19
Jul
2018
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Mountainbiken auf der Death Road bei La Paz – Auf der gefährlichsten Straße der Welt von 4.670 auf 1.200 Meter hinunter!

Ein Tag nach der Besteigung des Huayna Potosi: wir sind direkt das nächste Abenteuer angegangen! Dieses Mal was ganz anderes: weder Trekkingtour, noch Vulkanbesteigung oder Hochtour. Wir haben uns auf dem Mountainbike die Death Road bei La Paz, die vermeintlich gefährlichste Straße der Welt, „hinuntergestürzt“. Um Verwechslungen zu vermeiden: Nein, wir sind nicht gestürzt. Aber wir hatten einen Heidenspaß…

Die Death Road, Straße des Todes und die vermeintlich gefährlichste Straße der Welt. Nun, ob es sich nun noch immer um die gefährlichste Straße der Welt handelt oder nicht, das sei mal dahingestellt. In jedem Fall handelte es sich früher um die gefährlichste Straße der Welt und noch immer darf die Death Road wohl als alles andere als ungefährlich bezeichnet werden.

Die Yungas Road oder spanisch Caminos a Los Yungas – so der wirkliche Name der Death Road – wurde in den 1930er Jahren durch paragayuanische Kriegsgefangene in die Flanke der Cordillera Oriental Bergkette geschnitten. Sie windet sich auf 69 Kilometern vom La Cumbre Pass auf 4.670 Metern hinunter zur Stadt von Coroico auf 1.200 Metern. Auf diese Weise verbindet sie die Hauptstadt Boliviens, La Paz, und das Altiplano Hochland mit dem bolivianischen Amazonasdschungel, Los Yungas.

Den berüchtigten Namen „Death Road“ und den unrühmlichen Titel „The world’s most dangerous road“ hat die Yungas Road aufgrund der extrem hohen Todesrate der Verkehrsteilnehmer auf ihr erhalten. 200 bis 300 Menschen sind bis vor knapp zehn Jahren – bis zur Schaffung einer gut ausgebauten, modernen Straßenverbindung im Jahr 2007 – pro Jahr auf der Yungas Road ums Leben gekommen.

Die Konditionen der Straße waren für den jahrzehntelang auf ihr verkehrenden Personen- und Warenverkehr alles andere als gut. Bei der Yungas Road handelt es sich nämlich nicht um eine asphaltierte, breit ausgebaute Straße, sondern vielmehr um eine weitgehend in der Breite nur von einem Auto befahrbare, jedoch für den zweispurigen Verkehr freigegebene Schotterpiste voll von Schlaglöchern und tiefen Pfützen. Der Untergrund ist matschig, stellenweise morastig. Hinzu kommt: neben der Straße finden sich beinahe ausnahmslos senkrechte Felswände. In die eine Richtung steil aufragend, in die andere Richtung senkrecht bis zu 900 Meter tief abfallend. Das alles meist ohne Leitplanke oder Sicherung. Gerölllawinen und Steinschläge an der Tagesordnung. Gepaart mit dem nahezu unberechenbarem Wetter – häufiger Regen bis hin zu Schneefall und dichtem Nebel – war all dies in Kombination mehr als genug, um die häufige Zahl von Unfällen zu begründen. Vor allem, wenn man sich vor Augen führt, dass der Verkehr auf der Yungas Road eben typisch südamerikanisch war. Neben PKW’s fanden sich auf der Straße bis zur Schaffung der modernen Straßenverbindung vor allem überfüllte Busse und überladene Trucks. Waghalsige Überholmanöver, selbst bei Dunkelheit und wenn keine Sicht in die vor einem liegende Kurve bestand, waren an der Tagesordnung und die tödlichen Unfälle am laufenden Band entsprechend vorprogrammiert.

Einer der tragischsten Verkehrsunfälle ganz Boliviens fand ebenfalls auf der Yungas Road statt. Am 24. Juli 1983 kam ein völlig personenüberladener Bus von der Straße ab und stürzte in die tiefen Schluchten an der Seite der Straße hinab. Mehr als 100 Menschen starben an nur einem einzigen Tag.

Heute wird die Yungas Road nur noch von adrenalinsuchenden Mountainbikern und lokalen Arbeitern befahren. Doch auch das nicht ohne Todesfälle. Jedes Jahr sterben mehrere Biker auf der Yungas Road. Der gesamte übrige Verkehr zwischen La Paz und dem Dschungel wird mittlerweile über die Alternativstrecke geleitet, die – wie wir nach unserem Abenteuer Death Road erfahren durften – zwar gut ausgebaut, aber ebenfalls nicht wenig gefährlich ist.

