8
Mrz
2018

Tag 104 Methven / Rakaia River bis Round Hill Creek (28 Kilometer)

Meine Schuhe müssen sich heute angefühlt haben wie in der Waschtrommel. Eine Kaltwäsche zwar, aber mit hohem Schleudergang, denn ich habe heute alleine in der zweiten Hälfte des Tages ganze 51 (!) River Crossings durch den schnell strömenden River Hakatere durchgeführt. Irgendwie war das mit den Flussfurtungen im Minutentakt fast genauso als wäre ich die letzten acht Kilometer meines heutigen Hikes nur durch das Flussbett hinauf in die neuseelänischen Alpen gelaufen. Aber es war unglaublich schön, genau wie der restliche Tag mit dem Hike neben dem Rakaia River, dem Anstieg auf den Turtons Saddle und dem Wandern durch die gelb-bräunliche gefärbte Graslandschaft in den Bergen, die von hohem Tussockgras geprägt war…

Als ich heute morgen noch in der Snow Denn Lodge in Methven aufwachte, zeigte sich bereits, dass vom Wetter ein fantastisch schöner Tag auf mich wartete. Es war zwar eiskalt draußen, aber in der Morgendämmerung, in welcher der Mond noch hell neben einigen Sternen am Himmel stand, war nicht eine Wolke am Firmament zu erblicken. Und auch die Wettervorhersage für die nächsten Tage, die ich beim Frühstück – abermals Toast mit Eiern und Speck – checkte, war großartig. Ich hoffe sehr, dass diese Wettervorhersage auch eintrifft, denn das überwiegend regennasse und windige Wetter der vergangenen Tage schlug mir zuletzt doch etwas auf Gemüt.

Am Vorabend hatte ich nach meiner Rückkehr aus dem Irish Pub in die Jugendherberge noch André aus den Vereinigten Staaten kennengelernt. Er schlief bei mir mit auf dem sonst unbelegten 5-Bett-Zimmer und plante als Southbounder ebenfalls morgen zum Trailhead des Rakaia River zu gelangen, um dort wieder auf den Trail zu gelangen. Wir verstanden uns direkt sehr gut und wollten den heutigen Hike daher zunächst zusammen angehen.

Gegen 8:30 Uhr brachte uns George, der Besitzer der Jugendherberge, mit seinem alten Mercedes in Richtung Trailhead. Da die Straße nicht wie ich dachte von nur einem Erdrutsch, sondern gleich von mehreren zerstört war, konnte George uns nur bis ungefähr 20 Kilometer vor den westlich des Rakaia River gelegenen Wiederaufnahmepunkt des Trails bringen. André und ich machten uns wenig Hoffnung, dass wir für die verbleibenden 20 Kilometer eine Gelegenheit zur Mitfahrt irgendwo erhalten würden und so stellten wir uns darauf ein, diese 20 Kilometer auf der teils zerstörten Straße zunächst laufen zu müssen.

Nach den ersten vier Kilometern war uns das Glück aber doch tatsächlich hold. Fahrzeuge mit Allradantrieb konnten die zerstörten Straßenstücke noch passieren und so ergatterten wir zunächst eine Mitfahrgelegenheit bei einem der im Tal lebenden Farmer und später bei einem Kiwi aus Methven, der mit seinem Allradfahrzeug deutlich weiter nördlich einen Teil des Rakaia River durchfurten und dann dort nach Lachsen angeln wollte. Wahnsinn, so hatten wir von den nicht zum Te Araroa-Trail gehörendem Stück Straße doch tatsächlich nur ein kleines Stück von vielleicht vier Kilometern zu laufen.

Die Aussichten während der Fahrt auf den Rakaia River, der Neuseelands größter und selbst weltweit einer der größten Braided River – das heißt soviel wie „geflochtener Fluss“ – ist, war fantastisch. Das breite Tal mit den hohen Bergen im Hintergrund und dem in viele Arme aufgefächerten Fluss, dessen Wasser nun im Lichte des Sonnenscheins unglaublich türkis aufgrund der ihm zufließenden Gletschersedimente erschien und das in einem kaum zu beschreibendem Kontrast zu dem dunkelgrauem Gestein der Steinablagerungen neben den Flussarmen stand, war so schön anzusehen, dass ich mich irgendwann das dritte Mal dabei ertappte, wie ich „Wow, this is such an awesome landscape!“ ausrief. André ging es genauso. Uns beiden stand der Mund ziemlich weit offen 😉

