18
Jul
2018
8

Der Huayna Potosi – Wir haben es geschafft! Der über 6.000 Meter hohe Gipfel ist bestiegen!

Die Besteigung eines über 6.000 Meter hohen Gipfels! Was für ein Abenteuer! Nach dem Himalaya weisen die südamerikanischen Anden die höchste Dichte an 6.000ern auf diesem Planeten auf, einige davon „relativ leicht“ zu besteigen. Was läge da nicht näher als einen dieser Gipfel ins Auge zu fassen. Und wenn dann auch als Hochtour im ewigen Eis. Derartige Touren hatte ich schon mehrfach in den Alpen gemacht. Für Christian würde es eine völlig neue Erfahrung werden. Auf den Huayna Potosi nahe La Paz fiel unsere Wahl: ein Bergriese, ein Eisriese, 6.088 Meter Fels, Eis und Schnee! Mit Steigeisen und Eisaxt stiegen wir in der Seilschaft bei Eiseskälte von Minus 20 Grad, schneidendem Wind und dünner Luft über den Zongo Gletscher und an steilen Bergflanken hinauf auf den Gipfel. Das anstrengendste, was wir in unseren bislang anderthalb Monaten in Südamerika gemacht haben…

Der 6.088 Meter hohe Huayna Potosi kann in zwei oder drei Tagen bestiegen werden. Wir haben uns für die etwas schwierigere Variante, die Zweitagestour, die weniger Zeit zur Akklimatisation am Berg bietet und kein Training am Gletscher enthält, entschieden. Wir gingen davon aus, dass wir uns bei unseren bisherigen Touren genügend an die Höhe gewöhnt hatten, um nicht sofort abzuklappen. Die Basics der Gletscherbegehung mit Steigeisen in einer geführten Seilschaft würde ich am Nachmittag des ersten Tages mit Christian durchgehen, da er sich zuvor noch nie in einem solchen Gelände befunden hatte. Letztlich blieb uns zudem bei einer Besteigung in zwei statt drei Tagen noch ein Tag in La Paz vor dem Rückflug nach Lima, den wir nutzen wollten, um die berüchtigte Death Road, die gefährlichste Straße der Welt, mit dem Mountainbike von 4.700 Meter auf 1.200 Meter hinunter zu biken.

 

Tag 1 – Von La Paz zum High Camp auf 5.130 Metern

Unsere Tour beginnt um 8:30 Uhr im Office und Lager des Bergführerbüros mitten in der Innenstadt von La Paz. Wir sind zuvor mit dem Nachtbus aus Uyuni in der bolivianischen Hauptstadt angekommen. Ein Höllenritt von zehn Stunden. Normalerweise sind die Nachtbusse hier in Peru echt komfortabel, so dass selbst ich in den breiten Sitzen, die sich um 160 Grad neigen lassen, etwas Schlaf finde. Doch an unserem Bus befand sich im hinteren Teil – direkt da, wo wir saßen – hinter einer Plastikabdeckung ein loses Metallblech, welches im Stakkato eines Maschinengewehrfeuers und in derselben Lautstärke Stunde um Stunde neben unseren Köpfen an die Karosserie schlug. Uns interessierte zwar, wie man das abstellen kann, sonst natürlich aber keinen. So ist das halt hier in Südamerika. Die Nacht vor dem Trip war entsprechend richtig bescheiden.

Müde und dicht gedrängt stehen wir am Morgen mit einigen Bergführern und acht anderen Gipfelprobanden im nur wenige Quadratmeter großen Büro und Lager unseres Tourveranstalters: Anprobe der Ausrüstung. Es gibt feste, hochtourengeeignete Bergstiefel, warme Fleecejacken, winddichte Jacken und Hosen, zusätzliche Handschuhe, Mützen, Gamaschen und einiges weiteres an Equipment.

