7
Jul
2018
5

Besteigung des Vulcano Misti – In zwei Tagen auf 5.824 Meter

Der Schichtvulkan Misti, einer der drei hohen Vulkane, die sich in jener Hochebene, in der die peruanische Stadt Arequipa auf 2.335 Metern liegt, erheben. Mit 5.824 Metern Höhe ist der Misti ein wahrer Riese und von den drei Vulkanen um Arequipa – neben dem Misti gibt es noch den Pichhu Picchu und den Chachani – derjenige, der mit seiner nahezu perfekten Kegelform der typischen Vorstellung eines Vulkans doch am nächsten kommt. Der Misti gilt als einer der schönsten Vulkane Südamerikas und beherrscht als Wahrzeichen Arequipas dessen Stadtbild. In zwei anstrengendem Tagen habe ich den Misti, der einer von sieben aktiven Vulkanen in Peru ist, bestiegen und von dessen Gipfel in seinen Krater hinabgeblickt…

Die Tour auf den Misti hatten wir am Vortag gebucht. Für die Besteigung eines solchen Riesen sind wir nicht schließlich zwangsläufig ausgerüstet. Zudem wäre die An- und Abfahrt zum Vulkan vermutlich in der Kürze der Zeit wenig einfach zu organisieren gewesen. Daher haben wir für uns für eine geführte Tour entschieden, die mit 230 Soles bzw. ungefähr 60 € pro Person recht günstig, sogar deutlich günstiger als erwartet, ausfiel. Wir hatten nach der Recherche im Internet mit etwa dem Doppelten gerechnet und waren auch bereit dieses auszugeben.

Unser Tourorganisator stellte den Transport im Jeep von Arequipa bis zum Beginn des Hikes auf 3.415 Metern Höhe am ersten Tag zur Verfügung sowie die benötigte Berg- und Campingausrüstung, einen Guide und die Verpflegung, d.h. einmal Abendessen und einmal Frühstück. Wir brauchten uns lediglich um jeweils 5 Liter Wasser zu kümmern und unsere Bergstiefel, wärmende Klamotten, unseren Rucksack sowie unsere Trekkingstöcke mitbringen. Kein Problem für uns.

Für die Tour auf den Misti hatten wir uns übrigens anstatt des ebenfalls beliebten Chachani entschieden. Beim Misti würden wir in zwei Tagen knapp über 2.400 Meter aufsteigen und wieder absteigen, beim Chachani wären es hingegen „nur“ 1.100 Meter im Auf- und Abstieg gewesen. Für uns klang der Misti daher einfach nach der etwas größeren Herausforderung, auch wenn der Chachani mit knapp über 6.000 Metern Höhe rund 200 Meter höher als der Misti aufragt.

Technisch sind Misti wie Chachani wenig anspruchsvoll im Bezug aufs Bergsteigen. Ein paar Passagen im Fels und viel Aufstieg auf losem Untergrund, also auf Asche, losem Vulkangestein, Sand und Geröll. Das dürften neben der enormen Höhe die einzigen Schwierigkeiten sein, mit denen wir es zu tun bekommen. Vielleicht beim Misti noch ein paar Schneefelder unterhalb des Kraterrands. Auf Steigeisen und Eisaxt konnten wir verzichten. Der Misti war derzeit weitestgehend eis- und schneefrei.

 

Tag 1 – Abfahrt zum Berg und Aufstieg von 3.415 Metern ins Basislager auf 4.500 Metern Höhe

Aufstehen um 6:45 Uhr. Erst um 8 Uhr sollte uns der Fahrer des Jeeps an unserem Hotel am San Antonio Plaza in Arequipa abholen. Wir hatten hier für 70 Soles bzw. knapp 18 € ein geräumiges Doppelzimmer mit Bad bezogen. Sogar ein gutes Frühstück war bei dem Preis inklusive. Perfekte Unterkunft also und etwas Komfort nach dem zuletzt anstrengenden Ausangate Circuit.

Was alles andere als perfekt an diesem Morgen war: Christians Gesundheitszustand. Es hatte sich am gestrigen Abend schon angedeutet. Eine dicke Erkältung, die er sich vermutlich in den eiskalten Nächten auf dem Ausangate Circuit eingefangen hatte und ein Riesenproblem. Christian war nur noch am Niesen, Schniefen und Husten. Keine Chance, dass er den Vulkan besteigen würde. In diese Höhe hinaufzusteigen mit einer dicken Erkältung wäre mehr als fahrlässig und so trat ich die Besteigung ohne ihn an.