Der atemberaubende Ritt auf dem Mountainbike die Death Road hinunter ist für all jene, die den Thrill und das Abenteuer suchen, mittlerweile zu einer der populärsten Actionaktivitäten um La Paz geworden. Die Szenerie ist spektakulär. Die lange Downhillfahrt, bei der nahezu alle Klimazonen Südamerikas durchquert werden, verspricht jede Menge Spaß. Klar, dass wir uns das nicht entgehen lassen 😉 Auch wenn anfangs doch die Skepsis überwiegt, ob die Tour für uns nicht doch vielleicht zu „lahm“ sein könnte. Immerhin kann sie jeder vom Fleck weg buchen. Wobei „der Fleck“ die bolivianische Hauptstadt La Paz ist. Vorkenntnisse im Mountainbiken oder ähnliches sind nicht nachzuweisen.

Um 8 Uhr werden wir an diesem Morgen von Milton, einem unserer Guides, an unserem Hostel in La Paz abgeholt. Ein schlechtes Frühstück vorweg und nach den Strapazen der vergangenen Tage ein wenig erholsamer Schlaf. Der Huayna Potosi steckt uns noch immer in den Knochen. Meine Kopfschmerzen nach der Besteigung des 6.000ers – die von mir so genannten „Kopfschmerzen des Todes“ – sind glücklicherweise vorbei. Wenn auch kurz, sie waren heftig.

Die Fahrt hinauf zum La Cumbre Pass dauert anderthalb Stunden. Währenddessen der „übliche“ Papierkram. Wir unterschreiben ein Formular, wonach der Veranstalter sein möglichstes unternimmt, um die Sicherheitsrisiken zu minimieren, jedoch nicht verantwortlich für Verletzungen jeglicher Art oder den Tod während der Veranstaltung ist.

Auf 4.670 Metern im bolivianischen Hochland zwischen schneebedeckten Gipfeln angekommen gibt es eine Sicherheitseinweisung und die Ausrüstung: winddichte Klamotten, die auch dreckig werden können, Handschuhe, Schienbein- und Ellbogenschützer, ein Helm sowie natürlich das Bike. Das ist zwar alt aber der Zustand okay. Die Reifen haben noch einigermaßen Profil und die Bremsen funktionieren. Etwas merkwürdig scheint nur der Aufkleber auf dem Bike: „Dieses Mountainbike ist nicht für Sprünge und Offroadfahrten geeignet“. Naja, wird schon passen. Wir sind ja die ganze Zeit auf einer „Straße“.

Einige Fotos vom Team später – wir starten das Abenteuer Death Road gemeinsam mit etwa zwanzig anderen Hobbymountainbikern und Adrenalinsuch(t)enden – geht es los. Meine Kamera bleibt im Begleitvan – zu groß die Gefahr mit der teuren Technik zu stürzen.

Es ist kalt hier oben. Einzelne Schneefelder liegen auf der Passhöhe. Nebel und Wolken ziehen vom Tal zu uns herauf. Sie bringen viel Abwechslung in die bergige Hochlandszenerie. Später wird es deutlich wärmer werden. An so ziemlich jedem Stop unterwegs legen wir eine Lage Klamotten ab. Im tropischen Dschungel werde ich später nur noch kurze Hose und T-Shirt tragen.

Die ersten 20 Kilometer geht es auf Asphalt hinunter. Dieser Teil der Death Road ist als Teil der Neuverbindung zweispurig asphaltiert und in den vielen Kurven und Spitzkehren mit Sicherheitsgeländer versehen worden. Es ist der einzige Teil der Yungas Road, der noch immer befahren wird. Zum Einfahren perfekt. Wir machen ein paar Stops an schönen Aussichtspunkten. Dann dürfen wir endlich überholen.

Wir bringen den Asphalt gefühlt zum brennen, unsere Scheibenbremsen zum glühen. Aus der Mitte rollen wir das Feld von hinten auf und rasen die Strecke hinunter. Nur unseren ganz vorne fahrenden Guide, Francesco, dürfen wir nicht überholen. Mit einem Chilenen liefere ich mir kurz vor Ende ein spannendes Battle um Platz 1.

Dann ist es Zeit für einen Snack. Die erste Mitfahrerin steigt aus. Jeder kann sein eigenes Tempo machen und so nur so viel riskieren wie er möchte, dennoch erscheint es ihr zu gefährlich.

