24
Jan
2018
3

Tag 61 Te Matawai Hut bis Nicholson Hut (12 Kilometer)

Okay, nachdem der Raetea Forest lange Zeit unangefochten an der Spitze der härtesten Etappen stand, geht dieser Titel nun an die Tararua Ranges. Der zweite Tag in den Ranges führte mich in achteinhalb Stunden auf nur zwölf Kilometern durch richtig schweres Terrain: teils vollkommen schlammig, teils im steilsten Auf- und Abstieg in alpinem Gelände und in traumhaft schönem Regenwald. Nachdem ich im schwierigen Gelände der Ranges gestern bereits knappe 1.200 Höhenmeter im Aufstieg und an die 500 Höhenmeter im Abstieg gemacht hatte, standen heute weitere 1.200 Meter im Aufstieg und um die 850 Meter im Abstieg an…

Trotz knappen 350mg Magnesium bin ich heute morgen mit richtigem Muskelkater in Armen und Beinen aufgewacht und fühlte mich direkt an die gestrige Etappe zurückerinnert. Ich stand um 6:15 Uhr auf. In der Te Matawai Hut wurde es richtig geschäftig mit dem ersten Tageslicht – wir waren immerhin 15 Hiker, die hier übernachtet hatten und irgendwie schien es heute einen ziemlichen Run auf die übernächste Hütte, die zwölf Kilometer entfernte Nicholson Hut, die nur sechs Betten hatte, zu geben. Einige von uns wollten zwar in der noch vier weitere Kilometer entfernten Anderson Memorial Hut übernachten, aber der Großteil von uns hatte die Nicholson Hut als Etappenziel ausgeschrieben.

Als einer der Letzten bin ich nach dem Herunterwürgen zweier Tortillas um kurz nach 7 Uhr auf den Trail aufgebrochen. Ich wollte mich nicht stressen lassen. Notfalls würde ich irgendwo nahe der Hütte mein Zelt aufstellen können oder im Vorraum der Hütte, so dieser denn groß genug wäre, schlafen. Die Sicht bei Aufbruch war nahe Null.

Der Trail startete direkt wieder schlammig. Ich steckte abermals knöcheltief im Schlamm und das schmatzende Geräusch, wenn ich meine Schuhe aus dem Schlamm zog, um den nächsten Schritt abermals in tiefen Schlamm zu setzen, sollte mein steter Begleiter in der ersten Hälfte des heutigen Trailtages werden.

Meine Schuhe, die ich am Vorabend noch mit Nadel und Zahnseide geflickt hatte, zeigten abermals nach nur einem Kilometer auf dem Track neue Schwachstellen. Naja, nach über 1.500 Kilometern in meinen Trailrunners war das ja auch zu erwarten. Andere Hiker trugen mittlerweile schon das dritte Paar Schuhe. Die Stellen, die ich geflickt hatte, hielten. Allerdings riß das Mesh-Material dafür nur wenige Millimeter von den Nähten entfernt über mehrere Zentimeter ein. Ich bin mittlerweile ziemlich sicher, dass die Tararua Ranges zum Todesstoß für meine Schuhe werden. Glücklicherweise hatte ich trotz der Risse und der ziemlich geschundenen Sohle aber noch einen guten Halt in meinen Trailrunners. Den konnte ich heute wirklich gut gebrauchen.

Von der Te Matawai Hut führte der Track direkt erstmal 500 Höhenmeter hinauf auf eine Höhe von knapp 1.400 Metern in Richtung Pukematawai Summit. Die Sicht war meist ziemlich schlecht. Es war alles wolkenverhangen. Nur für kurze Augenblicke riß die Wolkendecke auf und offenbarte durch die aufsteigenden Wolken fantastische Aussichten in die Berglandschaft der Ranges.

Der Anstieg in Richtung Pukematawai Summit war direkt fordernd. Teilweise ausgesetzte Felskletterei in alpinem, offenen Felsgelände mit meist geringer, grasiger Vegetation oder knorrigen Gebüsch, das direkt in den Track ragte.

Nach einer knappen halben Stunde überholte ich Nikki, eine Neuseeländerin, die etwa eine Viertelstunde vor mir gestartet war. Sie hatte keine Trekkingstöcke und damit wurde die Etappe heute vermutlich für sie zur Tortur. Bis jetzt, 19:30 Uhr, ist sie nicht in der Hütte hier aufgetaucht. Ich schätze, dass sie in der Dracophyllum Hut auf etwa der Hälfte der Strecke zusammen mit Harry und Mary, die auch nicht hier angekommen sind, untergekommen ist.

Nach anderthalb Stunden war ich dem Abzweig knapp unterhalb des Gipfels angekommen. Den Sidetrip auf den nur 50 Meter höher gelegenen Gipfel konnte ich mir sparen. Es war einfach zu wenig Sicht und so schlug ich direkt den Weg auf den Grat über die Berge Richtung Dracophyllum Hut ein.

Es wehte ein frischer, aber nicht kalter Wind auf der Ridge, der ab und an die Wolken beiseite blies und schöne Tiefblicke in die Täler der Ranges offenbarte. Über mehrere Bergkuppen ging es in schlammigen, alpinem Gelände voran, dies allerdings in einem elendig langsamen Tempo. Das Gelände war einfach extrem schwierig und der Auf- und Abstieg von den einzelnen Bergkuppen im Fels richtig steil, am Steilhang gelegen oder beides zugleich. Ich konnte mir kaum vorstellen, einen solchen Track mit schweren Backpack ohne Trekkingstöcke zu hiken.