Wir verzichten auf den größten Teil der wärmenden Ausrüstung. Unsere eigene Outdoorkleidung – wir können jeder bis zu sechs Lagen an Merinowolle, Polartec und Goretex tragen – ist in ihrer Kombination wind- und wetterfest genug für die erwarteten Temperaturen von bis zu Minus 25 Grad. Wir benötigen lediglich die Bergstiefel, Gamaschen und Handschuhe sowie die Eis- und Kletterausrüstung, d.h. Klettergeschirr, Helm, Seil, Karabiner, Eisaxt und Steigeisen.

Während der Anprobe unterhalten wir uns mit den andern Hobbybergsteigern. Der Großteil von ihnen wird versuchen, den Gipfel in drei Tagen zu bezwingen. Zwei unter ihnen jedoch, Christoph und Tobias, versuchen den Anstieg wie wir in zwei Tagen. Wir verstehen uns auf Anhieb gut. Total interessant: die beiden radeln gerade mit ihren Trekkingbikes durch Südamerika und sind schon einige Monate unterwegs.

Nach der Anprobe geht es im Van raus aus La Paz. Kurz zuvor noch die Parkkralle am Vorderreifen von der Polizei entfernen lassen und unsere Rucksäcke und die Bergausrüstung auf dem Dach des Wagens verstaut. Dann fahren wir für etwa zwei Stunden in Richtung Cordillera Real – der bergigen Kette zwischen der bolivanischen Hochebene um La Paz zur einen Seite und dem Amazonasdschungel zur anderen.

Von 3.400 Metern geht es auf einer holprigen Piste mit dem Van an grasenden Alpacas vorbei hinauf auf 4.700 Meter zum Base Camp am Huayna Potosi. Auf dem Weg ein kurzer Stop im noch überwiegend grasbewachsenen Andenhochland: ein Panoramablick auf den Berg. Was für ein Riese, denke ich. Und Christian wird glaub ich erstmals bewusst, auf was er sich da eigentlich eingelassen hat. Der Huayna Potosi mit seinem Südgipfel auf knapp unter 6.000 Metern und seinem Nordgipfel auf 6.088 Metern ragt wie ein Koloss aus Fels und Eis aus der Hochebene hervor. Seine Flanken sind vergletschert, die Kuppen und Hänge vollkommen schneebedeckt, dunkler Fels darunter. Einer unserer Bergführer deutet auf die rechte Seite des Berges und hinauf zum Gipfel. Dort an der Süd- und Ostflanke – rechts im Bild – werden wir also hinaufsteigen. Wenn der Berg uns lässt…

Im Basecamp, einer Steinhütte an einer Flanke des Berges nahe einem Stausee am sogenannten Zongo-Pass, gibt es Lunch: ein Gemüseomelette mit Reis, dazu Limonade. Nach mittlerweile anderthalb Monaten in Südamerika können wir so langsam keinen Reis mehr sehen, aber das Essen sättigt und gibt uns sicher die Kraft für das, was uns bevorsteht.

Anschließend packen wir unsere Rucksäcke mit der zusätzlichen Ausrüstung. Mein Rucksack platzt mit all dem platzeinnehmenden Equipment – neben unseren eigenen Klamotten und dem Schlafsack tragen wir darin nun die komplette Eis- und Kletterausrüstung – fast aus den Nähten. Zudem wiegt er ordentlich. Ich bin froh, dass ich die Ausrüstung heute zunächst nur bis zum High Camp auf 5.130 Metern hochtrage. Das wird in der hier bereits spürbar dünnen Luft vor dem morgigen Tag Anstrengung genug sein.

Vom Basecamp machen wir uns in kleinerer Gruppe auf zum High Camp. Unsere Bergführer Felix und Victor, Christoph und Tobias sowie Christian und ich. Der Rest verbringt die Nacht zur weiteren Akklimatisation im tiefer gelegenen Basecamp und wird den Nachmittag an einer tiefgelegenen Gletscherzunge nutzen, um die grundlegenden Techniken im Hochtourengehen zu erlernen: der richtige Einsatz von Eisaxt und Steigeisen, das Gehen auf dem Gletscher in der Seilschaft, Verhalten im Sturz bzw. Rutschen im Hang usw. Die Basics dessen bin ich mit Christian kurz nach dem Lunch durchgegangen.

