21
Jan
2018
4

Tag 58 Palmerston North bis Kahuterawa Stream (28 Kilometer)

Ich hab sie passiert! Die 1.520,5 Kilometermarke des Trails! Damit ist Bergfest für mich. Die Hälfte der Te Araroa-Strecke der Saison 2017/2018 habe ich damit geschafft. Verrückt. Wenn ich ehrlich bin, dann hatte ich einige Tage, an denen ich drauf und dran war, den Trail abzubrechen oder ganze Sektionen zu skippen. An diesen Tagen habe ich geflucht und geschimpft und ich hätte niemals in diesen Momenten auch nur im Traum daran gedacht, dass ich überhaupt die Hälfte dieses Trails schaffe. Aber ich habe mich durchgebissen, mich durchgekämpft, mich immer wieder selbst motiviert und bin auch vielfach von außen motiviert worden. Und der Trail hat mich für dieses Durchhalten auch immer wieder belohnt. Denn neben all den Momenten des Schmerzes, des Fluchens und der Abbruchgedanken gab es auch eine solche Vielzahl an wundervollen Momenten: tolle, einzigartige Erfahrungen und Erlebnisse, an die ich mich sicher mein ganzes Leben lang zurückerinnern werde, eine wunderschöne Natur und spektakuläre Aussichten und auch eine solche Vielzahl an freundlichen Menschen und Trailangels, die ich bislang unterwegs treffen durfte. Ich bin sehr gespannt, was die zweite Hälfte des Te Araroa für mich bereithält und ob ich es tatsächlich bis zum Ende hin schaffe…

Nach dem wahnsinnig erholsamen Zeroday am Vortag in Palmerston North am Vortag, bin ich heute um 7 Uhr aufgestanden. Ich habe noch gemeinsam mit Paul, Brian und Karima gefrühstückt und mit Brian währenddessen über zwei potenziell lebensgefährliche Rivercrossings auf der Südinsel gesprochen. Mal schauen, was ich an diesen Stellen später mache. Mittlerweile sind die Querungen dieser Flüsse wegen der hohen Gefahren, die die Furtung der Ströme selbst bei Niedrigwasser birgt, komplett aus dem Trail entfernt worden. Es gibt jedoch keine wirkliche Umleitung. Der Trail endet bei beiden Flüssen nach wie vor an dem einem Ufer und beginnt einige Kilometer weiter einfach am anderen Flussufer wieder, ohne dass die Furtung der Flüsse Bestandteil des Trails ist. Beide Flussläufe können wohl auch ohne die magischen Worte einer von Nazgul verfolgten Elbin innerhalb kürzester Zeit zu reißerischen Strömen anschwellen. Da Brian ein Buch über den Te Araroa hatte und darin auch die beiden Flussläufe genauestens beschrieben waren, sprachen wir direkt über mögliche Umgehungsstrategien für die Rivercrossings, die allerdings erst in einigen Wochen anstehen werden.

Um 8:30 Uhr bin ich dann mit Karima erstmal auf den heutigen Trail aufgebrochen. Wir hatten uns für heute eine mögliche Wildcampingstelle in etwas über 28 Kilometern ausgeschaut, die wir am Abend erreichen wollten. Mein Rucksack wog extrem schwer heute. Brian hatte eine Rucksackwaage und mein Backpack kam doch tatsächlich fast auf 21 Kilogramm. Wenn ich von dem Fliegengewicht ausgehe, dass ich noch in Tauramunui hatte, als ich mich zuletzt wiegen konnte, wog mein Rucksack damit heute mehr als ein Drittel meines eigenen Körpergewichts… Ok, wer rechnen kann, weiß nun, dass ich in Tauramunui nur knapp 62 Kilogramm auf die Waage gebracht habe. Jetzt wisst ihr auch, warum mich das seinerzeit so erschreckt hat 😉 Aber ich bin guter Dinge, dass ich auf der River Journey wieder etwa zugelegt habe und auch in den kommenden Tagen zulegen werde. Denn in meinem Backpack finden sich heute satte 8 Kilogramm Essen, darunter auch solche Extras wie ganze Tafeln Schokolade, eine Großpackung Proteinpulver, Couscous, Mashed Potatoes, mehrere Tüten Gummibären bzw. in diesem Fall Gummischlangen und und und… Ich werde also auch weiter futtern, futtern, futtern. Reichen muss das Essen im WorstCase für 9 Tage. Die übermorgen beginnende nur 45 Kilometer lange Sektion der Tararua Ranges soll ja echt heftig werden und dafür werde ich eventuell tatsächlich bis zu sechs Tage benötigen.

