2
Jan
2018

Tag 39 Mangaokewa River bis Waipa Valley (25 Kilometer)

Heute habe ich mich an den als „dangerous“, „one of the worst parts on the entire trail“ und als „absolute nightmare“ bezeichneten Mangaokewa River Track gewagt. Nachdem ich gestern bereits die ersten sechs Kilometer dieses Tracks abgelaufen hatte und ihn als guten Track empfunden hatte, standen heute die restlichen 13 Kilometer des Tracks an und im Gegensatz zu gestern waren diese wirklich fordernd…

Nach dem späten Aufbruch am gestrigen Neujahrstag lief heute zunächst alles in meinen gewohnten Bahnen. Ich wurde etwa um 6:15 Uhr wach. Ich hatte ziemlich gut und ohne Unterbrechungen geschlafen. Am Vorabend hatte ich noch eines meiner heruntergeladenen Hörspiele namens „Das Canossa-Virus“ gehört – eine Detektivgeschichte über die „Entführung“ des Internet – und war dann recht früh gegen 22:30 Uhr eingeschlafen.

Der Abbau des Zeltes erfolgte nach dem Frühstück im Nieselregen. Aufgebrochen bin ich dann gemeinsam mit Axel gegen 7:30 Uhr. Die Wolken hingen im Canyon ziemlich tief und ich vermutete, dass der Regen noch einige Zeit anhalten würde. Daneben war ich vor allem aber gespannt wie fordernd und wie „extrem“ die restlichen 13 Kilometer des Mangaokewa River Tracks werden würden. Die ersten Kilometer am gestrigen Tag hatte sich das gut laufen lassen. Ob das wohl auch für den Rest gelten würde? Das Holzschild knapp neben unserer Campsite direkt neben dem Fluss prophezeite für die restlichen Kilometer schon mal eine Wanderzeit von glatten fünf Stunden und damit eine ziemlich langsame Durchschnittsgeschwindigkeit für den übrigen Track.

Zunächst verlief der Track im hohen Gras neben dem Fluss. Ich war kaum 100 Meter weit gekommen, da waren meine Schuhe und Socken bereits triefnass und für meine Hose galt selbiges bis zum Knie. Bei jedem Schritt quitschte das Wasser aus meinen Schuhen. Ich hoffte darauf, dass würde nicht den Track über anhalten, aber darin sollte ich mich täuschen.

Auf den ersten Kilometern des Tracks heute bekam ich bereits eine Ahnung davon, weshalb manche Kommentare in meiner Te Araroa-App diesen Track als so gefährlich einstuften. Es ging im Steilhang neben dem Fluss auf ausgesetzten und schräg zum Fluss abfallenden Pfaden in einem steilen Auf und Ab stromaufwärts. Und das Ganze bis zu 50 oder 60 Meter über dem Fluss. Der Pfad führte teils durch Wald, teils durch völlig verwachsenen Busch. Oftmals war er im Steilhang nur eine Handbreit, manches Mal lag ein umgestürzter Baum quer darüber und an vielen Stellen war der Pfad zu allem auch noch rutschig oder schlammig. Jeder Schritt musste hier sitzen. Das galt heute im Nieselregen noch umso mehr, denn Steine und Wurzeln, an denen man auf- und abstieg, waren durch die Feuchtigkeit noch umso glitschiger und gaben nur wenig Halt.

Große Teile der heutigen 13 Kilometer auf diesem Track führten im steilen Gelände neben dem Fluss entlang. Dann gab es jedoch immer wieder auch Passagen, die auf recht ebenen Flächen durch offenes Grasland, Buschland mit unzähligen dornigen Brombeerbüschen und durch Schafweiden führten. Das Wasser quitschte hier weiterhin aus meinen Schuhen und meine Hose war schon früh am Tag nicht nur bis zu meinen Knien, sondern vollkommen durchnässt. Nieseln tat es natürlich auch fast unentwegt. Meine Kamera holte ich daher auch nur selten heraus. Im bewaldeten Steilhang verzichtete ich des unsicheren Halts wegen komplett darauf.

Später ging es noch durch dichten Wald direkt am Fluss entlang. Das sah schon fast mystisch aus hier, wie im Regenwald. Der steile Hang zu beiden Seiten und das dichte Blätterdach sorgten dafür, dass hier wahrscheinlich selten das Sonnenlicht mal auf den Waldboden traf. Die Bäume waren über und über mit Moosen und Flechten bedeckt.

Nach vielleicht zehn gelaufenen Tageskilometern, die Passagen am Steilhang hatten endlich ein Ende gefunden, führte der Track auch nochmal durch dichten Busch direkt neben dem Fluss entlang. Irgendwie war das hier dann mehr Kriechen als Wandern… Unentwegt ging es unter irgendwelchen Büschen und zwischen dicht stehenden Farnen hindurch. Ich versuchte den Track hierbei im Auge zu behalten, doch tatsächlich hatte ich mich hier in diesem Dickicht unbemerkt vom Track entfernt. Der eigentliche Track verlief etwas weiter oben im Gelände auf Schafweiden. Der Weg dahin führte natürlich durch meine Lieblingsgewächse: stachelige Ginsterbüsche. Oh man, in diesem Part des Tracks – wobei eigentlich gehörte das ja gar nicht zum Track – habe ich mir manches Mal gewünscht ein Hobbit oder meinetwegen auch ein Zwerg zu sein. Als solcher hätte ich mich durch die dornigen Ginsterbüsche sicher besser durchzwängen können als mit meiner Körperstatur.

