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Mrz
2018

Tag 101 Bailey Hut bis Harper Village (34 Kilometer)

Regen, Regen und nochmals Regen… Ich fragte mich heute morgen tatsächlich, wo denn die Spätsommertage auf der Südinsel bleiben. Und als ob mich jemand erhört hatte, war es für die zweite Hälfte des Tages dann unerwartet sonnig und der Hike durch die unendliche Weite der neuseeländischen Alpen mit seinen vielen Flussquerungen richtig zum Genießen…

Was für eine besch… Nacht. Brian hat offensichtlich schwerste Atemprobleme. Er hatte zwar nicht geschnarcht aber die ganze Nacht gekeucht und eigenartig gegluckst. Meine Earplugs minderten die Geräusche zwar, vermochten sie aber nicht ganz abzustellen. Emma, eine neuseeländische Te Araroa-Hikerin, die gestern noch in der Hütte ankam, fragte mich heute morgen auch direkt, was das für komische Geräusche waren… oh man, was freue ich mich irgendwann wieder auf mein eigenes Bett mit gemütlicher Matratze und vor allem auf einen ruhigen Schlaf 😉

Der Regen, der irgendwann am frühen Morgen begann, wollte ganz offensichtlich über den Morgen hinaus andauern. So begann ich meinen Aufstieg von der auf knapp über 700 Höhenmetern gelegenen Bailey Hut an der Seite des Mount Bruce entlang auf eine Höhe von nicht ganz 1.300 Metern in strömenden Regen. Zunächst verlief der Track dabei geschützt im Wald. Ein Teilstück führte auch durch total dichten und vor allem finstersten Tannenwald. Der weiche Waldboden war hier dicht von Tannennadeln bedeckt und in allen Ecken des Waldes schossen Unmengen an Pilzen, vor allem Fliegenpilze in allen möglichen Größen, hervor. Schöne Szenerie! Das hätte hier wahnsinnig gut als Kulisse für manches Märchen dienen können. Ich hätte mich zumindest nicht gewundert, wenn ich hier auf dem Track mitten in einen Dreh für „Hänsel und Gretel“ hineingeplatzt wäre 😉

Irgendwann erreichte ich dann jedoch die Baumgrenze und kam aus dem Wald hervor. Nun wurde es richtig nass, denn der Regen hatte noch zugenommen und das schützende Blätter- bzw. Tannennadeldach war verschwunden. Der Track selbst verkam hier zur regelrechten Schlammschlacht. Aussicht gab es gar keine. Ich wusste zwar wohin ich blickte und leider auch, dass es hier oben bei trockenem Wetter eine fantastische Aussicht auf die Berge um Arthurs Pass und das davor liegende Flusstal zu sehen gab, doch ich sah tatsächlich rein gar nichts. Alles lag dicht in Wolken. Nicht mal schemenhaft bekam ich die Berge in der Ferne zu sehen. Schade. So hatte ich mir das heute nicht vorgestellt und ganz sicher machte das so auch deutlich weniger Spaß.

Oben auf dem Hochpunkt des heutigen Tages auf etwa 1.300 Metern angekommen war ich völlig durch: durchgenässt und durchgeschwitzt. Im Lagoon Saddle Shelter, das ich kurz nach Beginn des Abstiegs ins Tal des Harper River erreichte, stoppte ich daher auch direkt für eine Pause. Das war ein hübsches Nurdach-Shelter. Total gemütlich und ich schätze, es hätte sich durchaus gelohnt, gestern Abend noch hierhin hoch zu laufen, aber was soll’s.

