7
Apr
2018
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Tag 134 Merriview Hut bis Martins Hut (29 Kilometer)

Kurz vor Schluss wird der Trail echt nochmal zur Herausforderung und stellenweise auch zur Qual. Ich glaube ich habe bis heute bislang keinen Tag gehabt, an dem ich unentwegt gefroren haben. Zudem habe ich bis heute auch noch keinen Tag gehabt, an dem es so viel Schlamm gab. Und das will jetzt am Ende des Te Araroa schon was heißen, denn Schlamm war doch neben Nässe mein beinahe steter Begleiter auf dem Trail. Der erste Teil des Longwood Forest, dem letzten Waldpart des gesamten Trails, bestand nach den Regenfällen des gestrigen Tages und der vergangenen Nacht jedoch einfach nur aus Matsch und Modder. Ein Track war beizeiten wirklich kaum noch vorhanden. Zudem steckte ich vom gestrigen Tag in nassen und klammen Klamotten. Das erwartete gemütliche Auslaufen nach Bluff ist das damit bislang keineswegs…

Als heute morgen um 6 Uhr mein Wecker ging und ich aufwachte, fluchte ich innerlich etwas. Es regnete noch immer. Die gestern draußen vollkommen nass unter der Veranda aufgehängten Sachen würden kaum in der Nacht getrocknet sein. Ich hatte auf Wind gehofft, aber stattdessen hatte es die Nacht über einfach weitergeregnet und die hohe Luftfeuchtigkeit draußen war geblieben.

Während des Frühstücks fand ich mich schonmal gedanklich damit ab bei den niedrigen einstelligen Temperaturen, die es hier morgens hat, gleich in vollkommen nasse Sachen steigen zu müssen. Anna ging es ziemlich ähnlich. Ihre Sachen waren auch alle komplett durchnässt. Wir wollten aber dennoch heute die 29 Kilometer bis zur Martins Hut, der letzten Hütte auf dem Te Araroa, angehen.

Irgendwie versuchte ich den Moment, an dem ich meine nassen Hikingklamotten anziehen musste, so weit wie möglich herauszuzögern. Dann war es aber doch soweit und verdammt nochmal, es war echt eine Qual. Raus aus den trockenen Ersatzklamotten war ja noch okay, aber anschließend in die nassen und vollkommen klammen Klamotten des gestrigen Tages zu steigen war nicht gerade spaßig. Erst die nasse und vollkommen klamme Boxershorts, dann die ebenso nasse und klamme Hose, ein nasses Merinoshirt, darüber meinen nassen Hoodie, meine nassen Handschuhe und zu guter Letzt rein in die nassen Socken und Schuhen. Abgeschlossen hab ich das ganze feuchte Zeug dann mit meiner trockenen Polartecjacke darüber.

Es dauerte zwei Minuten bis ich in dieser Zusammenstellung so richtig fror und mich fragte, ob das später wohl eher eine deftige Erkältung oder doch eher eine Blasenentzündung geben würde. Aber sich darüber Gedanken zu machen, half ja auch nichts. Besser ich würde mich warmlaufen und genau das tat ich anfangs mit Anna auch ehe wir den Rest des Tages in den schwierigen Bedingungen dann getrennt hikten.

Zunächst führte der Trail auf neun Kilometern auf einer Forststraße auf Schotter in den Longwood Forest, den letzten Wald des Trails, hinein. Vom Start weg gab ich mit Anna wie gesagt direkt Gas, um irgendwie den Körper warm zu bekommen.

Glücklicherweise regnete es gerade nicht, zumindest nicht auf den ersten Kilometern. Erst später begann der Regen wieder einzusetzen. Es dauerte dennoch lange bis ich nicht mehr so stark fror wie noch beim Loslaufen. Ich würde gerne schreiben „bis mir warm war“, aber so war es nicht. Ich fror aber zumindest etwas weniger nach einigen Kilometern Speedhiking auf der Schotterstraße.

Nach den neun Kilometern Schotterstraße wechselte der Trail auf den viereinhalb Kilometern langen, verschlungenen Longwood Forest Track, der durch den Wald hinauf auf den 805 Meter hohen Bald Hill führte. Anfangs war das noch einer dieser Waldpfade durch teils märchenhaft ausschauenden Wald, dessen Bäume über und über von Moosen und Flechten in allen möglichen Grüntönen bezogen waren.

