11
Jul
2018
4

Trekking im Colca Canyon, der zweittiefsten Schlucht der Erde – In drei Tagen von Cabanaconde über Llahuar zur Oase Sangalle und zurück nach Cabanaconde

Drei Tage Trekking im Colca Canyon, der zweittiefsten Schlucht der Erde. Peru’s Megaschlucht hat steile Felswände zu allen Seiten und ist mit 3.269 Metern Tiefe noch deutlich tiefer als der Grand Canyon in den USA. Von Cabanaconde, dem Startpunkt für die meisten Trekkingtouren in den Canyon, stiegen wir auf einer der weniger begangenen Strecken am ersten Tag unserer Tour steil bis zum Río Colca, der sich hier tief in die Bergriesen der Anden eingegraben hat, hinunter. Von dort führte uns der Weg an einem Geysir vorbei bis nach Llahuar mit seinen heißen Quellen. Am zweiten Tag ging es aussichtsreich hinaus ehe wir erneut zum Boden der Schlucht hinabstiegen und zur Oase Sangalle gelangten, einem grünen Spot inmitten der Bergwüste des Canyons. Steil ging es dann am dritten Tag in unzähligen Serpentinen zurück hinauf nach Cabanaconde…

 

Tag 1 – Über den Aussichtspunkt von Achachiwa hinunter nach Llahuar

Der erste Tag unseres Hikes im Colca Canyon! Es war ungefähr 9 Uhr als wir von unserem Hostel in Cabanaconde, welches hoch auf 3.290 Metern am Rande der Schlucht liegt, starteten. Am Vortag waren wir mit dem Bus von Arequipa in rund 7 Stunden nach Cabanaconde gefahren. Dabei passierten wir auch die Höhe von Patapampa, ein Aussichtspunkt auf knapp 4.800 Metern, der über die Hochebene hinweg die Aussicht auf gleich mehrere Vulkane und schneebedeckte Berge erlaubte. In diesen Bergen entspringt u.a. auch der Amazonas.

Aber zurück zu unserem Trek durch den Colca Canyon: Christian ging es zwar besser, seinem Husten und Sägen in der Nacht war jedoch deutlich anzuhören, dass er noch immer nicht komplett genesen war. Aber es juckte ihn nun nach vier Tagen, die er einzig im Hotel oder Bus verbracht hatte, doch irgendwie endlich wieder mal den Rucksack zu schultern und die Wanderstiefel zu schnüren. Hinzu kam, dass der Trek in den Colca Canyon im Vergleich zu den Touren, die wir zuvor hier in Peru unternommen hatten, vergleichsweise einfach sein dürfte. Da wo wir zuvor in deutlich größerer Höhe unsere über 1.000 Höhenmeter am Tag im Auf- und Abstieg gemacht haben und das mit Rucksäcken, in denen sich Essen und entsprechendes Gewicht für mehrere Tage befand, würden wir uns im Colca Canyon deutlich weniger anzustrengen haben. Am heutigen Tage würden wir in etwa viereinhalb Stunden von Cabanaconde nach Llahuar hinabsteigen – ein nahezu reiner Abstieg um knapp 1.300 Höhenmeter. Für den zweiten Tag würde ein fünfstündiger Hike zur Oasis Sangalle anstehen und am letzten Tag würden wir wieder hinauf nach Cabanaconde steigen, was etwa dreieinhalb Stunden dauern dürfte. Im Vergleich zu den Tagen zuvor mit neun bis elf Stunden Hikens kein Wahnsinnsprogramm also und für Christian auch kein Grund nicht wieder durchzustarten. Auf den ursprünglich geplanten vierten Tag würden wir verzichten, um wieder in unserem Reisezeitplan zu sein. Wir haben für später noch einen Flug von La Paz nach Lima gebucht und an dem haben wir uns ein wenig auszurichten.

Unsere Rucksäcke wogen leicht am heutigen morgen. Tatsächlich hatten wir auch nur Essen für einen Abend eingekauft und einen großen Teil unserer warmen Klamotten im Hostel in Cabanaconde gelassen. Wir würden die Sachen später wieder auflesen. Was das Essen angeht: im Colca Canyon kann man an nahezu jedem Übernachtungsspot auch einfache Gerichte für wenig Geld zu essen bekommen. Wir verzichteten daher auf große Vorräte.

