29
Jul
2018
1

Die Cordillera Huayhuash in Peru – Trekking auf einem der zehn schönsten Treks weltweit Teil 2

Hier ist er nun: der zweite Teil des Berichts über unser Trekking auf dem Huayhuash Circuit in Peru. Unser letzter großer Trek vor der Rückkehr nach Deutschland. Wir hiken weiter durch die majestätischen Berglandschaften der Cordillera Huayhuash. Doch dann kommt es am achten Tag unseres Treks zu einem zunächst schmerzhaften Entschluss: der Abbruch des Treks, nur zweieinhalb Tage vor Vollendung des Circuits…

 

Tag 5 Huayhuash Trek – Mein Versuch den Col Pucaccacca San Francisco zu besteigen

Ibuprofen! Schon in Neuseeland mein Allheilmittel 😉 Irgendwie ist hinsichtlich meiner Entzündung im Knie oder an der Sehne in der vergangenen Nacht keine Wunderheilung erfolgt. Jedes Mal wenn ich das Bein zu sehr beuge, bekomm ich den Schmerz zu spüren. Und heut morgen ist das direkt beim Aufstehen aus dem Zelt. Ich werfe mir daher auch direkt am Morgen die nächste Ibuprofen ein, um durch den Tag zu kommen.

Abgesehen von der Notwendigkeit ein paar Schmerzmittel einzuwerfen geht es mir gut. Leider nur mir. Christian hat seit Tagen schon etwas geschwächelt. Mit den Worten „Ich glaube bei mir läuft heute gar nichts“ steht er auf. Seine Magenprobleme scheinen zurück. Dennoch versucht er den Trek anzugehen.

Wir kommen kaum in die Gänge und laufen erst um neun Uhr los. Schnell zeigt sich, Christian ist total kraftlos.

Ich versuche langsam zu machen damit wir nicht zu weit auseinander laufen, doch da wo ich ein paar hundert Meter laufe schafft Christian nur einen Bruchteil. Ich warte. Als er ankommt sieht er übelst fertig aus. An sich wollte ich ihm anbieten das Zelt zu nehmen. Knapp drei Kilo wären das weniger, aber so macht es keinen Sinn. Zumal es über den mit 4.950 Metern höchsten Pass der Normalroute gehen soll. Ich schultere Christians Rucksack neben meinem und wir gehen zurück zur Campsite. Nicht mal ein Kilometer. Christian ist völlig fertig, kommt nur langsam hinterher.

Als er die Campsite erreicht sackt er ziemlich zusammen. Ich baue das Zelt auf, in das er sich schnell zurückzieht. Wir werden bleiben. Genug Zeit haben wir. Ich hoffe, morgen geht es ihm besser. Irgendwie hat er das Krankheitspech gepachtet. Das dritte Mal liegt er nun schon in Südamerika flach.

Ich ziehe mich auch erst mal ins Zelt zurück. Während ich aus dem Zelteingang in die Berglandschaft hinausblicke überlege ich, was ich mit dem Tag noch anfange. Gestern hat er mich schon so angelächelt, der Col Pucaccacca San Francisco – ein Berg, der sich als schroffer Felsen auf der anderen Seite des Tals erhebt. Ohne Kletterausrüstung sieht er unbezwingbar aus von dieser Seite. Ich werde dennoch versuchen ihn zu besteigen. Vielleicht finde ich von einer seiner anderen Seiten einen Weg auf den steilen Felsturm hinauf, der seinen Gipfel markiert.

Um 11 Uhr mache ich mich auf den Weg. Der Rucksack bleibt. Meine Trekkingstöcke, meine Kamera, ein frisch gefliterter Liter Wasser aus dem Fluss. Christian bleibt derweil im Zelt.

Durch wegloses Terrain laufe ich zunächst zur anderen Talseite. Schmatzende Geräusche begleiten jeden meiner Schritte. Ich quere eine sumpfige Feuchtwiese.

Im Hang steige ich dann zwischen hohen Tussockbüscheln und lose liegenden Felsbrocken auf.