Der Aufstieg erfolgt durch Fels und ersten Schnee. Wir bewegen uns zunächst um den Berg herum, auf dessen Südflanke zu. Über eine Rinne im Fels steigen wir dann auf einen Grat hinauf. Unter uns die Geltscherzunge, an der unsere Mitstreiter der dreitägigen Tour ihr Eis- und Klettertraining absolvieren.

Die Aussicht ist trotz der dicht stehenden Wolken bereits phänomenal. Mein Blick zurück fällt auf schneebdeckte Hänge, felsige Kuppen und einige Bergseen. Deren Wasser sind von dem durch den Gletscher zermahlenen Gestein und Sediment türkis getrübt. Voraus blicke ich auf den Gletscher des Huayna Potosi. Ich vermag den Gipfel des Berges nicht zu erkennen. Der Hang vor uns ist zu steil und dichte Wolken ziehen auf.

Auch wenn wir alle dank monatelangem Trekking bzw. Radfahren in guter Kondition sind: die Höhe macht sich bemerkbar. Der Rucksack wiegt schwer und die Schritte in Fels und Schnee sind dort, wo es steiler im Hang hinauf geht, nur langsam gesetzt. Insbesondere im letzten Stück, einem steilen Felshang mit einigen Schneefeldern, atmen wir schwer.

Über einen felsigen Vorsprung an der Oberkante des steilen Hanges hinweg taucht nach zwei Stunden auf einer Anhöhe eine steinerne Berghütte auf: das High Camp oder auch Rock Camp genannt. Hier oben werden wir die Nacht oder vielmehr den Abend verbringen ehe wir gegen Mitternacht aufstehen und unseren Gipfelversuch unternehmen.

In der Hütte, die einen halbwegs warmen Schlaf- und Aufenthaltsraum für uns bereit hält -es hat drinnen knapp über 0 Grad – finden wir weitere Mitstreiter für den morgigen Tag: ein weiterer Deutscher namens Tobi, eine Amerikanerin, eine Südafrikanerin sowie ein Engländer. Sie alle haben die dreitägige Tour gebucht und gestern das Eis- und Klettertraining an der Gletscherzunge absolviert.

Wir tauschen unsere Erfahrungen aus. Tobi macht sich so einige Gedanken um den morgigen Tag. Er hatte bereits ordentlich mit der Höhe zu kämpfen. Tatsächlich haben die meisten unserer neugewonnenen Mitstreiter starke Kopfschmerzen, konnten in der Nacht kaum schlafen oder fühlten sich im Aufstieg vom Base Camp zum High Camp bereits völlig platt und ermattet.

Im Verlaufe des Nachmittags zieht es sich draußen völlig zu. Unser Refugio auf 5.130 Metern ist komplett von Wolken eingehüllt und es beginnt zu schneien. Wir vertreiben uns die Zeit derweil bei Keksen und Cocatee mit ein paar Kartenspielen und quatschen über das uns bevorstehende Abenteuer.

Nach dem Abendessen – es gab vorweg eine Nudelsuppe und anschließend Hühnchen mit Gemüse – kommt Felix, einer unserer Guides herein, und teilt uns in die Seilschaften für den nächsten Tag ein. Christoph und Tobias laufen mit Felix, Christian und ich werden die Besteigung mit Victor angehen. Die anderen werden den beiden weiteren Guides zugewiesen. Je zwei Leute laufen mit einem Bergführer in der Seilschaft.

