29
Dez
2017

Tag 35 Pahutea Hut bis Waitomo Forest (33 Kilometer)

Heute wollte ich zunächst die Traverse des Pirongiamassivs beenden. Ich befand mich die Nacht auf der Pahutea Hut und damit mitten im Gebirgszug. Zudem wollte ich sehen, ob ich es gegebenenfalls in zwei Tagen bis in die Kleinstadt Te Kuiti schaffen würde. Dann könnte ich Sylvester eventuell einen Pausentag einlegen, mich wieder mit Axel treffen und gemeinsam mit ihm den Jahreswechsel dort verbringen. Dafür müsste ich heute allerdings über 30 Kilometer machen…

Ich bin heute ziemlich pünktlich mit dem Sonnenaufgang um 5:45 Uhr aufgewacht und hab mir daher gleich als erstes meine Spiegelreflexkamera geschnappt und bin raus auf die Terrasse vor der Hütte. Es war eiskalt draußen und der Wind blies weiterhin heftig, aber der Sonnenaufgang war wahnsinnig schön anzusehen.

Anschließend machte ich mir mein Frühstück und packte dann meine Sachen zusammen. Ich wollte frühzeitig loskommen, denn Leon’s Wetterapp hatte für heute nachmittag einen Gewittersturm vorhergesagt. Damit lautete die Devise für heute: erstmal runter von den hohen Gipfeln. Den ganzen Tag über würde ich mich vermutlich zwar auch noch auf Höhenlagen zwischen 350 und 600 Metern bewegen, aber das erschien mir im Gegensatz zu den 1000 Metern, an denen ich hier im Pirongiamassiv kratzte, doch deutlich sicherer. Sollte sich das Wetter dann tatsächlich zu einem Gewitter entwickeln, könnte ich mir zudem frühzeitig einen sicheren Platz für mein Zelt suchen.

Um aus dem Pirongiamassiv zu gelangen, musste ich aber erstmal knappe drei Stunden einplanen. Denn der Abstieg über den Hihikiwi Track ging über einen weiteren Gipfel von 905 Metern Höhe sowie einen Gipfel von 896 Metern. Bis zum ersten Gipfel, dem Hihikiwi selbst, gelangte ich nach meinem Start um 7:30 Uhr ohne große Probleme. Von der Hütte aus waren Stege und Treppen bis zum Gipfelplateau verlegt. Erst danach begann der schwierige Part des Abstiegs, Wiederaufstiegs und endgültigen Abstiegs.

Es ging steil zunächst vom Hihikiwi über Felsen, Wurzeln und jede Menge Matschgruben hinab auf knapp über 700 Höhenmeter. Von dort ging es im genauso steilen und unwirtlichen Gelände auf den weiteren Gipfel hinauf. Ich bediente mich oftmals der Bäume, die in den Track ragten als Aufstiegs- wie auch als Abstiegshilfe. Gleiches galt für die Querung der zahllosen Schlammpfützen und -gruben. An den Bäumen hangelte und schwang ich mich weitestgehend an deren Seite entlang oder balancierte auf Wurzeln und Steinen über diese. Ich bin sicher, wenn ich so weitermache, dann kann ich am Ende des Te Araroa die nötige Qualifikation für die Ausbildung zum Seiltänzer vorweisen. Heute habe ich auf diesem Part des Tracks, der mich stellenweise stark an den bislang härtesten Tag meines Te Araroa-Abenteuers im Raetea Forest erinnerte, schon mal meinen Gleichgewichtssinn aufs Äußerste geschult.

