22
Jun
2019

Tag 2 Cape Wrath Trail – Durch die rauhe Wildnis von Knoydart! Von der Corryhully Bothy bis zur Sourlies Bothy (25 Kilometer)

Da wo der Cape Wrath Trail am ersten Tag noch recht entspannt gestartet ist, bin ich nun am zweiten Tag in die Wildnis von Knoydart eingetaucht. Und ja, ich muss echt gestehen, dass es heute hart war! Für 25 Kilometer war ich knapp zehn Stunden unterwegs, oftmals völlig weglos im moorigen und versumpften Gelände. Dabei habe ich zwei Bergsättel passiert und mich stellenweise schon etwas gequält. Nun am Abend tut mir alles weh. Nicht nur die Füße und Beine, selbst jeder Muskel an meinem Rücken scheint verhärtet. Ich muss mich offenbar mal wieder erst an den schweren Rucksack gewöhnen…

Aber beginnen wir von vorne! Nach den 40 Kilometern am Vortag war ich echt groggy. Ich bin tatsächlich bereits am Abend schon ein paar Mal während des Blogschreibens weggeknickt. Den Artikel hatte ich dennoch gestern beendet und ja, auch die Gummibären hab ich noch vertilgt. Die haben keine Gnade erfahren. Worauf ich aber eigentlich hinauswill: ich hatte einen echt guten Schlaf! Wach war ich nur zwei Mal. Bob hat zwar geratzt wie verrückt, aber ich war so platt, dass mich das nicht gestört hat. Er hat sicher die letzten schottischen Wälder umgesägt 😉

Um acht quäle ich mich trotz guten Schlafs aus dem Schlafsack und von meiner Isomatte herunter. Bob und Timon schlafen noch, die Australierin Rachel hingegen ist schon so gut wie startbereit.

Ich bereite mir ein einfaches Frühstück aus Vanille-Proteinpulver und Knuspermüsli. Beim ersten Löffel ärger ich mich über diese Kost. Mit einem Karamell-Kaffee spül ich die ungeliebte Mischung hinunter. Trotz aller Erfahrung beim Hiken: ein richtig leckeres, sättigendes und nicht zu schwer wiegendes Frühstück für mich hab ich immer noch nicht gefunden. Ich bleibe auf der Suche. Falls ihr Tipps habt: ab in die Kommentare damit!

Erst spät, so gegen halb zehn, schulter ich meinen Rucksack. Ich verabschiede mich von Bob, richte Timon aus, dass er mich mit seinem leichten Rucksack sicher bald einholen wird, und mache mich dann auf den Weg. Rachel ist schon seit ner Stunde auf dem Trail

Das Wetter ist super! Die Sonne scheint. In der Ferne sind zwar ein paar dunkle Wolken zu sehen, aber so lange ich hier in Schottland von Dauerregen verschont bleibe, ist doch alles perfekt!

Mein angedachtes Tagesziel für heute: die Sourlies Bothy am Loch Nevis, einem weiteren der schottischen Fjorde. Bis dahin sind es 25 Kilometer. Allerdings 25 Kilometer, die es in sich haben sollen. In der Trailbeschreibung steht zum Gelände – übrigens auch direkt für die nächsten Tage: „extremely rough, boggy footpaths and pathless terrain“.

Der Start ist landschaftlich schon mal sehr schön! Den River Finnan entlang geht es zunächst auf Kies und Schotter durch eine schöne Highlandlandschaft in Richtung des 471 Meter hohen Sattels Bealach a’Chaorainn, der zwischen den Bergen Streap und Sgurr Thuilm aufragt

Im Anstieg endet der Kies- und Schotterpfad. Ein einfacher Trail, der einen Zustrom des River Finnan, dem ich hier bergauf folge, mehrfach quert, führt den Weg bis zur Sattelhöhe fort. Die Furtungen sind unproblematisch.Kurz bevor ich den Bealach a’Chaorainn erreiche beginnt es zu regnen. Mir ist elendig warm vom Aufstieg, dennoch werfe ich mir die Regenklamotten über. Eine Erkältung will ich nicht riskieren. Glücklicherweise hält der Regen nicht lange an und so kann ich oben auf dem Sattel ein paar schöne Fotos schießen.