Die Besteigung wird mitten in der Nacht starten. Unsere Wecker stellen wir auf Mitternacht. Nach einem knappen Frühstück werden wir die Bergausrüstung anlegen und dann gegen ein Uhr die Gipfelbegehung angehen. So wir den Gipfelversuch nicht wie so viele andere vor uns abbrechen müssen, werden wir etwa sechs Stunden unterwegs sein, um unser knapp 950 Höhenmeter höher gelegenes Ziel zu erreichen. Der frühe Aufbruch ist den Gletscherbrücken bei Hochtouren geschuldet: Brücken aus Eis und Schnee, die über die Gletscherspalten führen. Mit der Wärme der Sonneneinstrahlung werden sie im Verlaufe des Tages instabil. Wir müssen daher frühzeitig am Tag wieder vom Gipfel absteigen.

Um 18:30 Uhr ist Schlafenszeit. Unsere Rucksäcke sind gepackt, die Ausrüstung ist beiseite gelegt. Die Aufregung steigt.

Um 21:30 Uhr werde ich wach. Ein leichter Kopfschmerz hämmert in meinem Kopf und ich habe das Gefühl nicht genügend Luft zum Atmen zu bekommen. Ich entledige mich einiger Klamotten. Es hat wohl leichte Minustemperaturen in der Hütte, dennoch habe ich das Gefühl, dass ich zergehe vor Hitze im Schlafsack. Ich zwinge mich dazu ein paar Klamotten anzubehalten und hoffe darauf noch etwas Schlaf und genügend Luft zum Atmen zu finden. Mein Herz schlägt spürbar schnell. Ich wälze mich hin und her in meinem Schlafsack. Erst eine Dreiviertelstunde später falle ich wieder in einen unruhigen, wenig erholsamen Schlaf.

 

Tag 2 – Im Dunkel der Nacht kämpfen wir uns über den Zongo Gletscher zum Sonnenaufgang auf den Gipfel hinauf

Mitternacht. Mein Wecker klingelt. Ich quäle mich förmlich aus dem Schlafsack heraus. Die Kopfschmerzen sind verschwunden, aber ich fühle mich unendlich müde. Die zwei beinahe schlaflosen und wenig erholsamen Nächte im Nachtbus von Uyuni nach La Paz und hier im High Camp auf 5.130 Metern am Huayna Potosi fordern ihren Tribut. Dennoch: ich weiß, die Besteigung heute wird trotz aller körperlicher Strapazen vor allem eine Kopfsache. Es ist nie nur die körperliche Herausforderung. Es ist immer vor allem auch eine mentale. Ich habe genug Momente auf meinen Reisen, in meinem Leben erlebt, in denen sich alles im Kopf entschied. Dieses Wissen macht mir Mut und gibt mir die Zuversicht, die ich brauche, gegen die Müdigkeit anzukämpfen und die Gipfelbesteigung anzugehen.

Christian hat gut geschlafen. Viele andere hingegen nicht. Tobias hat gar nicht geschlafen in der Nacht. Andere haben einen hämmernden Kopfschmerz in ihrem Kopf. Die Hälfte von uns sitzt daher auch ziemlich appetitlos am Frühstückstisch. Ich selbst quäle mir zwei Brötchen mit Marmelade rein, trinke daneben noch zwei Becher Cocatee. Aus dem Vorraum der Hütte dringt Pop- und Technomusik. Die Guides stimmen sich offensichtlich ein 😉

Anschließend legen wir die Bergausrüstung an: Bergstiefel, Klettergurt usw. Die warmen Klamotten haben wir schon vor dem Frühstück angezogen. Ich selbst trage sechs Lagen: ein Merinokurzarmshirt, ein Merinolongsleeve, ein Polartechoodie, zwei Polartecjacken und eine Hardshelljacke.

Tobi wundert sich, dass Christian und ich vermeintlich so wenig anhaben und beinahe „windschnittig“ aussehen. Ich schätze es liegt eher daran, dass wir mit unseren eigenen Klamotten passende Kleidung haben. Die vom Veranstalter zur Verfügung gestellten Klamotten dürften alle in der Größe XXL sein. Damit würden wir vermutlich auch wie zwei Michelin-Männchen wirken 😉

Um eins starten die ersten beiden Gruppen, wenig später auch Felix mit Christoph und Tobias. Christian und ich starten mit Victor eine weitere Viertelstunde später.

