor Cape Wrath, dem Kap des Zorns! In einem zwölfstündigem Gewaltmarsch hab ich das Dorf im beinahe äußersten Nordwesten Schottlands erreicht. Beinahe daher, da der nun nur noch etwa 25 Kilometer von mir entfernte Leuchtturm von Cape Wrath am äußersten nordwestlichsten Punkt Schottlands liegt. Weit ist es also nicht mehr. Doch das Kap des Zorns macht seinem Namen eine gewisse Ehre. Ich werde es morgen aller Voraussicht nach noch nicht erreichen. Warum das so ist und mein Bericht vom heutigen Tag nun hier…

Da weiß man doch richtig was man getan hat, wenn man am Morgen jeden Muskel spürt und sich nur zombiegleich stöhnend und kriechend (und gewiss nicht schauspielernd) aus dem Schlafsack bewegen kann… aber zum Glück hält dieser Zustand nicht lange an. Ich muss nur etwas in Schwung kommen, um mich so geschmeidig bewegen zu können wie ein 37jähriger das eben tut 😉 Dann klappt’s auch mit dem stilvollen Eingetauche ins nächste Sumpfloch!

Was war ich froh gestern diese Hütte am Loch Glencoul erreicht zu haben. Nun noch umso mehr als ich aus dem Fenster blicke. Es regnet… schon wieder… würden die Wolken vielleicht zweihundert Meter tiefer hängen, dann würde man von Bodennebel sprechen.

Es ist halb acht. Aber ich lasse mir Zeit bei dem Mistwetter und koche mir erst mal eine Indische Currysuppe zum Frühstück, die ich mit Couscous (Schreibt man das so? Sieht komisch aus) auffülle. Hmm naja, das Gelbe vom Ei ist das noch immer nicht zum Frühstück. Ich bleibe also auf der Suche, was das perfekte Hikerfrühstück angeht.

Um neun Uhr wage ich mich dann doch hinaus. Ein Hirsch steht vor der Hütte. Noch bevor ich meine des Regens wegen im Rucksack verstaute Kamera zücken kann, verschwindet er gemächlich hinter dem Nachbargebäude. Dafür mache ich noch mal ein Bild von dem Fjord.

Unterwegs bin ich schon wieder in voller Regenmontur. Ob ich die wohl noch mal ablege auf diesem Trail? Eigenartigerweise ist meine Regenhose an gleich mehreren Stellen eingerissen. Materialfehler? Ich kann mir kaum vorstellen, dass ich da jeweils an nem Stock (Haha, gibt hier ja eh kaum welche) oder nem spitzen Stein hängengeblieben bin.

Direkt von der Hütte aus geht es für eine halbe Stunde etwa 200 Meter in nordwestlicher Richtung an der Seite des Fjords hinauf. Die Landschaft ist hier einfach nur atemberaubend. Eine andere Beschreibung fällt mir nicht ein. Und das trotz des Regens und der tiefstehenden Wolken. Im Vergleich zum Licht am gestrigen Abend sorgt die vernebelte Szenerie nun für einen magischen oder besser, für einen mystischen Eindruck. In der Ferne sehe ich durch den Nebel hindurch sogar schwach das milchige Band des Eas a‘ Chual Aluinn, Britanniens höchster Wasserfall.

Der Weg führt weiter steil hinauf. Der alte Jeeptrack, dem ich ein Stück weit hinauf gefolgt bin und der einer von der Sorte ist, bei denen ich mich frage, ob hier tatsächlich jemals ein Jeep langfahren konnte, endet und geht in einen schmalen, matschigen Pfad über. Ich folge diesem über den höchsten Punkt der Halbinsel zwischen den beiden Fjorden Loch Glencoul und Loch Glendhu, lasse den Loch Glencoul dann hinter mir und gelange zum Loch Glendhu, dem ich bis zu dessen östlichen Ende folgen und ihn einmal komplett umlaufen werde. Nun geht es also genau in die entgegengesetzte Richtung als eben noch…

Der Trail hier hoch über dem Fjord ist schwierig zu gehen. Es ist nicht nur matschig, oftmals laufe ich in breiten Rinnsaalen, quere reißende Bäche und Steinplatten, die in dem nassen Wetter aufgrund der auf ihnen wachsenden Flechten so schmierig sind, dass ich mehrfach wegrutsche und mich nur mit Mühe noch auf den Beinen halten kann. Ein Sturz wie gestern wäre in manchen Passagen fatal. Zwar sind hier keine tiefen Sumpflöcher wie gestern, ab und an hike ich jedoch direkt am steilen Abgrund, irgendwo zwischen 100 und 150 Meter über dem Fjord entlang.