Meine Bergstiefel waren geschnürt und mein Rucksack gepackt als mich gegen kurz nach 8 Uhr David, der nur spanisch sprechende Fahrer des Jeeps, mit dem ich mich notdürftig auf Spanglish verständigte, am Hotel abholte. 5 Liter Wasser, mein Kameraequipment, vier Lagen an Klamotten und ein paar Schokoriegel. Mehr brauchte ich nicht mit hinaufnehmen auf den Misti. Die weiterhin benötigte Outdoorausrüstung und Verpflegung wurde ja schließlich gestellt. Zelt, Schlafsack und Isomatte hätte ich ansich zum Basislager hinauftragen müssen, befand sich aber wegen einer vorangegangenen Tour bereits dort. Das sollte den Aufstieg etwas vereinfachen.

Bereits die Fahrt über konnte ich den Misti durch die langgezogenen Straßen Arequipas erkennen. Erhaben thronte der Vulkanriese mit seiner perfekten Kegelform über der Stadt, überragte diese um wahnsinnige 3.500 Meter. Ein leichter Dunstschleier lag in der Luft.

Zunächst sammelten wir Matt auf, einen Waliser, der die Tour ebenfalls gebucht hatte. Für gewöhnlich werden die Touren immer mit drei Leuten je Guide unternommen. Da Christian krank war, dieses mal dann leider nur zu zweit.

Matt, der zwar aus Wales stammt, aber die letzten Jahre in Neuseeland und Australien lebte, ist für knapp 9 Monate in Südamerika. Wir verstanden uns gut. Mit Neuseeland hatten wir ja auch direkt das Gesprächsthema 😉

Weiterer kurzer Zwischenstop bevor wir zum Start des Treks auf den Misti fuhren: eine der Agenturen unseres Tourorganisators. Hier stellte sich unser Guide Juan vor und wir bekamen das wenige für die Besteigung des Vulkans noch benötigte Material, welches sich nicht bereits am Berg befand: etwas Kochgeschirr, ein paar Schuhe und Klamotten für Matt, Stirnlampen usw.

Es war bei der Buchung zwar anders versprochen, aber auch Juan sprach leider nur Spanisch. Naja, egal. Ich würde mich mit meinen geringen Spanischkenntnissen nebst Händen und Füßen schon irgendwie mit ihm zu verständigen wissen.

Mit ziemlicher Vorfreude saßen Matt und ich kurze Zeit später mit unserem Guide Juan wieder bei David im Jeep. Wir fuhren nun recht straight, mit nur einem kleineren weiteren Zwischenstop an einem Markt zum letzten Snackeinkauf, auf den Misti zu. Es ging aus Arequipa heraus und dann durch die Wüste, die Arequipa umgibt, auf staubigen Straßen und an brennenden Müllbergen vorbei immer leicht bergan auf den Misti zu.

Die letzte halbe Stunde, bis zur Höhe von 3.415 Metern, ging es nur noch auf einer wilden und staubigen Piste vorwärts. Abenteuerlich. Ohne Allradantrieb wär hier mal gar nichts gelaufen und selten bin ich so durchgeschüttelt worden. Man musste schon ziemlich darauf achten, dass der eigene Kopf nicht mehrfach gegen die Scheibe des Jeeps hämmert.

Als wir mitten im Nirgendwo parkten, blickte ich zunächst den Misti hinauf. Ein Mordsteil, dachte ich. Welch ein Koloss. Das dürfte ein anstrengender Aufstieg werden, selbst wenn sich Zelt, Schlafsack und Isomatte bereits im Basislager auf 4.500 Metern befinden.

Gegen 10:30 Uhr starteten wir. Juan suchte direkt mich zu bremsen. Offensichtlich ging ich ihm die Sache zu schnell an. Ich vermute, er wollte langsam den Berg hinauf, um uns erstmal zu testen und uns natürlich allmählich an die Höhe zu gewöhnen.

Nun nach Tag 1 und den ersten etwa 1.100 Höhenmeter des Anstiegs, die wir in etwa vier statt sechs Stunden bewältigten, muss ich sagen, von meiner Seite wär durchaus noch mehr drin gewesen. Ich fühle mich hier auf 4.500 Metern echt noch richtig fit und habe aufgrund der Akklimatisation durch den Ausangate Circuit nicht mit irgendwelchen Symptomen der Höhenkrankheit zu kämpfen. Matt fühlt sich ebenso wohl. Morgen, wenn es in deutlich höhere Lagen geht, sieht das aber bestimmt anders aus. Insofern ist das Haushalten mit den Kräften sicher sinnvoll.