Nach 150 Höhenmetern erreiche ich einen Wasserkanal. Er ist nur einen Meter breit und ebenso tief. Vermutlich dient er der Wasserversorgung eines der Bergdörfer hier in der Cordillera Huayhuash. Derzeit ist er allerdings ausgetrocknet oder stillgelegt.

Ich überspringe den Wasserkanal und steige weiter hinauf. Die nächsten hundert Höhenmeter. Langsam wird das Gelände felsiger. Ich blicke hinauf. Verdammt. Von unten erschien der hohe Grat hinter dem Berg, von dem ich weiter aufsteigen will, gar nicht so weit entfernt. Weitere hundert Höhenmeter. Keuchend bewege ich mich vorwärts.

Es ist deutlich schwieriger ohne Pfad aufzusteigen als mit einem solchen. In einem großen Bogen suche ich mir einen Weg über einen kleinen Seitengrat des Berges. Von dort aus will ich schräg auf den felsigen Hauptgrat hinter den nach Westen gerichteten Felstürmen des Bergmassivs hinaufsteigen.

Die letzten hundert Höhenmeter wird es steiler und steiler und ich suche mir einen Weg zwischen den Klippen. Der Untergrund hier ist rutschig. Er besteht nur noch aus Sand und feinem Geröll.

Dann endlich bin ich oben auf dem Hauptgrat. Das war ein anstrengendes Stück. Ich bin auf 4.850 Metern, der felsige Gipfel liegt noch ungefähr 200 Meter über mir. Ich schreie erst mal meine Freude über das Erreichen dieses Zwischenziels heraus. Ein klares Echo hallt von den Felswänden wieder. Hätte nicht gedacht, dass ich hier oben eine Antwort erhalte 😉

Zur anderen Seite des Grats bietet sich ein weiteres dieser fantastischen Panoramen in der Cordillera Huayhuash. Vier Lagunen – zu viele um sie trotz Weitwinkelobjektiv auf ein Foto zu bekommen – liegen im Tal in Reihe vor schroffen und teils vergletscherten Bergen.

In die andere Richtung blicke ich bis zur Laguna Viconga und darüber hinaus. Erst gestern hatten wir die tiefblaue Lagune auf unserem Hike noch passiert.

Ich bin gespannt, ob ich von dieser Seite nun auf den Gipfel komme. Große Zuversicht kommt mit Blick auf den vor mir liegenden Fels jedoch nicht auf. Der Grat führt noch ein Stück weit bergauf bis er an einigen teils senkrecht aufragenden Wänden und Felsstufen endet.

Ich schaue mir die Wände aus der Nähe an, suche eine halbwegs sichere Route im Fels. Immerhin soll sie mir ohne jegliche Kletterausrüstung nicht nur den Aufstieg, sondern vor allem einen sicheren Abstieg ermöglichen.

Es macht Spaß. Doch mehr als vielleicht um die 15 Meter komme ich nicht weiter hinauf. Dann ist Schluss. Um die 100 Meter vor dem Gipfel stehe ich auf knapp unter 5.000 Metern auf einem felsigen Vorsprung. Vor mir eine vielleicht 20 Meter hohe senkrechte Wand. Ohne die fehlende Ausrüstung und vor allem bessere Kletterkenntnisse als die meinen gibt es hier für mich kein Vorankommen mehr.

Egal, ich bin glücklich mit dem was ich geschafft habe. Ich mache eine längere Pause, schieße noch ein paar Fotos und wage mich dann an den Abstieg. Etwas über eine Stunde dauert es. Dann komme ich wieder am Zeltplatz bei den heißen Quellen, knappe 600 Meter tiefer, an.

Ich schnappe mir direkt meine Badeshorts und mache mich auf in Richtung Thermalquellen, wo ich den Nachmittag entspannt ausklingen lasse.

Christian hat während meines Ausflugs kaum geschlafen und eines seiner Mammut-Hörbücher gehört. Das tut er auch weiterhin. Die Dinger haben eine Laufzeit von mehr als zwölf Stunden 😉

Am Nachmittag kommen noch Ari und Aliza an – die beiden Isrealis, die wir am zweiten Tag hinter uns gelassen haben. Neben ihnen noch zwei Tschechen sowie eine der geführten Touren, die wir ebenfalls am zweiten Tag passiert haben.

