8
Apr
2018
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Tag 135 Martins Hut bis Colac Bay (30 Kilometer)

Das letzte Mal durch einen matschigen und überwucherten Track im Wald. Das letzte Mal über umgestürzte Bäume hinwegsteigen und -klettern. Zumindest für den Te Araroa 😉 Ich hab es gerade auch etwas über nach den weiteren 25 Waldkilometern durch den Longwood Forest heute… Vermutlich spielt aber auch eine Rolle, dass mir ab dem Mittag abermals kalter Regen und Wind zusetzten. Nun folgen weitestgehend übrigens nur noch Straße und Strand auf dem Te Araroa. Ich befinde mich hier in der Colac Bay wieder am Meer…

Ich hatte überraschend gut geschlafen in der alten Martins Hut. Tatsächlich war es trotz der elendig vielen Spalten zwischen den Holzbohlen, aus denen die Wände der Hütte gezimmert waren, gar nicht so kalt wie erwartet und mein Schlaf daher fest.

Heute morgen kam ich dann trotz meines ausgeruhten Zustands nur gemächlich in die Gänge. Zumal ich noch mit einem Jäger schwatzte, der die Martins Hut am Morgen passierte.

Es war so gegen acht Uhr als Anna und ich wieder gemeinsam starteten. Auf dem Track verlief es sich dann allerdings zwischen uns. Und bis zum späten Nachmittag, nachdem ich an der Colac Bay ankam, hatte ich Anna heute auch tatsächlich nicht wiedergesehen.

Nach einer halben Stunde Abstieg von der Martins Hut und einem kurzen Stück über eine 4WD-Straße folgte ich dem über 20 Kilometer langen Ports Water Race Track, an dessen Ende ich dann aus dem Longwood Forest und dem letzten Wald auf dem Te Araroa ausbrechen würde.

Der Track folgte unentwegt in Serpentinen und immer wieder in leichtem Auf und Ab neben dem Ports Water Race, einem Graben, der noch im vorherigen Jahrhundert zur Wasserversorgung der weiter südwestlich gelegenen Goldminen gebraucht wurde. Die Minen wurden um 1950 aufgegeben, aber der Graben ist noch weitgehend intakt. Mich erinnerte dieses Grabensystem an den Dammgraben im Harz und dessen Bergbauhistorie, wenngleich der Dammgraben im Harz noch deutlich „intakter“ oder gepflegter daherkommt.

In unzähligen Kurven folgte der Track dem alten Graben. Dabei passierte ich auch einige im Wald zurückgelassene, rostende Maschinen, die für den Bergbau gebraucht wurden.

Die reine Luftlinie vom Beginn zum Ende des Tracks dürften übrigens wohl unter zehn Kilometer sein, aber der Graben und damit auch der Track wand sich um jeden Hang in endlosen Biegungen. Bach- und kleinere Flussläufe sowie weitere Gräben, die dann quer zum Graben verliefen, querte ich meist balancierend auf rutschigen, bemoosten Holzstämmen, die über die Gräben und Wasserläufe gelegt waren. Das war mitunter schon recht spannend. Insbesondere wenn sich der total durchgefeuchtete Baumstamm, der vermutlich schon seit Jahren dort lag und der Feuchtigkeit und dem Verfall ausgesetzt war, sich unter meinem Gewicht bog und ächzte, fragte ich mich manches Mal, ob ich noch sicher auf die andere Seite kommen oder vielleicht doch gleich die ein bis zwei Meter runterstürzen würde. Lief aber immer alles gut 😉

Der Wald und Track kam bereits anfangs ziemlich düster daher. Es hatte über dem Blätterdach des Waldes mal wieder dunkle graue Wolken, aber wenigstens regnete es (noch) nicht. Und es gab weniger Schlamm als gestern. Der Track konnte zwar keineswegs als schlammfrei bezeichnet werden, aber es war zumindest deutlich weniger Modder, der das Vorankommen erschwerte. Später wurden Track, Wald und Wolken düsterer und düsterer.

Ich hatte nach knapp 16 Kilometern eine Mittagspause eingelegt und mir mangels Wraps zwei Packungen Käse-Maccharoni gekocht. Natürlich fing es mittendrin an zu regnen. Nen trockenen Platz zum Sitzen gab es kilometerlang auch nicht, also schmiss ich meinen Rucksack ins Nasse und setzte mich auf diesen.

Meine Pause dehnte ich nicht wirklich aus, denn der Regen wurde stärker und der geliebte Wind, vor dem ich hier im Wald allerdings noch halbwegs geschützt war, zog auch wieder auf. Ich vertilgte daher nur noch ein paar Fruchtgummis zum Nachtisch und machte mich dann schließlich nach vielleicht 20 Minuten Lunchpause direkt wieder auf den Track, um die nächsten dreizehn Kilometer zu laufen.