Die Sonne schien am ersten Tag unseres Treks wieder unerbitterlich. Nicht eine Wolke am Himmel. Tolles Wetter, keine Frage. Aber was Aussicht und Fotos angeht ist der rein blaue Himmel dich ein wenig schade. Auf eine dichte graue Wolkendecke kann ich zwar verzichten, doch wirken Fotos und Aussicht mit ein paar Wolken doch gleich viel schöner und spektakulärer 😉

Nachdem wir am Marktplatz von Cabanaconde das Boleto Tourístico erstanden hatten – die mit 70 Soles bzw. knapp 18 € vergleichsweise teure „Eintrittskarte“ für den Colca Canyon – verließen wir schnell die staubigen Straßen Cabanacondes Richtung Westen und in Richtung Canyonrand. Der Mirador Achachiwa, ein am Rande der Schlucht gelegener Aussichtspunkt, sollte unsere erste Anlaufstation sein.

Wir hatten richtig Glück. Nicht nur der Aussicht wegen. Sondern wir bekamen am Mirador tatsächlich gleich drei Kondore zu sehen. Die majestätischen Vögel glitten relativ nah über uns hinweg. Für gewöhnlich bekommt man sie doch nur früh morgens und spät am Nachmittag für relativ kurze Zeit zu sehen.

Vom Aussichtspunkt konnten wir dem Canyon zur einen Seite bis hinunter zur Oase Sangalle sehen – unserem Ziel für den morgigen Tag. Zur anderen Seite waren Teile des steilen Weges bis hinunter zum Rìo Colca am Canyongrund und bis zum Ort Llahuar ersichtlich, unserem Anlaufpunkt für den heutigen Hike. Selbst den nahezu gesamten Weg für den morgigen Tag bis zur Oase Sangalle mit all den vielen kleinen Andendörfern dazwischen konnten wir nachvollziehen, ebenso wie Teile des Wiederaufstiegs am dritten Tag nach Cabanaconde. Da lag er nun also vor uns: der Trek für die nächsten drei Tage. Er musste nur noch gelaufen werden. Gigantisch 🙂

Ein wenig erinnerte mich der Tiefblick in den Colca Canyon doch an den Blick in den Apurimac Canyon auf dem Choquequirao Trek nach Machu Picchu. Der Apurimac Canyon erschien mir nur etwas breiter und im Verlauf meist gerader während der Río Colca sich hier in unzähligen Windungen in die Hänge der umliegenden Berge gegraben hatte.

Während der ersten Hälfte des Tages ging kein Lüftchen. Erst unten am Grund des Canyons sollte eine frische Brise wehen. Was aber (für mich) schlimmer war: die Sonne. Ich hatte mir bereits bei der Tour auf den Vulkan Misti einen deftigen Sonnenbrand im Gesicht zugezogen. Daher zog ich mein als Schal genutztes Bufftuch auch den halben Tag lang übers Gesicht wie eine Ganove aus einem schlechten Western 😉

Vom Mirador Achachiwa führte der Weg zunächst weiter am Rande der Schlucht entlang ehe er später in Serpentinen und zwischen hohen Kakteen verlaufend einige hundert Höhenmeter in einen tieferen seitlichen Einschnitt der Schlucht hinabführte. Christian gab ordentlich Gas, rutschte auf dem Geröll und Staub des steilen Pfades jedoch direkt zweimal aus. Dreckige Hose, aber ansonsten folgenlos 😉

An steilen Felswänden entlang querte der Weg anschließend über eine ziemlich heruntergekommene und sorglos zusammengenagelte Holzbrücke einen Bachlauf, der nun im Juli und damit in der Trockenzeit des peruanischen Winters jedoch völlig ausgetrocknet war.

Vor dem weiteren Abstieg auf den Canyongrund und hinunter zum Rìo Colca, der in unzähligen steilen Serpentinen erfolgte, liefen wir eine ganze Weile noch auf selber Höhe – mächtige, senkrecht aufragende Felswände und Klippen über uns. Der Pfad schien sich hier regelrecht an den Berg zu klammern.