Nachdem wir unsere Rucksäcke geschultert hatten, ging der Anstieg der markanten Kegelform des Schichtvulkans entsprechend zunächst weniger steil vonstatten. Je weiter wir gelangten desto steiler wurde unser Weg jedoch. Immer wieder schweifte mein Blick dabei zum Gipfel und Rand des Vulkankraters hinauf.

Den Blick gen die Flanke des Berges gerichtet, überlegte ich, wo sich wohl das Basislager befände und fragte Juan danach. Irgendwie bekamen wir uns dabei auch trotz meiner mangelnden Spanischkenntnisse zumindest insoweit verständigt, dass mir klar war, wir würden über einen felsigen Grat aufsteigen, dann ein großes Feld grauschwarzen Vulkansandes queren und unser Basecamp schließlich auf einem felsigen Plateau, zu dem ein anderer Grat führte, vorfinden.

Bevor wir auf den Grat gelangten, den Juan mir gezeigt hatte, querten und stiegen wir durch eine Rinne im Berg auf. Anfangs dominierte hier im Aufstieg die fürs Wüstenklima so typische, karge Vegetation die Szenerie: knorrige, teils dornenbewehrte, etwa schulterhohe Sträucher und Büsche, an denen sich zuweilen gelbe, orange oder auch blaue Blüten als Farbtupfer befanden. Daneben jede Menge vertrockneter Gräser, vereinzelt auch höhere Büschel von gelbem Tussockgras und zwischen alledem vor allem Staub, Sand und Geröll. Bei jedem Schritt hier auf dem Misti produzierte ich eine kleine Staub- und Aschewolke.

Später, nachdem wir aus der Rinne auf den zunächst wenig, im höheren Gelände jedoch ausgeprägteren Grat des Vulkans gewechselt hatten, wurde die Vegetation noch karger. Das weiter unten dicht stehende knorrige Busch- und Strauchwerk war nur noch vereinzelt zu sehen und wenn doch, dann war es allenfalls kniehoch. Wir stiegen nun beinahe ausschließlich in Sand und Geröll oder an den Felsen des hinaufführenden Grates auf.

So der Aufstieg in Sand und Geröll erfolgte, passierte zuweilen das, was ich erwartet hatte: ich setzte einen Schritt vor, rutschte jedoch einen halben zurück. Nunja, so lange es nicht umgekehrt wäre, käme ich ja immer noch bergauf 😉

Im Takt einer Dreiviertelstunde legten wir immer wieder kurze Pausen ein. Juan meinte immer nur auf Englisch „Break“, gefolgt von einem spanischen „Como estas?“, womit er sich nach unserem Wohlbefinden aufgrund der Höhe erkundigte. „Bien“ antwortete ich. Mir ging es stets gut am ersten Tag unseres Aufstiegs. Ich fühlte mich kräftig genug für den Misti.

Nach etwas über vier Stunden erreichten wir gegen 14:30 Uhr das Basecamp. Zwei Zelte standen hier oben – drumherum mit lose aufgeschichten Steinmauern notdürftig gegen den Wind geschützt, der normalerweise in eiskalten Böen über das kleine, jedoch exponiert liegende Plateau an der Flanke des Vulkans bläst. Wir hatten Glück. Kaum ein Luftzug war zu spüren und durch die Sonne war es trotz der Höhe von 4.500 Metern angenehm warm. Es war im Anstieg zwar mit der Höhe zunehmend etwas kühler geworden, dennoch genügten hier oben in der Sonne noch T-Shirt und kurze Hose. Mehr bedurfte es bis zum Abend nicht.

Der Ausblick hinunter auf das über 2.000 Meter tiefer liegende Arequipa und insbesondere hinüber zum Vulkan Picchu Picchu, einem der weiteren der Vulkane um Arequipa, war schon atemberaubend. Wie würde der Blick in die Tiefe wohl vom noch weitere 1.300 Meter höheren Gipfel ausfallen, von dem morgen zudem auch der weitere der drei Vulkane um Arequipa, der Chachani, zu sehen sein dürfte?