Am Abend scheint es Christian etwas besser zu gehen. Vielleicht können wir morgen weiter auf dem Trek weiter durchstarten…

 

Tag 6 Huayhuash Trek – Über den höchsten Pass der Normalstrecke, den 4.950 Meter hohen Punta Cuyoc

Ich wache auf. Und ich friere. Nicht viel. Es ist eher so ein unentwegtes Frösteln. Trotz Schlafsack, Inlet und drei Lagen Klamotten nebst Mütze und Handschuhen. Bereits die Nacht über bin ich mehrfach aufgewacht vor Kälte.

Meine Wasserflasche ist komplett gefroren. Der Boden auch. Das Zelt ist innen wie außen von Eis überzogen. Da werden direkt wieder einige Erinnerungen an den Ausangate Circuit wach. Nächtelang hatten wir dort zweistellige Minustemperaturen und ich frage mich, ob uns das ab nun auch für den restlichen Trek durch die Cordillera Huayhuash erwartet.

Es ist 7 Uhr. Die Sonne erhellt mit ihren Strahlen die Zeltrückwand hinter unseren Köpfen. Goldgelb schimmert ihr Licht durch den Stoff hindurch. Und Wärme… Wahrscheinlich sind es nur ein paar wenige Grad. Aber sie sind sofort spürbar und langsam lässt das fröstelnde Gefühl nach. Und das Eis auf dem Zelt schmilzt. Natürlich auch im Innenzelt. Nach und nach laufen immer mehr Wassertropfen an der Zeltinnenwand herunter. Christian fängt das tropfende Nass direkt mal mit seinem Handtuch auf 😉

Hätten wir mal die zusätzliche Ventilationsöffnung an beiden Zelteingängen geöffnet. Doch dafür war es zu kalt in der Nacht und so müssen wir mit der Feuchtigkeit im Innenzelt leben. Tun wir aber nicht lange. Je länger die Sonne scheint, desto mehr tropft es im Zeltinnern und wir ergreifen bald die Flucht nach draußen.

Dort befreien wir das Zelt direkt mal von seinem restlichen Eispanzer und lassen Außen- wie Innenzelt in der Sonne trocknen.

Christian geht es zum Glück besser. Er fühlt sich deutlich kräftiger als gestern und will den hohen Pass über den Punto Cuyoc angehen. Fünf Stunden soll der Hike dauern. Kein ganzer Tag also. Ein halber.

Wir starten wieder gegen neun. Kurz vor den Tschechen, die wir am gestrigen Tag noch kennengelernt haben. Und einiges nach den beiden Israelis und der geführten Tour. Sie waren schon längst aufgebrochen als wir aus unserem tropfenden Zeltinneren geflüchtet waren.

Den Weg, den wir anfangs nehmen, habe ich gestern schon bei meinem Ausflug auf den Col Pucaccacca San Francisco von der anderen Talseite gesehen. Es geht an der Flanke eines Bergrückens entlang in ein Hochtal. Und von dort in einem Bogen zu Füßen einiger vergletscherter Gipfel weiter hinauf.

Die Flanke des Bergrückens liegt komplett im Schatten. Die Sonne steht noch nicht so hoch, als dass sie den Schatten vertreiben und ihre wärmenden Strahlen zu uns hinunter auf den Weg zu schicken vermag. So laufen wir direkt erst mal in warmer Klamotte und mit Handschuhen los.

Teile des Weges sind noch gefroren. Es fühlt sich richtig kalt an hier im Schatten und ich bin echt froh als ich nach den ersten vielleicht 150 Höhenmetern aus dem Schatten des Bergrückens heraus in das sonnenbeschienene Hochtal trete.

Hier oben hole ich sie ein: Ari und Aliza. Sie haben den Aufstieg ins Hochtal gerade geschafft und machen wie ich mit Blicke auf die Berge eine Pause. Bald kommt auch Christian nach. Dafür, dass er gestern noch flach lag, ist er echt gut unterwegs. Die beiden Tschechen folgen ein paar Minuten hinter ihm.