Obwohl wir beinahe permanent abstiegen oder uns auf gleicher Höhe bewegten, lief mir der Schweiß in Strömen. Mein Shirt war klatschnass und die sonst so gut funktionierende Ventilation zwischen Rucksack und meinem Rücken drohte doch vollends zu versagen. Beim Blick von oben hinunter auf die türkisfarbenen und vermutlich kühlen Wasser des Río Colca kam doch etwas Sehnsucht in mir auf 😉

Als wir endlich den nach und nach grüner werdenden Grund der Schlucht und die beiden dort über den teils tosenden Fluss gespannten Brücken erreichten – eine Fahrbrücke sowie eine alte, augenscheinlich nicht mehr sicher zu passierende Hängebrücke – musste ich zunächst dennoch auf ein frisches Bad verzichten. Am Ufer des Flusses brodelte und kochte es aufgrund unzähliger heißer Quellen. Ein Geysir spuckte zwar keine Wasserfontäne in die Luft, doch stiegen heiße, faulig nach Schwefel riechende Dämpfe von ihm hervor. So legten wir an diesem Spot und nach immerhin 1.200 Metern Abstieg nur eine längere Pause, jedoch keine Badepause, ein ehe wir uns auf den weiteren Weg nach Llahuar machten.

Auf einer staubigen Fahrstraße stiegen wir dann an fantastisch-farbigen Felswänden nach Turuña auf, einem ziemlich trostlosen und weitestgehend verlassenen Dorf, welches aus einigen eingeschossigen, zum überwiegenden Teil eingefallenen und eingestürzten Lehm- und Steinhütten mit einfachen Wellblechdächern besteht.

Am frühen Nachmittag erreichten wir dann Llahuar, welches ansich nur aus zwei Hostels bzw. einem Hostel und der Llahuar Lodge – beides mit der Möglichkeit, unser Zelt aufzuschlagen – besteht. Dem Rat eines älteren, verkaufstüchtigen Großmütterchens, das offensichtlich zur Llahuar Lodge gehörte, landeten wir in derselben 😉

Gute Entscheidung mit der Lodge statt dem Hostel. Denn wir schlugen unser Zelt hier in schöner Lage auf einer begrünten Terasse über dem Río Colca zwischen Holz- und Bambushütten auf, die eine einfache Unterkunft für all jene boten, die ohne Zelt in den Canyon nach Llahuar hinabgestiegen waren. Zudem konnten wir die zur Lodge gehörigen und direkt am Flußufer gelegenen Thermalquellen mit benutzen. Die heißen Pools waren zwar recht voll, sorgten aber für einen entspannten Nachmittag 😉

Christian ging es nach dem halben Tag Trekking – wir waren ungefähr viereinhalb Stunden unterwegs – übrigens ganz passabel. Er hatte nach dem kräftezehrenden Abstieg zwar mit dem kurzen, vielleicht halbstündigen Anstieg hinauf nach Turuña kämpfen müssen ehe es schließlich nach Llahuar hinunterging, aber davon ab hatte er sich den Tag über ganz gut gefühlt und sich ebenso geschlagen.

Der Abend sollte übrigens mal ganz untypisch für Peru verlaufen. Denn wir konnten tatsächlich längere Zeit draußen sitzen und das Gefühl genießen, dass es angenehm warm war 🙂 Abgesehen von der Zeit im Amazonasdschungel zu Beginn unseres Trips war uns das bislang ja doch nicht so oft vergönnt. So kochten wir gemütlich unsere Instantnudeln und als zweite Portion einen gut gewürzten Kartoffelbrei mit roten Zwiebeln und Thunfisch während wir die Gesellschaft einiger anderer Hiker aus England, Australien und Neuseeland genossen.

 

Tag 2 – Über den Mirador Apacheta zur Oase Sangalle

Pancakes satt zu Beginn von Tag 2! Nein, das war kein Frühstücksangebot der Llahuar Lodge zum Pauschalpreis. Die Pancakes satt waren das, was wir uns direkt zum Frühstück gegönnt haben. Bei einem Preis von umgerechnet 50 Cent für jeden zusätzlichen Pancake – zwei waren im Frühstück enthalten – kann man sich das mal gönnen 😉

Nach dem Frühstück sind wir dann um kurz nach 8 Uhr aufgebrochen. Unser Zelt, Schlafsäcke und Isomatten hatten wir zuvor schon zusammengepackt.

