1
Mrz
2018

Tag 97 Hurunui No. 3 Hut bis Kiwi Hut (23 Kilometer)

Heute habe ich den Harpers Pass überschritten und bin damit auf gutem Wege, sofern das Wetter die kommenden zwei Tage bei den anstehenden schweren River Crossings mitspielt, die Sektion zum Arthurs Pass möglicherweise in nur fünf Tagen abzuschließen. Der Tag heute war in jedem Fall abwechslungsreich. Der Track verlief durch grasbewachsene Ebenen, dichte Wälder mit wechselhafter Vegetation, durch unzählige von Flüssen und Bachläufen und trotz der Passhöhe von „nur“ 962 Metern bot er dabei eine fantastische Aussicht hinunter ins Tal. Auch was die Schwierigkeit des Tracks angeht war Abwechslung geboten: vom leichtem Hiken in der grasbewachsenen Ebene bis hin zu verschlammten Tracks mit steilen An- und Abstiegen oder auch einem von Erdrutschen mitgerissenen und nicht mehr vorhandenem Track war heute alles dabei…

Irgendwie finde ich in den Hütten keinen rechten Schlaf. Ich überlege langsam schon wieder mein Zelt allabendlich aufzuschlagen. Ich bin gespannt, wann es soweit ist. Noch genieße ich aufgrund des deutlich raueren Wetters hier auf der Südinsel die Bequemlichkeit der (einfachen) Hütten, aber irgendwann werde ich dem aufzuholenden Schlaf durch mehrere Nächte im Zelt vermutlich den Vorrang vor der abendlichen – nicht der nächtlichen – Bequemlichkeit der Hütten mit Bank, Tisch und Kaminfeuer geben. Letzte Nacht waren es Unmengen an Mäusen, die mich wachgehalten haben. Überall trippelten und trappelten sie auf den Holzbohlen und -balken der Hütte entlang, unter, über und neben meinem Bett. Einige Male – ich war im Halbschlaf – liefen sie direkt vor meinen Augen auf dem Tisch neben meinem Matratzenlager lang.

Letztlich habe ich wieder wieder erst zu gewohnten Zeit – es war 7 Uhr – aus dem Schlafsack gepellt. An sich wollte ich früh starten, aber der schlechte Schlaf sorgt irgendwie zumeist eher dafür, dass ich morgens wenig Intention habe aufzustehen.

Das Wetter versprach gut zu werden heute. Der Blick aus einem der kleinen Fenster der alten und im Inneren reichlich dunklen Hütte zeigte zumindest Teile eines blauen Himmels und als ich nach draußen vor die Tür der Hütte trat, zeigte sich doch ein wirklich schöner Sonnenaufgang. Wenn ich heute Glück hätte, würde es bei meinem Weg über den Harpers Pass und dem anschließenden Abstieg ins Tal hinunter so bleiben. Nach dem eher trüben, da verregneten Sommerwetter der vergangenen Tage wäre das eine schöne Abwechslung.

Gegen 8 Uhr stieg ich nach der Musik am Vortag heute mit einem Hörbuch auf den Trail ein – abermals Jules Verné, diesmal „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ in einer knapp dreieinhalb stündigen Fassung. Das war eine schöne Trailunterhaltung, die es doch vermochte, mich ein wenig von meiner Müdigkeit abzulenken.

Der Track verlief zumeist durch dichten und vor allem moosigen Wald stetig ansteigend in Richtung Harpers Pass. Ich querte abwechselnd einige Fluss- und Bachläufe und dann wieder größere Schlammgruben, die sich auf dem feuchten Waldgrund gebildet hatten. Jedes Mal, wenn meine Beine bis zur Mitte meiner Waden schlammbedeckt waren, wartete kurze Zeit später schon wieder ein kleiner Flusslauf, bei dessen Furtung mir das Wasser den Schlamm von den Beinen und Schuhen wusch. An sich perfekt, wären da nur nicht die ewig nassen Füße und Schuhe… aber die sind halt Part des Trails und auf der Südinsel werden sie mich wohl tagtäglich begleiten.

Wenige Kilometer nach dem Start von der Hurunui No. 3 Hut querte ich den Cameron River über eine schwankende 3-Draht-Konstruktion. Abenteuerliches Gefühl, wie ich mich darauf vorwärts schob. Das kannte ich bislang nur als wesentlich kürzere Stücke aus den Hochseilgärten zuhause. Es machte in jedem Fall aber Spaß.

Nach den ersten drei Stunden meines Trailtages gelangte ich an das Harper Pass Biwak, eine ziemlich kleine, vollkommen einfache, aber irgendwie auch gemütliche Notunterkunft, in die man irgendwie doch zwei Matratzenlager reingepresst hatte. Ich legte hier eine kurze Pause ein. Von hier war es dem Hurunui River weiter stromaufwärts folgend nur noch etwas über einen Kilometer bis zur ungefähr 150 Höhenmeter höher liegenden Passhöhe auf 962 Metern.