Es wurde mittlerweile so grau und dunkel am Himmel, dass nur noch ganz wenig Licht in den Wald drang. Ich hatte das Gefühl die ganze Zeit in der Dämmerung zu laufen. Dabei war es gerade mal 13 Uhr. Daneben bekam ich mehr und mehr eine Vorstellung davon, wie es wohl sein musste, den Apalachian Trail in Nordamerika zu laufen. Dieser Long-Distance-Trail wird auch der „grüne Tunnel“ oder so ähnlich genannt, da man (überspitzt ausgedrückt) wochenlang durch den Wald läuft und nur alle paar Tage mal etwas Aussicht genießt. Mir selbst war heute nach der Mittagspause und mit dem Einsetzen des ungemütlichen Wetters mehrfach so als würde ich einen nicht enden wollenden grünen Tunnel durch diesen letzten Wald des Te Araroa laufen.

Meine Sachen waren aufgrund des Regens übrigens allesamt wieder ziemlich durch. Klar, ich hatte meine Regenjacke an, aber dem Dauerregen der letzten Tage war das gute Stück einfach nicht mehr gewachsen und da ich sie zuletzt auch gar nicht mehr richtig trocken bekommen hatte taugte sie als Nässeschutz nur noch bedingt.

Ihr merkt schon, es war mit dem Aufkommen des Regens wieder ziemlich ungemütlich. Japp! Scheint echt so als würden die letzten Tage auf dem Te Araroa nicht mehr so richtig zum Genießen sein… zumal für die kommenden drei Tage ebenfalls Wind und Regen angekündigt ist. Aber ich werd versuchen das Beste daraus zu machen. Letztlich hatte ich ja auch fast den gesamten Rest des Trails überwiegend gutes bis absolut perfektes Wetter. Was machen da die letzten Tage mit schlechtem Wetter schon aus 🙂

Nachdem ich den Ports Water Race Track gegen 15 Uhr abgeschlossen hatte und aus dem Wald herausgebrochen war – ich hatte bis hierhin richtig Gas gegeben – ging es nochmal für fünf Kilometer auf Asphalt in Richtung Colac Bay.

Während ich die Straße hinunterlief, wurde mir das erste Mal seit längerem der desolate Zustand meiner Schuhe nochmal so richtig gewahr. Der rechte Schuh meiner Trailrunners ging ja noch so halbwegs, aber mein linker Schuh wird wirklich nur noch bis Bluff halten. Das Meshmaterial ist an dermaßen vielen Stellen eingerissen, dass es nicht mehr lange dauert und der Schuh wird einzig nur noch von der Sohle zusammengehalten. War das gestern auch schon so? Vermutlich schon, nur waren meine Schuhe da ja den ganzen Tag „schlammummantelt“. Naja, viele Kilometer sind es ja nicht mehr bis Bluff. Noch 79… Stewart Island bräuchte ich mit diesen Schuhen, so ich sie nicht selbst notdürftig gefixt bekomme, wohl aber kaum angehen können. Wobei ich da infolge des Wetters derzeit auch ohnehin wieder etwas unsicher bin.

Gegen 16 Uhr kam ich dann übrigens in der Colac Bay Tavern an: einer mittelgroßen Dorfschenke, die hier im Ort Colac Bay an den kleinen, ziemlich runtergekommenen Campingplatz angeschlossen ist. Zwischenzeitlich hatte es auf der Straße aufgehört zu regnen und der Wind hatte meine Klamotten etwas getrocknet. So einen Kilometer vor dem Ort fing es jedoch nochmal richtig an zu schauern. Ich betrat die Colac Bay Tavern daher ziemlich durchgenässt und legte meine Sachen erstmal vor dem wärmenden Kamin ab. Anschließend bestellte ich mir einen Pint Cider und einen Steak & Pepper Pie als Snack. Ich musste mich erstmal aufwärmen.

Die Tavern mit ihrem Holiday Park hat für Te Araroa-Hiker übrigens ein tolles Übernachtungsangebot: die Campsite kostet nur 10 Dollar, was für eine richtige Campsite mit 6 € echt günstig ist. Ein Zimmer mit richtigem Bett kostet 25 Dollar, also gerade mal 15 €. Klar, ich hab mich für das Zimmer entschieden und werde das heute mal so richtig genießen. Ich bin echt gespannt wie ich seit Wochen mal wieder in einem richtigen Bett mit Bettzeug schlafen werde.

Nach einer ziemlich langen und vor allem wärmenden Dusche ging ich wieder in den Pub und wartete auf Anna. Als sie kam, bestellten wir uns erstmal als Belohnung für die letzten mühsamen und durchgefrorenen Tage jeder einen wahnsinnig guten Burger mit Pommes. Dazu ein Bier. Ich war echt zufrieden, denn sie hatten hier tatsächlich irisches Kilkenny. Das war nach Arthurs Pass schon das zweite Mal, dass ich mein Lieblingsbier zu trinken bekam 😉

Nach dem Burger schob ich mir noch zwei Stücke eines richtig schokoladigen Chocolate-Brownie-Kuchens und etwas Eiscréme hinterher. Gut, dass mich die wochenlange Ernährung mit Snickers und Nutella schon mal an diesen intensiven Schokoladengeschmack herangeführt hat, andernfalls hätte ich nach dem ersten Stück wohl aufgeben und die weiße Flagge schwenken müssen 😉

Gegen 21 Uhr fiel ich dann ziemlich früh bereits ins Bett. Ich schrieb noch den Artikel hier, aber ich merkte echt, dass ich hundemüde war. Die ganze Nässe und Kälte die letzten Tage zehrt dann wohl deutlich mehr an den Kräften als gedacht.

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