Im Gegensatz zu den vorherigen Tagen war es tatsächlich bewölkt. Mein Gesicht, das noch immer total verbrannt war, würde es danken. Und wir im Ganzen ebenso, denn wir sollten von Llahuar aus zurück nach Turuña aufsteigen und von dort aus weiter über die Dörfer Paclla und Belen zum Mirador Apacheta, der laut Trailbeschreibung eine Wahnsinnsaussicht bieten sollte. Insgesamt würde es knapp 700 Meter raufgehen ehe wir wieder 600 Meter zur Oase Sangalle absteigen würden.

Wir gewannen schnell an Höhe, zunächst auf dem Pfad, dem wir gestern gefolgt waren bis Turuña. Anschließend ging es auf einer staubigen Fahrstraße, auf der uns jedoch nur ein Bus begegnete, der die Dörfer im Canyon abfährt, weiter hinauf bis Paclla. Die Aussicht auf die Bergwelt um den Colca Canyon hatten wir also so gut wie für uns. Auf etwaigen Verkehr brauchten wir hier keine Acht geben 😉

Ich fühlte mich richtig gut heute, war Christian auch schon einiges vorausgeilt als ich Paclla, das ebenfalls weitestgehend verlassen schien, erreichte. Ich machte mich direkt an den weiteren Aufstieg, der nun in steilen Serpentinen hinauf nach Belen führte. Das anstrengendste Stück des Tages. Und trotz der Bewölkung perlte mir der Schweiß aus den Haarsträhnen.

Ich war froh als ich über die letzten Felsen des steilen Hangs stieg und Belen vor mir lag. Zwei Stunden hätte es von Llahuar bis hier dauern sollen. Tatsächlich hatte ich es in weniger als 50 Minuten geschafft. Im Überschwang dessen setzte ich mir direkt mal das Ziel die dreieinhalb Stunden und 1.200 Höhenmeter Aufstieg, die es morgen nach Cabanaconde sein sollten, in weniger als zwei Stunden zu knacken. Irgendwann gegen 5 Uhr wollten wir morgen noch vor Einbruch des Tages starten…

Aber zurück zum zweiten Tag unseres Hikes im Colca Canyon: Christian kam etwa zehn Minuten nach mir in Belen an. Ähnlich schnaufend wie ich zuvor und genauso erpicht auf eine Pause . 500 Höhenmeter hatten wir bis hierhin schon geschafft und es bestand kein Grund zur Eile. Allenfalls des Halbfinales der WM wegen, aber so es in der Oase Sangalle einen Fernseher geben würde, würden wir zum Spiel zwischen Frankreich und Belgien vermutlich in unserem derzeitigen Tempo ohnehin rechtzeitig dort sein 😉

Eine Dreiviertelstunde saßen wir Musik hörend und die Aussicht genießend hier oben am Rand des kleinen Bergdorfs Belen ehe wir die Schlucht weiter bergan stiegen. Noch 200 Meter bis zum Mirador Apacheta. Das meiste davon erneut auf staubiger Fahrstraße.

Ich eilte Christian wieder etwas davon. Als er mich eine halbe Stunde später am Aussichtspunkt erreichte, fragte er mich, was denn heute mit mir ginge… Hmm, mag an der Musik gelegen haben 😉 Singend und pfeifend hatte ich das Stück zum Mirador offensichtlich ziemlich schnell zurückgelegt.

Die versprochene Aussicht war tatsächlich großartig, wenn nicht sogar Faszination pur. Über die tief unter uns liegende Oase Sangalle, die grün eingebettet zwischen okerfarbenen und rötlichen Felswänden lag, fiel der Blick den Canyon entlang und den tosenden Río Colca stromaufwärts hinauf. Die Bergwelt erschien zu dieser Seite noch spektakulärer als zur anderen Seite hin, von der ich im Aufstieg allerdings such bereitd viele Fotos gemacht hatte. Der Río Colca schlängelt sich hier weiter stromaufwärts in vielen Kurven zwischen den Bergen hin und her und hat sich steil in dieselben hineingegraben. Das war schon unglaublich schön anzuschauen vom Mirador Apacheta und unzählige Fotos wert 😉

Wir folgten weiter der Fahrstraße. Aussichtsreich schlängelte sich diese auf nahezu gleichbleibender Höhe am Hang des Berges entlang, der zu dieser Seite steil in die Schlucht und zur Oase Sangalle hinabfiel.