Ich hatte im Aufstieg einige Mal das Gefühl den zweiten Gipfel gleich erreicht zu haben und verzweifelte schon fast wie es denn immer noch nach oben gehen könnte. Es waren doch „nur“ 200 Höhenmeter vielleicht… Diesen Moment, wenn man denkt man wäre gleich oben, hatte ich des öfteren. Ich erwartete als der ganzen Anstrengung Lohn den Gipfel, erahnte schon das Blau des Himmels durch das Blätterdach am Ende des Anstiegs, doch dann stellte ich wieder und wieder fest, dass ich doch nur eine weitere Kuppe vor dem Gipfel erreicht hatte und es nach kurzem Abstieg doch wieder hinausgehen würde. Das ging mir heute morgen wie gesagt gleich mehrfach so…

Letztlich erreichte ich den zweiten Gipfel erst etwa anderthalb Stunden nach meinem Aufbruch von der Pahutea Hut. Boah war ich froh, dass es nun wirklich bergab ging. Oben traf ich noch auf Mary und Gilian aus Kanada, zwei weitere Thru-Hiker, die ebenfalls den „echten“ Thru-Hike ohne Trampen und Skippen versuchen. Ich bin gespannt, ob ich sie nochmal wiedersehe.

Nach dem Aufstieg war mir endlich auch warm geworden, so dass ich meinen Hoodie wieder einpackte. Vom letzten Gipfel aus ging es nun auf weiteren vier Kilometern bergab und aus dem Pirongiamassiv heraus. Für diese Strecke, die abermals von steilen Abstiegen und viel Matsch geprägt war, brauchte ich weitere knapp anderthalb Stunden.

Es folgten 19 Kilometer Roadwalking, weitestgehend auf kaum bis gar nicht befahrenen Schotterstraßen und einem Stück einer belebteren Asphaltstraße. Die erste Schotterstraße bot eine schöne Aussicht und führte durch schönes Farmland mit auf saftigen Hügeln weidenden Kühen und grasenden Schafen. In der Ferne am Horizont war auch wieder die Westküste Neuseelands mit der Tasmaischen See zu sehen.

Gegen Mittag – ich hatte gerade mit der Asphaltstraße begonnen – brannte die Sonne wieder gnadenlos. Ich hatte den Eindruck, sie schien heftiger als an allen Tagen zuvor. Es sah kaum nach Gewitter aus, sondern stattdessen nach unverändert erbarmungsloser Hitze und einem brütend heißen Sommertag.

Nach fünf Stunden Hikens – die Asphaltstraße hatte ich mittlerweile hinter mir gelassen und befand mich wieder auf einer wenig befahrenen Schotterstraße durch den Pirongia Forest – legte ich im Schatten eine Mittagspause ein. Seit einer knappen Stunde hatte mein Magen unaufhörlich geknurrt. Ich musste unbedingt etwas essen. Ohnehin hab ich seit einigen Tagen das Gefühl, dass ich dauerhungrig bin. Zudem habe ich ständig Japp auf was Süßes. Kennt ihr diese sauren Gummibären von Haribo? Das sind die besten. Toll sind auch echte englische Weingummis oder Hariboschlümpfe…

Oh man, ich schätze meine bei Beginn des Trails vorhandenen Fettreserven in meinem Körper sind mittlerweile vollständig aufgezehrt. Das würde zumindest meinen Dauerhunger und -Appetit erklären. Hinzu kommt wahrscheinlich, dass ich nun jeden Tag etwas länger laufen als zu Beginn des Trails und mein Energiebedarf daher höher ausfällt. Das Gute an dem Ganzen aber: wenn verfügbar kann ich essen was ich will und soviel ich will. Das setzt eh nicht an. Ich schätze aus dieser Erkenntnis mache ich mir heute Abend mal direkt den letzten dieser 4-Portionen-Instant-Nachtische, die ich noch mit mir rumtrage. Ich denke in meiner momentanen Verfassung bekomme ich es sicher gut hin, den alleine aufzuessen.

Die Schotterstraße durch den Pirongia Forest war übrigens nicht wirklich schön. Es gab keine Aussicht, links und rechts nur uneinsichtiger, völlig dicht zugewachsener Wald. Die Sonne brannte noch immer und der hochstehende Wald verhinderte jeden kühlenden Windhauch. Ich war froh als ich dieses Stück hinter mir ließ und am Ende der 19 Kilometer Roadwalking wieder in offenes Farmland und auf einen Track kam.