Der Pfad, der auch durch dicht stehende Heide und hohe Farne führt, ist irgendwann kaum noch zu erkennen bis er sich ganz verläuft. Zumindest für mich. Ich vermag keinen Pfad mehr zu erkennen. Auch wenn das Vorankommen nun nochmals schwieriger ist, entschädigt die Landschaft dafür weiterhin, selbst in dem Regen. Noch immer nieselt es leicht aus den tiefhängenden Wolken. Die imposanten Berge wie das Massiv von Quinag oder den Beinn a‘ Ghrianain bekomme ich zwar nicht zu sehen, aber wie oben schon erwähnt hat die Landschaft auch so ihren Reiz. Die Stimmung ist wahnsinnig schön, wenn auch anders als im Sonnenschein.

Nach einer Weile kann ich doch wieder einen Pfad aufgreifen, der durch kleine Ansammlungen von Büschen und Bäumen, vorwiegend Buchen, hinunter ans Ufer des Fjords und zu dessen felsigem östlichem Ende führt. Große Felsbrocken, die von den Klippen über mir heruntergebrochen sind, liegen hier verstreut.

Ich umlaufe das Fjordende, passiere den Fluss Amhainn a Glhinne Dhubh über eine Brücke und gelange mich nun wieder westwärts wendend zur Glendhu Bothy. Irgendwie laufe ich hier ziemlich im Zickzack in der schottischen Fjordlandschaft. Später werde ich nach den ersten 10 Kilometern Wegstrecke ganze 3 Kilometer Luftlinie hinter mich gebracht haben und Cape Wrath vielleicht anderthalb Kilometer Luftlinie näher gekommen sein.

Derzeit bin ich bei der Glendu Bothy bei Kilometer 6 des Tages. Ich nutze die Hütte für einen kurzen Zwischenstop: etwas trinken, meine letzten beiden Kitkat vertilgen – Snickers ist ja alle – und vor allem meine Socken auswringen. Und bevor jetzt jemand den Kopf schüttelt 🙂 Letzteres ist nur fürs Gefühl. Ich weiß ja, dass sie eh gleich wieder durch sein werden.

Weiter geht’s! Und zur Abwechslung mal auf einem gut zu laufenden 4WD-Track! Für vier Kilometer westwärts am Nordufer des Loch Glendhu entlang ehe ich gen Nordosten abbiege und auch mal ein paar Meter mehr in Richtung Norden mache 😉

Die vier Kilometer am Fjord verlaufen recht schnell. Die Schotterstraße hebt und senkt sich in dem hügeligen Terrain, ist insgesamt aber gut zu laufen. Und: es hat aufgehört zu regnen!

Als ich vom Fjord gen Nordosten abzweige geht es wieder bergan. 400 Höhenmeter sind zu bewältigen. Das aber verteilt auf 5 Kilometern, die ich zudem weiterhin auf einem guten 4WD-Track laufe. Es geht in ein enges, zunächst steil ansteigendes Flusstal und wieder in eine schroffe Bergwildnis hinein. Unzählige Wasserfälle ergießen sich von den felsigen Höhen. Der felsige Fluss selbst bahnt sich in mehreren wasserfallartigen Stufen seinen Weg talwärts in Richtung Loch Glendhu. Schöne Landschaft! Erneut! Nur mein linker Hacken nervt wieder. Kein Wunder nach der Etappe gestern.

Ich passiere einige kleinere Bergseen sowie einen großen See, der offenbar gestaut ist. Dann – ich bin gerade mal auf 250 Metern Höhe – finde ich mich in einer dichten Nebelsuppe wieder. Meine Sicht beträgt zunächst vielleicht 50, dann 30, dann vielleicht noch 10 bis 20 Meter. Ich muss unweigerlich an das Nichts aus der unendlichen Geschichte denken. Ob sich Atreyu mit Artax hier irgendwo durchs Moor zu Morla durchkämpft? Obwohl ich die uralte Morla („We don’t even care whether or not we care“) ja zuletzt an der kalifornischen Küste gesehen habe – siehe das Bild vom Morro Rock bei meinem Artikel mit den schönsten Fotos von meinem Roadtrip in den USA – glaube ich durchaus, dass sie sich auch hier irgendwo aufhalten und ihr uraltes Dasein fristen könnte.

