27
Feb
2018

Tag 95 Boyle Village bis Hope Kiwi Lodge (25 Kilometer)

Mit der Furtung des Boyle River bin ich heute tatsächlich nahezu an meine Grenzen gekommen. Gleich mehrere Male als ich mich gegen die Kraft des Wassers anstemmte dachte ich, die Fluten würden mich gleich umreißen und wenigstens zwei Mal wäre das auch fast passiert als ich den Strom, dessen Wasser mir deutlich über der Hüfte stand, furtete. Ich war ehrlich gesagt ziemlich froh, als ich endlich das andere Ufer erreicht hatte und durchatmen konnte. Das war mit Abstand die schwierigste Flussfurtung aller meiner Hikes bisher und ich war erstmals tatsächlich froh, für den Fall der Fälle einen Notfallsender mit mir zu tragen…

Oha, das war ein später Start heute, denn ich bin erst um 10 Uhr losgekommen. Und dafür gab’s ne ganze Menge an Gründen. Zunächst erstmal habe ich ausgeschlafen. Dann habe ich nochmal alle meine elektronischen Geräte aufgeladen, meine restliche Pizza vom Vorabend gefrühstückt, meiner Nichte nachträglich zum Geburtstag gratuliert, ganz in Ruhe gepackt und einen ganzen Schwung neuer Hörbücher heruntergeladen. Kurz vor Start warf ich mir noch eine Ibuprofen für mein Knie ein und dann machte ich mich mit erneut schwerem Rucksack – ich startete nun mit Essen für acht Tage – auf die Sektion von Boyle zum Arthurs Pass.

Für diese Sektion mit einer Gesamtlänge von „nur“ 113 Kilometern habe ich laut Trailbeschreibung letztlich sechs bis acht Tage zu veranschlagen. Der Track folgt einer historischen Route über die Südlichen Alpen und den Harper Pass und beinhaltet nach der Querung des Harper Pass eine Vielzahl an schweren Flussfurtungen, die nur bei trockenem Wetter begangenen werden können.

Als ich zunächst von Boyle aus auf den Tui Track startete, der mich zu dem weiter südlich gelegenen Startpunkt der Harper Pass Route bringen würde, fühlte sich mein Rucksack gar nicht so schwer an. Aber das lag vermutlich einfach am anfangs noch flach verlaufenden Track und meinem morgendlichen Doping aus Pizza und Ibuprofen. So lief ich nicht keuchend, sondern ein Lied pfeifend durch das Boyle River Valley in Richtung Boyle River.

Ab sofort war ich alleine auf dem Te Araroa unterwegs. Das war ich die Tage zuvor zwar auch, aber ich hatte mich morgens und abends doch immer mit meinen Hikerfreunden in derselben Hütte eingefunden. Dies war nun erstmals vorbei, denn Karima und David würden heute einen Restday einlegen und sind hierfür nach Hanmer Springs getrampt. Die anderen, also Dylan, Wietse, Eric usw. sind gestern alle entweder in der Anne Hut geblieben oder nur bis zur Boyle Flat Hut weitergelaufen. Sie würden alle heute erst Boyle erreichen und dann vermutlich morgen oder übermorgen erst auf die Sektion Richtung Arthurs Pass starten. Ich bin gespannt, ob ich den einen oder anderen im Verlaufe des Trails nochmal wiedersehe.

Nach zwei gelaufenen Trailkilometern auf dem Tui Track, der übrigens nichts mit dem bekannten deutschen Reiseveranstalter zu tun hat, gelangte ich an den Boyle River. Gestern querte ich diesen Fluss noch über eine Hängebrücke. Heute würde ich nun versuchen ihn deutlich weiter stromabwärts von dieser Stelle zu furten. Das musste ich zumindest, wenn ich auf dem Tui Track bleiben wollte – und dies wollte ich. Die Alternative bestand immerhin aus einigen unattraktiven Kilometern Roadwalking und einer Querung des Flusses am Windy Point über eine Hängebrücke. Ich hoffte, dass sich der Strom gut furten ließe. Mit solchen Schwierigkeiten, wie ich sie dann hatte, hatte ich tatsächlich jedoch nicht gerechnet.

