2
Jul
2019
10

Tag 11 Cape Wrath Trail – Was für ein Kampf! Von River Oykel bis Glencoul Bothy (33 Kilometer)

Die Königsetappe! Nicht die offizielle. So eine gibt es nicht. Aber ich denke, dies war meine. Ich hab heute mehr gekämpft als an allen anderen Tagen auf dem Trail, ja selbst mehr als an den Tagen als ich die Probleme mit meinem Fuß hatte, die übrigens noch nicht wieder aufgetreten sind. Der Weg heute bis zur Glencoul Bothy war mehr als herausfordernd und ich brauchte geschlagene zehneinhalb Stunden ohne auch nur eine wirkliche Pause länger als fünf Minuten zu machen. Woran es lag? Schwieriges Terrain vor allem, zeitweise schwieriges Wetter und an einem unfreiwilligem Tauchgang im Moor…

Ich weiß nicht genau, was es war, das mich wachgehalten hat die Nacht, aber ich hab trotz Dach überm Kopf schlecht geschlafen und stehe heute morgen ziemlich gerädert auf. Der Blick aus dem Fenster – die Fischerhütte hier hat gleich zwei davon – zeigt das übliche Bild der letzten Tage: verregnete Highlands. Und das wo es heute wieder viel durchs Gelände geht. Ich überlege direkt, ob ich gleich die Gamaschen anziehe oder erst mal nur die Regenhose. Aber erst mal nen Kaffee.

Während das Wasser kocht, packe ich mein Zeugs zusammen und gucke aus, welche der beiden Routenalternativen ich gehen will. Die über Inchnadamph ist eigentlich nicht notwendig, da ich keine Notwendigkeit habe, in das kleine Dorf, in dem es ein Hostel gibt, abzustechen. Wäre das Hostel nicht ausgebucht, wäre ich diesen Weg wohl gegangen, aber so schlage ich die wildere Variante ein, die östlich um den Ben More Assynt, einen markanten 924 Meter hohen Gipfel, herumführt.

Meine Entscheidung fällt auf „Erstmal Regenhose“. Als ich sie anplünne kommt tatsächlich einer der Fischer, denen die Hütte gehört, vorbei. Oha, denke ich mir. Ob er wohl gutheißt, dass ich hier übernachtet habe. Aber John, so stellt er sich vor, ist ganz entspannt bei dem Gedanken daran, dass ich in seiner Hütte Zuflucht vor dem Regen gesucht habe. Er selbst will heute Lachse angeln. Die beste Zeit bei dem hohen Flusspegel, sagt er. Als ich ihn nach der Wettervorhersage frage berichtet er, dass für die kommenden Tage viel Regen und für Donnerstag Starkregen angekündigt ist.

Die ersten acht Kilometer bis zu einigen alten Gebäuden um die Benmore Lodge am Loch Ailsh laufe ich in strömendem Regen und meist über Schotter am River Oykel entlang und über Forstwirtschaftswege durch einen Tannenwald. Ich hoffe inständig, dass es wenigstens etwas weniger regnet und tatsächlich wird es deutlich weniger als ich das alte Haus der Benmore Lodge erreiche. Die grauen Wolken bleiben zwar, aber ich bekomme zumindest etwas Sicht. Zeitweise hört es sogar ganz auf zu regnen.

Ich laufe an der Benmore Lodge vorbei, lasse den Loch Ailsh hinter mir, und gelange in ein echt schönes Tal mit wieder deutlich höheren Bergen drumherum, den Gipfeln des Benmore Forest. Wobei ein Forest in Schottland häufig kein Wald mehr ist. Ich vermute diese Namen stammen aus dem Mittelalter bevor Großbritannien beinahe komplett abgeholzt wurde. Interessant ist übrigens, dass im Torfmoor ab und an mal die völlig ausgetrockneten Wurzeln und Stämme großer Bäume zu sehen sind. Das sind womöglich Überreste dieser alten Wälder.