Bis zum frühen Abendessen gegen 17 Uhr genoss ich den Nachmittag auf einem Felsvorsprung sitzend die Aussicht hinunter nach Arequipa. Ein Zelt hatten Matt und ich ja nicht aufzubauen, ebensowenig eine Isomatte aufzublasen oder sonst wie das Lager zu organisieren. Selbst mit Kochen brauchten wir uns nicht zu beschäftigen. Das war als Teil der geführten Tour Juan’s Part. Wir beide sollten ihm lediglich jeweils zum Kochen eine 2,5-Literflasche Wasser in die Hand drücken und er würde sich dann ums Abendessen und Frühstück am nächsten Morgen bzw. in der Nacht vorm Aufstieg kümmern.

Zum Abendessen gab es zunächst eine ordentliche Portion einer sehr schmackhaften Gemüsesuppe. Während wir aßen wuselten unzählige Mäuse zwischen uns und vor allem um Matts Rucksack herum, in dem sich einige Nüsse und Kekse befanden. Irgendwie hat er es dann auch wohl verpeilt, alle Kekse aus dem Rucksack mit ins Zelt zu nehmen. Am nächsten Morgen hatten die Mäuse doch ein beachtliches Loch in seinen Rucksack gefressen.

An sich kaum verwunderlich, dass es hier oben im Basislager so viele Mäuse gab. Vermutlich leben sie hier oben mit all den Essensresten, die jede Gruppe hinterlässt, im ziemlichen Nahrungaüberfluss.

Als „secundo plato“ tischte uns Juan dann Spaghetti in Tomatensauce, mit Lorbeerblättern gekocht, auf. Abermals eine Riesenportion. Währenddessen legte sich noch vor dem Sonnenuntergang, zu dem wir noch einen Tee von Juan gereicht bekamen, ein leichter Dunst- und Nebelschleier über Arequipa und jene Hochebene, in der die Stadt liegt.

Merklich wurde es nun kälter. Die Sonne ging unter. Mit ihren letzten Strahlen tauchte sie die Landschaft allerdings noch mal in ein schönes, warmes orangefarbenes Licht.

Auch wenn Juan uns mitteilte, dass wir frühzeitig in der Nacht aufstehen sollten, da wir noch vor 1:30 Uhr in der Nacht den Aufstieg beginnen würden, verbrachte ich den gesamten Sonnuntergang und auch den Einbruch der Nacht noch draußen. Ich wollte beides genießen.

Die unter uns liegende, 850.000 Einwohner zählende Stadt Arequipa wurde nach und nach in Dunkelheit getaucht und mein Blick fiel hinunter auf unzählige funkelnde Lichter, die mit dem Einbruch der Nacht begannen zu strahlen. Ich machte noch schnell ein Bild von den funkelnden Lichtern Arequipas. Dann befand ich mich um 19 Uhr jedoch auch im Schlafsack.

 

Tag 2 – In nächtlicher Finsternis hinauf auf den Gipfel des Vulkans

Sagt man eigentlich „Guten Morgen“ oder „Gute Nacht, wenn um 0:45 Uhr der Wecker klingelt und man aufsteht? Vorsichtshalber hab ich Matt und Juan einfach beides gewünscht, einmal auf Englisch und einmal auf Spanisch 😉

Nach dem Aufstehen – ich musste mich da echt zu motivieren, vor allem aufgrund der Kälte außerhalb des Schlafsacks – gab es noch ein knappes Frühstück: etwas Cocatee sowie zwei von diesen typisch pappigen peruanischen Brötchen mit einer Karamellcremé als Aufstrich. Lecker ist anders, aber es war mehr als ich erwartet hatte.

Es war um diese Zeit und in dieser Höhe bei Weitem nicht so kalt wie auf dem Ausangate Circuit – immerhin war der Inhalt meiner Wasserblase und -flasche im Rucksack nicht gefroren. Dennoch: mehr wie um die Null Grad dürfte es nicht gehabt haben und ein paar frische Windböen sorgten doch dafür, dass es mich zuweilen trotz meiner vier Lagen Klamotten – davon drei Lagen Polartec über einer Lage Merino – etwas fröstelte.