Bis hier zum Shelter war ich nun heute morgen gerade mal fünf Kilometer gelaufen, aber irgendwie war ich vom Anstieg und der Feuchtigkeit um mich herum schon ziemlich platt. Der Regen schlug mir doch irgendwie aufs Gemüt und ich überlegte bis wohin ich heute überhaupt gelangen wollte und konnte in diesem Regen. Ursprünglich wollte ich einen langen Tag einlegen und bis ins 34 Kilometer entfernte Harper Village hiken. Ich hätte dann von dort aus morgen nach Lake Coleridge weiterhiken und am Nachmittag – da ich davon ausging, dass der Rakaia River aufgrund des Regens nicht furtbar sein würde – bereits per Anhalter ins off-trail gelegene Methven trampen können. Bei dem Regen, der mir heute bislang ins Gesicht schlug, überlegte ich jedoch zunächst nur die Hälfte der Strecke bis zur Hamilton Hut zu hiken.

Nach der kurzen Pause im Lagoon Saddle Shelter stieg ich im engen Tal entlang des Flusslaufes des Harper River weiter hinab zur fünf Kilometer entfernten West Harper Hut. Der Track querte mehrfach den Fluss und passierte auch einige interessante Gesteinformationen bzw. -türme, die sich an dessen Uferseiten fanden. Ansonsten führte der Track hauptsächlich durch Wald. Das Beste aber: der Regen hatte nicht nur nachgelassen, die Sonne schien sich durchzusetzen und die Wolken wichen nach und nach einem blauen Himmel.

Die West Harper Hut erreichte ich dann bei strahlendem Sonnenschein um 12.30 Uhr. Die historische Hütte hatte mit seinem Boden aus Erde und den grob behauenen Baumstämmen, aus den das Gerüst der Hütte und die Betten gefertigt waren, irgendwie was von einer cabin in the woods aus einem Horrorfilm, aber mir gefiel es unheimlich gut. Total gemütlich 🙂 Das einzige was mich störte: die Armeen an Sandflies, die hier über mich herfielen. Total irre: ich stoppte an der Hut und innerhalb von fünf Sekunden waren meine nackten Waden – ich hikte für gewöhnlich ja mit hochgekrempelter Hose – jeweils von einem guten Dutzend Sandflies besetzt. Zunächst kam es zur üblichen Spontanreaktion des Auf-Sich-Selbst-Einschlagens. Als ich das eine Dutzend Sandflies vertrieben und das andere in die ewigen Fliegenabgründe geschickt hatte, nutze ich den kurzen sandyflyunbeobachteten Augenblick, um meinen biologischen Sandflyschutz aus der Tasche zu kramen und mir schnell Arme und Beine damit einzureiben. Danach war Ruhe und konnte ich nicht nur eine kurze Pause machen, sondern diese sogar genießen, ehe ich weiter zur Hamilton Hut aufbrach.

Mein Arm schmerzte heute übrigens weiterhin, weswegen ich nochmals mit Schmerztabletten unterwegs war. Aber ich konnte ihn schon wieder ein Stück weiter beugen. Nur mit dem Belasten klappte es noch nicht ganz. Im ausgestreckten Zustand war mein Arm unverändert schmerzfrei und es fühlte sich daher auch unproblematisch an, wenn ich ihn gestreckt belastete. Das galt nur nicht, sobald er ein Stück gebeugt war. Aber auf dem Track heute kam ich glücklicherweise auch ohne große Unterstützung durch meinen linken Arm voran.

Um 14 Uhr erreichte ich die Abzweigung zur Hamilton Hut. An sich wollte ich in dieser ja nach den Überlegungen am Lagoon Saddle Shelter gegebenenfalls übernachten, aber nun hatte sich das Wetter überraschend gebessert und es schien stabil zu bleiben. So unterliess ich es zur etwas off-trail gelegenen Hütte abzuzweigen und blieb auf dem Track Richtung Harper Village und Lake Coleridge. Würde ich heute von hier noch 18 Kilometer drauflegen, könnte ich morgen bereits wirklich das Lake Coleridge Village und das (vorläufige) Trailende des Te Araroa am Rakaia River erreichen.