In Tal furte ich zunächst den Fluss Allt Sail an Ruathair, dessen Verlauf ich nun nicht mehr auf Schotter, sondern auf einem mal besser, mal schlechter erkennbarem, aber auf jeden Fall deutlich sumpfigerem Track weiter nach Nordosten folge. Angesichts des vielen Regens krieg ich bei der Querung des Flusses natürlich direkt nasse Füße, aber davon abgesehen ist die Querung deutlich unproblematischer als die vom River Douchary am gestrigen Morgen. Die Füße bekomme ich bei dem anschließenden sumpfigen Track nicht trocken. Es wird wohl den ganzen Tag so weitergehen.

Die Landschaft ist karg, wild und rau. Die Berge werden wieder schroffer und für meinen Geschmack auch schöner. Im Vergleich zu gestern und dem heutigen Morgen, wo die Berge einfach viel sanfter geschwungen und mehr Hügel als richtige Berge waren, wechselt ihr Antlitz nun. Mit den herumliegenden Felsen, den grasbewachsenen versumpften Hängen, dem überhaupt ziemlich moorigen Grund ergibt sich nun dieses typische Bild von den schottischen Highlands wie es zumindest in meiner Vorstellung im Kopf entsteht, wenn ich an Schottland denke. Wunderschön!

Der erste Anstieg des Tages führt mich steil in der Ostflanke des Eagle Rock auf 430 Meter hinauf und zu einem weiteren der unendlich vielen schottischen Bergseen, dem Loch Cárn nan Conbhairean. Dessen Abfluss furte ich und weiter geht es. Nun in der Höhe relativ gleichbleibend auf östlicher Seite weiter um den Gebirgszug herum.

Kilometer um Kilometer kämpfe ich mich vorwärts. Der Regen setzt wieder ein und mir bläst ein von Nordwesten kommender starker Wind ins Gesicht gegen den ich mich zuweilen anstemmen muss. Es muss schon lange her sein, dass der Track, auf dem ich mich befinde, als solcher noch bezeichnet werden konnte. Ich bin jetzt am elften Tag des Cape Wrath Trail, keine 100 Kilometer mehr bis zum Kap des Zorns, und dies hier ist das sumpfigste Stück Trail, was ich bisher erlebt habe. Überall steht der Modder und ich kann diese Sumpflöcher nur umgehen oder, sofern möglich, überspringen. Hindurch mag an manchen Stellen klappen, aber mittlerweile steckte ich hier auf diesem Stück Trail auf den letzten paar hundert Metern schon drei Mal bis über das Knie drin im Moor. Wirklich leicht kommt man da nicht wieder raus und ich möchte nicht wissen, wie es ist, wenn ich noch tiefer drin stecke…

Dann passiert es. Bei einem meiner Versuche auf den unregelmäßig am Rande eines Sumpflochs liegenden Steinen an diesem vorbeizubalancieren, rutsche ich aus und verliere den Halt. Vornüber falle ich in das Sumpfloch neben mir hinein und tauche wie Frodo im Herrn der Ringe in den Totensümpfen in dieses ein…

Lecker. Schön mit dem Kopf rein… Und die ganze linke Seite einschließlich Rucksack gleich mit. Glücklicherweise war es nur vielleicht einen halben bis dreiviertel Meter tief, aber es hat gereicht, dass mit meinem Eintauchen der Modder und das brackige Wasser in jede Ritze meiner Klamotten lief und ich ziemlich besudelt und prustend wieder versuchte auf eine grasige Erhebung zu gelangen. Trotz meiner Regensachen spüre ich wie das Wasser mein Tshirt, meine Boxershorts und Hosenbeine erreicht und völlig durchweicht. Notdürftig versuche ich mir an einem dieser kleinen Ströme, die es bei Regenwetter überall hier im Hochland hat, mein Gesicht und meine linke Seite vom Modder freizuwaschen.