Dann stiegen wir über einen Pfad in Richtung Oase hinab. Zwischen Fels und Kakteen ging es im Zickzack von Serpentinen abermals tief in die Schlucht hinein. Während ich abermals unzählige Fotos schoss, gab Christian Gas. Diesmal war er es, der ein Stück vorauseilte und Dutzende von Hiker überholte, die auf demselben Pfad zur Oase abstiegen. Sie waren von weiter stromaufwärts gekommen: von der populäreren und entsprechend vielbegangeneren Route in den Colca Canyon über San Juan de Chuccho statt Llahuar. Kurz vor Sangalle finden dann beide Routen zueinander.

Nicht einmal vier Stunden nach dem Aufbruch in Llahuar kamen wir beide dann in der Oase Sangalle an: einem grünen Flecken voll Leben in einer ansonsten zu dieser Jahreszeit tristen und trockenen Bergwüste, die von Fels, Staub, Kakteen und vertrockneten Gräsern gezeichnet ist. Hier in der Oase Sangalle blühte und grünte es jedoch an jeder Ecke. Unzählige Blumen, Palmen, Obst- und sonstige Bäume machten aus der Oase einen wahren, wenn auch kleinen Garten Eden, in dem man in den schlichten Holz- und Lehmhütten einiger Lodges übernachten kann. Jede Lodge hat dazu noch einen oder mehrere kleine Natursteinpools, in die mitunter künstliche Wasserfälle hinabrauschen.

Bislang wurde der Trip in den Colca Canyon tatsächlich so entspannt wie erwartet. Wir buchten uns in eine der Hütten ein und verbrachten den Nachmittag im Pool und beim Halbfinalspiel. Gestern hatten wir zudem in Llahuar ja bereits in den Thermalquellen entspannen können. Dafür würde der Aufstieg morgen vermutlich aber noch mal heftig werden und uns alles abverlangen 😉

 

Tag 3 – In unter zwei Stunden 1.200 Höhenmeter hinauf nach Cabanaconde?

Tag 3 unseres Treks im Colca Canyon! Bislang war es die erwartete Entspannung von den übrigen, deutlich anspruchsvolleren Treks, die wir uns herausgesucht hatten. Aber das sollte sich heute veemutlich ändern. Ich hatte mir gestern als Ziel gesetzt, die 1.200 Höhenmeter auf 4,4 Kilometer Streckenlänge von Sangalle bis Cabanaconde in unter zwei Stunden zurückzulegen. Normalerweise benötigt man für diese Strecke mit einem Tagesrucksack mit Snacks und vielleicht zwei Litern Wasser dreieinhalb Stunden. Wir hatten unsere großen Rucksäcke mit unserem gesamten Campingequipment dabei und waren entsprechend deutlich schwerer beladen – auch wenn wir einen Teil unserer wärmeren Klamotte zu Beginn des Hikes in Cabanaconde gelassen hatten.

Christian würde die zwei Stunden nicht versuchen zu knacken. War aber auch völlig okay. Immerhin war er vor wenigen Tagen noch erkältet und hatte die Tour auf den Vulkan Misti bei Arequipa ausfallen lassen müssen.

Um 4:45 Uhr standen wir auf. Noch deutlich vor Einbruch der Morgendämmerung, die gegen 6 Uhr eintrat. Ich pellte mich aus dem Schlafsack, stieg in meine Klamotten und packte meinen Rucksack zusammen.