Es ist bitterkalt draußen. Doch unsere Klamotten halten warm. Im hellen Schein unserer Stirnlampen geht es durch die Finsternis zu einer Senke hinter der Hütte. Hier legen wir die Steigeisen an und nehmen die Eisaxt vom Rucksack. Über uns leuchten die Sterne. Offensichtlich ist es aufgeklart in der Nacht.

Die Steigeisen am Schuh, die Eisaxt in der Hand. Damit kann es losgehen! Unser Ziel: der Gipfel auf wahnsinnigen 6.088 Metern. So lange Gesundheit und das Wetter mitspielen – das würde sich unterwegs entscheiden – würden Christian und ich uns raufkämpfen. Auch er weiß, wenn das Wetter mitspielt und die Höhenkrankheit nicht durchschlägt, ist es vor allem eine Kopfsache. Müdigkeit, Schmerz, Kälte, Anstrengung – all das lässt sich in Maßen ausblenden oder überwinden. Wir hoffen, dass wir im Kopf stark genug sind und der Berg uns herauf lässt.

Wir laufen zunächst am kurzen Seil, überwinden eine steile, eingeschneite und vielleicht um die 100 Meter hohe Felsstufe. Sie führt uns uns zum zunächst sanft geneigten, eingeschneiten Lower Glacier des Zongo Gletschers, an dem wir weiter aufsteigen werden. Eine erste Pause, bei der wir die Seilschaft um Felix, Christoph und Tobias überholen. Christoph hat offenbar Probleme mit seinen Steigeisen. Dann steigen wir am langen Seil weiter über den Gletscher auf.

Wir passieren Eistürme und dutzende Meter tiefe Gletscherspalten, doch bekommen wir sie nicht zu sehen. Erst im späteren Abstieg sollen wir erkennen durch welch fantastische und spektakuläre Szenerie wir aufgestiegen sind.

Über uns im Hang erkennen wir die anderen Seilschaften am Lichte ihrer Stirnlampen. Neben unseren vier Seilschaften sind noch weitere eines anderen Veranstalters am Berg. Sie sind teils deutlich voraus. Sie sind bestimmt eine Stunde früher gestartet als wir.

Wir gehen langsam, pausieren alle hundert Höhenmeter. Unzählige Schneekristalle funkeln im Lichte unserer Stirnlampen wie tausende Diamanten. Die Schritte bergauf sind anstrengend, mein Herz schlägt schnell, doch fühle ich mich insgesamt noch gut. Die Kälte, die ich aufgrund der vielen Klamotten nur im Gesicht spüre, hat meine Müdigkeit vertrieben. Christians Atem geht derweil schwer. In den kurzen Pausen, die wir einlegen, berichtet er von der Anstrengung.

Nach zwei Stunden kommt uns auf 5.400 Metern einer der Guides mit dem Engländer aus unserer Truppe entgegen. Er ist ziemlich gezeichnet, kann nicht weitergehen und muss absteigen. Die Südafrikanerin aus seiner Seilschaft hat sich der Seilschaft um Tobi angeschlossen. Wir holen sie kurze Zeit später vor der „pala chica“, einer steilen Schlüsselstelle im Aufstieg ein. Tobi ist völlig fertig. Doch er will sich weiter durchbeißen. Derweil zieht es sich etwas zu. Leichter Schneefall setzt ein während wir mit weiter gewinnender Höhe hinter uns langsam die Lichter von La Paz erkennen.