Dieser Track sollte mich nach und nach wieder in höhergelegenes Gelände bringen, deutlich über die 500 Höhenmeter hinaus. Der erste Teil führte über Schafweiden. Es war echt schön hier. Die Schafe blökten gegenseitig um die Wette, die Hügellandschaft sah hier umwerfend schön aus und die Hitze der Sonne vermochte der frisch wehende Wind zu vertreiben. Von sich auftürmenden Gewitterwolken war unverändert weit und breit keine Spur und so sollte es auch den Rest des Tages bleiben. Ich fühlte mich echt wieder ganz gut, nachdem ich nach dem langen Roadwalkingpart zunächst doch etwas erschöpft war.

Später ging der Track in Wald über. Doch statt auf elendig verwurzeltem Boden lief ich hier komplett wurzelfrei auf angenehm weichen Lehmboden. Das ließ sich richtig gut laufen. Zumindest anfangs, später wurde der Track deutlich beschwerlicher, denn ein Farmer hatte in der Vergangenheit offensichtlich ganze Rinderhorden hier langgetrieben. Die schweren Tiere waren sicher 20 bis 30 cm bei jedem Schritt in den Lehmboden eingedrungen und zurückblieb mal wieder jede Menge Schlamm. Hier schwante mir dann, dass dieser Tag vermutlich auch einer dieser Über-10-Stunden-Tage werden würde… In dieser Ecke Waikatos leben offenbar auch wilde Bergziegen. Ich habe gleich vier der scheuen Tiere, die ziemlich schnell in den Wald geflüchtet sind, gesehen.

Als ich dieses Stück Track hinter mir ließ stieß ich auf einer Hügelkuppe aus dem Wald heraus. Wahnsinn, was für eine tolle Aussicht sich hier bot. Umwerfend. Das erinnerte mich nun wirklich an Irland hier. Ich genoss noch die Aussicht, da stießen auch schon Leon und Matt, ein amerikanischer Hiker, den ich zum ersten Mal sah, aus dem Wald heraus. Wir liefen noch ein Stück der folgenden, durch die schöne Landschaft führenden Schotterstraße zusammen, dann trennten sich unsere Wege wieder.

Um 18:30 Uhr hatte ich dann endlich einen Platz für mein Zelt gefunden. Der Platz hier im Farmland in einem winzigen Waldstück direkt neben einer Weide einige Kilometer vor dem Waitomo Forest kann zwar nicht als ganz okay angesehen werden, aber ich verlasse ihn natürlich wie stets bei meinen Zeltplätzen wie vorgefunden. Weiter hätte ich heute auch nicht mehr gekonnt, insofern hab ich persönlich mich damit arrangiert und hoffe der Farmer wird es hoffentlich auch tun, sollte er mich hier aufstöbern und ich mich tatsächlich noch auf seinem Grund befinden.

Beim Abendessen beäugten mich übrigens die Kühe von der Weide nebenan ziemlich skeptisch. Sie kamen in versammelter Mannschaft an den Zaun und beobachteten mich bestimmt eine halbe Stunde lang. Erst als ich wie geplant mein Instant-Dessert – eine Golden Butterscotch Cremé – anrührte, erkannten sie offensichtlich, dass ich keine Gefahr für sie darstellen würde und zogen wieder von dannen.

Bis Te Kuiti würde ich von hier aus morgen noch 32 Kilometer haben. Mal sehen wie das Gelände wird und ob ich das schaffe. An sich würde ich in Waitomo auf dem Weg auch gerne noch die berühmten Glowworm Caves besichtigen. Das würde mich wohl aber ein oder zwei Stunden Aufenthalt dort kosten.

Davon ab: ich brauche unbedingt eine Dusche oder einen klaren Fluss, um darin zu baden. Es wird höchste Zeit. Daneben zerlegt es gerade mein zweites Paar Socken. Dieses hatte ich natürlich auch schon öfter an und heute fiel mir auf, dass auch dieses bereits einige Löcher aufweist. Das gleiche passierte auch mit meiner Powerbank. Nein, die hat keine Löcher, aber es hat sie ganz offensichtlich zerlegt. Ich werde das unbedingt testen müssen, wenn ich wieder Strom habe und gegebenenfalls sehr kurzfristig Ersatz beschaffen müssen. Ansonsten wird das mit dem weiteren Bloggen problematisch.

Abschließend… (na ihr wisst schon, weitere Bilder):

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