Mit meinem ersten Gedanken an diesem Morgen verfluchte ich mich doch zunächst für unsere Schnapsidee, zu dieser unchristlichen Zeit aufzustehen. Und das nur um den um 9 Uhr in Cabanaconde abfahrenden Bus nach Puno am Titikakasee zu erwischen. Ich war noch hundemüde. Mit meinem zweiten Gedanken verfluchte ich mich dann dafür, dass ich mich in unter zwei Stunden nach Cabanaconde hinaufquälen wollte… Doch beide Gedanken wischte ich schnell beiseite. Etwas eiskaltes Wasser ins Gesicht und gut war’s. Dachte ich zumindest. Denn trotz des kalten Wassers im Gesicht fühlte ich mich (noch) nicht so richtig fit. Aber das würde auf dem Trail bestimmt kommen…

Christian fluchte übrigens ebenso, vor allem des frühen Aufstehens wegen. Noch vor 5 Uhr. Das ist ja so gar nicht seine Zeit. Als Student ist er halt irgendwas um die 10 und 12 Stunden Schlaf am Tag gewohnt 😉

Um 5:10 Uhr brachen wir schließlich auf, bewaffnet mit Rucksack, Trekkingstöcken und Stirnlampe. Und eine Minute später kam direkt schon mal das erste Problem: Wo zur Hölle geht es lang?

Wir hatten es am Vortag versäumt noch nach dem Einstieg in den Aufstieg nach Cabanaconde zu schauen. Zwar wussten wir ungefähr wo sich der Pfad befinden musste, aber eben nicht genau.

Wieder eine Minute später war das Problem gelöst. Der meist getrocknete, faserige Eselkot, der immer wieder den Lichtkegel meiner Stirnlampe kreuzte, war eben untrügerisch. „Let’s follow the donkey poo“, hatten wir uns schon öfters auf den Treks hier gesagt und jedes Mal stimmte der Weg, den wir nach diesem Leitsatz einschlugen 😉

Christian ließ ich schnell in den ersten Serpentinen des Anstiegs hinter mir. Das war natürlich keine böse Absicht. Ich wollte jedoch mein Ziel erreichen und würde ihn dann halt in Cabanaconde wiedertreffen.

Ich hatte heute morgen nur ein dünnes Merinoshirt angezogen und darüber die dünne rote Polartecjacke, die ich in Cusco noch als zusätzliche Schicht für den Ausangate Circuit gekauft hatte. Es war kalt, doch mit den zwei Lagen Klamotte würde ich schon auskommen im Anstieg.

Schon früh stellte sich heraus, dass Merinoshirt und Polartecjacke gemeinsam zu warm waren. Der Anstieg war einfach zu heftig als dass ich nicht auch mit wenigen Klamotten schnell ins Schwitzen geriet. Serpentine um Serpentine kämpfte ich mich hinauf. Und Schweißperle um Schweißperle rann aus meinem Haar hinab im Dunkel der Nacht, so dass ich mich dann doch alsbald meiner Polartecjacke entledigte und nur im Shirt weiter aufstieg.

Beim Blick nach oben an die dunkle, beinahe bedrohlich wirkende Felswand offenbarten sich immer wieder Lichtpunkte in der Wand. Andere Hiker, die deutlich früher aufgestanden sein mussten als wir kämpften sich ebenso Serpentine um Serpentine die 1.200 Höhenmeter nach Cabanaconde hinauf. Ich hätte nicht gedacht, dass es am Ende so viele werden würden, denn auf meinem Weg nach oben überholte ich nach und nach immer mehr Hiker. Viele davon rasteten völlig erschöpft und gezeichnet am Rande des Pfades hinauf. Schlussendlich müssen es an die fünf oder sechs Dutzend Hiker gewesen sein, die ich im Laufe des Aufstiegs überholt hatte…

Langsam ging die Sonne hinter den Bergen auf und der Morgen dämmerte. Meine Stirnlampe konnte ich alsbald ausschalten. Noch zuvor hatte ich mit dieser ein Kreuz am Rande des Pfades hinauf beleuchtet – vielleicht ein abgestürzter Hiker? – und einen auf einem Felsvorsprung schlafenden Straßenhund. Das waren aber auch die einzig nennenswerten Spots in der Dunkelheit. Ansonsten war der Lichtkegel meiner Stirnlampe nur auf den staubigen und von Geröll gesäumten Pfad vor mir und auf die graue Felswand neben mir gefallen.

Mein Atem wurde zunehmend schwerer ob der steten Kraftanstrengung. Ich erkannte nun im Lichte der Morgendämmerung jedoch, dass ich bereits weit aufgestiegen war. Ich hatte die Höhe der Fahrstraße auf der gegenüberliegenden Seite der Schlucht bereits überschritten und musste mich irgendwo um die 2.800 oder 2.900 Höhenmeter befinden. Erstmals schaute ich auf die Uhr: 6:27 Uhr. Ich war damit gut unterwegs und ich wusste, wenn ich es schaffen würde, weiter durchzuziehen, dann könnte ich die zwei Stunden knacken.