Wir haben alle heute dasselbe Ziel: ein Campspot im oberen Ende des Tals von Huanacpatay. Viele Kilometer sind es nicht bis dahin, dafür aber weitere Höhenmeter. Der höchste Pass der Normalstrecke des Huayhuash Circuit, der Pass Punto Cuyoc, ist immerhin 4.950 Meter hoch.

Während Christian sich noch mit den Tschechen unterhält, breche ich wieder auf. Der Weg ist gut auszumachen. Er schlängelt sich über hohe Wiesen und durch felsiges Terrain an der Seite des Hochtals nach oben, mal mehr mal weniger steil. Die Sicht stets auf beeindruckend schnee- und gletscherbedeckte Berge. Es ist auch heute eine majestätische Landschaft, in der wir hiken dürfen.

Nach einer guten Stunde hole ich auch die geführte Tour mit ihrem Guide ein. Natürlich allesamt Deutsche. Ich wundere mich nicht mehr. Irgendwie trifft man wohl überall auf der Welt auf Deutsche, selbst in so abgelegenen Bergregionen wie der Cordillera Huayhuash 😉

Nach zwei Stunden Hikens bekomm ich allmählich das Gefühl, dass ich gestern noch fitter war. Auch wenn mein Knie bzw. die entzündete Sehne darin mich heute bislang nicht nervt, irgendwie finde ich den Aufstieg heut besonders kräftezehrend. Vielleicht ist es mein Tempo, vielleicht auch der Anstieg selbst oder eine Kombination von beidem. Ich hoffe nicht, dass ich nun anfange zu schwächeln und womöglich krank werde.

Der Weg schlägt eine Kurve und geht dann über eine erneute Anhöhe weiter hinauf. Dann ist sie endlich zu sehen: die Passhöhe. Nach etwas über zwei Stunden des zehrenden Anstiegs kommt sie in Sicht.

Ich fühle mich etwas hinüber, mobilisiere aber meine vermeintlich letzten Kräfte um in eins zur Passhöhe durchzuziehen. Eine Viertelstunde später bin ich oben. Zumindest denke ich das. Völlig unerwartet tut sich mit dem Erreichen der Anhöhe, die ich zuvor als Passhöhe ausgemacht habe, dann doch ein weiteres Hochtal auf, in dessen Mitte eine Lagune liegt.

Ich wundere mich etwas, lege eine Pause ein und studiere die Karte. Der Wind zieht hier oben derweil kühl durch das Tal. Kalte Luftmassen strömen von einem vergletscherten Berg herab, den ich auf der Karte als Nevado Cuyoc, 5.550 Meter hoch, ausmache. Was ich noch ausmache: der Pass. Der Punta Cuyoc liegt tatsächlich noch 150 Meter höher am Ende des Hochtals.

Für den weiteren Aufstieg brauche ich noch eine Dreiviertelstunde. Ich umlaufe dabei in einem Bogen drei Lagunen, die hier unterhalb des Nevado Cuyoc liegen. Die letzten hundert Höhenmeter lege ich dann in Sand, Stein und Geröll zurück. Dann endlich. Die letzten Meter vor der Passhöhe Punta Cuyoc. Geschafft!

Die steilen Felswände des Nevado Cuyoc und einige kleine Hängegletscher, die sich an diese klammern, flankieren die Passhöhe zur einen Seite. Dahinter bietet sich über einige bizarr abgeschliffene Felsformationen ein famoser Tiefblick ins Tal. Weit unten erkenne ich sogar den Campspot von Huanapatay an einigen dort aufgestellten Zelten.

Nacheinander kommen alle anderen an. Erst Christian, der trotz seiner sich nicht wieder vollgenesenen Verfassung alle weiteren im Aufstieg ebenso überholt hat, dann unsere übrigen Mitstreiter am heutigen Tag: die Deutschen der geführten Tour mit ihrem peruanischen Guide, schließlich Ari und Aliza aus Israel und dann die beiden Tschechen. Wir quatschen viel und schießen noch mehr Fotos.