Mit dem Abstieg vom Sattel beginnt das schwierigere Terrain. Es wird steiler. Ein Pfad ist wenn überhaupt kaum noch zu erkennen. Ich habe öfters das Gefühl, dass ich keinem menschgemachten Pfad folge sondern der Spur einer Bergziege oder ähnlichem. Deren Hinterlassenschaften lassen daran auch irgendwann keinen Zweifel mehr.

Zudem wird es sumpfig. Richtig sumpfig. Ich laufe im Zickzack den Sattel herunter, weil ich alle paar Meter große Moorlöcher umgehen, an deren Rändern auf Steinen drumherumtänzeln oder diese überspringen muss. Meine Trekkingstöcke, die ich mitunter zum Abstützen verwende, versinken teils bis zum Griff in dem morastigen Grund.

Ich komme kaum vorran hier im absteigenden Talgrund im Gleann a’Chaoruinn und gehe daher weiter in dem schrägen, talwärts führenden Hang an der Talnordseite hinab. Zwar ist das Vorankommen hier auch schwer, aber im Talgrund selbst, wo der Fluss Allt a’Chaoruinn gleich einer Schlange aus der keltischen Mythologie mäandert, ist es einfach viel zu morastig.

Sobald es steiler hinabgeht drohe ich im Morast wegzurutschen. Ein paar Mal gleite ich trotz des guten Profils meiner Bergstiefel weg. Entsprechend bewege ich mich vorsichtiger weiter. Dennoch: den Morast kann ich nicht umgehen und der Schlamm klettert mir nach und nach an den Gamaschen die Beine hoch. Gut, dass ich die heute morgen angezogen habe. Nach der gestrigen recht trockenen Etappe hatte ich erst überlegt, auf die Gamaschen zu verzichten. Mittlerweile steckte ich jedoch auch schon zweimal bis knapp unterm Knie in einem Sumpfloch. Hat sich also gelohnt, die Gamaschen mitzunehmen. Meine wasserdichten Schuhe sind natürlich nur so lange wasserdicht wie es nicht von oben hereinläuft. Das ist mittlerweile natürlich gegessen.

Nach vielleicht sieben Kilometern lege ich eine Pause ein. Ich bin jetzt schon drei Stunden unterwegs und dem schwierigen Gelände wegen echt erschöpft. Während ich auf einem Stein sitze und etwas durchatme, sehe ich beim Blick zurück in der Ferne Timon hiken. Er kommt gerade den Sattel herunter. Meine Füße brennen. Ich glaube unter dem linken Fuß an der Sohle entwickelt sich eine Blase. Ich werd mir das heut Abend mal anschauen.

Als ich wieder aufbreche dauert es nicht lange und ich versteige mich ein Stück weit. Der Fluss verschwindet in einer engen hohen Schlucht. Um auf dem Trail zu bleiben soll man sich nah am Fluss halten. Später treffe ich dort laut Karte wieder auf einen einfachen, wenn auch schlammigen Pfad. Ich verpasse es jedoch am Fluss zu bleiben, da ich mich noch im Seitenhang befinde und muss wieder ein Stück weit zurück, um dann dem Strom zu folgen und diesen einige Male zu furten. Erwartungsgemäß ist es deutlich matschiger hier zwischen lose herumliegenden Felsbrocken und einigen Tussockgräsern.

Zu Beginn der Schlucht treffe ich auf den versprochenen Pfad. Erinnerungen an Neuseeland werden wach. Zwischen hohen Farnen und Strauchwerk hike ich am Rande der Schlucht mit den tosenden Wassern des Flusses unter mir. So geht es eine geraume Weile ehe ich schließlich das Tal von Glen Pean erreiche.

Ich mache eine erneute Pause und warte auf Timon. Gemeinsam wollen wir zur A’Chuil Bothy weiterhiken und dort etwas zu Mittag essen. Die vielleicht noch sechs Kilometer bis zur Hütte lassen sich gut laufen. Der Weg führt durch einen Nadelwald und wir laufen auf einem breiten Forstwirtschaftsweg. Einzig die Querung des Glen Pean zum Forstwirtschaftsweg ist noch mal aufregend, da wir uns im Dickicht des Waldes verirren und unsere Beine mehrfach tief in einigen Sumpflöchern versenken.

