23
Mrz
2018
10

Tag 119 Fern Burn Hut bis Highland Creek Hut (6 Kilometer)

Der Tag der Wahrheit. Irgendwie zumindest. Sowohl was meine Knie anging als auch die Schneesituation auf dem vor mir liegenden Motatapu Track. Ich hatte keine Ahnung als ich heute morgen auf den Track startete, ob es möglich wäre, diesen zu begehen bzw. wie gefährlich es werden würde. Um es vorweg zu nehmen: ich bin nur sechs Kilometer weit gekommen. Und tatsächlich waren dies mit welche der anspruchsvollsten sechs Kilometer, die ich hier auf dem Te Araroa bislang gehikt habe, denn es ging nach dem starken Schneefall des gestrigen Tages im hohen Schnee über den Jack Halls Saddle und anschließend einen ausgesetzten Grat im steilen Abstieg entlang. Es war atemberaubend schön hier oben, aber zugleich auch wahnsinnig mühsam. Dennoch: ich kämpfe mich weiter voran und bleibe auf dem Trail…

Ich stand wie geplant heute morgen um 7 Uhr noch im Halbdunkel auf. Ich war der erste, der aufstand, und suchte mir meinen Weg zunächst durch die 18 Leute in der 12-Personenhütte, von denen sechs auf dem Boden der Hütte und unter dem Tisch schliefen, nach draußen. Es sah gut aus vor der Hütte. Es war zwar eisig kalt aber der Himmel nicht wolkenbedeckt. Ich würde also wie geplant versuchen, heute endlich weiterzukommen. Anna würde mit mir aufbrechen und ebenso auch Jelmer aus den Niederlanden, der hier während seiner Zeit in Neuseeland einige erste Hikingerfahrung sammelt. Simon und Hannah wollten mit Justin, einem weiteren Te Araroa-Hiker, später nachkommen. Tobias, der bereits Anfang April zurück nach Australien fliegen würde, entschied sich wegen des heftigen Schneefalls zur Umkehr und wollte nach Queenstown hitchhiken. Er fürchtete zuviel Zeit zu verlieren auf dem verschneiten Motatapu Track und vermutlich würde er auch Recht damit haben. Ich wäre gerne noch mit ihm zusammen gehikt, aber leider lief ihm die Zeit davon. Ich hoffe dennoch ihn mal wiederzusehen. Cooler Typ. Es hat Spaß gemacht mit ihm in den Tararuas zu hiken und ihn hier nun wiederzusehen.

Aufgrund des Schnees zog ich erstmals seit den Northland Forests am Beginn der Nordinsel wieder meine Gamaschen an. Yes, ich hatte sie doch nicht umsonst 2.500 Kilometer auf dem Trail weitergetragen. Ich konnte sie tatsächlich nochmal gebrauchen und heute war es soweit. Sie würden zwar die Eiseskälte und die Feuchtigkeit nicht gänzlich aus meinen schneeuntauglichen Trailrunners heraus- und damit von meinen Füßen fernhalten, aber zumindest würden Schnee, Kälte und Nässe nicht von oben in meine Schuhe eindringen.

Nach dem Frühstück startete ich dann um neun Uhr mit Anna und Jelmer auf den Trail, dick eingepackt mit Hoodie, Polartecjacke und Handschuhen. Es sollte direkt hoch hinausgehen. In drei Kilometern von der Hütte aus über 500 Meter höher auf den Jack Halls Saddle. Mein linkes Knie schmerzte bei jedem Schritt. Ich dachte erst, das gibt’s doch nicht. Zwei Zerodays, zwei Bandagen mittlerweile und zwei Ibuprofen hatte ich mir heute morgen auch noch eingeworfen und jeder Schritt schmerzte. Ich humpelte wieder einmal nur und stützte mich bei jedem Schritt mit meinem linken Fuß auf meinen einen Trekkingstock. Trotzdem: ich gab nicht auf und nach etwa einer halben Stunde ließ der Schmerz nach bis er nach einer Dreiviertelstunde endlich ganz verschwunden war.

Wir hatten hier mittlerweile die Schneegrenze längst erreicht. Anfangs stiegen wir die vielleicht ersten 50 Höhenmeter noch in dem von Fels, von gelbem Tussockgras und niedrigen grünen Sträuchern geprägten Hang neben dem Fern Burn Stream auf, je höher wir stiegen desto mehr verdeckte jedoch der Schnee des Vortages Fels und Vegetation bis wir schließlich nur noch im Schnee aufstiegen.

Nach einer Stunde hatten wir gerade mal anderthalb Kilometer zurückgelegt. Der Track war teilweise nur noch erahnbar und der Schnee gereichte uns bis über die Knöchel. Als die Sattelhöhe in Blick kam, pausierten wir kurz. Etwa eine halbe Stunde Aufstieg stand uns von hier noch bevor durch den dichten Schnee und dann auf der gegenüberliegenden Seite ein steiler Abstieg auf einem ausgesetzten und womöglich vereisten Grat.