Als ich bei knapp über 400 Metern bin muss ich mich entscheiden. Der Trail gabelt sich hier. Ich kann den Weg über den Ben Dreavie nehmen, welcher der einzige Gipfel des gesamten Cape Wrath Trail ist, oder den Weg über die Lochmore und Lochstack Lodge einschlagen. Ich entscheide mich für die zuletzt genannte Variante. Der Ben Dravie ist ohnehin nur 501 Meter hoch. Da habe ich auf dem Trail bereits höhere Pässe gehabt. Zudem wird es die gerade mal 100 Höhenmeter weiter oben dieselben 10 bis 20 Meter Sicht haben wie auf meiner jetzigen Position. Der Weg über die beiden Lodges ist zwar länger, erscheint mir aber die bessere Alternative.

So steige ich von der Höhe ohne Querung des Ben Dravie durch den Achfary Forest herunter in Richtung Loch nan Ealachan und zur A838. Nope, das ist keine Autobahn sondern eine sogenannte Minor Road. Eine einspurige Nebenstrecke, auf der ich bei Regen – ja, er hat mal wieder eingesetzt – mein erstes Roadwalkingpensum heute von sechs Kilometern am Loch Stack bis zur Lochstack Lodge entlang absolviere.

Bei der Lodge verlasse ich die Asphaltstraße und gehe wieder auf einen 4WD-Track. Es regnet noch immer. Erste Ermüdungsanzeichen machen sich bei mir breit und auch meine Motivation sinkt. Mein unausgesprochenes Ziel war es heute morgen die Siedlung Riconich mit dem dortigen Hotel zu erreichen.

Sofern tatsächlich der Starkregen und Sturm – davon hatte mir der Schotte Douglas vor zwei Tagen berichtet – morgen kommen soll, will ich tunlichst nicht mit meinem Zelt draußen sein. Die letzten Nächte und Tage waren teils hart. Ich sehne mich auch echt nach einer warmen Dusche und die würde ich im Hotel bekommen, vorausgesetzt ein günstiges Zimmer wäre frei . Aber bis Riconich ist es eine Monsteretappe von der Glen Coul Bothy und ich bin gerade nicht sicher, ob ich dazu in der Lage bin nach dem harten Tag gestern. Bis hierhin hab ich knapp 23 Kilometer geschafft. 13 Kilometer warten also noch und die haben es laut Trailbeschreibung zumindest teilweise in sich.

Langsam verlasse ich offenbar die Highlands. Zumindest wird das Gelände langsam eher hüglig denn bergig und auch in der Ferne, so ich mal Sicht zum Horizont habe, erkenne ich in meiner nordwestlichen Laufrichtung kaum noch hohe Berge. Irgendwo dahinten muss der Atlantik liegen.

Nach fünf Kilometern auf dem Jeeptrack verlasse ich diesen, mich nun beinahe schnurgerade weiter nordwestlich auf Riconich haltend. So zumindest die Theorie, denn einen Pfad suche ich erneut vergeblich, finde dafür aber umso mehr Moor. Und zwar welches von der ganz heimtückischen Sorte mit tiefen Sumpflöchern neben nahezu identisch aussehendem halbwegs festem Grund. Mit meinem Trekkingstock stochere ich mich teils vorran. Dort wo er tief versinkt, mache ich einen großen Bogen drum. Manchmal kann ich das Ding nur eine Fußbreit von mir entfernt bis zum Griff in den morastigen Boden schieben und spüre immer noch keinen Grund. Da will ich definitiv nicht rein.

Bald wird der Untergrund fester und es hört auch endlich mal wieder auf zu regnen. Ich lasse das Moorgebiet hinter mir. Auf einem ganz passabel erkennbarem Track, der vermutlich von der Masse an Cape-Wrath-Trail-Hikern nach und nach plattgetreten wurde, gelange ich mit dem Loch a‘ Gharbh-bhaig Mòr an den ersten von zwei Seen, an deren Westufer ich nach Riconich gelangen soll.

Ich hoffe darauf, dem Track gemütlich am flachen Seeufer entlang folgen zu können, doch Fehlanzeige. Kleine Anhöhen und Bachtäler ziehen sich den See entlang, in die ich jeweils auf- und dann wieder hinabsteigen muss. Dies aber zumindest auf einem mittlerweile recht gutem Track, der sich durch hohe Farne und Heidebüsche zieht.