Wir erreichen die Hütte am Nachmittag gegen 14 Uhr. Ich koche mir eine Suppe und befreie mich von meinen nassen Schuhen und Socken. Die wasserdichten Socken haben zwar weitestgehend dicht gehalten, aber eben nur weitestgehend. Meine Füße sind trotzdem nass und brennen irgendwie auch. Vor allem der linke macht mir irgendwie zu schaffen. Eine Blase scheint sich nicht zu entwickeln, aber irgendwas fühlt sich komisch an.

Die Bothy A’Chuil war vor einigen Tagen noch mein eigentliches zweites Etappenziel. Nun, da ich gestern so gut vorangekommen bin, will ich jedoch versuchen bis zur Sourlies Bothy weiterzugelangen. Damit stehen weitere 10 Kilometer auf dem Plan, die ich mit Timon, der übrigens vor einigen Jahren den mehrere tausend Kilometer langen Pacific Crest Trail gehikt ist, angehe.

Wir folgen zunächst den Kehren eines Flusslaufs, des River Dessary. Nach und nach steigt der Weg wieder an. Es geht erneut durch Wald und es ist mal wieder…. matschig! Bei jedem Schritt sacke ich in den weichen Boden ein. Ich merke wie nass meine Füße sind.

Nach einigen Kilometern verlassen wir den Fluss. Der Trail, dem wir hier noch auf einem Pfad folgen, steigt steil an und bricht aus dem Wald in das offene Hochland heraus. Die Landschaft ist hier einfach traumhaft schön. Der schönste Part des Trails bislang. Einige Torfmoore später gelangen wir zu den Zwillingsseen von Mam na Cloich ‚airde.

Am ersten der Seen muss ich eine Pause einlegen während Timon schon mal weiterzieht. Meine Sohlen brennen. Keine Ahnung, was da los ist. Ich werde ein paar Nüsse ein. Als Energielieferant werden die mir gut tun. Dann geht es weiter.

Der Hike verläuft direkt am Ufer der beiden abgeschiedenen Seen zwischen hohen Gräsern und lose herumliegenden Felsbrocken. Ich muss immer wieder drauf achten, dass ich hier keine Frösche tottrampele. Zu Dutzenden sind die hier im feuchten Grund unterwegs.

Dann der letzte Anstieg. Den zweiten See habe ich hinter mir gelassen und es geht zunächst neben dem bereits donnernd zu Tal stürzenden River Finniskaig, den ich zuvor furte, auf eine Anhöhe hinauf und auf der anderen Seite steil in Serpentinen hinunter. Die Landschaft öffnet sich und der Ausblick zum Loch Nevis, der sich vom Meer über 20 Kilometer in die schottischen Highlands zieht, ist überwältigend. Irgendwo dort hinten liegt sie in der Bucht, die Sourlies Bothy.

Über eine Holzbrücke und einfache Pfade durch das Sumpfland gelangt die Hütte endlich in Sicht. Rachel hat ihr Zelt vor der Hütte aufgestellt. Timon ist gerade dabei. Ich rechne damit, dass ich mein Zelt auch gleich aufstellen werde, doch tatsächlich ist noch genügend Platz in der Hütte. Einziger Bewohner ist bislang Michael, eine Schotte aus Glasgow, der das Wochenende hier zum Bergsteigen und Angeln verbringt.

Mir tut alles weh und ich bin unendlich froh, in der Hütte angekommen zu sein. Mein Zelt werde ich nicht aufschlagen. Lieber platziere ich meine Isomatte und meinen Schlafsack im Innern der Hütte.Der Tag war anstrengend, keine Frage. Dennoch frage ich mich, warum ich so dermaßen fertig bin. Ich hatte heute einige Zeit auf der ich echt mit mir gekämpft habe und diese so wunderschöne Landschaft nicht so genießen konnte wie sie es zweifelsohne wert ist.

Ich koche mir ein paar Nudeln mit Carbonarasauce und mache mir einen schnell zubereiteten Nachtisch: eine Maracujakaltschale. Die Nudeln waren echt klasse! Bei der Kaltschale freu ich mich vor allem über den Zucker 🙂

Nach meinem 2-Gänge-Menü vor der Hütte ziehe ich mich allerdings schnell zurück. Ich kann kaum noch laufen und mein Rücken ist völlig verspannt. Mann, bin ich wehleidig gerade…

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