9
Apr
2018
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Tag 136 Colac Bay bis Oreti Beach (23 Kilometer)

Das Ninety-Mile-Beach-Revival. Es begann heute. Zwar keine drei Tage Beachwalking, aber es sind zumindest anderthalb Tage, die ich nun kurz vor dem Ziel in Bluff weitestgehend am Strand laufe. Im Unterschied zu meinem Start des Te Araroa am Ninety-Mile-Beach Ende November des vergangenen Jahres ist es hier beim Beachwalking nun jedoch echt kalt. Und die Wettervorhersage spricht nicht unbedingt von wärmeren Temperaturen. Es soll weiterhin ordentlich Regen und Wind geben. Für heute Nacht sind zudem in verschiedenen Teilen Neuseelands Sturmfluten, Gewitter, Temperaturstürze und selbst Tornados angekündigt. Die Southlands, in denen ich mich gerade befinde, sollen von Gewitter und Tornados verschont bleiben, nicht jedoch von einem heftigen Temperatursturz um knapp 10 Grad und wenn es ganz schlecht läuft, auch nicht von der Sturmflut…

Merkwürdig. Seit Wochen hatte ich mal wieder in einem richtigen Bett und vor allem mit einer richtigen Decke geschlafen und dann hatte ich diesbezüglich doch echte Anpassungsprobleme. Man sollte meinen im weichen Bett mit noch weicherer Decke müsste ich den besten Schlaf seit Monaten gefunden haben. Tatsächlich bin ich aber ab Mitternacht im Stundentakt aufgewacht. Dabei war das Bett wirklich megabequem. Vielleicht ja zu bequem für die geringen Ansprüche, die ich mittlerweile habe.

Die Nacht über hatte es dann mal übrigend nicht geregnet. Dafür heute morgen umso mehr. Es stürmte hier an der Colac Bay und regnete immer wieder in heftigen Schauern als ich mich aus dem Bett aufmachte.

Gestern hatte ich ja noch geschrieben, ich werd das Beste aus dem Regenwetter der letzten Tage auf dem Trail machen und für mich bedeutete das, in der Colac Bay Tavern erstmal richtig vernünftig und ausgiebig zu frühstücken. Ich hatte gestern in der Karte gesehen, dass sie auch Frühstück anbieten, und ich konnte den gebratenen Speck, die Spiegeleier und das gebräunte, mit Butter bestrichene Toast schon förmlich schmecken als ich moch zur Tavern aufmachte. Umso größer meine Enttäuschung als ich dann plötzlich vor verschlossener Türe stand. Offensichtlich hatte ich überlesen, dass Frühstück nur an Wochenenden angeboten wird. Hmm Mist… aber na gut, mein Leitsatz – „das Beste draus machen“ – galt noch immer. Und nun bedeutete das halt, dass ich mir meine letzten beiden Nutellawraps schmierte und dazu einen warmen Vanillejoghurtpulverdrink anrührte während es draußen weiter regnete.

Die Wettervorhersage für heute war übrigend schlecht, richtig schlecht. Noch mehr Regen und Wind. Und nicht nur heute, auch in den kommenden Tagen bis Bluff sollte es so bleiben. Abgesehen von der kommenden Nacht, die echt deftig werden soll, sollte heute tatsächlich noch der regenärmste Tag sein. Ich hoffe darauf und was die Nacht und die beiden kommenden Tage angeht, in denen ich mit Anna bis nach Bluff zum Ende des Trails kommen will, gehe ich einfach mal ganz optimistisch davon aus, dass die Vorhersage sich irrt. Wär schön im Trockenen den Trail zu beenden 😉

Anna war übrigens während ich frühstückte bereits am Zusammenpacken. Im Gegensatz zu mir hatte sie wegen des höheren Preises für das Zimmer das Zelt vorgezogen und trocknete dieses dann unter einem überdachten Innenhof der Campsite.

Um 8:30 Uhr wollten wir starten. Eher spät, aber das war der Flut geschuldet. Die High Tide, also das Hochwasser, sollte um etwa 8:30 Uhr sein und nach wenigen Kilometern würden wir auf den ersten Strand des Tages abzweigen und diesen auf dem Tihaka Beach Track kilometerlang entlang bis nach Riverton laufen. Wir wollten zumindest in der auslaufenden Flut den Strand entlangwandern um auf nassem Sand laufen zu können. Nichts ist kräftezehrender als durch trockenen Sand stapfen zu müssen, da man mit jedem Schritt in diesen einsinkt.

Losgekommen sind wir dann erst gegen 9:30 Uhr. Es hat zuvor einfach ohne Ende geschüttet. Nun aber war sogar etwas von der Sonne zwischen den graudunklen Wolken und einige Flecken blauen Himmels zu sehen. Mal sehen wie lange das anhalten würde.

Während ich vor unserem Start draußen auf Anna wartete landete mir übrigens doch tatsächlich ein Fantail auf meinen Kopf. Einer dieser putzigen Vögel, die mich öfters im Wald begleitet hatten und immer wieder auf meinem Trekkingstock gelandet waren. Er blieb nicht lange. Wahrscheinlich war er selbst etwas erschrocken, wo er da gelandet war.

Wieder am Strand zu laufen war schon ein komisches Gefühl. Das war echt lange her und irgendwie fühlte ich mich unweigerlich nun gegen Ende des Trails auch an den Ninety-Mile-Beach und damit den Beginn des Trails erinnert. Auch wenn dieser erste lange Strandabschnitt nicht wie der Ninety-Mile-Beach aus Sand bestand sondern aus Kies.