Es ist eine lange Pause, die wir machen. Geschlagene anderthalb Stunden. Der höchste Pass der Normalstrecke und im Gegensatz zum Tal weiter unten bläst hier merkwürdigerweise kaum ein Lüftchen. Das dürfte die erste Passhöhe in ganz Peru sein, auf der uns kein eisiger Wind umweht. Es ist beinahe windstill und im Schein der Sonne sogar angenehm warm.

Die Landschaft mit ihren eigenartigen Felsformationen erscheint schon irgendwie surreal. An einem der Felsen versuche ich hinaufzuklettern, doch der Fels ist spröde und der schräge Hang unter mit tief. Ich breche ab und schaffe es nur mit einem beherzten Schwung und Sprung wieder auf den Vorsprung zurückzukehren, auf dem der Fels steht und von dem ich meinen Besteigungsversuch unternommen habe.

Der Abstieg ist steil. Zumindest die ersten paar hundert Höhenmeter. Im losen Gestein geht es in Serpentinen hinab. Einige Male komme ich ins Rutschen, gerate jedoch rechtzeitig vor dem Sturz wieder ins Gleichgewicht. Andere haben nicht so viel Glück. Vor uns sehen wir wie die früher vom Pass gestartete Tschechin stürzt und einige Meter auf dem Hosenboden auf dem Geröll hinabrutscht. Glücklicherweise hat sie sich nichts getan.

Über einige Hochlandwiesen, auf denen Kühe weiden, und Geröllfelder mit großen Felsbrocken steigen Christian und ich weiter hinab. Nicht zum ersten Mal frage ich mich, ob in den Alpen wohl auch über 4.500 Metern noch Kühe grasen. Kleiner Scherz, ich bin mir der Antwort natürlich bewusst 😉

Nach einer Stunde erreichen wir das für mich schönste Camp auf dem Huayhuash Circuit bislang. Es liegt gemütlich an einem kleinem Wasserfall in einem Flusstal vor dem Anstieg zum 5.020 Meter hohen San Antonio Pass. Der steht für morgen auf dem Programm. Er soll unser zweites Abweichen von der Normalroute werden. Und für uns dann auch der höchste Pass des Treks. Ich hoffe allerdings, dass ich dann auch wieder fit bin. Seit dem Nachmittag plagen mich neben der Erschöpfung auch noch Schluckbeschwerden, Gliederschmerzen und ein ständiges Kältegefühl. Hmm, ob es mich auf dem letzten Trek dann doch noch dahinrafft? Bis jetzt habe ich Glück gehabt, war nicht einmal krank in Südamerika. Ich hoffe es bleibt so…

 

Tag 7 Huayhuash Trek – Nun bin ich es, der flach liegt…

Ich liege im Schlafsack. Es ist ein Uhr nachts und ich schlottere. Selbst meine Zähne klappern. Dabei habe ich alle warmen Klamotten an, die ich mit auf den Trek genommen habe. Hinzu kommt ein starker Kopfschmerz und jede Bewegung im Schlafsack verursacht mir Schmerzen.

Es hat sich gestern schon ja angekündigt. Ich sagte noch zu Christian, dass alles danach aussieht, dass ich der nächste bin und morgen flach liege. Nun ist es soweit.

Der Rest der Nacht verläuft völlig unruhig. Mal ist mir heiß, mal friere ich vor Kälte. Die kälteste Nacht seit Peru-Trekking-Gedenken. Nicht objektiv natürlich. Es ist mein subjektives Gefühl…

Ich dämmere so vor mich hin. Fünf Uhr ist es mittlerweile. Und mir ist speiübel. Ich muss aus dem Schlafsack und dem Zelt raus. In einem der Zelte der geführten Tour geht eine Stirnlampe an. Noch jemand, der wach liegt… hoffentlich nicht noch jemand, der sich schlecht fühlt.

Es ist merkwürdig, Christian war vor zwei Tagen krank. Zwei der Deutschen aus der geführten Tour sind seit gestern schlapp auf den Beinen und einer der Tschechen kämpft ebenfalls seit gestern mit seiner Gesundheit.