Eine halbe Stunde später legte ich aber zunächst erstmal im sich weitenden Tal des Harper River und mit Blick auf den doppelgipfligen Mount Ida in der Ferne eine Lunchpause ein. Wobei mein Lunch ganz ungewöhnlich heute mal nur aus Keksen, nämlich Shortbread- und Frühstückskeksen, bestand.

Auf dem nun folgenden Weg durch das sich mehr und mehr weitende Tal folgte ich dem Harper River auf einem alten 4WD-Track weiterhin flussabwärts. Unzählige Male querte ich dabei auch den Flusslauf, oftmals auch einfach nur auf der Suche nach dem 4WD-Track, denn dieser war stellenweise kaum bis gar nicht ersichtlich und der Track insgesamt schlecht markiert. Ich verlief mich einige Male in den hohen Gräsern, drückte mich durch Ginster und anderes stacheliges Buschwerk hindurch und querte auf der Suche nach dem Track den Fluss unnötigerweise. Wäre ich vermutlich einfach querfeldein gelaufen, wäre ich schneller unterwegs gewesen…

Auf dem Weg durch die beinahe endlos erscheinende Weite des Tals passierte ich nach einigen Kilometern auch die Pinnacles – einige recht eigentümliche Felsformationen, die sich in einer kleinen Schlucht bzw. einem Hang nahe des Trails befanden.

Wieder einige Kilometer später furtete ich ein letztes Mal den Harper River und wenig später auch den Avoca River, dessen Wasser dem Harper River zufließen. Ich fand beide Flüsse abermals angenehm zu furten, auch wenn der Harper River hier unten am Talende verständlicherweise deutlich mehr Wasser als oben im Tal führte und auch gehörig schnell dahinströmte. Mittlerweile habe ich aber auch einiges mehr an Erfahrung im Furten von Flüssen. Das Ganze Furten wiederholte sich mit kleineren Zuflüssen noch einige Male. Es waren heute tatsächlich elendig viele Flussquerungen und ich muss sagen: hier auf der Südinsel kann ich die Flussfurtungen schon gar nicht mehr zählen 🙂 Es sind wirklich Tage wie heute dabei, da quert man mehrere oder auch ein- und denselben Fluss an die 50 Mal am Tag! Wer da noch glaubt, auf dem Te Araroa könnte man einen großen Teil der Strecke trockenen Fußes laufen, irrt gewaltig. Keine Chance, vor allem nicht auf der Südinsel…

Die letzten acht bis neun Kilometer des Tages war ich gehörig platt. Es war bereits 17 Uhr und gestartet war ich heute morgen gegen kurz nach 7 Uhr. Es sollte offensichtlich ein richtig langer Tag werden. Erst um 19 Uhr kam ich nach weiteren zwei Stunden im Harper Village an, wobei das Wort „Village“ sicher einen falschen Eindruck erweckt. Mehr als einige wenige Farmhäuser und einige Scheunen gibt es hier am Nordende des Lake Coleridge nämlich nicht.

Völlig geplättet baute ich auf einer freien, einfachen Campsite für Te Araroa-Hiker – es gab hier letztlich eine Rasenfläche, eine Toilette und einen Wasseranschluss – seit langer Zeit mal wieder mein Zelt auf und kochte mir endlich was zu essen. Morgen steht dann zunächst ein langer Roadwalkingpart auf Schotter an und anschließend die Querung oder Umfahrung des Rakaia River. Nach den Regenfällen heute und in den letzten Tagen gehe ich allerdings nicht davon aus, dass der Fluss querbar ist. Bevor ich mir aber weitere Gedanken darum mache hoffe ich zunächst auf einen richtig angenehmen Schlaf in meinem Zelt und damit seit wirklich langer Zeit mal wieder in meinem eigenen, zwar kleinen aber geliebten Reich. Ich bin ziemlich hundemüde nach dem heutigen Tag und kann den Schlaf ganz sicher gebrauchen.

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