10
Jan
2018

Tag 47 Emerald Lakes bis Whakapapa (16 Kilometer)

Nach dem geilen Tag gestern fiel der heutige Tag, an dem ich den zweiten Teil des Tongariro Crossing lief, für mich ziemlich ins Wasser. Es hatte in der Nacht stark angefangen zu regnen und der Regen sollte begleitet von Windböen und dicht im Vulkanmassiv hängenden Wolken auch den Hike über andauern und erschwerte mir den früh begonnenen Abstieg aus dem Gebirgszug. Daneben fühlte ich mich heute irgendwie nicht ganz fit, weshalb ich auch nicht weiter lief als in kleine Örtchen Whakapapa…

Nachdem ich am Vorabend noch auf gutes Wetter für den nächsten Tag und den zweiten Teil des Tongariro Crossing gehofft hatte, fing es in der Nacht etwa gegen 3 Uhr an ordentlich an zu regnen. Der Regen prasselte nur so auf mein im Zentralkrater des Tongariromassivs gelegenes Zelt, dass ich davon wach wurde. Wenn es so blieb, würde es ein harter Tag werden morgen, dachte ich. Dann legte ich mich wieder schlafen.

Gegen 5 Uhr wurde ich wieder wach. Trotz der Klamotten, die ich im Schlafsack anhatte, fror ich etwas hier auf 1.700 Höhenmetern. Es war zwar nicht richtig kalt, aber so richtig warm wollte mir auch nicht werden. Der Blick nach draußen, offenbarte, dass ich mich mitten in den Wolken befand. Die Sicht war ziemlich mager. Ich konnte vielleicht knappe zehn bis fünfzehn Meter weit aus dem Zelt heraus in die vor mir liegende Ödnis des Zentralkraters blicken.

Ich blieb noch eine halbe Stunde liegen und hoffte darauf, dass der Regen etwas nachließ. Tat er aber nicht. Also packte ich meine Sachen zusammen, baute im Regen mein Zelt ab und brach um 6 Uhr – diesmal ohne Frühstück – in Richtung der knapp 7,5 Kilometer entfernten Mangatepopo Hut auf.

Der erste Teil des Tracks führte mich über bekanntes Terrain. Diesen Part des Trails hatte ich ja gestern bereits gelaufen, mich dann aber entschieden, umzukehren und mein Zelt weiter unten aufzuschlagen. Ich passierte abermals die Emerald Lakes und begann den steilen, beschwerlichen Anstieg durch Sand und loses Geröll zum Red Crater hinauf, dem höchsten Punkt des Tongariro Crossings. Im Gegensatz zu gestern, wo ich noch eine fantastische Aussicht auf die Emerald Lakes hatte, lag heute alles in Wolken. Wind und Regen peitschten mir ins Gesicht und machten den Aufstieg beschwerlich. Dahingegen war der Sand und das lose Geröll auf dem Grat weniger ein Problem. Nun im völlig durchfeuchteten Zustand schien der Sand irgendwie gebunden und ich fand besseren Halt als noch am gestrigen Abend.

Oben am Red Crater befand ich mich gefühlt den Elementen etwas ausgeliefert. Der Regen schien noch heftiger geworden und der Wind trieb Nebel- und Wolkenfetzen in wahnsinniger Geschwindigkeit an mir vorüber. Einzelne Windböen drückten heftigst von der Seite gegen mich. Dahingegen erschien mir der Wind im Aufstieg, wo mich eine langgezogene Felserhebung nach rechts hin etwas abgeschirmt hatte, nun wie ein laues Lüftchen. Die Sicht fing langsam an gegen Null zu tendieren, meistens belief sie sich nur auf wenige Meter.

Ich versuchte mich an den Markierungsstangen für den Abstieg zu orientieren. Wann immer ich jedoch eine solche erreichte, war aufgrund der geringen Sicht die nächste Stange nicht mal im Ansatz zu erahnen. Ich orientierte mich weitestgehend an den Fußabdrücken, die die vielen Hiker, die gestern hier in entgegengesetzter Richtung über das Vulkanmassiv gelaufen waren, im Sand und Staub hinterlassen hatten. Dennoch war das ganze mühsam. Ich kam nur quälend langsam auf dem Grat voran, auf dem ich immer wieder riesige, im Nebel auftauchende und wieder darin verschwindende Felsformationen und -türme aus Lavagestein passierte.

Nach etwa zwei Stunden war ich gute 400 Meter abgestiegen und aus dem Wetterextrem weiter oben herausgelangt. Es regnete zwar immer noch und ich befand mich auch immer noch dicht von den Wolken umhüllt, aber diese waren weniger dicht und die Sicht daher besser. Zudem tobte der Wind hier unten nicht mehr so stark wie weiter oben. Den Sidetrip zum Mount Tongariro und zum Mount Ngauruhoe hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits abgeblasen. Keine Chance in diesem Wetter. Auf beide Berge sollte ich im weiteren Abstieg nicht einmal einen Blick erhaschen können.

Während ich einige erkaltete Lavaströme passierte sowie durch Gebiete kam, durch die bei den jüngsten Eruptionen pyroklastische Ströme aus heißem Gas und heißer Asche den Berg hinuntergefegt sind, kamen mir nach und nach an die 80 bis 100 Wanderer entgegen, die den klassischen, einfacheren Weg für das Tongariro Crossing vom Carpark bei der Mangatetopo Hut nahmen. Den ersten empfahl ich noch, etwas zu warten mit dem weiteren Aufstieg oder umzukehren. Sicht war ohnehin keine und die Orientierung dort oben war zumindest als ich mich dort befunden hatte, alles andere als einfach. Später gab ich es aber auf.