Alles in allem kamen Axel und ich mit dem Gelände in einem langsamen Tempo klar, auch unter den nassen Bedingungen. Dieser Trail dauerte halt seine Zeit, man musste streckenweise sehr vorsichtig sein und insgesamt war er auch mehr schwere Arbeit als eine gemütliche Wanderung. Also kein Sonntagsspaziergang. Insgesamt hatte das schon etwas Expeditionscharakter 😉

Was die Kommentare in der App angeht: ja der Track ist schwierig, so auch meine Erfahrung. Aber für den fürchterlichsten Part des Trails halte ich ihn nicht. Der Track verlangt einem einiges ab, keine Frage. Man darf halt nicht mit der Erwartung hineingehen, ihn in zwei bis drei Stunden abzulaufen.

Davon ab vermute ich, dass zu diesem Zeitpunkt des Trails wahrscheinlich jeder Te Araoa-Hiker, der die schwierigeren Abschnitte des Te Araroa nicht übersprungen hat, grundsätzlich auch mit den Bedingungen dieses Tracks klarkommt.

Das letzte Stück des Tracks führte übrigens nochmal über Kuhweiden. Ich war etwas voraus und passierte eine relativ kleine Weide mit unzähligen an Bullen darauf. Ich war es gewohnt, dass diese entweder auswichen, neugierig nach mir blickten oder maximal ein paar Schritte auf mich zu machten. Hier war jedoch extrem wenig Platz und es ging wenige Meter an gleich mehreren Dutzend der Tiere vorbei. Und augenscheinlich waren nicht alle davon wohlgesonnen oder fühlten sich von mir bedroht. Ich befand mich im letzten Drittel der Weide, als ein Bulle nur einige Meter entfernt von mir laut schnaubte, seinen Kopf senkte und schräg stellte. Andere schnaubten ebenfalls laut auf. Ich zögerte nicht und gab ziemlich schnell Gas in Richtung Zaun und hechtete darüber. Alles gut gegangen. Aber da war mir schon ziemlich mulmig zumute…

Nach den 13 Kilometern River Track – wir hatten die vollen fünf Stunden gebraucht – kamen wir auf einer Schotterstraße, die an den Kuhweiden endete, heraus. Nun begann der lange Roawalkingpart bis zum Start des Timber Trail: 36 Kilometer auf Schotter- und Asphaltstraßen. Ursprünglich hatten wir vorgesehen, diese Strecke an einem Tag abzulaufen. Das war aber nicht mehr machbar. Der River Track hatte uns deutlich zuviel Zeit gekostet.

Wir waren beide völlig durchnässt und Axels wie auch mein Magen knurrte. Die vergangenen 13 Kilometer hatten einiges an Energie gekostet. Da erschien uns eine einfache Campsite, die ein Farmer hier am Ende der Tracks für Te Araroa-Hiker eingerichtet hatte, wie eine richtige Oase für eine Mittagspause. Solche einfachen Campsites – meist nur ein wenig flach gemähter Rasen auf Farmland neben einem Flusslauf – gibt es neben dem Te Araroa ab und an zu finden. Die Farmer stellen dann meist eine Honesty-Box auf, also eine Box, in der man dann für die Nacht zwischen 5 und 10 neuseeländischen Dollar einwirft. Diese Campsite hier wartete allerdings auch noch mit einem einfachen Unterstand, einem Picknicktisch und Wäscheleinen auf. Wir stoppten augenblicklich und hingen alle unsere Sachen, u.a. unsere Zelte, ausgewrungene Socken, Handtücher und Schuhe zum Trocknen auf. Dann aßen wir etwas zu Mittag. Meine Vorräte sahen für heute einen weiteren Erdnussbutterwraps und Müsliriegel vor.

Nach über einer Stunde machten wir uns erst wieder auf den Weg. Da es zwischenzeitlich aufgehört hatte zu regnen und sogar die Sonne herausgekommen war, waren alle unseren Sachen getrocknet. Selbst meine Schuhe waren nicht mehr nass. Also frisch gestärkt und mit trockenen Sachen auf den ersten Teil des Roadwalkingparts, der durch eine schöne Berglandschaft führte. Der Rest der Straßenkilometer würde dann morgen folgen.

Wir waren vielleicht eine Stunde unterwegs, da zogen dunkelgraue Wolken auf und innerhalb kürzester Zeit schüttete es wie aus Kübeln. Dicke Regentropfen prasselten auf die Straße und verwandelten das zunächst kleine Rinnsaal aus Regenwasser neben der Straße schnell zu einem strömenden Bachlauf.

Erst stoppten wir unter einem Baum am Wegesrand, aber keine Chance. Das Blätterdach bot vielleicht eine Minute Schutz. Dann prasselten die dicken Tropfen auch dort hindurch. Also rein in die Regensachen und weiter auf die Straße. Nach anderthalb Stunden – es regnete unentwegt – erreichten wir an der Straße eine kleine Kreuzung zu einer Forststraße. Wir schlugen hier direkt im Regen an der Seite der Straße unser Camp auf. Die letzten Kilometer gab es kaum eine Chance, wild zu zelten und vermutlich würde das hiernach nicht anders sein. Also hieß es die Chance zu nutzen.

Alle Sachen, die ich noch wenige Stunden zuvor, aufgehängt und getrocknet hatte, waren wieder durch. Das Außenzelt war nach dem Aufbau klatschnass, meine Schuhe ebenso, die Socken habe ich abermals ausgewrungen und mein T-Shirt und meine Hose trieften trotz Regensachen vor Nässe. Aber wenigstens saß ich nun in meinem Zelt im Trockenen. Ich hoffe, der Tag morgen bringt etwas mehr Sonne mit sich…

Hier noch ein paar Bilder:

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