Dann jedoch ging es in offeneres Terrain. Und kurz davor ging es nun los, dass es richtig anspruchsvoll wurde. Der Regen der vergangenen Tage hatte den Track in ein einziges Schlammbad verwandelt. Der Eindruck eines sich durch das Gelände windenden, zähen, kilometerlangen Flusses aus Schlamm drängte sich auf, auch wenn der Schlamm natürlich nicht in einer Fließbewegung bergab war.

Wie gewohnt versuchte ich die richtig großen Schlammgruben anfangs an den Seiten des Tracks zu umgehen, aber oftmals gab es hierzu keine Chance und ich sackte Schritt um Schritt mehr in der zähen Masse ein, so dass ich meine Umgehungsversuche schon bald aufgab. Oftmals versank ich so tief mit beiden Schuhen bis über die Mitte meiner Waden im Schlamm und Modder, dass ich mich nur mithilfe eines Baumes wieder aus der Grube, in der ich mich befand, wieder herausziehen konnte. Und das ging kilometerlang bis zur Martins Hut so, insgesamt auf ganzen 16 Kilometern Track. Einzig unterbrochen war die heutige Schlammschlacht nur durch ein kurzes, vier Kilometer langes Stück Schotterstraße vom Bald Hill hinunter in Richtung Anstieg auf den knapp unter 800 Metern liegenden Longwood Trig.

Ich hatte gehofft, dass der Track später, wenn es zwischen den offeneren Sektionen immer wieder in den Bergwald ging, im Wald selbst deutlich besser sein würde, aber diese Hoffnung war vergebens. Selbst im Wald bestand der Track ausnahmslos nur noch aus Schlamm und übelriechendem Modder und unentwegt sank ich mich mühsam vorwärts kämpfend Schritt um Schritt darin ein.

Ich hikte durch dieses Terrain beinahe ohne Unterbrechung. Ich fror trotz all der Anstrengung in diesen schweren Konditionen merkwürdigerweise unentwegt. Während des Hikes stoppte ich daher auch nur ein paar Mal für vielleicht ein oder zwei Minuten, um mir ein Snickers einzuverleiben oder kurz etwas zu trinken. Ich wurde die Nässe und Kälte einfach nicht los, dabei trug ich bereits alle möglichen Lagen an Klamotten, die meiste Zeit sogar meine Polartecjacke unter meiner Regenjacke.

Nur einmal stoppte ich länger für vielleicht eine Viertelstunde um kurz Lunch zu machen: zwei Wraps mit Salami und zwei am Morgen noch gekochten Eiern. Die Lunchpause legte ich aber auch nur ein, weil gerade die grauen Wolken und der Regen kurz der Sonne gewichen waren und ich ein halbwegs windgeschütztes und trockenes Plätzchen auf einem unbequem spitzen Stein gefunden hatte. Der Sonnenschein selbst hielt übrigens nur für die Dauer meiner Pause an. Danach begann es direkt wieder zu nieseln.

Gegen 15:30 Uhr erreichte ich so 20 Minuten bis eine halbe Stunde vor Anna die historische Martins Hut aus dem Jahr 1905. Die letzte Hütte auf dem Trail ist eine ziemlich alte Holzhütte ohne wirklichen Fußboden, mit vier Matratzen und einer offenen Feuerstelle. Warm würden die Hütte mit der Feuerstelle nicht bekommen, denn in den Wänden der Hütte hat es irgendwie mehr Spalten als Holzbretter, aber fürs Ambiente und den Wohlfühlfaktor bei der Kälte entzündeten wir dennoch später mit nassem Holz recht mühevoll ein dann doch prasselndes und zumindest, wenn man davorsaß, wärmendes Feuer.

Nach Ankunft in der Hütte benötigte ich übrigens eine ganze Weile bis ich mich und meine Klamotten erstmal halbwegs vom Schlamm befreit hatte. Ich war dabei echt froh, dass ich nicht ausgerutscht und seitwärts oder noch besser, vornüber, in den Modder gerutscht war. Das hätte dann noch wesentlich länger gedauert. Ansonsten bin ich gerade sehr gespannt, wie der Trail morgen wird. Ich hoffe nicht, dass wir noch so einen Tag erleben werden wie heute…

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