Wir biegen ab. Nun geht es auf die wahre Death Road. Wir fahren aus dem Altiplano, dem Hochland, heraus und tauchen in dichten Bergnebelwald ein. Der Asphalt weicht der zuweilen morastigen Schotterpiste. Stellenweise nur dreieinhalb Meter breit. Fahren tuen ab jetzt nur noch wir. Tiefe Abhänge neben uns. Hohe Steilwände über uns. Die Sicht: mager. Wir fahren in den Wolken.

Plötzlich: eine Ambulanz von vorne. Blaulicht. Na das ist doch vertrauenserweckend. Ebenso wie die dutzenden Kreuze neben der Strecke…

Wir gewöhnen uns an das neue Terrain, machen in der Gruppe viele Pausen und Fotostops. Die Guides fotografieren. Leider ist die Qualität der Fotos gruselig.

Dann platzt der Knoten bei Christian und mir. Wir geben Gas, rasen die Strecke nur so runter. Unsere Taktik: als letzte der Gruppe losfahren und das weit aufgefächerte Feld von hinten aufrollen. Unser Ziel: bis zum nächsten Stop alle überholen. Die stets vordersten hinter Francesco, vier Südkoreaner, holen wir jedes Mal ein. Das ist Adrenalin. Das ist Spaß. Und keineswegs so „lahm“ wie anfangs befürchtet.

Wir racen den Berg richtig hinunter, immer weiter hinab in Richtung Dschungel. Bevor wir jemanden überholen rufen wir laut „Left“ oder „Right“, um unserem Vordermann zu verdeutlichen, auf welcher Seite wir an ihm vorbeirauschen.

Der Abgrund kommt in den Kurven teils gefährlich nah. Einige unserer Vorderleute verbremsen sich, landen glücklicherweise in der Steilwand oder im schmalen Graben davor statt im Abgrund. Wir selbst haben die Räder weitestgehend im Griff. Solche Situationen bleiben uns erspart.

Ich springe mit dem Bike in Schlammpfützen, fahre mit Christian unter kleinen Wasserfällen und felsigen Übergängen durch, von denen es unentwegt auf uns hinuntertropft.

Francesco gibt zum Schluss richtig Gas. Er merkt, dass er mit den Südkoreanern und uns schnelle Fahrer hinter sich hat. Wir bleiben dran, während er die Südkoreaner langsam ein Stück abhängt. Am Ende teilen sie uns mit: „Team Germany Wins“. Wir antworten „And in Soccer South Korea“. Das Spiel, das unser trauriges Aus bei der Fussballweltmeisterschaft besiegelte, ist nicht lange her. Die Südkoreaner schmunzeln…

Es ist mittlerweile drei Uhr Nachmittags. Die Tour endet mit einem späten Lunchbuffet in einem Dschungelrestaurant bei Coroico. Wer mag kann noch in den Pool springen während Papageien und Affen aus dem Dschungel heraus zwischen Bananenbäumen kreischen. Dann geht es um 17 Uhr zurück.

Der Rückweg erfolgt über die neue Straßenverbindung nach La Paz. Im Vergleich zur Death Road auf dem Bike fühlen wir uns im Minivan hier deutlich unsicherer. Unser Fahrer überholt, wo er nur kann. Und auch dort, wo er eben nicht kann. Ein ums andere Mal sehen wir und die Südkoreaner uns wahlweise durch die Leitplanke brechen und in den Abgrund stürzen oder in die Front eines uns entgegenkommenden LKW einschlagen. Zum Glück passiert beides nicht. Aber es war mehrfach mehr als nur knapp, so dass ich mich frage, ob dies nun die „neue“ Death Road ist. Zum Glück nicht, zumindest nicht für uns am heutigen Tag…

Zum Abschluss noch eine Empfehlung: die Mountainbiketour auf der Death Road ist sicher nichts für zartbesaitete. Jeder mit Abenteuersinn, ob nun als Einsteiger mit genügend Selbstbewusstsein fürs Mountainbiken auf einer solchen Straße oder als erfahrener Mountainbiker, darf sie jedoch gerne fahren. Da jeder sein eigenes Tempo angehen darf, geht es durchaus in Ordnung, dass jeder die Tour buchen kann. Ich empfehle jedoch, den Veranstalter gründlich auszusuchen. In La Paz gibt es eine Vielzahl davon und nicht von allen hört man Gutes. Das Material kann alt, sollte aber sicher sein. Insofern schaut euch dieses im besten Falle vor der Tour an, solltet ihr mal wie wir die Gelegenheit ergreifen und euch die Death Road hinunterstürzen…

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