17
Jun
2019

Great Britain’s Toughest Trail – Auf dem Cape Wrath Trail durch die schottische Wildnis

Fast zwei volle Jahre stecke ich nun in meiner beruflichen Auszeit und nun, da es nach und nach langsam wieder in ein normaleres, aber ohne Frage spannendes Leben zurückgeht, habe ich beschlossen, dass ich eine weitere große Herausforderung annehmen möchte: den Cape Wrath Trail im äußersten Norden Schottlands, der auch den Titel „Great Britain’s Toughest Trail“ trägt. So soll er also der härteste, aber auch der spektakulärste Trail von Großbritannien sein. Auf 370 Kilometern verläuft er von Fort William im westlichen Hochland durch die letzte wirkliche britische Wildnis bis zum nordwestlichsten Punkt des britischen Festlandes nach Cape Wrath. Neben den vielen Kilometern Strecke erwarten mich zudem etwa 10.000 Höhenmeter im An- und Abstieg, wenn ich mich auf einfachen Wegen und Pfaden, oftmals aber auch weglos im Gelände und stets ohne Routenmarkierung durch eine meist unberührte schottische Wildnis schlage… Es wird spannend! Den Flug habe ich heute Nachmittag gebucht und in zwei Tagen geht es bereits über Hamburg, Edinburgh und Glasgow nach Fort William, wo ich tags darauf den Trail starten will. Dort dürfte ich dann zwischen zweieinhalb bis dreieinhalb Wochen unterwegs sein…

Cape Wrath Trail – Klassische Route

Auch wenn das vor mir liegende Abenteuer des Cape Wrath Trails in seiner zeitlichen und räumlichen Distanz nicht zu vergleichen ist mit den fast fünf Monaten und über 3.000 Kilometern auf dem Te Araroa in Neuseeland fühle ich mich doch ein wenig an die Tage vor dem Te Araroa erinnert. Einerseits, weil ich meine Entscheidung, den Trail zu laufen, erneut recht kurzfristig getroffen habe und ich mit Bezug auf das, was mich nun eigentlich auf dem Trail konkret erwartet, doch abermals auch irgendwie ein Stück weit ins Ungewisse gehe. Daneben bin ich mir sicher, dass trotz allem, was ich in den vergangenen Jahren gemacht habe, dieser Trail auch erneut eine große Herausforderung sein wird. Ich weiß zumindest, dass ich in der schottischen Wildnis mit Einsamkeit – ich werde den Trail solo gehen -, einem schwierigem Terrain aus Sümpfen und Mooren, schroffen Bergen und zu furtenden Flüßen konfrontiert sein werde. Nicht zuletzt werd ich mich auch mit den fiesen kleinen schottischen Midges abgeben dürfen – winzig kleinen (Flügelspannweite 1,4 Milimeter) Beißmücken, die zu Abermillionen im schottischen Hochland auftreten und zu allem Überfluß auch gerade noch Hochsaison haben. Ich mag ja Tiere und würde auch diese gern lieben, aber ich fürchte meine Liebe wird hier an ihre Grenzen stoßen und die Liebe der Mücken zu mir werde ich nicht erwidern können, wenn ich mich in den kommenden Wochen in einer Mischung aus ungewollt und gewollt der Highland Midge zum Fraß vorwerfe.

„Warum tue ich mir das an?“. „Der ist doch verrückt!“. Ich denke, es wird einige geben, die sich das (vielleicht sogar erneut) denken. Letztlich war der Hike in Neuseeland ja schon mit vielen…  hmmm… ich nenne es mal „Schwierigkeiten“… verbunden. Doch all das war es auch wert! Für mich waren immer die Plätze am schönsten und die Erfahrungen am intensivsten, wenn es schwierig wurde und wenn man dafür kämpfen musste, etwas besonderes zu erleben und sehen zu dürfen.

Kennt ihr den Film „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“? Einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Eine Art Komödien-Drama mit Ben Stiller in der Hauptrolle. Doch neben Komödie und Drama vor allem ein Film, der eine wahnsinnig tolle Botschaft vermittelt. Sie lautet:

„Gehe raus! Lebe! Erlebe! Lebe dein Leben und deine Träume!“

Der schüchterne Walter leitet in diesem Film das Negativ-Archiv des Life-Magazins in New York. Als Tagträumer verliert er sich immer wieder in seinen Gedanken in spektakuläre Abenteuer, in denen er selbst den Helden darstellt,  und auch seine große Liebe findet. Als das Life-Magazin zu einem reinen Online-Magazin umstrukturiert wird, was zahllose Arbeitsplätze kostet, soll Walter für die letzte Druckausgabe des Magazins ein Foto des bekannten Fotografen Sean O’Connell für die Titelseite zur Verfügung zu stellen. Das Negativ dieses Fotos hat Sean als Teil einer Fotoserie kurz zuvor an Walter geschickt. Unglücklicherweise kann Walter das Negativ dieses Fotos jedoch nicht auffinden. Es scheint spurlos verschwunden. Da er Sean nicht kontaktieren kann, springt Walter letztlich über seinen Schatten und aus seinem Alltag heraus und macht sich auf die Suche nach Foto und Fotograf. Eine Reise, die ihn um die halbe Welt führt. Die ihn an seine Grenzen bringt. Die ihn und sein ganzes Leben aber auch verändert und in der er sich und seine vermeintlichen Schwächen als Stärken erkennt.

Ein Zitat aus dem Film oder vielmehr das Motto des Life-Magazins lautet:

„To see the world, things dangerous to come to, to see behind walls, to draw closer, to find each other and to feel. That is the prupose of life.“

Übersetzt: „Die Welt zu sehen, Dinge, an die heranzukommen gefährlich ist, hinter Mauern blicken, sich näher kommen, einander finden und fühlen. Das ist der Sinn des Lebens.“ Ich finde dies ein wahnsinnig tolles Zitat und Lebensmotto. Eines, mit dem ich mich selbst gut identifizieren kann… weil ich es mitfühlen kann. Auch wenn ich selbst vor dem Unternehmen „Leben“ und den ganz subjektiven Herausforderungen darin, denen ich mich stelle, einen gesunden Respekt habe, finde ich, dass dieses Mott eine gute Art zu leben beschreibt. Eine gute Art, das Leben zu erleben. Eine gute Art zu spüren, dass man lebt. Nicht nur alleine, auch mit anderen.

Soweit mein philosophischer Ausflug vor dem Trail. Die Vorbereitung läuft. Ich sehe nun in den letzten beiden Tagen bevor es am Mittwoch losgeht zu, dass ich meine Ausrüstung zusammensuche – bislang ist noch nichts gepackt -, ein paar Besorgungen mache und mich ein wenig in den Trail einlese. Wenn ich dann unterwegs bin, ist es mein Plan, hier über den Blog wieder zu berichten. Ob ich die Artikel zeitnah hochgeladen bekomme, wird sich noch zeigen. Der Handyempfang im schottischen Hochland dürfte mehr als dürftig sein. Aber meine Vorsätze sind gut und ich plane auf jeden Fall, jeden Tag einen Bericht zu schreiben und euch natürlich auch mit Fotos an meinem Leben auf dem Trail teilhaben zu lassen. Ich freue mich sehr darauf!

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