Ein Blick auf die Uhr. Mehr Pause gönnte ich mir nicht. Immer mehr Hiker überholte ich auf dem Weg während die Sonne langsam die in der Ferne der Schlucht hoch aufragenden Bergwipfel durch die wenigen Lücken zwischen einigen dicht stehenden Wolken erhellte.

Das letzte Stück zog sich. Die Serpentinen im letzten Teil des Aufstiegs standen immer enger, der weitere Pfad in der Felswand hinauf erschien mir immer steiler. Jeder Schritt auf dem Pfad, entweder auf losem Geröll oder die steinernen in den Fels gehauenen Stufen hinauf schien zu einem Kraftakt zu werden.

Dann endlich lag sie vor mir. Die letzte Kehre in den Serpentinen und darüber der Rand der Schlucht.

1 Stunde und 46 Minuten. Ich hatte es geschafft. In unter zwei Stunden war ich auf dem Aussichtspunkt am Rande des Colca Canyon bei Cabanaconde angelangt. Ich hatte mich jedoch ziemlich verausgabt 😉

Ich wartete noch knapp 25 Minuten am Rande der Schlucht auf Christian, doch bekam ich ihn nicht zu sehen. Dann machte ich mich auf zu unserem Hostel, in dem wir unsere Sachen zurückgelassen hatten. Ich war noch immer völlig durchgeschwitzt und die Aussicht auf eine warme Dusche im Hostel bereitete mir irgendwie mehr Wohlbehagen als jene auf eine dicke Erkältung. Natürlich war die Dusche eiskalt… Aber verdammt, sie fühlte sich dennoch richtig gut an 🙂

Christian musste ich übrigens gar nicht so lange verpasst haben. Denn als ich aus der Dusche kam, war er gerade im Hostel angekommen. Zweieinhalb Stunden hatte er bis Cabanaconde gebraucht und war damit auch echt gut unterwegs gewesen. Er hatte sich auch ziemlich abgekämpft und die Zeit von dreieinhalb Stunden für den Track ebenfalls deutlich geknackt.

Wir genossen noch das Frühstück im Hostel. Dann fuhr bereits unser Bus, ein Collectivo zunächst Cabanaconde nach Chivay. Wir hatten das teurere Collectivo dem Public Bus nach Chivay vorgezogen, um frühzeitig vor unserem Anschlussbus nach Puno in Chivay zu sein. Irgendwie waren wir jedoch auf ner ziemlichen „Kaffeefahrt“ gelandet. Wir stoppten für 50 Minuten in der Pampa an recht teuren heißen Quellen, an denen zwei unserer zwei Dutzend Mitreisenden ein Bad nahmen während der Rest in der Kälte auf die Weiterfahrt wartete. Anschließend wurden wir zum Lunch zu einem teuren Buffetrestaurant, gelegen am Ortsrand von Chivay, verfrachtet. Zu Gunsten eines billigen, aber guten Essens bei einem Hinterhofchinesen klinkten wir uns hier mit anderen Reisenden aus 😉

Der einzig schöne Spot und lohnenswerte Halt der „Kaffeefahrt“ der Tour war übrigens eine schöne Aussicht zu Beginn des Colcacanyons mit Ausblick auf ein Mosaik von Terassen und Feldern an den Berghängen um den Río Colca.

Unseren Anschlussbus nach Puno zum Titikakasee erreichten wir dann fünf Minuten vor Abfahrt 😉 Von Puno aus fahren wir dann morgen weiter in die bolivianische Hauptstadt La Paz. Für Bolivien sehen wir die Besteigung eines 6.000ers, des Huayna Potosi, vor sowie eine Jeeptour in die Salar de Uyuni, die größte Salzwüste der Welt. Vielleicht biken wir auch noch auf der Death Road, der angeblich gefährlichsten Mountainbikestrecke der Welt, oder legen einen Tag Rafting auf einem der tosenden Flüsse um La Paz ein…

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