Die Erdrutsche, bei denen es sich um riesige Geröllrutsche bzw. -lawinen handelte, die beim letzten Zyklon von an sich kleinen Flüssen getragen ins Tal hinabgesaust waren, waren riesig. Sie hatten sich stellenweise bis in einige der Flussarme des Rakaia River ergoßen und dessen Flusslauf und die gesamte Landschaft so verändert. Das Geröll stand an einer Stelle bis an die Unterkante einer Bücke heran, die eigentlich bis zu fünf Meter über dem überbrückten Fluss verläuft. Unvorstellbar. Der Farmer, der uns zunächst mitnahm, berichtete von der Gerölllawine, die er gesehen hatte. Felsbrocken so groß wie Autos waren den Berg hinuntergerollt, andere von der Lawine getragen worden. Was für eine Naturgewalt. Wirklich unvorstellbar.

Gegen 11 Uhr wurden wir dann schließlich am Trailhead abgesetzt und begannen nach den ersten vier Kilometern, die wir off-trail auf der Straße gelaufen waren, nun unseren Hike on-trail. Und es ging direkt wieder hinein in die südlichen Alpen. Von 460 Höhenmetern über den Turtons Saddle hinauf auf 1.200 Höhenmeter. Und auch hier stand uns der Mund regelrecht offen aufgrund der fantastisch-schönen Aussicht, die uns der Track beim Blick zurück bot. Die Berge hier erschienen auf einmal so sehr viel anders wie jene, die ich noch vor einer Woche durchlaufen hatte. Hier gab es nun so gut wie keine Wälder mehr und nur ganz wenige grüne Flächen. An den Hängen der Berge fanden sich weitestgehend nur noch vertrocknete, gelblich-braune Tussockgräser, dazwischen immer wieder stacheliges Speergras. Weiter oben im alpinen Bereich dominierte grauer und zuweilen leicht bräunlich-rötlicher Fels. Das klingt alles sehr karg, war aber wunderschön anzuschauen und je höher wir stiegen, desto mehr genossen wir die Aussicht.

Der Anstieg, der zunächst ordentlich schweißtreibend war, später jedoch in einem frischen, angenehm kühlenden Wind verlief, dauerte ungefähr anderthalb Stunden.

Anschließend legten wir mit dem Blick zurück Richtung Rakaia River und jene Berge, die wir noch vor wenigen Tagen durchlaufen hatten, am Tussock Saddle eine Lunchpause ein. Während der kühle Wind beim Aufstieg selbst noch angenehm war, sorgte er nun in der Höhe dafür, dass es richtig frisch wurde. Also den Hoodie, den ich im Anstieg ausgezogen hatte, wieder angezogen und die Pause nicht zu lang ausgedehnt.

Der übrige Weg, auf dem unzählige kleine Geckos zwischen meinen Beinen hin- und herhuschten, verlief zunächst erstmal richtig angenehm. Wir waren auf einem mehr oder minder hügligen Hochplateau angelangt und stiegen dann um einige hundert Höhenmeter in ein Tal hinab bis zur A Frame Hut, einer echt gemütlichen und sauberen Hütte mit nur drei Betten. Heute Morgen, als wir davon ausgingen die 20 Straßenkilometer bis zum Trailstart komplett laufen zu müssen, war das noch unser Anlaufpunkt zum Übernachten. Nun war es gerade mal 14 Uhr und wir beide hatten wenig Lust den bislang so gelungenen Tag schon so frühzeitig zu beenden.

Wir folgten daher dem Turtons Stream, den wir an mehreren Stellen furteten, weiter in die Bergwildnis hinein und stiegen dann über den Murtons Gully, einer Spalte in der Flanke des Berges, wieder zur Comyns Hut auf etwa 850 Höhenmeter ab. Und was war meine Überraschung groß als mich direkt an der Hütte ein Bordercollie ansprang und sich vor mir auf den Rücken rollte, um einige Streicheleinheiten zu erhaschen. Ein wahnsinnig schönes Tier und dann auch noch von einer meiner liebsten Hunderassen. Ich vermisste natürlich direkt Finja, in der übrigens auch ein Bordercollie steckt 😉

Die Bordercolliedame, die hier oben herumtollte, gehörte übrigens zu einem Neuseeländer, der eine zweitägige Wanderung mit seinem Hund machte und hier in der Comyns Hut übernachten wollte. Schade, ich hätte sie auch mitgenommen 🙂