Nach fünf Kilometern reichte mir der Schlamm mittlerweile bis zu den Knien. Dann ging es völlig unerwartet in Regenwald. Unerwartet war das insoweit für mich, da ich mich ja immer noch deutlich über 1.000 Höhenmetern befand und bislang hatte ich mich hier in den Ranges oberhalb dieser Marke immer in offenem, alpinem Gelände bewegt.

Der Regenwald war fantastisch schön und für mich der schönste von allen Regenwäldern bislang. Noch kurz vor den Tararua Ranges hatte ich zu Axel gesagt, dass ich langsam keinen Regenwald mehr sehen kann, aber dies hatte sich nun schlagartig geändert. Dieser hochgelegene Regenwald kam so anders daher wie der bisherige Busch und die extrem dicht von Moosen umwucherten, in fantastischem Grün strahlenden knorrigen und verdrehten Bäume kamen daher wie aus einer traumhaften Märchen- und Sagenwelt. Das ist mit Worten (für mich) kaum zu beschreiben.

Ich bin hier zweimal relativ kurz nacheinander vom Track auf der Ridge abgekommen. Ab und an musste ich hier über einige umgestürzte Bäume klettern und irgendwie musste ich da den nicht immer offensichtlichen Track verpasst haben. Ich merkte dies erst als ich mich deutlich unterhalb der Gratlinie befand und suchte dann mühevoll meinen Weg wieder hinauf. Später hörte ich, dass es allen anderen ganz genauso gegangen ist 🙂

Nach über viereinhalb Stunden und nur sieben gelaufenen Kilometern erreichte ich gegen kurz vor zwölf Uhr mittags die Dracophyllum Hut, eine kleine Hütte mit gerade mal zwei Schlafplätzen, die aber sehr gemütlich daherkam. Wäre es schon später am Tag gewesen, wäre ich sicher hier geblieben, aber da noch genügend Zeit war, wollte ich noch die weiteren fünf Kilometer bis zur Nicholson Hut machen. Ich machte an der Hütte jedoch einen kurzen Lunchbreak von 20 Minuten.

Hinter der Dracophyllum Hut fiel der Track wieder steil ab, teilweise extrem steil. Ich rutschte im schlammigen Abstieg mehrfach aus, konnte mich aber meist gerade so noch mit meinen Trekkingstöcken abfangen oder mich an einem der Bäume neben dem Track festhalten. Soweit das nicht gelang, sah ich zu, dass ich wenigstens auf meinem Hintern landete und nicht kopfüber den weiteren Abstieg nahm. Dennoch stürzte ich einmal so, dass ich mir das linke Knie und mein Schienbein direkt an einen Felsen schlug. Außer ziemlichen Schmerzen ging es aber noch mal glimpflich aus. Ich schätze ein oder zwei dicke blaue Flecken werden mich die kommenden Tage an diesen Moment erinnern.

Über den dreigipfligen Puketoro Mountain ging es aus dem Busch wieder raus in alpines Gelände. Ich suchte jeden Schritt hier im Auf- und Abstieg zwischen den drei Gipfeln extrem vorsichtig zu setzen. Irre, solche An- und Abstiege im Fels an teils schwindelerregendem Abgrund. Das war für mich bislang das gefährlichste Stück Te Araroa und ich war heilfroh, dass ich gutes Wetter und lediglich einen wolkenverhangenen Himmel und etwas Wind hatte. Ich will das hier nicht im Regen erleben. Bei diesem Stück Trail dachte ich wirklich, dass es kein Wunder ist, dass die Tararua Ranges mit zu den gefährlichsten Abschnitten des Te Araroa zählen und auf diesem Abschnitt des Te Araroa die meisten Hiker verunglücken.

Vom Puketoro Mountain führte der Te Araroa dann nach und nach wieder in weitere Abschnitte des traumhaft schönen Regenwaldes hier oben. Erneut Wahnsinn. Ich hatte wirklich nicht erwartet, dass es hier oben solche mystische und fantastische Wälder hat. Der Pfad wurde hier auch deutlich besser. Teils war er richtig angenehm zu gehen im Vergleich zu der Felskletterei zuvor.

Im letzten Anstieg – es ging knappe 200 Höhenmeter zum Abzweig zur Nicholson Hut hinauf – schloss ich auf Tobias und Karima auf. Dann gelangten wir um 15:30 Uhr zu der unheimlich schön gelegenen Hütte, von der sich bei nun aufklarendem Himmel und Sonne eine fantastische Aussicht bot. Es war zwar noch „früh“ am Tag, aber ich war ziemlich froh die Hütte erreicht zu haben. Der heutige Tag hat abermals einiges an Kraft gekostet. Vermutlich machte ich mir am Abend daher auch gleich eine Doppelportion Abendessen, vertilgte meine letzte Tüte Gummischlangen und meine komplette Schokolade 😉

Schlussendlich – ich rechne nicht damit, dass heute noch jemand in die Hütte kommt, sind wir tatsächlich nur zu siebt in der Nicholson Hut und da zwei Hiker, Troy und Grant, außerhalb der Hütte im Zelt schlafen, haben wir auch alle einen Schlafplatz abbekommen.

Morgen geht es auf den Mount Crawford, den mit 1462 Metern höchsten Punkt des Te Araroa in den Tararua Ranges. Anschließend gilt es einen extremen Abstieg von über 1.000 Metern in nur drei Kilometern zu bewältigen. Das wird eine Belastungsprobe für die Knie.

Zum Abschluss hier noch ein paar Fotos:

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