Vorsichtshalber zeigte ich Anna und Jelmer wie sie im Falle eines Sturzes, wenn sie den Hang herunterglitten, ihr Rutschen selbst stoppen könnten. Ich hatte das in meinem Hochtourenkurs vor ein paar Jahren in den europäischen Alpen gelernt. Dann machten wir uns weiter im Aufstieg. Bei dieser Winterwunderlandschaft kamen mir irgendwie Weihnachtslieder in den Sinn und ich pfeifend stieg ich vor den anderen laufend zu „Santa Clause is coming to town“ weiter auf – und das im neuseeländischen Spätsommer kurz vor Ostern 🙂

Den Jack Halls Saddle erreichten wir bei strahlend-blauem Himmel. Wir hatten echt Glück. Zwar standen wir tief im Schnee und es wurde eiskalt an den Füßen – Trailrunners sind wirklich nicht schneegeeignet -, aber die Aussicht war unglaublich schön. Ich hatte so viele Berge erklommen hier auf dem Te Araroa, so viele Bergketten überstiegen, aber das hier, im tiefen Schnee, das war für mich, das war für uns alle nochmal etwas besonderes.

Wir machten eine lange Foto- und Snackpause. Wir waren wirklich genau zur richtigen Zeit gestartet, denn kurze Zeit später sahen wir nach und nach mehr Wolken von Norden in unsere Richtung hinüberziehen. Unsere Pläne, einen überdimensionalen Schneemann zu bauen – Anna hatte sogar eine Karotte dabei – verwarfen wir aufgrund dessen und aufgrund unserer kalten Füße, aber es gereichte immerhin noch zu einem Schneegesicht auf einer Markierungsstange.

Im Abstieg hinunter auf dem ausgesetzten Grat sollten wir das fantastischste Licht überhaupt erhalten. Dünne Wolkenbänder verdeckten die Sonne leicht wie ein Schleier und hinterließen ein unglaublich magisches Licht in der Landschaft und zurück zum Sattel und Grat, auf dem hinter mir Anna und Jelmer abstiegen. Ich konnte hier diese wahnsinnig schönen Fotos schießen:

Wir stiegen sehr vorsichtig ab. Es war teilweise einfach nur rutschig und wir wollten in diesem ausgesetzten Gelände keinen Sturz riskieren. 400 Höhenmeter Abstieg auf einem Kilometer Grat. Wir planten bereits damit, für die sechs Kilometer bis zur Hütte in dieser Schneesituation volle fünf Stunden zu benötigen, zumal wir den Track teils selbst spuren mussten.

Nach dem Abstieg folgte ein weiterer Anstieg ehe es dann an der Flanke des Berges weiter bis zur Highland Creek Hut ging. Wir erreichten diese gegen 13:30 Uhr und hatten damit viereinhalb Stunden für die Strecke benötigt. Ohne Schnee hätten wir vermutlich drei Stunden benötigt, so aber war kein schnelleres Vorankommen möglich.

Die nächste Hütte, die Roses Hut, war sieben bis acht Stunden entfernt. Das wären nur zehn Kilometer, aber da zwei Anstiege erneut auf über 1.200 Höhenmeter und abermals zwei so steile Abstiege wie vom Jack Halls Saddle anstanden, entschieden wir uns in der Highland Creek Hut zu bleiben. Wir hätten nach diesem Terrain erstmal eine Pause gebraucht. Dann noch zur Hütte gelangen… keine Chance. Wir würden versuchen in den nächsten zwei Tagen bis Arrowtown zu gelangen. Danach bliebe Anna und mir auch kein Essen mehr. Jelmer könnte uns notfalls allerdings noch mit Quinoa und Haferflocken aushelfen. Er trägt deutlich zuviel davon.

Später kamen in der Hütte noch vier weitere Te Araroa-Hiker an. Von Hannah, Simon und Justin jedoch keine Spur. Wir erfuhren von den anderen jedoch, dass sie es bis auf den Sattel geschafft und sich dann entschlossen hatten umzudrehen. Zu gefährlich erschien ihnen der Abstieg auf dem Grat. Sie wollten wie Tobias wieder absteigen, den Motatapu Track skpipen und bis nach Queenstown trampen. Vielleicht schließen wir ja später nochmal auf die drei auf.

Das war nun mein Tag. Anstrengend aber unglaublich fantastisch. Ansonsten: sechs Kilometer in einem, naja eigentlich ja sogar in drei Tagen. Aber mehr war bei diesen Konditionen heute definitiv nicht drin… Hmm, wenn das so weitergeht bin ich erst Anfang November in Bluff. Aber das ist natürlich nicht mein Plan. Spätestens nach dem Motatapu Track, der mir aufgrund des starken Schneefalls und meiner zermürbten Knie nochmal alles abverlangt, werde ich wieder deutlich mehr Kilometer am Tag zurückzulegen. So zumindest mein Plan 🙂

Für morgen stehen erstmal „nur“ zehn Kilometer auf dem Plan. Aber zehn Kilometer, für die zwei noch nach Einbruch der Dunkelheit angekommene Northbound-Hiker trotz nur einer halben Stunde Pause aufgrund des knietiefen Schnees auf den Pässen fast elf Stunden gebraucht haben. Das wird offensichtlich also wieder ein heftiger Tag werden morgen.

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