2
Jul
2018
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Tag 4 Ausangate Circuit – Mit Señor Caminante über den höchsten Pass des Treks

Welch Panoramen der Ausangate Circuit doch bietet! Bereits jetzt liegt er im Ranking meiner schönsten Trekkingtouren doch ziemlich weit oben, auch wenn die Höhe und Kälte mir doch echt zu schaffen macht. Heute ging es über den 5.200 Meter hohen Palomani Pass und damit abermals hoch hinaus. Den heutigen Tag verbrachten wir recht unerwartet sogar in tierischer Begleitung von Señor Caminante…

Käääääälteee… Die Nacht in der Hütte war nicht wärmer als im Zelt. Ich bin recht häufig in der Nacht wach geworden, weil ich gefroren habe. Und am Morgen aufzustehen, zumindest bevor die Sonne draußen ist, kommt doch oftmals noch einer ziemlichen Qual gleich. Wenn man dann so wie heute morgen fürs Frühstück noch eiskaltes Wasser aus einem an den Rändern gefrorenen Bach filtern muss, indem man es durch einen dünnen Squeeze Bag mit den Händen durchs Filtersystem drückt, sind auch die schockgefrosteten Hände vorprogrammiert. Aber was tut man nicht alles für etwas Wasser mit Milchpulver und Müsli…

Gut, dass die Sonne um 7:30 Uhr endlich über den Gletscher stieg und wieder ihre wärmenden Strahlen zu uns runtersandte. Da konnten vorm Anstieg direkt mal wieder drei Lagen Klamotten ausgezogen werden.

Der Hund, den wir gestern noch hier angetroffen hatten, hatte die Nacht übrigens vor der Tür unserer Hütte gelegen und diese bewacht. Zwei oder drei Mal hat er in der Nacht angeschlagen. Natürlich Fehlalarm 😉 Für soviel Einsatzwillen hat er sich aber zurecht seine Streicheleinheiten am Morgen abgeholt. Leider hatten wir nix dabei, was wir ihm heute morgen zum Essen hätten geben können, aber heut abend sollte er zumindest ne Portion Instantnudeln bekommen.

Als wir unseren Frühsport – den Aufstieg zum 5.200 Meter hohen Palomani Pass – dann in Angriff nahmen, war der Hund leider weg, aber wir sollten ihn auf der Passhöhe wieder treffen und er sollte uns dann auch für den Rest des Tages begleiten. Wir haben ihm übrigens den Namen „Señor Caminante“ gegeben, was soviel wie „Der Wanderer“ bedeutet.

Unterhalb des Gletschers stiegen wir in der Morgensonne auf. Zunächst auf einem gut erkennbaren Pfad. Dieser verlor sich jedoch später im Gelände, so dass wir querfeldein weiter aufstiegen – die Eismassen und -türme des stark verworfenen Gletschers an der Nordflanke des Ausangate über uns.

Der Anstieg war dauernd und in Passagen recht steil. Nach einer knappen Stunde querten wir die ersten Schneefelder bis wir später fast nur noch auf verharschten Schnee liefen oder bis zur Mitte der Waden in diesen einsackten.

Nach etwa zwei Stunden hatten wir die Passhöhe dann endlich erreicht. Wir waren hier oben irgendwo auf knapp 5.200 Höhenmetern auf dem Palomani Pass.

Wir verbrachten eine ganze Weile auf dem Pass und tatsächlich kam, während wir hier oben die Aussicht genossen, die allein hikende Japanerin Yuki mit Señor Caminante im Schlepptau an. Yuki war damit übrigens die erste, die wir trafen, die den Trek ebenfalls alleine begeht.

Ab dem Abstieg, der tief ins Tal hinabführte, lief Señor Caminante mit uns den weiteren Weg.

Einige Male sah ich mich im Abstieg echt unschön an meine Zeit auf dem Te Araroa-Trail in Neuseeland erinnert, denn in einigen der steileren Passagen fuhr der bekannte Schmerz, der mich die letzten 500 oder 600 Kilometer in Neuseeland begleitet hatte, in mein Knie hinein. Fu**, dachte ich nur. Der Schmerz hielt zwar nicht lange an, aber das will ja nichts heißen. Und einige Hikes haben wir uns ja noch vorgenommen. Ich hoffe das Beste, aber irgendwie… na schaun wir mal…

Recht früh legten wir unsere Lunchpause gegen 12 Uhr am Ende des Abstiegs bei Pampacancha ein, wo wir auch wieder auf die geführte Gruppe mit den Kanadiern trafen. Sie waren vom Rainbow Mountain auf anderem Wege weitergewandert als wir und nahmen den Ausangate Circuit nun hier in Pampacancha wieder auf.

Señor Caminante nutzte unsere Lunchpause direkt, um sich von den Kanadiern etwas mit Trockenfleisch füttern zu lassen und legte sich anschließend din den Schatten meines Rucksacks, der in der Sonne trocknete, schlafen. Japp, mein Rucksack musste in der Sonne trocknen. Warum das? Nunja, mal wieder meinte ein Hund an meine Ausrüstung schiffen zu müssen und ich musste meinen Rucksack abwaschen. Dieses Hundegeschiffe an meine Ausrüstung – erst das Zelt, nun der Rucksack – gehört offensichtlich zu jedem Trek dazu, den wir hier in Peru laufen… Ach und nein, es war nicht Señor Caminante…

Nach der Mittagspause – wir hatten Tomatensuppe – ging es gemächlich weiter auf dem Circuit. Wir passierten einige sumpfige und moorige Gebiete und stiegen dann steile Felswänden und vereiste Wasserfälle passierend allmählich bergan in ein höher gelegenes, sehr lang gezogenes und recht breites Tal auf. An dessen Ende kam mit dem Cayangates ein neuerlicher, vereister Berggigant in Sicht, der den Eindruck vermittelte, als würde er vom Talende aus majestätisch über dieses regieren.