Trotzdessen, dass der Kies nass war, sackten Anna und ich übrigens bei jedem Schritt tief ein. Das war wie Hiken in der Kiesgrube. Mir gerieten zudem durch die vielen großen Risse und Löcher im Meshmaterial meiner Schuhe ständig kleine Steine in diese hinein. Angenehm ist was anderes, aber okay das würde ja nicht ewig anhalten 😉

Der Tihaka Beach Track verlief insgesamt auch nur etwa die Hälfte der 13 Kilometer bis in den Ort Riverton am Strand. Anschließend ging es zunächst immer wieder oberhalb der Klippen entlang, auf kurze Strandabschnitte hinab und über von Schafen beweidetes Farmland. Anna war vom gestrigen Tag ziemlich platt und fühlte sich heute nicht in Form. Wir würden in Riverton – das war aber ohnehin auf geplant – erstmal eine längere Pause einlegen, einige wenige Dinge resupplyen und was essen. Vielleicht würde es ihr danach besser gehen.

Irgendwann wendete sich der Track vom Meer ab und stieg nochmal auf eine kleine Hügelkuppe von 170 Metern an. Von einer Aussichtsplattform hatte man nochmal eine schöne Sicht auf das Meer und auf Riverton hinab. Die letzten drei Kilometer in den Ort ging es dann auf der Straße. Direkt schonmal mit Aussicht auf den nächsten in einem langen Bogen bis nach Invercargill verlaufenden Strand. Als ich den erblickte, rief ich laut „Oha!“. Anna fragte mich direkt was los wäre. Ich sah mich hier nun wirklich an den Ninety-Mile-Beach erinnert. Strand bis zum Horizont. So weit das Auge reicht. Und wir würden ihn entlanglaufen.

Meine Laune war dennoch gut. Die Sonne schien und es war sogar halbwegs warm und ich lief pfeifend die Straße nach Riverton hinunter. Bis es zu hageln begann 😉 Kurz vor Riverton verschwand erst die Sonne, dann kam Regen und dann Hagel. Regen und Hagel war glücklicherweise nur von kurzer Dauer, aber die wärmende Sonne blieb verschwunden.

In Riverton selbst erledigten wir erst unsere Einkäufe und aßen dann draußen an einem Picknicktisch etwas zum Lunch. Wie wir da eine halbe Stunde saßen wurde es doch langsam richtig kalt und wir kehrten nochmal in die The Postmaster Bakery ein, ein sehr gemütliches Café, welches im Gebäude der historischen Poststation eingerichtet war. Ich gönnte mir ein Stück Kuchen und eine echt wärmende Epic Hot Schokolade. Die war echt gut.

Als wir gegen 15.30 Uhr wieder aufbrachen schien es einen regelrechten Temperatursturz draußen gegeben zu haben. Es war bitterkalt als wir uns auf den Oreti Beach Track machten und nach wenigen Kilometern begann es abermals zu hageln. Das Wetter hatte sich gegenüber dem Vormittag doch zusehends verschlechtert. Für ganz Neuseeland sind für die kommende Nacht auch Wetterextreme angekündigt: Sturmflut, Temperaturstürze, Schneefall bis hinunter auf 300 Meter usw. Sogar Tornados soll es geben. Dies glücklicherweise allerdings nicht bei uns. Dennoch soll es ungemütlich werden. Selbst die Kassiererin des Ladens, in dem wir ein Riverton einige Dinge eingekauft hatten, hatte noch zu Anna gesagt, dass sie hoffe, wir hätten für heut abend einen sicheren Platz.

Eine Stunde später – der Hagel war zum Glück nur von kurzer Dauer – zog ein eiskalter Wind auf und beendete die bis dahin bestehende Flaute während wir weiter den beinahe endlos erscheinenden Strand entlangliefen. Ich packte mich dick ein. Der Wind zog echt jedwede Wärme aus dem Körper.

Wir wollten an sich am heutigen Tag die Flussmündung des Waimatuku Stream noch queren, die am Morgen bei Flut laut Trailbeschreibung nur schwierig passierbar sein sollte. Danach wollten wir auf der anderen Flussseite irgendwo in den Dünen an einer möglichst hoch gelegenen und halbwegs windgeschützten Stelle die Zelte aufschlagen. Anna aber fühlte sich seit dem Mittag auch alles andere als besser. Wir suchten daher einige Kilometer vor der Flussmündung, die wir morgen dann sicher irgendwie auch trotz Flut bewältigen werden, einen Platz für unsere Zelte.

Das beißt sich natürlich: windgeschützt und hoch gelegen. Aber wir fanden beides tatsächlich hinter den Dünen zwischen einem schmalem Streifen, auf dem dicht einige kleine und krumm gewachsene Nadelbäume wuchsen. Einen besseren Campspot hätten wir für die Nacht kaum finden können, denke ich. Unsere Zelte standen windgeschützt und zumindest schonmal höher als die Dünen vor dem Strand.

Morgen geht es dann bis Invercargill und einen Tag später bis Bluff. Und meine Gefühle zum Track werden tatsächlich immer gemischter. Nach den letzten kalten Tagen sehne ich das Ziel schon etwas herbei. Andererseits möchte ich nicht, dass der Trail und all diee einzigartigen Erfahrungen, die ich hier habe genießen dürfen hier, nun enden.

Ach ja, Gestern hatte ich ja noch von meinem zerfetzten Schuhen erzählt. Hier zum Abschluss nun noch das bislang fehlende Pic dazu:

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