Ich beginne zu frieren. Der Wind, der Regen, das brackige Wasser, das mir bis in die letzte Schicht gelaufen ist… Ich fluche kurz, aber es hilft ja nichts. Ich muss weiter. Bis zur Glencoul Bothy, die ich angesichts des fortwährenden Regenwetters erreichen will, sind es noch knappe 20 Kilometer. Das wird ein harter Tag heute, denke ich. Oder vielmehr, weiß ich… jetzt schon…

Ich kämpfe mich weiter. Kilometer um Kilometer ohne dass der Pfad, dem ich nun folge – der diesen Namen jedoch allenfalls in kurzen Passagen verdient hat – wesentlich besser wird. Der Ben More Assynt, dessen Gipfel nun genau westlich von mir liegt, ist in Wolken gehüllt. Ich werde wohl keine Sicht auf den höchsten Gipfel der Gruppe erhalten heute.

Nach einer weiteren Flussfurtung erreiche ich eine Art alten Jeeptrack, dem ich für einige weitere Kilometer in stetem Auf und Ab durch die Landschaft folgen kann. Endlich komme ich ein Stück vorwärts. Bis der Track plötzlich einen Turn macht, dem ich nicht folgen kann. Wieder geht es weglos durchs Gelände.

Etwa 20 Kilometer habe ich bereits zurückgelegt. Noch 13 Kilometer bis zur Bothy, die am Ende des Loch Glencoul, einem Seitenarm eines tief ins Land geschnittenen Fjords, liegt. Mittlerweile ist es fast 15 Uhr. Ich habe bislang keine Pause gemacht und setze mich für wenigstens fünf Minuten, um ein Snickers zu essen und meine Socken und Einlegesohlen auszuwringen. Dann mache ich mich wieder direkt auf den Weg.

Der Regen ist insgesamt weniger geworden. Es nieselt zwar häufig, aber ich bekomme auch immer mal wieder trockene Phasen zu erleben. Dennoch ist es kalt. Der Wind bläst unaufhörlich und meist genau aus der Richtung, in die ich laufe. Immer wieder reißen mir starke Böen die Kapuze vom Kopf.

Die Landschaft wird immer rauer und wilder als ich mich in Richtung des wunderschön von den Bergen eingerahmten Loch Bealach a‘ Mhadaidh durchkämpfe. Riesige Felsboulder liegen in der von vielen kleinen Strömen zerfurchten Landschaft.

Normalerweise hätte ich den Bergsee wohl links liegen gelassen und wäre direkt zu der Seenlandschaft, die sich weiter unten im Tal auftut abgestiegen, doch muss ich am nördlichen Ende des Bergsees abermals einen Fluss furten, der in diesen Konditionen so seine Schwierigkeiten mit sich bringt. Üblicherweise lassen sich die Flüsse direkt am See, also dort wo sie entstehen, ganz gut furten.

Ich suche eine Weile nach der geeignetsten Stelle, werde dann fündig und stehe abermals bis zur Mitte meines Oberschenkels im kalten Wasser. Glücklicherweise ist der Wasserdruck nicht so stark. Aber mit trockenen Schuhen wird das so natürlich nie was 😉

Ich gehe davon aus, dass es ab nun (abermals) heftig wird. Weitere, völlig weglose knapp fünf Kilometer mit Auf- und Abstiegen im sumpfigsten Gelände erwarten mich. Schon von der Flanke des Gebirgszugs, in dem ich hier so viele Kilometer schon gelaufen bin, habe ich gesehen wie versumpft und unwirtlich es weiter unten im Tal ist. Unzählige Seen, Wassertümpel, Bachläufe und Torfmoorgebiete warten da auf mich.

Bereits der Abstieg ist schwierig. Ich kann erneut keinen direkten Weg nehmen, da mir ständig das Gelände einen Strich durch die Rechnung macht. Vor allem die Torfgebiete erschweren das Vorankommen ungemein, denn oftmals gibt es einen tiefergelegenen matschigen oder überspülten Moorgrund und gute ein bis anderthalb Meter höher grasige Flächen, die sich wie Hecken in einem Irrgarten und mal kleine, mal größere Inseln aus diesem erheben. Ich versuche des unsicheren tiefergelegenen Untergrunds wegen auf diesen grasigen Flächen zu bleiben, doch kostet dies unendlich viel Zeit und Kraft, da ich mehr als nur einmal in eine Sackgasse laufe.