Es war stockdunkel und die Stirnlampe, die ich als Teil der Ausrüstung des Veranstalters bekommen hatte, ziemlicher Murks. Meine eigene Stirnlampe hat da sicher die zehnfache Leuchtkraft. Klar, die Lampe war ausreichend. Ich hätte mir nur gewünscht, in der Dunkelheit neben den immer noch funkelnden, unzähligen Lichtern von Arequipa unter uns, etwas mehr sehen zu können. Nicht dass ich das gebraucht hätte, um mich sicherer zu fühlen. Vielmehr finde ich es einfach spannender, etwas mehr von der Umgebung sehen zu können, zumal, wenn die Umgebung aus einer sehenswerten Vulkanlandschaft besteht 😉

Sechs bis sieben Stunden sollte der Aufstieg dauern, den wir weitestgehend auf einem felsigen Grat bewältigen, der hinter dem Basislager bis zum Kraterrand hinaufläuft. Um 1:20 Uhr brachen wir auf. In engen Serpentinen, zuweilen auf Vulkansand, dann wieder auf Felsbrocken hinaufsteigend, ging es steiler und steiler hinauf.

Ich trug nur noch meine Wasserblase mit 1,5 Litern Wasser, ein paar Schokoriegeln und meiner Kameraausrüstung in meinem Rucksack. Alles weitere blieb im Basislager. Der Anstieg auf 5.824 Metern würde mit diesen vielleicht fünf Kilogramm auf dem Rücken herausfordernd genug werden. Matt hatte sich für den Aufstieg extra einen deutlich kleineren Rucksack mitgenommen sowie gepackt und so noch etwas an Gewicht eingespart.

Das leuchtende Arequipa hinter und unter uns, das Gesicht zum Anstieg gewandt, stiegen wir im blassen Lichte der Stirnlampe auf. Juan vorran, ich dahinter, Matt meist mit etwas Abstand. Je höher wir gelangten, desto mehr merkte Matt die dünner werdende Luft und desto mehr musste er sich anstrengen und gegen den Sauerstoffmangel ankämpfen. Mir selbst ging es derweil gut. Ich hielt stets Schritt mit Juan, hätte auch schneller gekonnt. Einzig Müdigkeit und Kälte machten mir etwas zu schaffen. In den Pausen, die wir wie gestern im Takte einer Dreiviertelstunde einlegten und in denen Matt wieder aufschloss, sah ich die Müdigkeit mich zumindest einmal fast übermannen und spürte in den späteren Pausen doch sehr wie die Kälte in meine Glieder kroch. Denn je höher wir aufstiegen desto kälter wurde es.

Nach gut zwei Stunden des Anstiegs war das Wasser im Trinkschlauch meiner Wasserblase gefroren. Nun gut, irgendwie trank ich sowieso meist immer wenig. Ich sollte erst später am Tage wieder was trinken können, nachdem die Sonne mit ihren wärmenden Strahlen das Eis im Trinkschlauch meiner Wasserblase wieder geschmolzen hatte.

Irgendwann stieg die leuchtende Sichel des Mondes über dem Vulkankegel auf und erhellte etwas unsere Umgebung. War bis dahin in der Finsternis kaum etwas davon zu sehen, wie weit es noch bis noch bis zum Kraterrand sein würde, hob sich die Silhouette des Vulkanes nun dunkel vorm nachtblauen Himmel ab und erlaubte uns einzuschätzen wie weit wir noch aufzusteigen hätten. Vereinzelte Schneefelder leuchteten an der Flanke des Vulkans im Lichte des Halbmondes silbrig auf.

Ab und an geriet der Kraterrand außer Blick. Wir hatten einige hohe und steile Felsstufen zu überwinden, die steiler an der Bergseite aufragten, als der Gipfel es selbst war. Vielleicht vier oder fünf dieser Stufen mit einer Höhe um die geschätzt 20 bis 40 Meter hatten wir zu überwinden, indem wie steiler am Fels aufstiegen. Uns oftmals mit den Händen am Fels sichernd.

Je höher wir gelangten desto öfter trieb es den Geruch von fauligen Eiern in meine Nase. Schwefelgase, die aus den Spalten des Vulkans strömten. Zwar gilt der Misti im Gegensatz zu einigen anderen nicht weit entfernten aktiven Vulkanen, aus denen pausenlos Rauch aufsteigt, als wenig aktiv bzw. schlafend, dennoch drängen aus den Spalten des Berges unentwegt heiße Schwefelgase nach oben.

Stunde um Stunde stiegen wir auf. Unsere Pausen machten wir mittlerweile im Abstand von 250 Höhenmetern. Die 5.000er-Marke hatten wir längst hinter uns gelassen. 5.250 Meter. 5.500 Meter. Nur noch 100 Meter bis zum Kraterrand. Und auch für mich wurde der Anstieg langsam richtig kräftezehrend und mein Rucksack mit dem wenigen Inhalt lastete nach und nach schwerer und schwerer. Ich hielt zwar weiterhin gut Schritt mit Juan, der immerhin alle paar Tage einen der Vulkane um Arequipa besteigt, doch wurde mein Atem schwerer und schwerer und jeder Atemzug verkam mehr und mehr zu einem angestrengten Keuchen.

