9
Jan
2018

Tag 46 Tongariro Holiday Park bis Emerald Lakes (18 Kilometer)

Willkommen in Mordor! Heute bin ich das Vulkanmassiv des Tongariro aufgebrochen und fühlte mich doch abermals in die Herr-der-Ringe-Filme hineinversetzt. Wie Frodo und Sam kämpfte ich mich das Vulkanmassiv hinauf. Und es war wirklich ein fantastischer Tag! Den Mount Ngauruhoe, den Schicksalsberg aus den Filmen, habe ich zwar noch nicht erreicht, aber wenn sich das Wetter hält, steht dem morgen nichts im Wege…

Mein Tag startete heute nicht ganz so früh. Ich bin erst um 7 Uhr ganz gemächlich aufgestanden. Zunächst war es noch vollkommen bedeckt und ungewöhnlich kühl, aber bereits eine knappe Stunde später riss die Wolkendecke auf und es versprach ein sonniger und warmer Tag zu werden.

Ich hatte heute massig Zeit. Schließlich wollte ich nur die 14 Kilometer und knapp 850 Höhenmeter bis zum Ketetahi Shelter zurücklegen, um dort zu übernachten. Axel, Harry und Mary wollten – so war zumindest mein letzter Kenntnisstand – dasselbe tun und so würde ich oben auf die drei treffen.

Ich habe ganz gemütlich gefrühstückt und meine noch feuchte Wäsche vom gestrigen Abend zum Trocknen über mein Zelt gelegt. Anschließend habe ich alles zusammengepackt und mich noch gut anderthalb Stunden im TV-Raum des Campingplatzes aufgehalten, um meine elektronischen Geräte wieder aufzuladen und den Blogartikel vom gestrigen Abend noch mit Fotos zu versehen. Leider habe ich seit vorgestern Abend keine Datenverbindung mehr, weshalb ich diesen und den Artikel vom heutigen Abend erst später auf meine Website hochladen kann.

Aufgebrochen bin ich dann ganz entspannt erst um kurz nach 10 Uhr. Zuvor hatte ich noch meine kompletten Wasservorräte aufgefüllt und mir eine Extraflasche mit 1,5 Litern in den Rucksack gepackt. Insgesamt trug ich damit 3,75 Liter Wasser für die nächsten voraussichtlich zwei Tage. Die Seen und Flüsse während des Tongariro Crossing könnte ich nicht als Wasserquelle nutzen. Das Wasser schaut zwar wunderschön aus, ist aufgrund der vulkanischen Aktivität jedoch giftig. Dabei würde mir mein Wasserfilter auch nicht helfen.

Zunächst hatte ich nicht ganz acht Kilometer auf einer Asphaltstraße bis zu dem Parkplatz abzulaufen, von dem ich später die Querung des Vulkanmassivs startete und der steile Aufstieg begann. Diese acht Kilometer waren problemlos. Ich lief sie ganz gemächlich in anderthalb Stunden ab. Die Straße bot dabei bereits einige schöne Aussichten auf die Vulkanlandschaft, aus dessen Spalten vereinzelt auch Rauch drang.

Das Tongariro Crossing ist einer der meistbegangenen und beliebtesten Hikes in Neuseeland. Noch vor dem Carpark drängten sich bereits die geparkten Autos an der Seite der Landstraße und oben im vollständig dichten Parkplatz standen zudem Busse bereit, die in Massen von der anderen Seite des Vulkanmassivs herüberwandernden Hiker aufzunehmen. Entsprechend begegneten mir später im Anstieg nicht nur vereinzelte Personen, die abstiegen, sondern schon fast ganze Menschenmassen. Ich hoffte die Vulkanlandschaft später auch etwas in Ruhe genießen zu können und so sollte es auch kommen.

Bevor ich den sechs Kilometer langen Anstieg über den Ketetahi Track bis zur auf 1.443 Höhenmetern gelegenen ehemaligen Ketetahi Hütte in Angriff nahm, machte ich – ich hatte ja Zeit heute – eine erste längere Pause und gönnte mir einen meiner Wraps. Erst um 13 Uhr startete ich dann schließlich auf den Track.

Dieser führte mich zunächst auf den ersten 300 Höhenmetern durch dichten Busch bis an die Buschgrenze des Berges heran. Der Track führte dabei über unzählige Stufen, passierte zwei Lavaströme von der Eruption des Te Maari Kraters und führte für längere Zeit an einem reißenden Fluss entlang.

Ich suchte etwa alle 200 Höhenmeter eine kurze Pause einzulegen und etwas zu trinken. Der Aufstieg war aufgrund meines wasserbeladenen Gepäcks teilweise ziemlich schweißtreibend, auch wenn ich schnell vorankam.

Als ich den Busch verließ und in das offene Gelände kam, wehte mir ein erster Schwefelgeruch entgegen. Ich befand mich zwar bei weitem noch nicht auf der Höhe der Krater, aber aus einigen Spalten des Massivs drang Rauch hervor, der sich vom Wind getragen zu mir herüber verbreitete. Die Vegetation hier oben wurde nach und nach immer karger. Waren es anfangs hinter dem Wald noch halbhoche Büsche, wechselte dies schnell zu knorrigen und vertrockneten Sträuchern und ebenso vertrockneten gelben Gräsern, die der Wind jeweils kurz hielt.

Die ehemalige Ketetahi Hütte, die offensichtlich beim letzten Ausbruch des Te Maari Kraters stark beschädigt wurde, und nun nur noch eine Nothütte für den vorübergehenden Aufenthalt war, erreichte ich gegen 15 Uhr. Felsbrocken und vulkanisches Gestein waren offensichtlich durch das Dach der Hütte in den Schlafraum geschleudert worden und hatten diese unbewohnbar gemacht.