An den Seiten des recht ebenen Tales hatten sich vor vermutlich langer Zeit riesige Geröllrutsche zu Tal ergossen. Stellenweise war der gräserne Talboden von riesigen Felsbrocken bedeckt.

Die meiste Zeit lief ich im Anstieg und im Tal voraus. Señor Caminante lief als Begleiter neben mir. Er konnte es wohl kaum abwarten, weiter auf dem Circuit mit uns mit zu laufen.

Die geführte Gruppe der Kanadier schlug noch vor dem Bergdorf Jampa ihre Zelte auf dem Grund des Tales auf. Wir liefen hingegen noch weiter. Auf unserer topographischen Karte war ein weiterer Campground in zwei Kilometern eingezeichnet und diesen wollten wir heute noch erreichen.

Zunächst passierten wir das Dorf Jampa. Der Talboden selbst stieg von nun an deutlicher an, so dass wir doch noch einiges an Höhe gewannen an diesem Tag. Das war anstrengend, würde uns abee morgen helfen, wenn wir den Jampa Pass überwinden wollen, der mit 5.050 Metern auch die magische 5.000er Grenze überschreitet.

Ungefähr auf der Höhe, auf der der Campground liegen sollte, passierte ich mit Señor Caminante ein einzeln stehendes Gehöft. Fünf Hunde stürmten lautstark bellend auf uns zu. Señor Caminante steckte seinen Kopf ängstlich zwischen meine Beine während die Hunde uns bellend umkreisen. Wo die ersten vier sich recht bald von uns abwandtem, weil ich einfach stumpf weiterwanderte, war der fünfte Hund alles anderes als geneigt, uns ziehen zu lassen. Zähnefletschend und bellend schlich er um mich und meinen ziemlich ängstlichen Begleiter herum.

Ich dachte ich werd nicht mehr, als er tatsächlich zum Angriff ansetzte und ich ihn nur mit meinem Trekkingstock abwehren konnte. Das Biest hatte doch tatsächlich versucht sich in meinen Waden, später in Señor Caminante zu verbeißen. Solche Attacken passierten drei Mal in ungefähr 20 Minuten, in denen uns der Hund, zähnefletschend, unaufhörlich bellend und immer wieder vorpreschend umkreiste. Dessen peruanische Besitzerin konnte zwar ihre anderen vier Hunde zurückpfeifen, die aufgrund des lautststarken und aggressiven Gebells ihres fünften Hundes immer wieder zu uns gelaufen kamen, aber bei diesem einem etwas überagressiven Hund vermochte sie aus der Ferne von ihrem Gehöft nichts auszurichten. Und ganz offensichtlich war es zuviel verlangt, dass sie sich aus ihrem Gehöft bequemte, um ihren Hund abzurufen.

Ich dachte, okay, ich laufe einfach weiter. Irgendwann bin ich weit genug von seinem Haus und Hof entfernt und er wird uns ziehen lassen. Aber da dachte ich falsch. Von Anfang bis Ende folgte uns der Hund bestimmt ganze 500 Meter. Und da die Situation sich immer mehr verschärfte hatte ich am Ende doch tatsächlich mein Messer gezückt, um mich und
meinen tierischen Begleiter notfalls auch damit verteidigen zu können, wenn die Trekkingstöcke alleine nicht mehr halfen.

Irgendwann schloss Christian zum Gehöft auf und versuchte der Peruanerin auf mein Zurufen aus der Ferne hin deutlich zu machen, dass sie doch gefälligst ihren Hund abholen kommen sollte. Da sie offensichtlich nur Quecha und kein Spanisch sprach, verstand sie kein Wort, zumindest aber endlich die Situation und bequemte sich aus ihrem Gehöft raus und schaffte es dann endlich, den Hund abzurufen. Das hätte sie echt mal früher machen können. Irgendwie war das doch ne ziemlich brenzlige Situation und leider nen etwas beknackter Abschluss von einem ansonsten tollen Tag.

Da es schon recht spät, von einem „offiziellen Campground“ jedoch keine Spur zu sehen war, entfernten wir uns noch gut einen Kilometer von dem Gehöft und suchten dann inmitten der Sumpflandschaft, in der wir uns hier am Talende befanden, eine halbwegs trockene Stelle zum wild campen. Die fanden wir dann auf einer kleinen Anhöhe. Nicht der beste Zeltspot, aber für heute ausreichend.

Mehr wie Abendessen stand heute dann auch nicht mehr auf dem Programm. Das Tal lag früh im Schatten und entsprechend wurde es früh kalt, so dass wir uns ins Zelt zurückzogen. Señor Caminante hatte übrigens die versprochene Portion Instantnudeln und dazu gab es obendrein auch noch etwas Thunfisch. Nun liegt er schlafend im Vorzelt und bewacht unser Zelt für die Nacht.

Irgendwie erkennt er unser Zelt derzeit auch tatsächlich als sein Haus und Hof an, denn als am Abend hier tatsächlich noch mal die Hunde vom Gehöft auftauchten, zog er nicht mehr den Schwanz ein, sondern nahm knurrend eine Verteidigungshaltung an.

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