Der zweite See, der Loch a‘ Gharbh-bhaid Beag hat das erhoffte flache Seeufer, das ein schnelleres Vorankommen ermöglicht. Abgesehen vom Garbh Allt, der einer der schwierigsten auf dem Trail zu furtenden Flüsse und in Regen äußerst gefährlich sein soll, hält mich nun nichts mehr auf vor Riconich. Tatsächlich überlege ich schon den halben Tag, ob ich den Fluss wohl furten kann. Als ich dann da bin, ist alles viel unproblematischer als gedacht. Das Wasser geht mir glücklicherweise gerade mal bis zur Mitte meines Unterschenkels an der tiefsten Stelle.

Kurz vor Riconich habe ich Empfang mit meinem Smartphone und checke, ob im Hotel noch ein Zimmer frei ist. Offenbar ja. Ich buche nicht. In anderthalb Kilometern bin ich ja eh da.

Geil, denke ich als ich ankomme. Hab ich es tatsächlich geschafft! Ich eile ins Hotel und erfahre, dass natürlich keine Zimmer mehr frei sind… Shit, denke ich erst. Ich hab doch gerade noch bei Booking.com geschaut. Aber ich kann es nicht ändern, also hilft ja auch die Aufregung nichts. Ich setze mich vor eine Bank, die vorm Hotel steht und checke das Wetter: Sturm und Starkregen. In der Nacht geht es los. Für mich Grund genug im Netz nach weiteren Unterkünften zu suchen.

Ich finde eine Menge Bed-and-Breakfast-Unterkünfte auf dem weiteren Weg nach Kinlochbervie oder in Kinlochbervie selbst. Nacheinander ausgehend von der Entfernung, rufe ich sie an. Tatsächlich handel ich mir ein halbes Dutzend Absagen ein ehe ich endlich ein Zimmer, sogar ein günstiges, in Kinlochbervie gefunden habe. Der große Nachteil: bis dahin sind es noch sieben Kilometer. Aber immerhin Roadwalking. Das geht deutlich schneller als sieben Kilometer durch die Wildnis zu hiken und so fackel ich nicht lange, schultere mal wieder meinen Rucksack und mache mich auf den Weg. Natürlich fängt es wieder mal an zu regnen und der Wind wird stärker und stärker. Natürlich bläst er wieder aus der Richtung, in die ich laufe.

Meine Füße brennen bereits und der harte Asphalt macht es nicht besser, während ich am Fjord entlang über einige Hügelkuppen hike. Ist zwar klischeehaft, aber ich hör den Soundtrack von Rocky IV um auf Kurs zu bleiben. Nein, nicht „Eye of the Tiger“ sondern „Burning Heart“ von Survivor. Einer meiner Lieblingssongs.

Erst gegen 21 Uhr komme ich in Kinlochbervie an meinem B&B an. Völlig durchnässt ziehe ich erst mal alle Regenklamotten, meine Schuhe und Socken vor der Tür aus. Als ich Margret, die Besitzerin, frage, ob ich irgendwo noch was zu essen bekommen kann, schlägt sie mir ein Take-Away vor, das knapp drei Kilometer entfernt ist. Keine Chance, das schaffe ich nicht mehr. Margret bietet mir aber an, dass ich telefonisch was bestelle und ihre Tochter es abholt. Oh mein Gott, bin ich dankbar. Fish & Chips und den Cheesecake of the Day lautet meine Order. Dann springe ich unter die Dusche…

Etwa 25 Kilometer sind es nun noch bis Cape Wrath. Ich hatte auf dem Weg nach Kinlochbervie und motiviert von den Klängen von Survivor schon beabsichtigt das morgen zu laufen. Ein Blick auf mein Smartphone – Timon hat mir geschrieben – verrät aber, dass des Wetters wegen morgen weder der Minibus vom Cape zur Fähre über den Kyle of Durness noch die Fähre selbst fährt. Auf beides bin ich jedoch angewiesen, so ich nach dem Trailende nicht zusätzliche knapp 30 Kilometer nach Durness laufen will. Und das will ich nicht wirklich in dem Regenwetter und bei Sturm 😉

Nach Durness will ich übrigens, weil ich von dort aus letztlich wieder mit einem Bus nach Inverness und von dort über Edinburgh oder Glasgow zurück nach Deutschland gelange. So zumindest der Plan.

Alternativ sehe ich für morgen nun vor die letzte Bothy vor Cape Wrath anzusteuern. Falls das Wetter dies hergibt. Ich werd das morgen in aller Ruhe entscheiden…

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