Karima und ich gelangten zunächst auf dem Turitea Track aus Palmerston North heraus: einem angenehm zu laufenden, gepflegtem Track durch offene Landschaften und kleine bewaldete Täler. Wahnsinn, welch ein lautes Zirpen von den Insekten in den Tälern hier zu hören war. Das war schon irre, denn wenn man nicht nahe beieinander stand, konnte man sich an manchen Stellen kaum unterhalten so laut war es.

Anschließend ging es über einen längeren Straßenabschnitt auf der Turitea Road mit Ausblick auf die ersten Ausläufer der Tararua Ranges in Richtung des kleinen Vorortes Turitea, wo neben uns mit seinem Auto Guy, einer freundlicher Neuseeländer hielt, der uns direkt zu seinem am Trail gelegenen Haus auf einen Kaffee und später sogar noch auf seine hausgemachte Kokosschokoladeneiscremé einlud. Da sagten wir nicht Nein. Wir waren bereits knapp zehn Kilometer gelaufen und wollten ohnehin demnächst eine Pause machen. Letztlich blieben wir ganze zweieinhalb Stunden bei Guy und gelangten erst um 13:30 Uhr wieder auf den Trail. Wir hatten uns dermaßen gut unterhalten, dass die Zeit wie im Fluge verging: über Brian und Paula, die Guy kannte, über den Te Araroa und speziell die Tararua Ranges, die angekündigte Blutmondfinsternis, über Irland und Schottland, über die Herr der Ringe-Filme, die Zeit des Mittelalters, das in Neuseeland lebende größte Insekt der Welt und und und… Es war eine richtig gute Unterhaltung mit Guy. Mit Trailangels bin ich offensichtlich gerade gesegnet… 🙂

Auf einer einfachen Schotterstraße erreichten wir dann kurz nach Guy’s Haus die Kilometermarke 1.520,5 des Trails! Halbzeit! Ein einfaches Schild, auf dem sich einige Te Araroa-Hiker verewigt hatten – wir taten dann selbiges – wies auf diesen Kilometerstand des Trails hin. Wir hatten 1.520,5 Kilometer bis hierhin von Cape Reigna im Norden der Nordinsel Neuseelands zurückgelegt und bis Bluff zum südlichsten Punkt der Südinsel wäre es nochmal genauso weit.

Von hier aus ging es zunächst am Turitea Stream entlang in leichtem Anstieg durch schönes hügeliges Farmland in die Vorläufer der Tararua Ranges hinein, wo wir nach weiteren sechs Kilometern am unteren Kahuterawa Stream eine Lunchpause einlegten. Die Sonne brannte heute wieder gnadenlos und so nutzten wir die Pause nicht nur für einige Wraps, sondern auch für ein Bad im kalten Strom des Flusses.

Nach weiteren drei Kilometern auf einer Schotterstraße gelangten wir dann zum Back Track, einem stetig ansteigendem Mountainbiketrack, der sich durch eng eingeschnittene Täler und dichten Busch bis auf 350 Höhenmeter hinaufwand. Boah was hab ich hier trotz des mäßigen Anstieges geschwitzt. Irgendwie zog sich der Track zudem. Als wir ihn nach weiteren sechs Kilometern verließen und auf einer Schotterstraße, die durch Pinienwald führte, gelangten, war es bereits 18 Uhr.

Für die restlichen vier Kilometer des Tages brauchten wir noch eine knappe dreiviertel Stunde. Auf der Schotterstraße gelangten wir in fortswirtschaftlich genutzte Hügellandschaften, die mich doch sehr an den Harz erinnerten.

Hier schlugen wir dann am oberen Flusslauf des Kahuterawa Stream spät unsere Zelte auf und bereiteten unser Abendessen. Für mich gab es eine Doppelpackung Reis von Uncle Bens, dazu meinen geliebten scharf gewürzten Peri-Peri-Thunfisch, einen Müsliriegel, einen Riegel Schokolade, eine ganze Tüte Gummischlangen und einen Proteindrink.

Wenn ich morgen konditionell gut drauf bin, plane ich mit Karima über zwei Bergkuppen ganze 33 Kilometer bis zum Beginn der Tararua Ranges zu laufen. Und wenn das Wetter dann übermorgen mitspielt, geht es mitten hinein in die Ranges, die über mehrere steile Bergkuppen von bis zu knapp 1.500 Höhenmetern zu überwinden sein werden.

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