Ich mache drei gedankliche Kreuze als ich eine Dreiviertelstunde später bei zeitweisem Sonnenschein – sogar etwas blauer Himmel ist zu erkennen – und nur einen Kilometer weiter an einem größeren See, dem Gorm Loch Mor, ankomme, den ich nun an dessen Westufer umlaufe. Wobei „laufen“ irgendwie das falsche Wort ist. Ich kämpfe auch hier wieder und brauche für einen Kilometer eine geschlagene Stunde. Zwischendurch habe ich glatt überlegt, ob ich nicht einfach durchschwimme zur anderen Seite statt den See zu umlaufen. Angesichts meines Rucksack und des Umstands, dass mich auf der anderen Seite eh das gleiche Gelände erwartet, verwerfe ich diesen Gedanken dann aber doch wieder…

Am Ende des Sees, wo der weglose Trail wieder nach Norden zweigt, bin ich richtig platt. Ich hab noch gut acht oder neun Kilometer zu laufen, aber es kostet gerade unendlich viel Kraft. Ich wollte es mir eigentlich für morgen aufheben, aber ich schnappe mir jetzt bereits das letzte Snickers. Ich habe zumindest die Hoffnung nicht aufgegeben, dass mir die leckere Schoko-Caramell-Erdnusskombi einen Boost verleiht, der mich auch den Rest des Tages ohne größere Pause überstehen lässt.

Die folgenden drei Kilometer ziehen sich abermals. Ich brauche nochmals zwei Stunden, um meinen Weg durchs Hochmoor einen Sattel hinauf zu finden, wo mich laut Karte für die letzten fünf Kilometer zur Bothy ein Jeeptrack erwarten soll. Ich erklimme eine Anhöhe nach der anderen und denke jedes Mal, dass ich doch endlich den Track und den See, an dem dieser entlangführt, erreichen muss, doch jedes Mal bekomme ich nur eine weitere Kuppe zu sehen, auf die ich mich anschließend mühevoll hinaufkämpfe.

Meine Füße schmerzen. Ich stolpere teils nur noch so vor mich dahin und auch in meinem Nacken macht sich aufgrund des Rucksacks ein stechender Schmerz breit. Ich kenne das bereits. Es setzt bei mir bei langen Etappen ein, wenn ich echt zu beißen habe…

Endlich erreiche ich See und Track. Nun wird alles gut, denke ich. Das Wetter wird auch immer besser. Die Sonne zeigt sich immer mehr. Doch es sind noch immer fünf Kilometer.

Ich passiere den See und gelange in ein enges Tal, dessen Schönheit mir beinahe den Atem raubt. Ich kämpfe zwar, aber das letzte Stück mit dem Abstieg zum Fjord wartet mit so viel Schönheit auf, dass es den Schmerz, den ich mittlerweile empfinde, zumindest erträglicher macht.

Da ist das enge Tal, der markante Berg Stag of Glencoul, der das Tal zu einen Seite flankiert, ein atemberaubend schöner Wasserfall und die Aussicht auf den mehrere hundert Meter tieferen Fjord. Und das alles nun im wechselnden Lichte von Sonne und Wolken. Magisch! Majestätisch!

Zehneinhalb Stunden nach meinem Start am Morgen am River Oykel erreiche ich ohne wirkliche Pausen die Glencoul Bothy. Oh mein Gott. Wie schön doch so eine einfache Hütte sein kann!

Ich bin alleine hier und nutze den Platz in der Hütte um alle meine Sachen zum Trocknen aufzuhängen ehe ich mein Lager bereite, mir Wasser für morgen filtere und mein Abendessen koche. Muschelnudeln mit Frühlingsgemüse. Ja klar, gefriergetrocknetes Frühlingsgemüse. Aber es schmeckt sehr gut. Und gleich darf noch meine letzte Tüte Gummibären dran glauben während draußen die Sonne langsam untergeht…

10

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