Die Übernachtung auf dieser Hütte war strikt verboten. Mehrere Hinweisschilder deuteten konkret auf dieses Verbot hin. Ich überlegte, ob ich weitergehen sollte. Zur Mangatepopo Hut würde ich es aber nicht mehr schaffen. Zudem war diese ohnehin ausgebucht. Ich entschied mich für eine weitere längere Pause, aß meine letzte Tüte Haribo-Fruchtgummi und wartete zunächst auf Harry, Mary und Axel.

Um 17 Uhr – keiner der drei war eingetroffen, Leute kamen lediglich vom Bergmassiv herunter, gingen jedoch nicht hinauf – entschied ich mich weiter aufzusteigen. Mein Plan war es, irgendwo weiter oben im flacheren Bereich der Krater eine Stelle für mein Zelt zu finden. Das Campen nahe des Tracks war zwar ebenso verboten, in 500 Meter Entfernung zum Track aber wieder erlaubt und darauf baute ich. Aber nagelt mich mit meinem Zeltplatz jetzt nicht auf die 500 Meter fest. Könnte sein, dass ich das etwas unterschritten hab oder eine glatte Null vergessen hab.

Der Weg hinauf wurde alsbald schwieriger. Der bis zur Hütte gut ausgebaute Track wich einem alpinen Geröllpfad. Riesige Felsblocken verdrängten alsbald beinahe jede Vegetation. Je höher ich stieg, desto mehr gelangte ich in die Vulkanlandschaft.

Die alpine vulkanische Landschaft hatte alles aus meiner Vorstellung: alte rotbraun und schwarz gefärbte Lavaströme, dampfende, fürchterlich nach Schwefel riechende Spalten im Fels, kleine und riesige Krater und Vulkankegel und ehemals von Gletschern geformte Täler. Wahnsinn. Das machte einen Heidenspaß hier langzulaufen. Einfach nur geil! Und das Beste von allem: ich war komplett alleine. Die letzte Person hatte mich kurz nach meinem Aufbruch vom Ketetahi Shelter passiert und ich war komplett alleine hier oben. Und es herrschte, abgesehen von den von mir verursachten Geräuschen, eine absolute Stille. Nicht ein anderer Mensch war zu hören, kein Tier. Es war eine absolute Stille.

Ich umlief auf 1.750 Höhenmetern nach einem Bergsattel auf einer Seite den riesigen Zentralkrater dieses Vulkanmassivs und zur anderen Seite den Blue Lake, einen daneben liegenden Kratersee, dessen Wasser tiefblau war.

Dann war ich gefühlt mittendrin in Mordor, Saurons Reich. Ich gelangte auf die Straße zum „Schicksalsberg“, der jedoch hinter dem Sattel neben dem Red Crater beinahe komplett von Wolken verhüllt war. Dennoch total irre. Das sah so wahnsinnig aus. Ich schoss einen ganzen Haufen an Fotos.

Vor den Emerald Lakes und dem Anstieg zum View Point in den Red Crater auf knapp 1.850 Höhenmetern machte ich am Rande des Zentralkraters bei den Emerald Lakes eine gute Zeltstelle aus. Ich hatte jedoch solchen Spaß, ich wollte unbedingt noch auf den vielleicht noch 1,5 Kilometer entfernten höchsten Punkt des Tongariro Crossings beim Red Crater.

Der extrem steile Anstieg auf losem Geröll verlangte mir jedoch nochmal einiges ab. Ich hatte das Gefühl, mich wie Frodo mit schwerer Last am Schicksalberg hinaufzukämpfen. Mit jedem Schritt, den ich auf dem losen Geröll und Sand tat, rutschte ich einen halben wieder zurück. Nach etwa der Hälfte des Anstiegs bot sich zurück eine fantastische Aussicht auf die Emerald Lakes. Wahnsinn! Für diese Aussicht habe ich kein anderes Wort.

Der weitere Anstieg ging quälend langsam vonstatten. Es waren zwar nur 150 Höhenmeter vom Rande des Zentralkraters aus, aber das lose Geröll war hier wahnsinnig schwer hinaufzusteigen. Oftmals suchte ich vergeblich in den unter meinen Schuhen hinweggleitendem und -rutschendem Gestein nach Halt.

Den Sattel und den View Point in den Red Crater erreichte ich gegen 19 Uhr. Einige wenige Blicke in den Red Crater, der seinen Namen des rot gefärbten Gesteins tragen dürfte, waren mir noch vergönnt, dann zogen von der anderen Seite des Passes dichte Wolken herauf, die mich innerhalb kürzester Zeit umhüllten und vielleicht noch eine Sicht von wenigen Metern erlaubten. Ein kalter Wind war aufgezogen und drückte die Wolken von der anderen Seite des Bergmassivs dieses hinauf.

Ich stieg rasch wieder in Richtung des Zentralkraters auf 1.700 Höhenmeter ab. Der Abstieg im losen Geröll war zwar mehr Rutschen als Absteigen, aber um 19:30 Uhr war ich dann am Rande des Zentralkraters angekommen. Bei Einbruch der Nacht habe ich hier mein Zelt abseits vom Track und einigermaßen windgeschützt hinter einem höheren Lavastrom aufgestellt. Der Boden, auf dem ich mein Zelt aufschlug, ist weitestgehend lehmig. Ich hoffe es regnet nicht die Nacht.

So und nun weitere Fotos von diesem fantastischen Tag. Ich bin gespannt auf morgen, wenn ich den zweiten Teil des Crossings machen werde. Ich hoffe ich werde dann auch eine bessere Sicht auf den Mount Nghauruhoe und in den Red Crater, über dessen Viewpoint ich nochmals gehen werde, haben.

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