Der Strom war vielleicht an die 15 bis 20 Meter breit und floß wahnsinnig schnell dahin. So schnell, dass der Strömungsdruck einige Wellen bzw. einiges an Wildwasser auf der Wasseroberfläche aufbaute. Ich beobachtete den Fluss eine Weile, suchte mir eine Stelle zum Furten aus, verstaute alle meine Sachen wasserdicht im Rucksack und wagte es dann. Den Blick stromaufwärts ging ich in breitem Stand seitwärts langsam durch den Fluss. Schritt für Schritt. Meine Trekkingstöcke rammte ich schräg vor mir das Flussbett, so dass ich mich darauf stützen und mein Körpergewicht letztlich zu jeder Zeit an mehreren Punkten auf den Boden für einen sicheren Stand bringen konnte.

Schnell stieg stieg mir das Wasser über die Knie, dann über die Oberschenkel und schlussendlich in der Mitte des Flusses, wo der Strom am stärksten floß, über die Hüfte. Die Welle, die sich vor mir aufstaute, reichte mir bis an den Bauch heran. Meine Trekkingstöcke zitterten und bebten in der starken Strömung und ein ums andere Mal hatte ich Mühe, diese überhaupt in einem Winkel, der es mir erlaubte, mich dagegenzustützen, in das Flussbett zu rammen und einen sicheren Stand aufzubauen. Ich konnte mich an mehreren Stellen kaum halten, so hoch war der Wasserdruck. Einige Male drückte er mich trotz meines Kräftedreiecks stromabwärts zurück und ich drohte das Gleichgewicht zu verlieren. Ich sah mich schon taumeln und vom Strom mitgerissen zu werden, doch konnte ich mich im letzten Moment gerade noch halten.

Nach einer gefühlten Ewigkeit – und es waren tatsächlich fast zehn Minuten – kam ich bis zur Höhe meines Bauchnabels durchnässt am anderen Flussufer an. Das Wasser hatte sogar den Boden meines Rucksacks erreicht und ich muss sagen, alter Schwede, das war mit Abstand die schwierigste Flussfurtung, die ich bislang auf meinem Hikes hier in Neuseeland und auch allen anderen Hikes davor gemacht habe. Ich war ziemlich froh, als ich den Boyle River schlussendlich erfolgreich gefurtet hatte. Ich war fast an meine Grenzen gekommen und hier hatte ich nun auch wirklich eine Stelle erreicht, an der ich froh war, für den Notfall diesen GPS-Sender bei mir zu tragen. Ich hoffe die folgenden Flussquerungen werden weniger anspruchsvoll.

Nachdem ich kurz durchgeatmet und mir einen Müsliriegel als Stärkung reingepfiffen hatte, folgte ich dem Flusslauf anschließend auf seiner rechten Seite stromabwärts. Es ging durch Graslandschaften und vielfach durch sumpfiges Gebiet, in dem ich einmal beinahe mit meinen Keen-Sandalen, die ich für die River Crossings heute angezogen hatte, steckenblieb. In stinkendem Modder versank ich hier bis zum Knie.

Kurz vor dessen Mündung in den Boyle River querte ich als nächstes den Doubtful River. Dieser fächerte sich knappe hundert Meter stromaufwärts vom Track glücklicherweise kurz in mehrere Arme auf, die sich einzeln gut queren ließen. Ansonsten wäre das sicher nochmal eine ähnliche Herausforderung wie beim Boyle River geworden.

Über hügeliges Gelände gelangte ich schließlich nach einigen An- und Abstiegen zum Abzweig vom Tui Track auf den Hope Kiwi Track und damit den Startpunkt des Trails über den Harper Pass. Ich folgte dem Track in das Hope Valley hinein durch dichten Wald, immer leicht ansteigend im Gelände. Nun war der Punkt erreicht, an dem sich das Gewicht meines Rucksacks schlussendlich doch spürbar machte und so legte ich nach 13 gelaufenen Kilometern und etwa dreieinhalb Stunden im Wald eine Mittagspause ein.

Ich genoss zwei Wraps mit Thunfisch und ein Snickers, das ich noch in Boyle im Outdoor Education Centre gekauft hatte. Währenddessen hopste wieder einer dieser putzig neugierigen Vögel mit schwarzem Gefieder und gelbem Bauch vor mir her und um flatterte um mich herum. Letzten Endes saß er sogar auf meinem Schuh und beäugte mich (oder mein Essen?) neugierig.