Eine Viertelstunde später bin ich zurück im Zelt. Mein Schädel dröhnt und mir ist schwindelig. Zudem friere ich wieder. Die kalte Luft draußen hat nicht wirklich gut getan. Dennoch finde ich etwas Schlaf.

Es muss so sieben sein, als ich wieder aufwache. Christian ist schon wach, fragt mich wie es mir geht. „Bescheiden“ ist meine Antwort. Ich vermag kaum mehr zu sprechen. Mein Mund ist trocken und mein Schädel hämmert. Christian weiß Bescheid. Kein früher Aufbruch, wenn überhaupt ein Aufbruch. Von den Tschechen besorgt er mir ein Medikament gegen Fieber. Ich hoffe es hilft. Ich kombiniere es noch mit einer Ibuprofen gegen die Kopfschmerzen und ein paar Magentabletten.

Die anderen – auch die Angeschlagenen – packen ihre Sachen und ziehen weiter. Sie lassen entgegen ihrer Planungen den San Antonio Pass links, oder vielmehr rechts, liegen und gehen auf dem einfacheren Weg durch das Flusstal hinunter ins knapp 15 Kilometer entfernte Dorf Huaylappa. Wir bleiben dahingegen. Ich hoffe darauf, dass meine Krankheit wie bei Christian zuvor nur einen Tag dauert und wir den San Antonio Pass dann morgen angehen können. Genug Zeit haben wir. Wir haben noch immer zwei Puffertage für den Huayhuash Trek eingeplant.

Ich versuche noch etwas zu schlafen, doch schon nach kurzer Zeit brennt die Sonne erbarmungslos auf das Zelt und macht aus dem Zeltinneren eine gefühlte Sauna. Ich gehe daher raus und setze mich in den Schatten. Dort würge ich etwas von dem Müsli mit Milchpulver hinunter, welches wir noch als Frühstück haben. Doch mein Appetit ist gering. Es ist wirklich nicht mehr als ein Hineinzwingen.

Irgendwann so gegen elf am Vormittag macht sich Christian auf den Weg: nun ist es an ihm, den Tag noch etwas zu nutzen. Da, wo ich vor zwei Tagen als Christian flach lag eine Bergbesteigung versucht habe, will er heute auf eine Passhöhe hinaufsteigen, die parallel zum San Antonio Pass verläuft und einen schönen Blick auf den Siula Grande, den zweithöchsten Berg in der Cordillera Huayhuash, bieten soll. Ich schätze, dass er erst am Nachmittag zurück sein wird.

Ich versuche derweil ein Hörbuch hören: „Die sieben Todsünden“. Ich dachte ich hätte gar kein Hörbuch mehr auf meinem Smartphone, doch irgendwo in der hinterletzten Ecke des Speichers meines Handys hat es sich dann doch versteckt. Schade nur, dass ich mich überhaupt nicht darauf konzentrieren und mich so auch nicht wirklich ablenken kann. Ich friere wieder unentwegt und mir ist speiübel. Nach einer Viertelstunde breche ich das Hörbuch ab. Vielleicht werde ich später am Abend noch einen Versuch wagen und kann mich dann damit ablenken.

Nach drei Stunden kommt Christian zurück. Derweil haben einige geführte Touren ihr Lager um unser Zelt herum aufgeschlagen. Ich habe es gar nicht bemerkt und bin selbst überrascht beim Blick nach draußen, wie viele Zelte hier mittlerweile aufgeschlagen sind. Das sieht schon ziemlich bunt aus.

Christian ist statt zur Passhöhe unbeabsichtigt auf anderem Weg zu einer Lagune hochgestiegen. Irgendwann nach zwei Stunden ist er dann umgekehrt. Er war der Meinung auf dem Pfad zur Passhöhe zu sein. Erst jetzt mit Blick auf die Karte sieht er, dass er offensichtlich einen falschen Weg eingeschlagen hat.