Es war nun 16 Uhr. Wir hatten etwa 20 Kilometer bis hierhin gehikt, zugegeben allerdings auf einem bislang eher einfachem Track, denn der Hike verlief bis hierhin auf einem 4WD-Track, der sich recht zügig wandern ließ. Ich hätte an sich in der Hütte bleiben können. Mit 20 Kilometern und dem schönen Track heute war ich zufrieden, dann erblickte ich jedoch Anna’s anspornenden Hüttenbucheintrag für mich: „See you soon Nils!“ Okay, ich gab mich geschlagen, ich wollte ja auch auf sie aufholen, also den Rucksack wieder geschultert, meinen Eintrag mit einem „I try to catch Anna“ und einem „I walk as far as possible today“ versehen und los ging es. André war schon eine Viertelstunde zuvor aufgebrochen und so folgte ich ihm wenig später. Man gut, dass ich diese Entscheidung traf, denn die nachfolgenden acht Kilometer sollten ein weiteres Highlight an diesem Tag werden.

Der 4WD-Track endete und laut Trailbeschreibung ging es nun auf einen rauen und unausgeformten River Track, bei dem man zwischen den einzelnen Markierungsstangen, die allerdings auch ohnehin nicht in Sichtdistanz zueinander stehen, seinen eigenen Track neben und in dem Flussbett suchen soll. Geil, das klang richtig nach Spaß, zumal nicht weniger als 51 (!) Querungen des Hakatere River in der teils eng von ihm durchströmten Schlucht anstanden. Ich bin sicher, auf meinem ganz persönlichen Weg den Flusslauf hinauf, habe ich diesen Wert noch getoppt.

Auch wenn der Track alles in allem nicht so heftig anstieg wie auf den letzten Kilometern des Deception River Tracks, erinnerte mich dieser Part des Trails doch sehr an die Passage vor dem Goat Pass vor wenigen Tagen. Das war ein Wahnsinnsspaß. Klar, ich hatte eiskalte Füße und Beine – der schnell dahinströmende Fluss stand mir mit seinem kristallklaren Wasser bisweilen immerhin bis zum Oberschenkel, aber das war genau das, was ich mir von Neuseeland versprochen hatte: Wildnis, Abenteuer, Adrenalin 😛

Die Flussfurtungen durch die mal enge, von Klippen und Felstürmen gesäumte Schlucht, erfolgten gerade anfangs regelrecht im Minutentakt. Manches Mal musste man auch durch den Fluss selbst um die hundert Meter aufsteigen bis sich die Schlucht irgendwann wieder weitete und es zumindest auf einer ihrer Seiten zuließ, dass ich entweder auf Steinbänken lief oder – das war der einzige Wehrmutstropfen an diesem Track – mich am Ufer durch Dornenbüsche und Stechgewächse, an denen ich mir mehrfach die Beine blutig kratzte, durchkämpfen musste.

Irgendwann gegen 19 Uhr – die Sonne war schon hinter den Bergen verschwunden und so war ich die knappe letzte Stunde im Schatten der Berge gelaufen, hatte ich den Hakatere River Track hinter mir gelassen und war zum Round Hill Creek gelangt. Von hier aus begann der steilere Part des Aufstiegs auf den 1.480 Meter hohen Clent Hills Saddle. Beinahe unbemerkt befand ich mich allerdings auch hier schon wieder auf über 1.200 Höhenmetern.

Auf völlig unebenem Boden schlug ich mitten in den hohen Tussockgrasbüscheln auf einer zumindest speergrasfreien Stelle mein Zelt auf und befreite mich von den nassen Schuhen und Socken. Meine Füße waren eiskalt und selbst jetzt – ich schreibe den Artikel hier gerade um 22 Uhr – sind sie es immer noch. Da aber auch ein eisiger Wind weht und die Temperatur ganz schön abgefallen ist, friere ich gerade ohnehin etwas. Hier oben hat es ja doch nur ein paar Grad Plus 😉

Mein Missgeschick des Tages: ich hab mein Abendessen oder vielmehr den Topf mit meinem Abendessen so richtig schön vom Kocher herunter in den Dreck bugsiert… Man gut, dass es erstens nur eine Doppelpackung Instantnudeln mit Thunfisch war – ist ja eh nicht mehr mein Favourite – und ich zweitens so viel Essen schleppe. Damit war der Ersatz kein Problem. Ich bin gespannt, welche Arten von Tieren sich in der Nacht über meine Nudeln mit Thunfisch hermachen und wie sehr sie mich wach halten werden. Erst dachte ich, da kommen sicher Possums vorbei, aber ich bin mir gar nicht so sicher, ob die hier in den baumlosen Regionen der Berge auch zu finden sind. Morgen kann ich da vielleicht mehr berichten.

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