Kurz nach 14 Uhr machte ich mich wieder auf den Weg. Es waren noch weitere zwölf Kilometer bis zur Hope Kiwi Lodge, einer älteren, wohl aber sehr gemütlichen DOC-Hütte. Bis dahin wollte ich an sich heute kommen.

Ich lief zunächst weiterhin durch dichten Wald. An den vielen schwarzrindigen Bäumen hier – ich habe wirklich keine Ahnung wie die heißen – tummelten sich hunderte von Wespen. Ich vermute, dass diese Bäume irgendeinen süßen Saft absondern, auf den die Wespen stehen. Spannend wurde es immer dann, wenn der Track durch eine Gruppe dieser Bäume verlief, denn das war gefühlt als bewegte ich mich durch einen Bienenkorb. Spannend war einfach, ob ich wieder nen Stich abbekam, aber heute blieb ich von solchen verschont.

Auf der Hälfte des Weges zur Hope Kiwi Lodge passierte ich die Hope Halfway Hut – eine ziemlich alte Hütte aus den 60er Jahren. Anschließend brach der Track aus dem Wald hervor und verlief in Graslandschaften und auf weitem Farmland neben dem Hope River. Ich war bereits ganz schön kaputt nun. Der Rucksack lastete doch schwer mittlerweile. Aber ich hatte nur noch fünf Kilometer von meiner weiteren Verschnaufpause auf einem kleinen Holzsteg über einen schmalen Strom. Nicht mehr so weit also, vielleicht anderthalb Stunden, so dachte ich zumindest.

Ich passierte den Hope River später über eine Hängebrücke und tauchte dann nochmal in Wald ein. Zyklon Gita hatte hier offensichtlich schwer gewütet, denn eine Vielzahl an Bäumen war entwurzelt oder gespalten und lag quer übereinander. Ich kletterte über dieses Trümmerfeld, passierte eine weitere grasige Ebene und gelangte dann an die letzten 500 Meter bis zur Hütte. Und für diese gerade mal 500 Meter, die ebenfalls durch Wald führten, brauchte ich nochmal über eine halbe Stunde. Der Zyklon hatte hier noch viel schwerer mit seinen Sturmböen gewütet. Der halbe Wald lag in Trümmern und ich umkletterte, überkletterte, balanierte, drückte mich zwischen den quer liegenden Baumstämmen und -kronen hindurch oder kroch unter diesen hinweg. Vom Track war nichts mehr zu sehen und ich verließ mich in diesem Labyrinth auf meine ungefähre Ahnung, in welcher Richtung die Hütte wohl sein musste. Irgendwann brach ich dann aus dem Wald oder aus dem, was davon noch übrig war, hervor und gelangte auf eine sumpfige, unterhalb der Hütte gelegene Ebene. Ich kämpfte mich hier nochmal durch den Matsch, dann war ich endlich an der Hütte angelangt.

Mit dem heutigen Tage habe ich übrigens auch den Bezirk Nelson-Marlborough verlassen und bin nach Canterbury gelangt. Hier hatte Zyklon Gita tatsächlich am schwersten gewütet. Ich bin gespannt, in welchem Zustand die Tracks die nächsten Tage sein werden. Ich hoffe, dass die beiden kurzen Waldpassagen am Ende des heutigen Tages nicht nur ein Vorgeschmack auf das waren, was mich noch erwartet.

Ansonsten muss ich zum Abschluss noch gestehen, dass ich meinen Plan, meinen Bart bis Bluff wachsen zu lassen, etwas aufgegeben habe… Schande über mein Haupt, aber ich konnte mir das mittlerweile dann doch recht ungepflegte Gestrüpp nicht mehr anschauen auf den vielen Fotos und vor allem nicht im Spiegel gestern. Ich habe meinen Bart zwar nicht komplett abgeschnitten, aber die Locken bzw. das wirre Hin und Her, das sich im Bart entwickelt hatte, habe ich gestern Abend völlig unfachmännisch mit einer Nagelschere zurückgeschnitten. Nun ist es zwar immer noch ein Gestrüpp, aber ein kürzeres und irgendwie fühle ich mich jetzt schon wohler damit. Keine Angst, meinem „wilden Aussehen“ hat das keinen Abbruch getan und an dem Plan, meine Haare auf dem Kopf weiter wachsen zu lassen, halte ich auch noch unverändert fest 🙂

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