Ich hatte in den Kommentaren meiner Te Araroa-App bereits gelesen, dass der Track von hier aus aufgrund von Erdrutschen teils weggebrochen und nicht mehr vorhanden war. Im Zweifelsfalle sollte man einfach dem Flusslauf bis zur Passhöhe folgen. Selbiges galt auf der anderen Seite des Passes für den Taramaku River.

Als ich aufbrach verirrte mich direkt. Der Track bzw. Marker für diesen waren nicht mehr aufzufinden und so stieg ich den Flusslauf hinauf. Nach kurzer Zeit drehte ich um und startete von etwas weiter unten einen Versuch auf anderem Wege. Hier war kein Durchkommen. Bei meinem zweiten Versuch gelangte ich irgendwann nach Querung des Flusses wieder auf den Track, der recht überwuchert war und steil neben dem Flusslauf hinaufführte.

Ich überschritt den Pass und gelangte auf den anfangs für etwas über 300 Höhenmeter sehr steilen Abstieg auf der anderen Seite. Erst nach anderthalb Kilometern sollte der Abstieg zunehmends verflachen und dann bis auf die Gesamthöhe von 350 Metern über dem Meeresspiegel einfacher zu laufen sein.

Nach Überschreitung des Harpers Pass schien sich die mich umgebende Vegetation irgendwie schlagartig geändert zu haben. Dort wo ich zuvor auf der anderen Seite noch im moosigen Wald aufstieg, hatte ich hier auf den ersten paar hundert Höhenmetern hinab das Gefühl, wieder mehr in einem dieser subtropischen Wälder, wie ich sie so oft auf der Nordinsel gesehen hatte, oder zumindest in einer Mischung dieser beiden Waldtypen zu sein. Vielleicht täuschte mich mein Eindruck auch, aber irgendwie hatte es hier auf der Westseite des Passes deutlich mehr Farne und kleine Palmgewächse. Der Track verlief daneben im Abstieg aussichtsreich auf das vor mir liegenden Tal mit dem Taramaku River. Oftmals bot sich mir hier ein fantastischer Ausblick.

Der Pfad hinab war stellenweise sehr unwegsam. Es ging auf teils losem und rutschigem Untergrund hinab und an verschiedenen Stellen musste es vor jüngerer Zeit einige Erdrutsche und auch Gerölllawinen gegeben haben, die den Pfad mit sich gerissen hatten. Ich kam entsprechend nur sehr langsam voran. Dennoch war es ein schöner Hike heute mit einem sehr abwechslungsreichem Gelände, schönen Wäldern und Aussichten und vor allem mit Unmengen an dahinrauschenden, zu querenden Flüssen und Bächen, die glasklares Wasser mit sich führten.

Fünfeinhalb Stunden nach meinem Aufbruch am Morgen erreichte ich die Locke Stream Hut, eine wirklich alte,aber sehr gemütliche Hütte aus den 30er Jahren. Hier legte ich meine Lunchpause ein. Da ich, gutes Wetter für die kommenden beiden Tagen vorausgesetzt, die Sektion bis zum Arthurs Pass womöglich früher als gedacht abschließen kann, gab ich wenig Acht auf meine Vorräte und kochte mir mit einer Doppelpackung Instantnudeln mit Thunfisch abermals etwas warmes zum Mittag.

Die restlichen acht Kilometer des Tages bis zur Kiwi Hut verliefen auf einem eher einfachen Track durch das sich weitende Tal. Ich lief entweder auf der grasbewachsenen Ebene, direkt durchs Flussbett des Taramaku River und seiner vielen Zuströme aus den Bergen oder auf den Steinbänken neben dem Fluss. Hierfür brauchte ich nochmal ungefähr zwei Stunden. Dann gelangte ich einige hundert Meter vom Trail entfernt zur gemütlichen Kiwi Hut: einer alten 6-Personen-Hütte des DOC mit offenem Kamin.

Ich richtete mich häuslich ein und entfachte für den Abend ein Feuer. Ich schätze, dass ich die Nacht in der Hütte allein verbringen werde. Ich habe seit einigen Tagen tatsächlich nur sehr wenige Hiker getroffen. Von den Richtung Süden laufenden Te Araroa-Hikern dürfte ich im Umkreis eines Tages der einzige Hiker sein und nordwärts laufende Hiker habe ich die letzten zwei Tage, also gestern und heute, tatsächlich jeweils nur einmal gesehen.

Für morgen hoffe ich nun auf gutes Wetter. Mit der Querung des Taramaku River nach seinem Zusammenfluss mit dem Otaheke River, gegebenfalls dem Otira River und der mehrfachen Querung des Deception River stehen einige schwierige Flussquerungen an, die nur bei gutem Wetter begangenen werden sollten. Die wenigen nordwärts hikenden Te Araroa-Wanderer haben mich zumindest vor diesen Flüssen gewarnt.

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