Ich schaue mir die wenigen Fotos an, die er mit meiner Kamera geschossen hat. Dann falle ich wieder auf meinem Lager zusammen. Ich glaube nicht, dass ich mich heute noch mal aus dem Zelt bewege.

Der Tag vergeht quälend langsam. Das vermeintliche Highlight: am frühen Abend kocht Christian ein paar Instantnudeln mit Thunfisch. Ich weiß ich werde nichts hinunter bekommen und verzichte von vornherein darauf es zu versuchen. Mir ist noch immer speiübel.

Ich versuche es am Abend noch mit dem Hörbuch, aber Kopfschmerzen und Müdigkeit sind zu stark. Ich kann mich wieder nicht auf die Geschichte konzentrieren und falle irgendwann in einen unruhigen Schlaf. Er ist noch schlechter als in der Nacht zuvor…

 

Tag 8 Huayhuash Trek – In Fierbertrance nach Huayllapa

Mein Mund ist trocken und ich friere. Im gefühlten Fünfminutentakt wälze ich mich hin und her. Und das seit Mitternacht. Ich finde keinen erholsamen Schlaf. Habe ich fünf Minuten gefroren, ist mir plötzlich wieder heiß. Ich wälze mich erneut herum. Irgendwann ist mein ganzer Schlafsack verdreht und ich versuche mich kraftlos wieder zu befreien. Doch jede Bewegung verursacht wieder Schmerzen in meinen Gliedern. Oh man, das wird sicher nix mit dem San Antonio Pass. Noch so eine besch****** Nacht.

Der Morgen wird nicht besser. Seit Stunden warte ich auf die Dämmerung, auf das Aufgehen der Sonne. Als es dann soweit ist bin ich völlig gerädert. Im Vergleich zum Vortag geht es mir kein Deut besser.

Ich wäre den Pass zu gern gelaufen, doch keine Chance. Ich bin noch nicht mal sicher, ob ich es überhaupt bis nach Huayllapa schaffe. Dorthin wollten wir heute in jedem Fall gelangen. Das kleine Bergdorf wäre die einzige Ausstiegsmöglichkeit vom Trek. Und Stand jetzt muss ich raus. Ich kenne meinen Körper. Mit dem, was ich mir da eingefangen habe, werde ich noch ein paar Tage kämpfen. Was es ist? Ich habe keine Ahnung. Irgendein kleines, mistiges Bakterium oder ein paar Viren. Auf jeden Fall ist mein Angreifer vielleicht 1/100.000stel so groß wie ich (vermutlich sogar noch kleiner) und trotzdem haut er mich in Runde eins k.o…

Ich sehe keine Chance die letzten zweieinhalb Etappen des Huayhuash Circuit noch zu laufen. Selbst heute – etwas über 15 Kilometer sind es bis Huayllapa – wird es ein Kraftakt, an den ich nicht wirklich glaube. Glücklicherweise geht es fast die ganze Zeit bergab. Es steht keine Passhöhe an auf der Normalroute. Ich werde es daher versuchen.

Christian redet mir gut zu. Ich soll langsam machen. Notfalls schlagen wir irgendwo auf halbem Weg das Zelt auf. Und ganz notfalls auch nach ein paar hundert Metern. Mit einem der Guides der geführten Gruppen lotet er schon mal Möglichkeiten aus, wie wir von Huayllapa nach Huaraz zurück gelangen können. Zwei Tage soll es dauern.

Ich bewege mich erstmal aus dem Zelt. Mir wird sofort schwindlig. Fünf Schritte. Dann muss ich mich setzen. Mitten auf den Boden. Ich schaffe es nicht mal bis zu einem der vielleicht zehn Meter entfernten Steine, auf dem man bequem sitzen könnte. Mein Glaube daran, heute die 15 Kilometer hiken zu können, sinkt weiter. Ich habe einfach keine Kraft.

Christian packt das Zelt zusammen. Ich sitze derweil kraftlos da und filtere am Bach einen Schluck Wasser. Ich würde ihm gerne helfen, aber ich kann nicht. Selbst das Wasserfiltern erscheint mir unendlich mühselig.