Die Mangatepopo Hut erreichte ich nach knapp drei Stunden gegen 9 Uhr am Morgen. Ich war mal wieder ziemlich durchnässt. Zwar hielten Regenklamotten den Regen weitestgehend von mir fern. Daran, dass ich aber wieder völlig durchnässte Schuhe hatte und der wiederum von der Seite kommende Regen in meinen Rucksack eingedrungen war, änderte das aber nichts.

Ich wechselte zunächst mit dem Huttenwart der Mangatepopo Hut einige Worte zur Wetterprognose für morgen. Ich hoffte darauf so etwas zu hören wie: „Morgen ist fantastisches Wetter! Bleib hier auf der Hütte. Dann kannst du morgen den Mount Ngauruhoe besteigen.“ Tja, naja… Leider nein. Es sollte etwas weniger Regen geben, aber die Wolken sollten dennoch weiterhin im Vulkanmassiv festsitzen.

Ich wrang meine Socken aus und versuchte irgendwie meine Füße einmal trocken zu bekommen. Dann frühstückte ich ganz in Ruhe und überlegte, wie ich weitermache mit dem Trail. Pausentag und auf ein der Wettervorhersage widersprechendes deutlich besseres Wetter hoffen oder das Tongariro Crossing mit dem neun Kilometer langen Mangatepopo Track, der im Ort Whakapapa endet, abschließen.

Ich beschloss, nach Abschluss des Te Araroa, sofern mir dann noch genügend Zeit vor dem Rückflug bleibt, gegebenenfalls noch mal wiederzukommen und machte mich um 10 Uhr im weiter anhaltenden Regen auf den Mangatepopo Track. Ich war froh, als „einziges“ Highlight nur die Aussicht auf den Mount Ngauruhoe bzw. den „Schicksalsberg“ aus Herr der Ringe verpasst zu haben. Alle anderen Highlights des Crossings konnte ich, da ich mich gestern noch von dem Ketetahi Shelter aufgemacht hatte, vollkommen alleine genießen.

Der Mangatepopo Track führte südwestlich von der Hütte aus durch eine hoch auf etwa 1.100 Meter gelegene Ebene, die von unzähligen Fluss- und Bachläufen die vom Mount Ngauruhoe hinabströmen, eingeschnitten ist. Die Landschaft hier bestand aus vielerlei Gräsern und Büschen und erinnerte mich teilweise an einige der Landschaften, die mein guter Freund Sven und ich bei unserem letzten Hike in Norwegen vor einigen Jahren durchwandert hatten. Das Wetter leider auch… 😉 Wir hatten damals fast zwei Wochen lang nur Regen gehabt.

Nach zweieinhalb Stunden bin ich um 12:30 Uhr in Whakapapa angekommen. Hier besserte sich das Wetter endlich. Mein Magen knurrte und ich hoffte, in dem kleinen Ort irgendwo einen Imbiss oder ein Café zu finden. Im dortigen Hotelresort wurde ich fündig. Ich gönnte mir im angeschlossenen Café einen ziemlich teuren, aber guten Burger mit Süßkartoffelpommes nebst einer Cola. Da das ganze ohnehin schon teuer war, orderte ich anschließend noch als Dessert Apple Crumble mit Walnusseis. Ich ließ mir ziemlich Zeit. Erst gegen 15 Uhr verließ ich das Café wieder, nachdem ich mir den Magen vollgeschlagen und für den Blogartikel von dem tollen gestrigen Tag einige Fotos ausgesucht und den Artikel online gestellt hatte.

Irgendwie hatte ich anschließend so gar keine Lust mehr zu Laufen zumal meine Füße, Schuhe und Socken schon wieder seit neun Stunden dauerdurchgeweicht waren. Da ich zudem keine Eile notwendig hatte – ich musste bis zum Abend des 13. Januar, also in drei Tagen, von hier aus nur 75 Kilometer bis zur Kanu- und Kayaktour auf dem Whanganui River machen – quartierte ich mich prompt mit meinem Zelt im Whakapapa Holiday Park ein. Der war an sich zwar komplett ausgebucht – freie Zeltplätze gab es offiziell nicht mehr -, aber für Te Araroa Hiker hielt man hier immer einige Zeltplätze frei. Zudem bekam ich noch nen Rabatt auf den Preis für die Campsite. Großartig!

Anschließend hab ich einige meiner Sachen gewaschen, meine komplette nasse Wäsche im Trockenraum hier aufgehängt, ausgiebig geduscht und am Abend meine Portion Instantnudeln mit scharf gewürztem Thunfisch gegessen. Morgen geht es dann weiter über den Whakapapaiti Track Richtung Westen in Richtung Whanganui Nationalpark.

Soooooo, wirklich viele Fotos gab es ja heute nicht zu sehen. Des Regens wegen hatte ich meine Kamera fast den ganzen Tag im Drysack verstaut. Wie ihr bei den wenigen Fotos seht, gab es ja aber eh nix zu sehen. Haha! Da es aber so wenige Fotos sind, zeig ich euch zum Abschluss einfach mal den Zwischenstand meiner ziemlich ungepflegten, irgendwie doch aber coolen Hiker-Bartpracht 🙂 Das Ganze wird wie die Mähne, die ich mittlerweile auf dem Kopf trage, so lange wachsen bis der Trail abgeschlossen ist bzw. bis ich wieder zuhause bin und vermutlich mein Friseur – Thomas heißt er – zu meiner ersten Anlaufstelle in Deutschland werden wird.

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