Als erste unserer Seilschaften gehen wir die „pala-chica“ an. Jene Steilstufe und Schlüsselstelle, die an einem Bergschrund um teils 75 Grad und in teils blankem Eis hinaufführt. Ich hämmere die Frontalzacken meiner Steigeisen in das Eis. Im Licht meiner Stirnlampe erkenne ich wie wir eine Gletscherspalte überschreiten. Oben angekommen geraten wir auf die Ostflanke des Berges und auf den Upper Glacier, der nun wieder sanfter geneigt ist.

Christian und ich holen tief Luft. Unser beider Atem ist schwerfällig. Auch ich bekomme die Höhe und Anstrengung nun deutlich zu spüren. Jeder Schritt verkommt zu einer Kraftanstrengung.

Es ist 4:15 Uhr. Wir sind laut Victor irgendwo über 5.700 Metern. Etwas über die Hälfte des Anstiegs haben wir damit geschafft. Ich vermag kaum zu glauben, dass es „nur“ etwas über die Hälfte sein soll. Ich frage mich wie ich mir das hier nun antun kann. Erste Gedanken ans Aufgeben schwirren durch meinen Kopf. Doch ich weiß, dass das Gipfelgefühl aller Mühe wert sein wird. Ich erinnere mich daran, dass all jene Dinge, die wichtig und bedeutsam sind im Leben, meist solche sind, die sich nicht einfach erreichen lassen. Damit wische ich die Gedanken beiseite. Ich konzentriere mich wieder auf den Gipfel. Noch etwa zwei Stunden. Weiter geht es…

Über eine Gletscherbrücke queren wir eine breite Spalte, die so tief hinabreicht, dass ich ihren Boden selbst mit meiner Stirnlampe, die über hundert Meter reicht, nicht auszuleuchten vermag. Der leichte Schneefall setzt derweil wieder aus. Dafür zieht ein eiskalter Wind über den Gletscher. Christians Stirnlampe fällt aus. Er bittet mich, ihm dem Weg zu leuchten, da er in der Mitte der Seilschaft geht. Ich versuche es, doch der schneidende Wind ist zu kalt. Es hat bereits ohne Wind an die Minus 20 Grad. Mein gesamtes Gesicht ist vereist. Eiszapfen hängen in meinem Bart. Ich muss das Gesicht senken. Selbst meine zwei Liter Wasser, die ich für den Aufstieg mitgenommen habe, sind eingefroren. In der nächsten Pause erhält Christian von Victor die Stirnlampe.

Langsam dämmert der Morgen und es lassen sich erste Konturen der Ostflanke erkennen. Und ebenso der steile Schlussanstieg auf den Gipfel, der in Serpentinen erfolgt. Ich blicke hinauf auf die vielen Lichtpunkte der vor uns laufenden Seilschaften. Ich kann nicht glauben, wie steil es noch hinauf geht. Und Christian erzählt mir später, er dachte selbiges.

Über 150 Meter hoch ist die letzte Steilwand. Im Mittel ist sie um 45 Grad geneigt. In Serpentinen steigen wir weiter hinauf, überwinden dabei auch eine schwierige Felsstufe. Jeder Schritt, der hier fehlt geht, kann zum Abrutschen führen. Je höher wir gelangen desto atemberaubender der Blick in die Tiefe und auf die Seilschaften unter uns.

Die Gipfelhöhe und der Grat zwischen Nord- und Südgipfel wird sichtbar. Dann der Sonnenaufgang. Wie ein rötlich-flammender Ball geht die Sonne im Osten auf. Unglaublich. Mit Worten nicht zu beschreiben. Und in just diesem Moment erreichen wir den Gipfel.

Er ist das pure Glück, auch wenn es bitterkalt ist und der beißend-heftige Wind dafür sorgt, dass wir am Gipfel kaum stehen können und die meiste Zeit sitzen. Schnell ziehen die Wolken hier oben an uns vorüber, der Schnee rieselt. Immer wieder reißt der heftige Wind die Wolken in Fetzen und auseinander, gibt so den Blick in die Ferne im magischen Licht des Sonnenaufgangs frei. Atemberaubend schön.