Der Schluck Wasser ist mein Frühstück für heute. Seit gestern morgen habe ich nichts mehr gegessen. Jeder Gedanke an etwas zu essen verursacht mir weiterhin Übelkeit.

Um halb neun versuchen wir den Aufbruch. Ich schultere meinen Rucksack und schleiche Christian nach. Jeder Schritt verkommt zur Kraftanstrengung. Die Schwäche droht mich schier zu übermannen, obwohl das Terrain einfach ist. Grasiges Hochland, einige Feuchtwiesen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es nur meine Trekkingstöcke sind, die mich auf Beinen halten und dafür sorgen, dass ich nicht umkippe.

Christian geht voran, bleibt aber, so ich meinen Kopf mal gehoben bekomme, in Sichtweite. Ich kann die Landschaft nicht genießen, doch sehe ich zumindest, dass sie eigentlich zum Genießen ist. Es ist ein langes Flusstal, welches wir hinablaufen. Mal mitten im Tal, mal an der seicht geneigten Flanke der Berge. Wir passieren Schafherden und einige verlassene, halb verfallene Berghütten und Gehöfte.

Irgendwann laufe ich in einem richtigen Dämmerzustand. Ich erinnere mich daran, erst nur noch auf den Boden gestarrt zu haben, später mit geschlossenen Augen gelaufen und gestolpert zu sein. Bei den Pausen sackte ich regelmäßig zusammen.

Irgendwann ab dem Mittag wird es etwas besser. Vielleicht weil das Ziel näher kommt. Das lange Tal von Huanacpatay ist geschafft. Wir stehen auf einer Klippe hoch über dem Zusammenfluss des Río Calinca in den den Río Huaylloma. Am Ende des Tales ist das Dorf Huayllapa zu sehen. Noch sechs Kilometer…

Die sechs Kilometer verlaufen im Tal direkt am Fluss entlang. Vermehrt blühen nun Blumen und seit langer Zeit bekommen wir mal wieder Bäume zu sehen. Wir steigen immerhin ab auf nur noch 3.500 Meter.

Um 14 Uhr kommen wir in Huayllapa an, lösen unsere Passiergebühr von 40 Soles pro Person und betreten die Stadt. Ich bin völlig fertig, total am Ende.

In Huayllapa wird gerade der Unabhängigkeitstag gefeiert, der Nationalfeiertag Peru’s, die sog. Fiestas Patrias. Die Unabhängigkeit von den Spaniern. Ganz Peru feiert hier. Huayllapa bildet da keine Ausnahme. An der Rezeption der beiden Hostels in Huayllapa ist entsprechend niemand. Auf dem Dorfplatz und vor der einem Hostel warten wir. Geschlagene zwei Stunden. Dann endlich finden wir ein Zimmer. Eine völlig einfache Unterkunft, ein einfaches Bett. Ich sacke darauf zusammen und schlafe sofort ein…

Die Entscheidung steht: wir brechen den Trek am nächsten Tag ab. Es hat mich stärker erwischt als gedacht. Und der anstrengende Tag nach Huayllapa hat nicht gerade zur Erholung beigetragen. Ich könnte kaum am nächsten Tag 1.300 Meter auf einen Pass hinaufsteigen. Zwei Tage sind es nun, die wir mit dem Collectivo und dem Bus nach Huaraz fahren. Die Cordillera Huayhuash ist halt abgelegen.

Der Abbruch ist natürlich alles andere als schön. Wir können den Circuit nicht vollenden und verpassen immerhin zweieinhalb Tage des Treks. Andererseits: der Huayhuash Trek hat uns in den vergangenen Tagen bereits dermaßen viel schönes geboten. All das, was versprochen war – majestätische Landschaften mit schroffen, schneebedeckten Bergen, unzählige Lagunen, rauschende Flüße und Bäche, kristallklares Wasser – hat der Trek auch gehalten. Ich bin daher sicher, wir haben nicht so viel verpasst. Rückblickend haben wir in Südamerika auch neben dem Huayhuash Circuit dermaßen viel erlebt. Kein Grund zur Traurigkeit also bei zweieinhalb verpassten Tagen 😉

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