Es fror mich noch immer während der Pausen. Ich fieberte regelrecht dem Sonnenaufgang, der sich langsam am Horizont ankündigte entgegen. Und pünktlich als Juan und ich gegen 6.30 Uhr den Kraterrand überschritten, erhellten die ersten Strahlen der Sonne doch tatsächlich das noch etwas über 200 Meter höher gelegenene Gipfelkreuz am höchsten Punkt des Kraterrandes.

Der Misti selbst hat hier oben übrigens zwei Krater. Einen großen Krater von 935 Metern Durchmesser, in den ich später vom Gipfel hinabblickte, und einen kleineren von 530 Metern im Durchmesser. Der kleinere Krater, in dem ich mich befand, hat auf seinem Grund eine erkaltete Lavafläche von 100 Metern Durchmesser.

Ich schoss einige Fotos vom Krater ehe Matt auch nach weiteren knapp 10 Minuten ankam. Er hatte doch deutlich mehr mit der Höhe zu kämpfen.

Juan fragte uns, ob wir noch zum Gipfel hinauf wollen. Was für eine Frage! All die Kraftanstrengung ohne nachher auf dem Gipfel zu stehen. Das kam für uns natürlich nicht in Frage. Also weiter hinauf 😉

Eine knappe Stunde sollte der steile Aufstieg am Außenrand des Kraters über Schneefelder und Vulkansand dauern. Aber wir zogen durch – 3.500 Meter unter uns die Hochebene von Arequipa, auf die der Misti einen unwirklich dunklen, bedrohlichen Schatten warf. Das hätte auch der Schatten eines Sternenzerstörers oder eines der Raumschiffe aus Independence Day sein können…

Nach 25 Minuten waren Juan und ich oben angekommen. Matt kam erneut etwa 10 Minuten später. Die Stunde hatten wir alle damit geknackt. Als ich jedoch das riesige aus alten Bahnschienen zusammengeschraubte Gipfelkreuz erreichte war ich völlig außer Atem. Aber auch voller Freude. Die Aussicht war spektakulär. Zur einen Seite der Blick in beide Krater des Misti hinab, zur anderen der Blick hinüber zum Vulkan Chachani, der im Aufstieg weitestgehend hinter der Flanke des Misti verborgen war. Fantastisch.

Nach einer knappen halben Stunde, ein paar Schokoriegeln und ein paar weiteren Gipfelshots ging es an den Abstieg.

Über ein steiles Schneefeld stiegen wir zunächst die 200 Höhenmeter in den kleineren Krater hinab. Von dort aus ging es zum Kraterrand. Der weitere Abstieg wurde nun regelrecht abenteuerlich.

Neben dem meist felsigen Grat, den wir in der Nacht aufgestiegen waren, lag ein steiler, vermutlich um die 2.000 Höhenmeter abfallender Hang, der neben Geröll über und über mit dunklem Vulkansand und Asche bedeckt war. Wir rutschten und surften diesen Hang regelrecht hinunter. Das hatte was von Skifahren ohne Skier oder von Sandboarden ohne Board. Total irre. Vor allem mit diesem wahnsinnigen Tiefblick ins 3.500 Meter tiefer liegende Arequipa.

Mit uns rollten Steine und Geröll zu Tale. Wir verursachten regelrechte Staublawinen und -wolken im Abstieg. Vermutlich habe ich noch nie so viel Staub gefressen wie in dieser zusammengerechnet etwas mehr wie einer Stunde des Abstiegs. Denn viel länger dauerte es nicht. Etwas über eine halbe Stunde für die noch über 1.000 Meter zum Basislager, wo wir eine längere Pause einlegten, und später eine weitere halbe Stunde für die nächsten 1.000 Höhenmeter. Damit waren wir in einer Stunde beinahe das abgestiegen, was wir zuvor in zwei Tagen aufgestiegen waren.

Bereits gegen 9:30 Uhr waren wir wieder an jenem Punkt auf 3.415 Metern angelangt, an dem wir tags zuvor die Besteigung des Misti begonnen hatten. Abermals blickte ich zum Krater des Vulkanriesen hinauf. Es war für mich unvorstellbar, dass ich vor kurzem noch dort oben war… Der Misti erschien mir wie gestern von hier unten: ein Koloss…

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