6.088 Meter! Wir haben es geschafft. Und wir können es kaum glauben. Victor schießt unzählige Fotos für uns.

Der Blick in die Ferne ist atemberaubend. Zur einen Seite die gesamte Cordillera Real, eine absolut spektakuläre Gebirgslandschaft. Zur anderen die bolivianische Tiefebene mit dem Amazonasdschungel. In wieder anderer Richtung der Grat zwischen Nord- und Südgipfel und die Metropole La Paz. Selbst bis zum Titicasee reicht die Sicht zuweilen, wenn der Wind die Wolken auseinanderreißt.

Nach einer Viertelstunde steigen wir ab. Es ist steil. Unglaublich steil. In der Wand treffen wir auf unsere Mitstreiter aus den anderen Seilschaften. Bis auf der Engländer, der absteigen musste, schaffen es alle. Unglaublich. Wir gratulieren als wir sie passieren! Was für eine Leistung!

Im zweistündigen Abstieg bekommen wir all jene Landschaften zu sehen, die uns im Aufstieg in der Finsternis verborgen geblieben waren. Mir selbst fehlen auch hier die Worte. Einfach nur spektakulär.

Einzig getrübt wird der Abstieg durch unsere beinahe grenzenlose Erschöpfung und in meinem Fall durch unsagbare Kopfschmerzen. 200 Meter unterhalb des Gipfels haben sie mich auf dem Upper Glacier ereilt. Ich nenne sie die „Kopfschmerzen des Todes“. Noch nie hatte ich einen solch hämmernden Schmerz in meinem Kopf.

7 Stunden nach Aufbruch sind wir beinahe zurück im High Camp und völlig entkräftet. Meine Kopfschmerzen verschlimmern sich noch weiter. Als hätte ich einen Schlagbohrer in meinem Kopf. Ich denke an einen frühzeitigen Abstieg zum Base Camp. Es liegt immerhin noch weitere 400 Höhenmeter tiefer.

Endlich erreichen wir das High Camp. Kraftlos fallen wir auf unsere Schlaflager. Unsere Mitstreiter kommen eine halbe Stunde bis Stunde später nach und nach auch im High Camp an. Ein jeder von ihnen gezeichnet von den Strapazen, doch auch überglücklich ob des Gipfelerfolgs. Und ein jeder von ihnen sinkt wie wir zuvor im Zustand totaler Erschöpfung auf seinem Schlaflager zusammen. Alle sind k.o.

Ich packe meine Sachen. Mit dem Kopfschmerz muss ich unbedingt absteigen. Ich esse etwas Suppe und trinke etwas Cocatee zur Stärkung. Dann gehen Christian und ich mit Victor als erste hinunter. Ich hoffe mit jedem Meter, den wir absteigen, auf ein Nachlassen des Schmerzes. Doch vergeblich…

Nach einer Stunde erreichen wir das Base Camp auf „nur noch“ 4.700 Metern. Ich bin am Ende. Der Schmerz hämmert ununterbrochen in meinem Kopf. Von der zweistündigen Rückfahrt ins auf 3.400 Meter gelegene La Paz bekomme ich kaum etwas mit. Wie im Fieber lasse ich die Fahrt über mich ergehen.

Zurück in La Paz verabschieden wir uns von allen und machen uns auf in unser Hostel. Eine warme Dusche. Schmerzmittel. Nur langsam lässt er nach, der Schmerz. Trotzdessen: ich habe ein Lächeln im Gesicht. Und Christian, der gleich mir vollkommen erschöpft ist, ebenso. Er hatte beinahe Tränen in den Augen auf dem Gipfel vor Glück. Ein 6.000er! Wahnsinn! Wir haben es geschafft! Glücklich fallen wir am Abend ins Bett und bekommen endlich etwas Schlaf. Morgen um 8 Uhr geht es weiter: Mountainbiken auf der Death Road…

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